Test Yamaha MT-10 – D-Zug auf Drogen

23.09.2019  |  Text: Jens Hebisch  |   Bilder: Ines Männl
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Test Yamaha MT-10 – D-Zug auf Drogen
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Yamahas MT-10 gilt als ultimativer Fighter ab Werk. Markante Optik, potenter Reihenvierer und eine breite Segelstange, hinter der es sich über Land herrlich richten lässt. Doch was, wenn man ihr Koffer, Windschutzscheibe und Komfortsitz verpasst? Schonwaschgang für alternde Racer? Ein Selbstversuch
Da ist es wieder, das Powerbiest mit der Stimmgabel auf dem Tank und den markanten Glubschaugen in kantiger Visage. 2017 hatten wir den nackten Big Bang schon mal bei uns und es gab permanent Stress beim Fight um den ­Schlüssel. Dieses Mal hat Yamaha vorsorglich gleich zwei Eisen verladen. Haussegen gerettet? Von wegen. Nach dem Ausladen hängt selbiger schiefer als Valentino Rossi in der letzten Ecke eines Moto-GP-Rennens. Schuld ist nicht die stolze SP-Version, die Großmeister Obi gerade auf die Bühne schiebt. Dank semiaktivem elektronischem Fahrwerk aus dem Hause Öhlins und Sonderlackierung stellt sie die höchste Naked-Bike-Evolutionsstufe im Hause Yamaha dar, was ihr Preis mit 16.495 Euro auch klar signalisiert. Nein, mein Problem rollt gerade zum Tor herein: eine MT-10 Tourer Edition. Für 1.100 ­Euro Aufpreis legt sie ein Kofferset, Tourensitzbank, Handguards und Navihalterung auf die 13.895 Euro teure Standardversion obendrauf. Nicht, dass mir ihre neue mattgraue Lackierung in Verbindung mit den neonroten Felgen nicht gefallen würde. Auch die schwarze Gabel und die finstere Schwinge sind stilvoll. Kopfzerbrechen bereitet mir als Racer eher besagte Tourenausstattung, denn ich hab das Fuhrpark-Schnick-Schnack-Schnuck verloren und bin für die kommenden Tage Pate der Touristin.

Glubschauge im Transformer-Gesicht, dazu viele Kanten und ­Luftschlitze: unverkennbar MT-10

„Gar nicht mal so hässlich und wuchtig, diese Koffer und beim täglichen Ritt zur Arbeit wäre der lästige Rucksack auf einmal verzichtbar. Und dieser bequeme Tourensitz ...“ Hallo, Blödmann, geht’s noch? Eigentlich hasse ich Vernunftdenken. Bevor meine Gedanken in Richtung neongelber Warnwesten und Gegensprechanlagen abdriften, brauche ich jetzt einen starken Kaffee und via Youtube mindestens eine Onboard-Runde Moto GP in Mugello, um wieder auf Kurs zu kommen. Vernunft sucks! 

In der Werkstatt lässt Obi bereits das Werkzeug rotieren, um die SP weiter zu veredeln, und bedient sich dazu aus dem Originalzubehörregal: Titan-Slip-on, extrasportliche Rastenanlage, knackiger Kennzeichenhalter. Und weil der ­Kollege Equipmentfreak ist, gönnt er sich auch edle Kohlefaser von F&F Carbon an Front und Heck.

Gut ablesbares TFT-­Dashboard mit allen Informationen. Doch wer rechts voll dreht, hat kaum Zeit für die Datenanalyse

Der Einschlag meiner Kinnlade in den Werkstattboden reißt Obi aus seiner Tuningorgie. Angesichts meiner neid­vollen Visage scheint er das Bedürfnis zu verspüren, Trost zu spenden. „Na ja, du hast ja auch einen Haufen coolen ­Zubehörs an deiner Rakete ...“ In meinem Kopf fangen die ersten Hirnzellen an, sich zu einem wütenden Mob zusammenzurotten. Gerade als die Situation zu eskalieren droht, wechselt Obi flugs zur Hebebühne mit dem mattgrauen D-Zug drauf. „So, und jetzt kriegt deine Tourer Edition auch frische Hyperraumpellen.“ Die leicht angejahrte Bridgestone-S20-Erstbereifung weicht neuen super-supersportlichen Battlax S22 aus gleichem ­Hause. Super­kleber für Reise­koffer? Klar, hinsichtlich des Asphalt-Eskalationsfaktors besteht zwischen SP und Tourer Edition schließlich kaum ein Unterschied. Nur ein paar Grad Drosselklappen­stellung trennen Reisen und Rasen im Sattel des ­nackten Tourers. Wer die Brennräume des Big Bangs einen Augenblick länger flutet, erntet Apokalypse statt Abendrot, aus Touring wird Trouble. Dann bleibt auch hier nur der pure Punk aus vier Kesseln. 

Ein voll einstellbares Frontleitwerk ist MT-10-Standard. Wer mehr will, darf zur SP mit elektronischem, semiaktivem Öhlins-Fahrwerk greifen

Die Scheibe? Hat ihren Mehrwert. Während Großmeister Obi auf der SP im Stadtverkehr noch die Aufmerksamkeit der Zuckerpuppen am Straßenrand genießt, gerät er außerorts unter harten Beschuss der heranstürmenden Luft­massen samt insektoidem ­Inhalt. Ich muss den Cityride zwar ohne die Aufmerksamkeit der Groupies ertragen, genieße dafür aber über Land das fast schon melodische Säuseln der abgeleiteten Windmassen und nehme allenfalls ­beiläufig zur Kenntnis, dass das ein oder andere ­Liebesspiel der Schmeißfliegen in einem fetten „Platsch“ auf meiner Scheibe endet. Der Frühling kann so herrlich sein.

Einige Stunden und ein, zwei Tankfüllungen später neigt sich der Ausritt dem Ende zu. Zeit für einen Einkehrschwung. Wie eine junge Gazelle springe ich ­locker flockig aus dem bequemen Sattel der ­Kilometerfresser-Edition. Obi hingegen wirkt beim Absteigen so o-beinig wie John Wayne nach einem einwöchigen Ritt Richtung Showdown am Rio Bravo. Das semiaktive elektronische Fahrwerk der SP operiert durchaus straff, was auf buckligen Hinterlandpisten etwas Ausdauer­tribut fordert. Müde ­Augen unterm Helm. Ich dagegen ziehe für den korrekten Sitz der Frisur flugs die Basecap aus dem Koffer und hüpfe beschwingt Richtung Ausschank.



Der Spezi-Krug ist geleert, die Curry­wurst formatfüllend zwischen dem ­Sixpack verstaut und die Sonne sagt ­leise servus. Mit ihr verabschieden sich die zweistelligen Plus­grade und Obi reicht mir den Schlüssel der SP rüber. „Du hast ja nur ein paar Kilometer heim. Für den Highway nehm ich rasch die Tourer Edi­tion, okay? Wird echt schnell frisch jetzt“, spricht er, greift sich den D-Zug-Schlüssel und verschwindet vom Stakkato des Crossplane-Fours untermalt Richtung Sonnenuntergang. Sieh an, sieh an. Auch Racer werden eben älter und weicher.

Die eigenständige Optik der MT-10 – egal ob als Tourer Edition (links im Bild), SP (rechts) oder Standard – ist definitiv nicht everybody’s darling. Und das ist gut so. On top gibt es diesen einzigar­tigen Big-Bang-Sound mit Gänsehautgarantie. We love it

Schwungvoll schwinge ich das Bein über die SP, noch habe ich überschüssige Energie. Klingt verdammt gut, die Akra­povic-Fanfare. Die Sicht durchs Visier nimmt allmählich ab, allerhand Viecher in der Luft. Fühlt man den Rückenwind nicht viel stärker, wenn der Fahrtwind von vorn herantost? Irgendwie animierender. Prompt verpasse den Abzweig in Richtung heimatlicher Wohnsiedlung. Egal, mein Hausschlüssel steckt eh im Rucksack – und der in Obis Koffern. Ich zappe zwei Gänge runter, flute die Brennräume und stürze mich mit aufstrebendem Vorderrad in eine unterhaltsame Frühlingsnacht. Ob mit oder ohne Koffer, Hauptsache MT-10.
 

Technische Daten – Yamaha MT-10 Tourer Edition/MT-10 SP

Preis: 14.995/16.495 Euro plus Nk.
Leistung: 160 PS bei 11 500/min
Drehmoment: 111 Nm bei 9 000/min
Motor: Viertakt-Vierzylinder-Reihenmotor, wassergekühlt, vier Ventile pro Zylinder, dohc, Hubraum 998 ccm, Bohrung x Hub 79 x 50,9 mm
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
Rahmen: Brückenrahmen aus Leichtmetall
Federung vorn: Upside-down-Gabel, Standrohr-Ø 43 mm, Federweg 120 mm, voll einstellbar/elektronisch semiaktiv
Federung hinten: Leichtmetallschwinge mit Monofederbein, Federweg 120 mm. voll einstellbar/elektronisch semiaktiv
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 400 mm, Lenkkopfwinkel 66°, Nachlauf 102 mm
Bremsen: 320-mm-Doppelscheibe vorn, 220-mm-Scheibe hinten, ABS
Bereifung: 120/70ZR17 vorn, 190/55ZR17 hinten
Gewicht vollgetankt: k. A./213 kg
Tankinhalt: 17 Liter
Inspektion: 10 000 Kilometer oder einmal jährlich
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Stand:17 October 2019 23:05:37/test/test+yamaha+mt-10+-+d-zug+auf+drogen_19605.html Warning: fopen(cache/3ddafaad675a8d40bf694fe07c8c21d8.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163