Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung

07.09.2018  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: Tobias Kircher
Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung
Test Honda Gl 1800 Gold Wing – Roadster-Seitensprung
Alle Bilder »
Nicht zu viel verspricht Honda, wenn sie die ­nagelneue Gold Wing als den „Magic Carpet“ ­anpreisen. Selten war ich so komfortabel auf zwei Rädern unterwegs. Ob das noch was mit Motorradfahren zu tun hat?
Ich habe mich immer gefragt, wie sich Captain Picard – oder Kirk für die Älteren – fühlt, wenn sein Raumschiff Enterprise auf Warp-Geschwindigkeit beschleunigt. Im TV stehen sie da immer regungslos auf der Brücke rum und erreichen in Millisekunden neunfache Lichtgeschwindigkeit. Physikalisch – selbst im Weltall – schier unmöglich, ­dachte ich. Bis zur Fahrt auf der neuen Gold Wing. Auch hier wird die höchstmögliche Reisegeschwindigkeit erreicht - und das ­ohne jedes Gefühl für die Beschleunigung. Einzig das Brabbeln und die leichten Schwingungen des bulligen Boxers mit sechs Töpfen unter mir lassen einen Hauch Physik erahnen und erst mit Blick auf den Tacho wird die aktuelle Geschwindigkeit registiert. Hauptanteil am schwerelosen Fahrgefühl hat die neu konstruierte Vorderradaufhängung mit doppeltem Querlenker – ein System ähnlich der Hossack-Gabel und dem Duolever von BMW. Sie saugt selbst die kleinste Unebenheit auf und schluckt sie unmerklich weg. Sogar die übelsten Schlaglöcher werden nur durch ein kurzes Rumpeln in Fahrwerk und Verkleidung wahrgenommen, was auch am sehr, sehr komfortablen Federbein der Schwinge liegt. Die Kehrseite dieser Abstimmung ist eine völlige Entkopplung vom Untergrund. Man spürt einfach nix, vergisst, was da so alles kommen könnte, schwebt befreit über die Straße, erfreut sich am sanften Schwingen des Motors und genießt First-Class-Komfort.

Hauptanteil am luftigen Fahr­gefühl hat die extrem komfortable Gabel. Top: die kräftige Integral­bremse, deren Kraftverteilung elektronisch gesteuert wird

Was findet sich hier nicht alles: Sitzheizung, Griffheizung, Navigation, Soundsystem mit Radio und USB-Hub, Bluetooth-Schnittstelle für Kommunikationssysteme und Musik­streaming, Sprachsteuerung, 7-Zoll-TFT-Display, Softtouch-Schalter an den riesigen Koffern, Tempomat, elektrische Rangierhilfe, elektrisch einstellbares Windschild mit ­Memory-Funktion und hast Du nicht gesehen ...

... Das schafft der große Sechszylinder mit 170 Newtonmetern Drehmoment standesgemäß

Heftige 31.595 Euro kostet die Tour-Edition mit zusätz­lichem Top-Case, bei der man aber noch selbst durch das Getriebe schalten muss. Für schmale 4.000 Euro on top kann man aber auch eine Version mit Siebengang-Doppelkupplungs­getriebe und Airbag erwerben: groß, schwer, übermächtig und teuer. Ein Motorrad um täglich ­zwischen München und Hamburg zu pendeln. Motorrad? Geht so. Kurven? Geht auch so. Die Kiste geht direkt auf die Rasten, und die halten dieser Last nicht lange stand.

Als Motorradfahrer kaufe ich für die ganze Kohle lieber eine Brutale 800 RR und eine Tuono Factory, die zusammen genauso viel wiegen wie die 379-Kilo-Honda. Für Hardcore-Reisende mit Mutti indes gibt’s wohl nix besser als die neue Gold Wing.      

Ein mächtiges Schlachtschiff: 379 Kilogramm in der Tour-Edition wollen bewegt werden ...

Honda GL 1800 Gold Wing

Es ist ein großartiges Fahr­erlebnis mit der neuen Gold Wing. Ein sanfter Riese mit Komfortgarantie und unglaublichen Features: Die vier Fahrmodi ändern nicht nur das Ansprechverhalten der Drosselklappen und somit die Leistungsentfaltung, sie ­ändern auch die Einstellung des Fahrwerks und die Bremskraftverteilung des ­integralen Bremssystems. Wahnsinn! Ein cooles Poser-Teil ist auch die elektrisch einstellbare Windschutzscheibe, die nach neuerlichem Start wieder in die zuletzte gewählte Position fährt. Nachteil der Features: das etwas sperrige und überladen wirkende Menü, mit seinen vielen Knöpfen  an insgesamt drei üppig bestückten Schaltenwänden, verlangt viel Zeit mit der dicken Bedienungsanleitung
 

Zweite Meinung
Matthias Hirsch, Huber-­Verlags-Onliner, auf Motorrädern aber real unterwegs

Auch ich zählte immer zu den Gold Wing-Verächtern. Wie kann man sowas nur fahren? Drei Zimmer, Küche, Bad auf zwei ­Rädern, zum Geradeausfahren ab ­Rentenalter gerade noch erträglich. Gesessen hatte ich auf einer Gold Wing noch nie. Meine erste Fahrt mit ihr bekehrte mich dann ein Stück weit. Dank niedrigem Schwerpunkt lässt sie sich recht agil bewegen, in Sachen Komfort spielt sie ohnehin in der Oberliga. 

Die Neue ist die logische Fortsetzung der ­Modellgeschichte: einmal Falten glattziehen, ­ordentlich Botox spritzen und das eine oder andere Fettpölsterchen absaugen, bitte! Die ­ganze ­Fuhre kommt jetzt zeitgemäß und auch ein ganz klein wenig schlanker daher. Und weil sich auch der technische Anspruch an so eine fahrende Mehrraum­wohnung verändert hat, legt Honda nach. Die Ausstattungsliste lässt eher auf einen gut ausgestatteten ­Geschäftswagen schließen: ­Navigation, Tempomat, Sitzheizung, Zentralver­riegelung, Smartphone-Integration – ja, wir sprechen hier von einem ­Motorrad!

Souverän schiebt der Reihen­sechser an, läuft seidenweich und klingt einfach nur geil. Drei Fahrmodi sind im Angebot: Rain, Tour und Sport. Bei Rain geht nix, Tour passt gut und mit Sport wird’s lastwechselig. Sport kann man aus dem Einsatz­gebiet ­streichen, hektische Brems­manöver und abruptes Gas auf und zu bringen Unruhe. Ein ­flüssiger Fahrstil passt am ­besten, dann ist man erstaunlich flott unterwegs. ­Komfort? Das Bild vom ­schnellsten Ohrensessel der Welt drängt sich da geradezu auf. Und so fällt diese Begegnung mit der Gold Wing unterm Strich sehr positiv aus. Allerdings: fahren ja, kaufen nein. Womit sie bei mir auf einer Stufe mit BMWs 12er-GS ­rangiert.

Guido Kupper mag dicke Eimer. Doch es gibt verdammt nochmal Grenzen
Ehrlich gesagt macht sie mir ein bisschen  Angst. Ich bin doch nur 1,76 Meter groß – und außerdem schon über 50. Schon Reise­enduros mit Koffern und Topcase lösen bei mir neuer­dings ­leichte Flucht­impulse aus. Gebirgen wie der Gold Wing ­fühle ich mich mittlerweile schlicht nicht mehr gewachsen. Ich war noch nie schwindelfrei. 

Dann aber kam sie schließlich doch, die Erstbesteigung des ­neuen Modells. Und plötzlich wurde aus dem ­Elefanten eine Maus. Na ja, beinah jedenfalls. Es ist wie immer mit den dicken ­Dingern. Wenn sie denn endlich mal rollen, geht das alles ganz gut. Im Falle der Gold Wing ­sogar – ich ­gestehe - hervorragend. Fliegen ist nicht ­schöner – das IST Fliegen. Keinerlei Erdkontakt scheint den Komfort zu trüben. Vertrau der Hossack-­Gabel einfach wie bei BMWs ­großer GS und halte mit viel Gottvertrauen rein in die Ecken bis die Rasten zu früh kratzen! Sogar um den 90-Grad-Knick meiner Hofeinfahrt lässt sich die Dicke mit beiden Füßen auf den Rasten lässig bergaufzirkeln. Und der Motor? So watteweich wie der Fahrwerkskomfort. Sechs Zylinder, sie sollen leben!

Weitere elementare Erfahrungen gefällig? Luxus ­korrumpiert. Brauchen tu ich den ganzen Kram tatsächlich nicht, schön ist’s trotzdem. Und nachdem mir die Redaktions-Nerds endlich die Blue­tooth- Funktion erklärt ­hatten, konnte ich sogar Musik vom ­Handy hören. 

Sollte ich eines Tages dringend per Autobahn zum Nordkap müssen, werde ich der Gold Wing mit Freuden gedenken.
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:21 November 2018 16:55:10/test/test+honda+gl+1800+gold+wing+-+magischer+teppich+auf+goldenen+schwingen_18530.html