Test Honda CB 750 Four – Bring mir das Gefühl zurück

15.05.2019  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Tobias Kircher
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Test Honda CB 750 Four – Bring mir das Gefühl zurück
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Nein, nicht mein eigenes. Ich war keine zwei Jahre alt, als die Four in Tokio auf der Messe stand. Als ich allmählich anfing, mich neben Mädchen auch für Motorräder zu interessieren, war sie fast schon ein alter Hut. Die Aufmerksamkeit gehörte anderen. Heute ist der Sohn gezeugt, der Baum gepflanzt, die CB wird 50 und ich hab auch noch einen tollkühnen Leser gefunden, der bereit ist, sein Juwel unter meinen Hintern zu schieben: höchste Zeit für mein erstes Mal
Ein wenig aufgewühlt bin ich schon, als KarlHeinz Schimmel den Chokehebel unten am Vergaser seiner K2 zieht, den Schlüssel im Zündschloss links vorn am Zylinderkopf nach rechts dreht, den Starterknopf drückt und den Four schabend und leicht rasselnd zum Leben erweckt. Der Elektrostarter, er allein war damals eine Sensation. Das Ensemble aus doppelter Primärkette plus Steuerkette im Verein mit etwas verhärteten Gummis im Primär-Ruckdämpfer ergibt einen Chor mit unvergleichlichem Timbre. Willig nehmen die vier Vergaser meine zarten Gasstöße an.



Sie ist eine Schönheit, diese Honda. Im Flake Sunrise Orange der Oberflächen trifft die tief stehende Februarsonne auf unzählige reflektierende Spiegelchen. Metal Flakes im Lack waren damals der neueste Schrei. Der optische Effekt des von Schimmel in mehreren Schichten selbst aufgetragenen Speziallacks in Lasurtechnik ist umwerfend. Farbe, aber auch Linie, Formen, Oberflächen: Schönheit, die auf mich durch ihre Nostalgie wirkt. Beim damaligen Betrachter aber dürfte sie eher angenehme Begleiterscheinung gewesen sein. Wobei? Beim Blick in die Zukunft des Motorrads.

Das ist es, was mich an dieser Begegnung besonders interessiert: Kann man die Faszination von damals heute am Objekt noch nachvollziehen? Schwer, all das auszublenden, was man über die Urmutter ­aller Superbikes weiß – die Ehrfurcht, die ihr die alten Recken entgegenbringen und die man nach so vielen Jahren der Histörchen und Legendenbildung mit ­ihnen teilt.

Allein die Redline bei 8000/min war ­eine Sensation und die Tachonadel nahm den ganzen Weg bis zur 200er-Marke

„Na, gute Nacht, Marie!“, schrieb der unvergessene Ernst „Klacks“ Leverkus über die damals ungeheuren 67 PS. Mit Ängsten, diese Leistung nicht beherrschen zu können, muss ich mich heute nicht mehr plagen. Ohnehin gilt meine Aufmerksamkeit auf den ersten Metern gar nicht dem Motor. Lenkeinschlag, Gewichtseindruck und Lenkverhalten sind es, die sie beim Rollen vom Hof zunächst fesseln, und es verfestigt sich der Eindruck, der mich auf den folgenden rund fünfzig Kilometern nicht mehr verlassen wird: Irgendwas zieht da gewaltig Richtung Erdmittelpunkt. Ach ja, die Schwerkraft. Dabei soll die Honda mit vollem Tank nur rund 220 Kilo wiegen. Ein offenbar recht hoch sitzender Schwerpunkt, aber und vor allem das offensichtlich üppige Gewicht der Radaufhängungen bringen eine Erdnähe mit sich, die sich stets ein bisschen wie platte Reifen anfühlt. Mit modernen Gussfelgen zwischen Gabel und Schwinge dürfte das Ding nicht wiederzuerkennen sein – aber optisch halt auch nicht.

Keine Ahnung, wo all das Vertrauen herkommt: Tatsächlich war ich der Erste, den Schrauber, Jäger und Sammler Karl-Heinz Schimmel auf seine makellose CB ließ

Dieser Erdschwere zum Trotz brummelt der verblüffend ruhig laufende Four innerorts bei fünfzig Sachen im vierten­ Gang munter und zufrieden vor sich hin. Noch zirkle ich um parkende Autos herum, wende am großzügig ausgelegten Lenkanschlag. Überragend fand Klacks damals diese Handlichkeit. Als der Speed nach dem Ortsschild  langsam steigt, zeigt sich rasch, dass der Bursche wahrlich nicht verwöhnt war.

Langsam muss die Schonung ein Ende finden, schließlich hat sich der Vierzylinder unter mir warmgeschnurrt. Und so operiere ich im nächsten Schritt um die 5 000er-Marke herum. Nein, das ist natürlich nicht der vernichtende Tritt eines heutigen Ein-Liter-Fours, der dir da im Kreuz landet. Zum munteren Aufschnupfen von ein paar Blechbüchsen aber reicht es allemal und jederzeit. Dabei gibt sich der Motor freundlich und gelassen und fordert wenig Schaltarbeit. Elastizität ist das Zauberwort – ihr Ausmaß überrascht mich. Ich werde mutiger, lasse den Drehzahlmesserzeiger nach der 5 000er-Marke weiter wischen. Und plötzlich blitzen im distinguierten Lächeln von Tante CB die Eckzähne durch. Kein echter Powerkick, doch wächst der Elan mit der Drehzahl proportional weiter, immer spritziger geht der Veteran zur Sache.

Ab Werk gab’s nur eine Brems­scheibe ­ohne Lochung. Karl-Heinz Schimmel hat die zeittypische Doppelscheibe von ­Honda Eckert nachgerüstet

Dabei ist der Motor von Haus aus eher mild getunt. Mehr Leistung ist ihm recht einfach zu entlocken. Der damalige Honda-Händler König aus München ­beispielsweise brachte ihn mit Gutachten auf 888 Kubik und an die 90 PS – womit sogar Kawasakis 79 PS starke­ Z1 auf Platz zwei verwiesen und die König-Honda ­eines der stärksten straßentauglichen Motorräder seiner Zeit war. Amerikanische ­Spezialisten gingen noch weiter und bohrten den Four gar auf knapp einen Liter auf. Auf dem ­Drehzahlmesser beginnt der rote Bereich bei ­8 000/min. Aus Respekt vor dem Motorrad und seinem Besitzer lasse ich es bei 7 500/min gut sein. ­Leistungskurven von damals zeigen, dass ab da kaum noch Zuwachs zu erwarten war. Auch damit bin ich heute, ein halbes Jahrhundert später, schneller unterwegs als auf Landstraßen erlaubt – mit einer Leichtigkeit, die auf den bekannten Twins von damals wohl nur mit dem Messer zwischen öligen Zähnen zu erreichen war und ­aufopfernde Zuwendung zur Mechanik verlangte, wo die CB 100 000 Kilometer und auch viel mehr fast ohne ­auskam.

Unterm rechten Seitendeckel sitzt der ­Öl­tank der Trockensumpfschmierung

Das Chassis? Na ja. „Wie Haribo-Lakritzenstangen“ hätten sich die Fahrwerke gebogen, schrieb Klacks über seine zum Teil haarsträubenden ­Erlebnisse mit den ersten japanischen „Reis­kochern“. Ganz so streng fällt mein Urteil zur Honda nicht aus. Es arbeitet spürbar, doch es fährt vernünftig geradeaus, ist ausreichend sensibel steuerbar und mit den Bridgestone-BT45-Pneus auch in den Kurven neutral. Was sich, ist man nicht auf der Suche nach den letzten Drehzahlreserven des Fours, einigermaßen versöhnlich ausgeht. Die damalige Begeisterung über den vermeintlichen Bremsfallschirm, die Einzelscheibe am Vorderrad, kann ich nicht teilen. Nicht mal die zweite an dieser CB verbaute Scheibe ändert daran etwas. Gut, dass eine effi­ziente Trommel im Hinterrad steckt.

Als die Four am späten Nachmittag in Karl-Heinz’ Hof leise tickernd auslüftet, fühle ich ein tiefes ­Gefühl der Befriedigung. So viele Firsts erlebt man mit über fünfzig Jahren schließlich auch nicht mehr. Nach einem halben Jahrhundert fährt sich die Four noch immer nicht wie ein Oldtimer.

Damit dürfte zur Faszination, die sie Ende der ­sechziger ­Jahre ­freisetzte, wohl mehr als genug gesagt sein. 
 



Technische Daten – Honda CB 750 Four

Preis: 6.600 Mark (1973)
Leistung: 67 PS bei 8 000/min
Drehmoment: 60 Nm bei 7 000/min
Motor: Viertakt-Vierzylinder-Reihenmotor, luftgekühlt, zwei Ventile pro Zylinder, ohc, Hubraum 736 ccm, Bohrung x Hub 61 x 63 mm,
Getriebe/Endantrieb: 5-Gang, Kette
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vorn: Telegabel, Standrohr-Ø 35 mm, Federweg 143 mm
Federung hinten: Stahlschwinge mit zwei Federbeinen, Federweg 85 mm
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 455 mm, Lenkkopfwinkel 63°, Nachlauf 95 mm
Bremsen: 296-mm-Scheibenbremse vorn, 180-mm-Trommelbremse hinten
Bereifung: 3.25-19 vorn, 4.0-18 hinten
Gewicht vollgetankt: 218 kg
Tankinhalt: 17 Liter
 

Roadsters Dresscode:
Guido Kupper

Helm: Held Root, HJC R-PHA 10 (Seite 38)
Handschuhe: Held SRX
Jacke: Harro Rennweste
Hose: Icon MH 1000
Schuhe: Rokker Gentleman Racer
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Stand:17 September 2019 21:07:47/test/test+honda+cb+750+four+-+bring+mir+das+gefuehl+zurueck_19403.html Warning: fopen(cache/618bc992abfa8ba1addfcb31e05c5833.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163