Test Aprilia Tuono 125 – Jugendlicher Donner

07.05.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Carsten Heil, Tobias Kircher
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Test Aprilia Tuono 125 – Jugendlicher Donner
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Lange stand Tuono für High-End-Fahrassistenz, Explosivpower und dank 175 PS auch für Fahrdynamik höchster Güte – kurzum: den unerbittlichen Kampf um die Herrschaft im Reiche der Power-Roadster. Seit 2017 aber trägt nun auch dieser Achtelliter-­Emporkömmling hier die Buchstabenkombi auf seiner Verkleidung
Nicht nur mein Sohn steht begeistert davor. Motorräder aus ­Noale liefern sie einfach, diese gewisse Portion Racing-Flair, die die Sinnesorgane öffnet und die empfangenen Eindrücke intensiviert. Kunststück, schließlich hat die Marke unterm Piaggio-Konzerndach 294 WM-Siege samt 50 Titeln eingefahren. In Sachen Verkauf und Marketing läuft es dagegen weniger glatt. Seit jeher ­bleiben die Verkaufszahlen hinter dem eigentlichen Potenzial zurück. Aprilia baut funktional wie technologisch beeindruckende Motorräder. Punkt. Dass die 125er meines Sohnes schon leicht angegraut ist und auf das Kürzel RS hört, hat übrigens nicht nur rein pekuniäre Gründe. Ihre blaue Zweitaktfahne kann tatsächlich auch Menschen im Teenie-Alter heute noch mitreißen. Nach zwanzig Jahren Bauzeit war 2012 aber endgültig Schluss mit der RS 125, von ihren 30 Pferden in der offenen Version blieben am Ende Euro-3-tauglich nur noch 23 übrig.

Im Modelljahr ’12 trat Noale denn auch folgerichtig mit wassergekühltem Einzy­linder-Viertaktmotor samt den vollen, der Klasse erlaubten 15 PS an. Ein Triebwerk, das im konzerneigenen Regal schon bereitstand. Derbi in Spanien hatte es entwickelt und damit bereits seit 2008 seine 125er-Modelle ausgerüstet.

Schon Aprilias Zweitakt-RS-Legenden hatten ihn: den stattlich dimensionierten ­Brückenrahmen aus feinem Aluminium. Vom Material aber sollte man sich nicht täuschen lassen. Leicht ist die vollgetankt 149 Kilogramm schwere Tuono auch damit nicht

Auch die Tuono 125 ist beeindruckend, schon im Stand. Dimensionen, Rahmendesign, Frontmaske, alles scheint beinahe eins zu eins vom Vorbild übernommen. Wie von den RSen lange gewohnt, fühlt sich auch das Fahrwerk nach mehr Poten­zial an, als ihm das Triebwerk abverlangt: eine beruhigende ­Mischung aus Fahrstabilität, Zielgenauigkeit und Handlingfreude. Zusammen mit einer auf miesem Asphalt holprig ansprechenden Federung allerdings trübt der hölzern abrollende Mitas-Serienreifen das positive Bild – ­genau wie das Wohlgefühl auf kaltem und nassem Asphalt. Angemessene Betriebstemperaturen in diesen Reifen zu kneten, ist mit 125 Kubik kein Kinderspiel. Hier ist ­Aprilia den Weg des geringsten finanziellen ­Widerstands gegangen. Wer als Teenager fünf Mille ausgibt – oder seine Eltern zu dieser Ausgabe drängt, dürfte für ­besseres Gummi kaum mehr was auf der Naht ­haben. Doppelt ­ärgerlich.

Aprilias Youngster-Tuono ist ihrer V-4-Namenspatin wie aus dem ­Gesicht geschnitten. Wenn allerdings 15 PS auf 149 Kilogramm vollgetankt ­treffen, kommt das ganze Überholprestige ins Wanken

Herausragend ist die Neutralität des Fahrwerks. Keine Spur von Nervosität, keinerlei Sturheit, einmal ausgerichtet zieht die Tuono ihre Bahn im Selbstfahrer­modus, selbst der Griff zur Bremse in Schräglage lässt sie unbeeindruckt. ­Irritierend fällt der erste Check des Antiblockiersystems aus, gewohnheitsmäßig durch einen kräftigen Tritt auf den Fußbremshebel eingeleitet. Geerntet wird hier nur ein quietschendes Hinterrad. Die Erklärung: Ab 2017 müssen 125er zwar eine Bremshilfe haben, doch es reicht auch ein Einkanal-ABS, das nur am Vorderrad wirkt. Gewöhnungsbedürftig das Ganze. Einen Sensorkranz trägt das Hinterrad der Tuono trotzdem. Der dient dazu, beim Hineinbremsen in den ABS-Regelbereich am Vorderrad ein abhebendes Hinterrad zu erkennen. Das funktioniert gut, mehr als einen leichten Hopper lässt das ­System nicht zu. Dosierung und Biss der Einzelscheibe vorn präsentieren sich trotz ihres 300-Millimeter-Durchmessers und des Vierkolben-Bremssattels ziemlich schlaff.

Krümmer werden nicht von Designern gebastelt. Auch die auf­fallende Windung des Tuono-Rohrs ist der Suche nach effizienter ­Ab­stimmung geschuldet.

Viertakter hin oder her, in Teilen erinnert auch die Charakteristik dieses Motors an Aprilias ruhmreiche Zweitaktvergangenheit. Man muss die Kurbelwelle schon lustig kreiseln lassen, um die dem Tuono-Single innewohnende Spritzigkeit auszukosten. Erst oberhalb von 6 000 Touren geht die Schussfahrt los, rund 2 500 Umdrehungen lang bleibt das Kerlchen dann am Ball. ­Darüber wird er dann wieder ruhiger. Nicht, was die fein­frequenten Vibrationen, wohl aber was den Vorwärtselan angeht. Zwar dreht der Single bis über 11 000/min aus, agiert dann aber angestrengt, zäh und zugestopft. Das lässt man also besser, zumal höhere Drehzahl ja auch mehr Sprit kostet. Mit 3,7 Litern auf 100 Kilometer genehmigt sich die Tuono für 125er-Verhältnisse reichlich. Eine Eigenart, die man von den Aprilias mit mehr Luft unterm Zylinderkopf ja durchaus gewohnt ist: 7,7 Liter schluckte die Tuono Factory im Vergleichstest mit KTMs Super Duke in unserer ­letzten Ausgabe.

Drehzahlen braucht’s trotzdem, analog abzulesen im Cockpit

Unterm Strich muss sich die stattliche V4-Tuono für ihren Achtelliternachwuchs also nicht schämen, der ­Einstand von Aprilias junger Viertakt-125er ist ­gelungen – wenn auch mit ein paar Einschränkungen: Der Drehzahlen fordernde Motor wird zwar der sportlichen Firmenphilosophie gerecht, dem Alltag jedoch weniger, und: Die billigen Lösungen in Sachen Antiblockiersystem und Erstausrüstungs­reifen sind wenig überzeugend angesichts eines ­stattlichen ­Preises, der – wenn auch knapp – noch über dem der ­beiden 2017er Topseller KTM 125 Duke und Yamaha MT-125 liegt.
 

Technische Daten: Aprilia Tuono 125

Preis: 4.990 Euro inkl. Nebenkosten
Leistung: 15 PS bei 10 750/min
Drehmoment: 11 Nm bei 8 000/min
Motor: Viertakt-Einzylindermotor, wassergekühlt, vier Ventile, dohc, Hubraum 124 ccm, Bohrung x Hub 58 x 47 mm
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
Rahmen: Brückenrahmen aus Aluminium
Federung vorn: USD-Gabel, Standrohr-Ø 40 mm, Federweg 110 mm
Federung hinten: Stahlschwinge mit Zentralfederbein, Federweg 120 mm
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 353 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Nachlauf 94 mm
Bremsen: 300-mm-Scheiben­bremse vorn, 218-mm-Scheiben-bremse hinten, ABS vorn
Bereifung: 100/80ZR17 vorn, 130/70ZR17 hinten
Gewicht vollgetankt: 149 kg
Tankinhalt: 14,5 Liter
Inspektion: 6 000 Kilometer oder einmal jährlich
 

Roadsters Dresscode:
Guido Kupper

Helm: Shoei X-Spirit III
Handschuhe: Revit Chevron 2
Jacke: Modeka Chaser
Hose: Draggin Next Gen
Schuhe: TCX X-Street Denim
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Stand:21 August 2018 08:07:42/test/test+aprilia+tuono+125+-+jugendlicher+donner_18308.html