Test Piaggio MP3 – Motorradfahren für Arme

18.05.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Tobias Kircher
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Test Piaggio MP3 – Motorradfahren für Arme
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... ohne Führerschein. Wer nur den Autoschein in der Tasche hat, kommt mit nichts ­anderem näher ran ans Motorradgefühl als mit ­Piaggios Dreirad
Dreirad – klingt irgenwie infantil? Tatsächlich sieht der MP3 ein bisschen nach Stützrädern aus. Doch ­Piaggios Krankenfahrstühle pfeifen dir ab und an gern sehr dynamisch um die Ecke entgegen. Meine Neugierde zumindest war ­geweckt.

Wie sich auf unseren ersten gemeinsamen Metern rasch zeigt, stammt dieser Schwung nicht unbedingt aus den 493 Kubik des Einzylinders mit 39 PS und 45 Newtonmetern. 270 Kilo Fahrzeugmasse sind auch für ihn eine Plage. Biss? Fehlanzeige. Doch der Reihe nach.

Dieses Cockpit bietet auf einen Blick mehr an Informationen als so manche Motorradinfozentrale – und nostalgisch angehauchte Runduhren mit Analoganzeigen

Überraschung nach dem Losrollen: Das Ding ist hand­licher als erwartet. Schräglagen zu fahren ist so erhebend wie auf dem Bike. Trotzdem fühlt sich das Fahren ein bisschen so an, als würdest du vom Walking-Stick auf ’ne Dreibein-Gehhilfe aus dem Sanitätshaus umsteigen: schwerfällig. Und: Das reichhaltige Feedback von den zwei Vorderrädern ist mit gängigem Motorradfahrerinstinktinstrumentarium (dieses Wort unbedingt für Scrabble merken!) kaum dechiffrierbar. Nein, die anregende Kurvendynamik ist dem Grip zu verdanken, den die drei Pneus am Asphalt aufbauen. Eines der drei Beinchen grippt immer – auch bei feuchter Straße, auf Splitnestern, Zebrastreifen oder bei Asphalttemperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Komisch fühlt sich an, was die Fahrwerksfront auf Buckelpisten so anstellt, vertrauensbildend ist es trotzdem. Nach ein paar Kilometern geht’s in die ­Kurven, bis der schleifende Ständer späte Grenzen setzt. Das ist er, der eigentliche Clou und zentrale Fun-Faktor des Piaggio-Dreirads.

Der Einkauf für den Singlehaushalt passt da genauso rein wie zwei Jethelme oder ein Integralhelm – Letzterer allerdings nicht ab der Größe XL aufwärts

Ein bisschen Adrenalin schießt paradoxerweise immer dann ein, wenn die Kurven langsamer werden. Langsamer? Ja: Der Hang des MP3 zum Untersteuern offenbart sich ­beispielsweise in mit Schwung genommenen Kreisverkehren, wo er kräftig über die Vorderräder schiebt und nach herrischer Hand verlangt.

Der Sinn der Antischlupfregelung erschließt sich mir nicht. Sie regelt bei JEDEM Herausbeschleunigen aus der Schräglage, nimmt den Dampf dabei immerhin sehr weich raus. Gut, dass es den Aus-Knopf gibt. Der Wunsch nach mehr Druck am schmalen Hinterrad in Richtung ­Kurvenausgang bleibt trotzdem.

Mit seiner Spurbreite ist der MP3 nicht das ideale Fahrzeug zum Durchschlängeln in der Stadt. In der Rushhour kann er gegenüber den Blechbüchsen trotzdem eine Menge Zeit sparen

Fazit: Mehr Motorradfahrgefühl ist mit Autoführerschein nicht zu haben – und trotz der breiten Spur auch kaum mehr Rushhour-Flexibilität – vom Fahrrad mal abgesehen. Für Motorradfahrer ein nettes Spielzeug, das die meisten von uns aber nach ein paar Tagen wieder in die Ecke stellen dürften. Das Echte bekommt immer den Vorzug.
 



Piaggio MP3 500 ABS-ASR Sport

Das italienische Dreirad mit 500-ccm-Einzylindermotor (39 PS/45 Nm), das es auch als 350er gibt, ist trotz seines ­Preises von rund 10.000 Euro ein Verkaufserfolg. Nicht unerheblichen Anteil daran hat die Tatsache, dass man es dank einer Spurbreite von mehr als 460 Millimetern auch mit dem Pkw-Führerschein fahren darf. Überall in Europa verkauft er sich ordentlich, am besten aber in Frankreich. Besonders in ­Paris steht das Ding an jeder Ecke. Beim Handling der 270 kg Leergewicht hilft eine per simplem Knopfdruck bedienbare Sperre der Parallelogramm-Einzelradaufhängung. Die Fahrer­beine dürfen beim Anhalten oben bleiben, der Roller kippt dann nicht mehr um und lässt sich so auch abstellen. Beim Anfahren löst sich diese Sperre automatisch
 

Zweite Meinung



René Correra hat ein Herz für Blech-Vespas und nähert sich dem MP3 deshalb open minded
Hach Roller ... bis heute kann ich diese typisch deutsche Standesdünkel-Aversion der Motorradmenschen dagegen nicht nachvollziehen. Gibt es ein smarteres und günstigeres Fortbewegungsmittel im urbanen Leben? Eben. Ein Blick nach Südeuropa, wo die Dinger millionenfach rum­knattern, reicht. Nur einer der Gründe, warum ich seit fast zwanzig Jahren immer eine klassische Blech-Vespa in meiner nicht vorhandenen Garage stehen habe. Außerdem haben die Dinger Stil, sind mittlerweile eine ernsthafte Geldanlage und die Damenwelt fährt gnadenlos drauf ab. All das trifft auf Piaggios MP3 nicht zu. Weshalb die unförmige Matrone selbst bei mir keinen leichten Stand hat. Welch Ironie, steht der/die/das MP3 dank eines kleinen Schalters, der die komplexe Doppelgabel fixiert, doch in Wahrheit sehr leicht, nämlich von allein. Ansonsten gibt’s erst mal das typische Maxi-Roller-Fahrerlebnis: zu viel ­Plastik, ­Mega-Komfort, flotte Ampelsprints, unsexy Sound sowie ­keinerlei Gefühl für die Front. Nur zwei Dinge fehlen: 1. die genre­typische Leichtigkeit. Das Ding untersteuert wie Hulle. Könnte mit den 270 Kilo zu tun haben. 2. die Schweißtropfen in jeder engagierten Kurve. ­Könnte mit den zwei Rädern an der Vor­der­achse zu tun haben. Der Drei­master kippt für einen kurzen Moment genauso kopflos in Schräglage wie seine Artgenossen, aber dann passiert Magie. Eine unsichtbare Hand – in echt das sichtbare dritte Rad – hält das Abstrusum einfach auf Spur. Fühlt sich nicht gut an, aber funktioniert. Einmal darauf eingeschossen, kann man den Kurveneingang zelebrieren wie ein zweirädriger Selbstmörder. Macht Laune. Bis das Untersteuern kommt. Oder die Traktionskontrolle. Was bei 270 Kilo, 39 PS und 3 Rädern absurd ist. Noch absurder ist nur die Rechnung. 9.990 Euro. Autsch. Also doch weiterhin Vespa.




Lucia Prokasky musste vor ­ihrem Start ins Motorradleben 50er-Roller fahren
Da steh ich nun, an der ersten Ampel in meiner Kleinstadt. Dankbar dafür, dass mein Visier verspiegelt ist. Warum? Weil der Mann im Auto mir gegenüber nicht nur den Kopf schüttelt beim Anblick von mir und meinem Gefährt – nein, er lacht! Ich nehme es ihm nicht krumm, auf diesem Dreirad würde selbst Jason Statham uncool aussehen. Aber in der Großstadt, wo ohnehin jede Menge Merkwürdiges kreucht und fleucht, ja dort hat sogar so ein Dreirad eine gewisse Daseinsberechtigung. Zumal ­seine Funktion mindestens genauso gegeben ist wie seine Hässlichkeit. Dort und auch mal für ein paar Kilometer über Landstraße oder Autobahn reicht die Leistung. Wenden ist sogar in Slow Motion möglich, ohne die Beine vom Trittbrett nehmen zu müssen: angenehm. Überraschend wendig ist der MP3 auch in Wechselkurven. Sogar eine erstaunliche Schräglage ist damit machbar, auch wenn das Ver­trauen in die drei Rädchen zu Beginn verhalten ist. Denn dieses gewohnte Anlehngefühl an den Reifen, das gibt es hier so nicht. Aber hast du erst mal vergessen, dass du auf einem Mutanten sitzt, und dich eingewöhnt, erinnern nur noch die fremden Blicke oder ein unruhiger Untergrund daran. Das ­getrennte, voneinander unab­hängige Arbeiten der beiden Radaufhängungen vorn ist dann klar zu spüren. Der Kofferraum unter der Sitzbank hat jede Menge Platz und bietet sich auch für den Großeinkauf ein. Fazit: Motor und Fahrwerk okay und ausreichend; Optik bähh; Praktikabilität in der Stadt ­hervorragend. Wobei es da dann ­irgendwie auch ein Roller mit zwei Rädern tun würde …
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Stand:21 November 2018 16:46:13/test/test+piaggio+mp3+-+motorradfahren+fuer+arme_18308.html