Test Husqvarna Vitpilen 701 – Iphone auf Rädern

23.04.2018  |  Text: René Correra  |   Bilder: Werk
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Test Husqvarna Vitpilen 701 – Iphone auf Rädern
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Schwarz und Weiß. Was sonst als arge Vereinfachung der Realität gilt, reicht ­Husqvarna, um darauf eine ganze Modellfamilie zu gründen. Mit der Vitpilen 701 ­erreicht die Straßenbande ihren vorläufigen Höhepunkt, bevor die scramblereske Svartpilen 701 kommt. Kann sie mehr als schön aussehen?
Erst ein beherzter Daumendruck schafft Gewissheit. Als das Material einige Zentimeter nachgibt, fallen sämtliche Köpfe um mich herum in ein Respekt bekundendes Nicken. Groß waren die Augen der Kollegentraube, die sich um das Heck des neuesten Straßenbikes von Husqvarna geschart hatte: Was da nach Kunststoffheck aussieht, ist tatsächlich ein Soziussitz. Und ein weiterer, letzter Beweis dafür, dass Design bei ­Husqvarnas Vitpilen 701 eine herausragende  Rolle spielt. 

Wo das Auge auch hinwandert, es trifft auf gefällige, unkonventionelle Formen. Sachlich, kühl, reduziert. Man könnte auch sagen schwedisch. Highlight ist dabei der mattsilbrig schimmernde Tank mit seinen apart geformten Ausläufern. Fast fröstelt es beim Anblick, so cool kommt das Teil daher. Dazu gibt es gediegene Oberflächen und feine Verarbeitung. Ein Krad, das auch vom seligen Steve Jobs stammen könnte.

Aus Fahrerper­spektive hat man auf der Vitpilen schöne Dinge im Blick. Zum Beispiel den kunstvollen Tankdeckel oder das funky Cockpit. Das in dieser Preisliga aber ruhig ein schickes TFT statt grauem LCD sein dürfte

Überhaupt drängt sich der Vergleich zu Apple auf. „Branding über alles“ scheint das Motto der schwedischen Bikes aus ­Österreich zu sein. Also wurden sie mit Markenlogos und Schriftzügen über­gossen. Beträchtlich auch die Marketingsalve, die uns in die Köpfe massieren soll, was ­diese neuen Pilens – zu Deutsch Pfeile – denn sein sollen und wer sie kaufen soll. Im Falle der Vitpilen 701 klingen die Antworten simpel. Erstens: ein ­„Progressive Street Roadster“. Zweitens: Noch- und ­Gerade-nicht-Motorradfahrer. Man könnte auch sagen: design-, status- und lifestyle-­affine Menschen, die nicht wirklich aufs Geld schauen müssen. Wie gesagt, die Parallelen zu Apple sind erdrückend. 

Wir stellen vor: „The Split”. Dieser ­diagonal verlaufende Neon-Streifen ist ein ­ziemlich kleines Element mit ziemlich ­großer ­Wirkung

Und genau wie beim angebissenen ­Apfel versteckt sich unter all dem teuren Bohei immer noch ein ziemlich gutes Produkt. Denn so simpel und fancy die Vitpilen wirkt, unter ihrem schicken Blech beziehungsweise Kunststoff verbirgt sich ein feines, aber nicht überfrachtetes Technikpaket aus dem ­Hause KTM, das im Marketing-Sprech: „Simple. Progressive.“ ist – einstellbares White-Power-Fahrwerk, potenter Vierkolben-Verzögerer von Brembo, das neueste Bosch-ABS, volle LED-Kirmes, Traktionskontrolle, der nach wie vor stärkste Serien-Einzylinder der Welt. Und ein gewichtiges Argument, das eigentlich genau das nicht ist: 166 Kilogramm – ­inklusive 12 Liter Sprit.  Ja, das gibt es in einem ähnlichen Package auch bei KTM und heißt dann 690 Duke. Aber nicht mit diesem Design. Nicht mit einer Cafe-Racer-artigen Ergonomie. Und nicht mit diesem zwar grundsätzlich nicht unbekannten, aber doch neu abgeschmeckten Fahrerlebnis. 

Der Tank der Vitpilen trägt Spitz-BH. Das prägnant geformte Spritfässchen prägt den weißen Pfeil ­ungemein. Mit noblem Modellschriftzug für besonders Vergessliche

Schon als wir uns aus dem wuseligen Treiben Barce­lonas herauswinden, fällt die engagierte Sitzposition auf: hinten hoch, vorn tief. Muss man Unhandlichkeit fürchten? Ich wiederhole mich gerne: 166 Kilogramm. Eher muss man wissen, ob man sich die sportliche Last auf den Handgelenken gönnen will. Oder den für ­eine Erwachsenenhand viel zu kurzen Kupplungshebel. Ein Fauxpas, den der in beide Richtungen hervorragend funktionierende Quick-Shifter samt ebenso gut funk­tionierendem Getriebe jedoch trefflich kompensiert. In der Stadt muss man eh nicht viel schalten, denn unter 3 000 Umdrehungen keilt der Hochleistungs-Single nur unwirsch aus. Bei ­typischem Stadttempo heißt das: maximal Gang drei. 

Ein kleiner Daumentest schafft Aha-Momente. Nein, das ist keine Kunststoffabdeckung, sondern das Sitzpolster für den Sozius. Auch nicht schlecht: das Rücklicht

Auch wenn die Marketingmaschinerie die Vitpilen am liebsten als großstädtisches Pendel-Lifestyle-Objekt sieht – das wäre eine Verschwendung von viel Geld und Talent. Erst als wir die katalanische Metropole hinter uns gelassen haben und uns über Radien aller Art hoch- und runterschrauben, gibt der weiße Pfeil seine Qualitäten umfänglich preis. Wie alle anderen 690er-Derivate ist er ein astreines Rasermotorrad.  Dafür sorgt schon die Kombination aus einmalig drehzahlgeilem Single-Punch und dem Fliegengewicht. Hier allerdings kommt dank mächtig Vorderradbezug noch ein satter Batzen Sportfeeling hinzu. Ein richtig feines Chassis. 

Damit der Pfeil nicht blind abgeschossen werden muss, spendiert Husqvarna eine LED-Vollaus­stattung an der Front. Selbstredend in ­extrovertiertem Design

Die Federelemente arbeiten sportlich straff und satt gedämpft, ohne es an Ansprechverhalten und damit auch Komfort missen zu lassen. Und zwar auch noch, wenn es richtig zur Sache geht.  Dann freut man sich auch ungemein über den vorderen Anker:  Feeling, Dosierung und Wirkung sind schlichtweg top. Nur die Reifenwahl hinterlässt Stirnrunzeln. Der Bridgestone S 21 wirkt in dieser Umgebung zu handlich und engagiert, klappt beim Einlenken ein und lässt das liebgewonnene Anlehngefühl vermissen. Aber so ein Gummi ist ja schnell gewechselt.

Kommen wir zur letzten Parallele zu Produkten des IT-Giganten aus Cupertino: Auf keinen Fall die Preis­frage stellen! Denn bei 10. 195 Euro kann die Vitpilen 701 hier nur verlieren. Eine Vitpilen will man oder halt nicht. Und wer anfängt rumzurechnen, zählt nicht zur Zielgruppe. Wer schön sein will ...
 

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Technische Daten – Husqvarna Vitpilen 701

Preis: 10.195 Euro 
Leistung: 75 PS bei 8 500/min
Drehmoment: 72 Nm bei 6 750/min
Motor: Viertakt-Einzylindermotor, wassergekühlt, vier Ventile pro Zylinder, ohc, Hubraum 693 ccm, Bohrung x Hub 105 x 80 mm, Sechsganggetriebe
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
Rahmen: Chrom-Molybdän-Stahl-Gitterrohrrahmen
Federung vorn: Upside-down-Gabel, Standrohr-Ø 43 mm, Federweg 135 mm
Federung hinten: Aluminiumschwinge mit Zentralfederbeinen, Federweg 135 mm
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1434 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Nachlauf 109 mm
Bremsen: 320-mm-Scheiben­bremse vorn, 240-mm-Scheibenbremse hinten 
Bereifung: 120/70-17 vorn, 160/60-17 hinten
Gewicht vollgetankt: 166 kg
Tankinhalt: 12 Liter
Inspektion: 10 000 Kilometer oder einmal jährlich


Roadsters Dresscode: 
René Correra

Helm: Shark Drak 
Handschuhe: Icon Tarmac Glove
Jacke: Vanucci Montigo III 
Hose: Vanucci Armalith 2.0 
­Schuhe: Stylmartin Marshall
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