Test BMW K 100 RS – Rückgabe erwünscht

31.08.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Christian Heim, Tobias Kircher
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Test BMW K 100 RS – Rückgabe erwünscht
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Nochmal ’ne alte K fahren? Wie schön, dass unser ­Redaktionskollege Ahlsdorf von der BIKERS NEWS die Dinger sammelt. Meine Wahl fällt auf die RS. ­Schließlich war sie mit fast 35 000 verkauften ­Einheiten unangefochtenes Topmodell der Reihe
Angefangen mit dem Job hab ich 1995, da war die Zeit der RS schon vorbei. Und die Auf­regung um BMWs skurrile Vierzylinderreihe schon ­lange. Die K 75 gab’s noch neu. Ich erinnere mich gut an den Erstkontakt. Aus dem BMW-Fuhrpark in München holte ich sie damals ab – und war entsetzt. So ein sackschweres, lahmes, ätzend ­vibrierendes Ding. Die Faszination des Konzeptes erschloss sich mir nicht. Ebenso wenig wie die des Dreizylinders – mit Union Jack drauf heute eins meiner Lieblings­motorkonzepte. Seitdem hab ich nie mehr auf einer der ursprünglichen Ks gesessen. Und wenn ich einen von Kollege Ahlsdorfs Brocken auf unserem Hof stehen sah, überkam mich auch nicht gerade drängende Lust. Ein Fehler.

Die RS ist auch heute noch eine Überraschung, ­jedenfalls für mich. Okay, das Design ist Achtziger-Schrankwand, da hilft nur „Augen zu!“ Doch auch ­heute wirkt so eine K noch sehr eigenständig und irgendwie nostal­gisch avantgardistisch. Ein bisschen so, wie man sich früher die Zukunft vorstellte – man denke nur an das ­berühmte Bügeleisen auf dem Bedienpult des Raumschiffs aus der 60er-Kultserie Raumpatrouille Orion. 

Dem Windkanal sei Dank: Der fantastische Windschutz der eher knapp geschnittenen Schale macht aus der RS ein wunderbares Reisemotorrad

Doch das ist nur Schale, mich interessieren jetzt die inneren Qualitäten. Und da ist die Art und Weise, wie die fünf Zentner losrollen, von deutlich mehr ­Leichtigkeit geprägt als erwartet. Wenig Prestige bei der Reifenbreite: 130 hinten, 100 vorn. Doch sie bringt trotz der Maschinenlänge in den Dimensionen eines Einbaums geschmeidige Beweglichkeit. Verblüffend flink wedelt das Ding durch die Stromschnellen des ­Asphalts. Da kommt ihm zugute, dass die Drehrichtung der Kurbelwelle nichts zu Stabilisierung respektive Beharrlichkeit beiträgt. Von leichter Hand gesetzte Lenkimpulse werden leichtfüßig umgesetzt, die K liebt Wechselkurven geradezu. Ich auf ihr auch – eigentlich. Wäre da nicht die Fahrwerksabstimmung. Nach den ersten Kilometern steigere ich mich in die Panik hinein, die ­Bremsflüssigkeit könnte so alt sein wie das Dämpferöl in Ahlsdorfs ­Gabel. Doch da tue ich ihm unrecht. Die Tatsache, dass er meist durchgehärtete Reifen aus dem letzten Jahrhundert fährt, heißt ja noch lange nicht, dass er die Wartung vernachlässigt – auch wenn der ­Pflegezustand eine andere Sprache spricht. Die Gabel jedenfalls habe kürzlich erst frisches Öl bekommen. Und so ist die fein ansprechende, aber sehr, sehr weich abgestimmte Front offenbar kein neues ­Problem. ­Hinzu kommt: Die dürren 41er-Röhrchen haben 185 mm (!) Federweg. Eine aktuelle 12er-GS hat gerade mal fünf mehr. In Kombi ist das nichts für Hektik auf schlechtem Asphalt. Jedenfalls nicht, wenn man gut ankommen will. Und hinten? Stellt die Monolever-Schwinge – noch ­ohne Momentabstützung, der Paralever kam später – beim Beschleunigen auf stur und verhärtet die Hinterhand, ­Stichwort Gummikuh.

Noch ohne Momentabstützung macht die Kardanschwinge der RS dem Begriff „Gummikuh“ alle  Ehre. Die Paraleverschwinge und damit Abhilfe kam erst 1990 mit der Vierventil-RS

Ansonsten? Bequem integrierende und auf angenehme Weise vorderradorientierte Ergonomie und ein Bomben-Windschutz. Auch bei Autobahn volle Lotte weht dir nur ein laues Lüftchen um die Nase. Und dann ist da der namensgebende Hauptdarsteller, der Brick alias Ziegel­stein. Ein wahrlich verblüffender Motor, der der stoischen ­Ruhe, mit der BMW-Ingenieure ihre manchmal arg verkopften Technologien vertreten, in nichts nachsteht. Ab knapp über 2 000/min langt er annähernd so hin wie bei 4 000/min, oder bei 6 000/min, oder bei über 8 000/min. Zieht einfach geschmeidig, so geräusch- und vibrations- wie kick- und emotionslos. Fünf Gänge? Drei würden auch reichen.

Nett, dich nochmal kennengelernt zu haben, liebe K. Aber nicht nur Kollege Ahlsdorf wünscht sich die baldige Rückgabe.

Die sechsstellige Tachoanzeige kann kein Zufall sein. Der „Automotor“ der K ist ein Dauerläufer, Laufleistungen bis zu 300 000 Kilometern und drüber sind keine Ausnahme


Michael Ahlsdorf, BIKERS NEWS-Redakteur, sammelt K-100-Modelle
Ich glaube an den rechten Winkel, an die gerade Linie und an die ebene Fläche. Das war die Dreieinigkeit der Achtziger Jahre, und mit der K 100 bekam sie das ewige Leben. Die K 100 ist klar und rein, klinisch und aseptisch wie einst ein neonbeleuchtetes New-Wave-Cafe in Schöneberg, West-Berlin. Sie ist avantgardistisch wie kein anderes Serienmotorrad aus dieser Zeit. Die Anordnung von Motor, Getriebe und allen periphären Komponenten hatte es so noch nie gegeben. Und wer sich ihr heute mit dem Schraubenschlüssel nähert, der erlebt eine Offenbarung. Nie davor und danach fügten Teile sich so sexy ineinander: Schrauben kann wie Lego sein!

Einzig das mit dem statischen Einstellen der Zündung, das hätten die Ingenieure freundlicher gestalten können. Beim Boxer ging’s doch auch, dessen Hallgeber ließ sich zur Not sogar ganz ohne Instrumente von Hand und nach Gehör regulieren. Für die K 100 dagegen benötigt der Schrauber gleich zwei unerschwing­liche Spezialwerkzeuge. Und dann noch dieses ungewöhnliche Maß der Zündkerzen!

Benzineinspritzung war Anfang der Achtziger in Motorrädern beileibe noch ­keine Selbstverständlichkeit. Die Motronic in ­Ahlsdorfs K funzt wie am ersten Tag

Aber man muss sie ja gar nicht einstellen. Sie läuft doch von ganz alleine! Böse Zungen behaupten, eine Fahrt mit der K 100 wäre wie der Ritt auf einer Schrankwand. Stimmt. Es ist aber eine perfekt verarbeitete Schrankwand aus Massivholz, nix Furnier, nix Pressspan. ­Positiv gewendet ist die Fahrt mit ihr wie die Fahrt mit einem Mercedes, mit sanftem Schwung, mit massiver Solidität und mit der Haptik eines ­Blinkerhebels aus der alten S-Klasse.

Dafür muss man geboren sein. Oder sich nach einem ganz persönlichen Damaskus-Erlebnis existenziell wenden. Drei Jahrzehnte lang hatte ich mich dem Zweiventilboxer verschrieben. Aber wie Paulus, der sich auf dem Weg nach Damaskus vom Christenverfolger zum Apostel wandelte, so wandelte ich mich zum K-Fahrer, als die Hipster des Boxer-Booms der letzten Jahre einen Zweiventilboxer nach dem anderen zum Caferacer verunstalteten. Zu dieser Gemeinde mit ihrer gespielten Coolness wollte ich nicht mehr gehören.

Seit ich K 100 fahre, bin ich aus allem raus. Das ist ganz praktisch, vom Image her nicht viel anders als MZ-Fahren: Freunde ­wenden sich ab, und ich werde nicht einmal mehr ­wahrgenommen. So habe ich endlich auch ­meine Ruhe – und gemäß einem Werbespruch von BMW aus Zeiten der K viel mehr Freude am Fahren.

Aber halt, die ersten Customizer vergehen sich an der K 100. Ich hab sogar schon K-100-Caferacer gesehen. Mit Verlaub, für jeden ­weiteren K-100-Caferacer werde ich persönlich losziehen und am Nordpol ein Robbenbaby erschlagen. Das ist so sicher wie mein Glaubensbekenntnis für den fliegenden Backstein.

Die Seiten­ansicht offenbart: Der im Parterre liegende Motorblock senkt den Maschinenschwerpunkt. Das äußert sich beim Handling der K auf sehr angenehme Weise

Technische Daten – BMW K 100 RS

Preis 1983: 15.190 Mark
Leistung: 90 PS bei 8 800/min
Drehmoment: 86 Nm bei 6 000/min
Motor: Viertakt-Vierzylinder-Reihenmotor, wassergekühlt, zwei Ventile pro Zylinder, dohc, Hubraum 987 ccm, Bohrung x Hub 67 x 70 mm
Getriebe/Endantrieb: 5-Gang, Kardan
Rahmen: Stahlrohr-Brückenrahmen
Federung vorn: Telegabel, Standrohr-Ø 41,4 mm, Federweg 185 mm
Federung hinten: Monolever-Kardanschwinge mit einem Federbein, Federweg 110 mm, Federbasis einstellbar
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 516 mm, Lenkkopfwinkel 62,5°, Nachlauf 101 mm
Bremsen: 285-mm-Doppelscheiben­bremse vorn, 285-mm-Scheibenbremse hinten 
Bereifung: 100/90-18 vorn, 130/90-17 hinten
Gewicht vollgetankt: 249 kg
Tankinhalt: 22 Liter
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Stand:13 December 2018 03:18:59/test/test+bmw+k+100+rs+-+rueckgabe+erwuenscht_18530.html