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Horex VR6 – Maschinenbau für den ganzen Mann

14.04.2019  |  Text: Ulf Böhringer  |   Bilder: Frank Luger, WERK
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Horex VR6 – Maschinenbau für den ganzen Mann
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Viel Gedöns hat der neue Horex-Besitzer bislang nicht darum gemacht, dass die VR6 seit Mitte 2017 in stark überarbeiteter Form wieder gebaut wird. Neben den Classic-Modellen gibt es nun ganz neu die ganz in Schwarz gehaltene VR6 Raw – ein sehr präsentes, eindrucksvolles Motorrad, das mit kerniger Leistung und strenger Kupplung nichts für Hänflinge ist
Jetzt steht die Horex VR6 Raw also in freier Wildbahn vor mir: matt- und glanzschwarz der Lack, nur wenige Teile in mattem Alu sind verbaut, allein der runde LED-Scheinwerfer trägt einen dezenten Chromring. 35.500 ­Euro kostet sie; verglichen mit einer VR6 ­Classic (ab 38.500 Euro) oder gar der Classic HL (ab 42.500 Euro) erscheint das ein wenig erschwinglicher, immerhin ist die Raw identisch motorisiert wie ihre Schwestermodelle. Geboten sind sechs Zylinder in VR-Anordnung mit gut 1200 Kubik Hubraum, woraus 163 PS bei 9 600 Umdrehungen resultieren. Heiser, ja rotzig-aggressiv faucht’s aus dem pechschwarzen Doppelendrohr. Man darf diesen einprägsamen Sound getrost auch als den kräftigen Pulsschlag der Horex Motorcycles GmbH im bayerischen Landsberg am Lech werten.

In der Seitenansicht offenbart sich die gute ­Fahrerintegration der Raw: ­Ideal ist die ­Sitzposition nach vorn geneigt, der Kniewinkel bei 1,76 Meter ­Größe sportiv. Die Sitzbank ist mit Micro­faser bezogen und vermittelt prima Halt

Wir rekapitulieren in aller Kürze: 2010 offenbart die von einem Münchner Ingenieur und IT-Spezialisten neu gegründete Horex GmbH ihre Absicht, die 1960 liquidierte Marke wieder zu aktivieren und bis 2012 eine Zwölfhunderter mit VR6-Motor und Kompressor zu bauen. Die Fertigung einer abgespeckten VR6 ohne Kompressor beginnt 2013 in Augsburg. Nach mannigfachen Problemen und knapp 250 gebauten Fahrzeugen endet sie bereits am 1. November 2014. Die Insolvenz ist eine schwere Hypothek für den einst berühmten Namen Horex. Seit 1923 stand das Ur-Werk in Bad Homburg nahe Frankfurt. Berühmtestes Modell war die Regina, von 1950 bis 1958 als 250er, 300er und 400er gebaut. Dann war Schluss.

Vom missglückten Neustart in Augsburg lässt sich Karsten Jerschke, Mehrheitsgesellschafter der von ihm geleiteten 3C-Carbon Group AG in Landsberg am Lech, nicht abschrecken: Im Februar 2015 erhält der einstige Rad-Leistungssportler den Zuschlag für die Horex-Restmasse und stellt bereits im September desselben Jahres ein technisch und optisch grundlegend überarbeitetes Nachfolgemodell vor. Dank der Kooperation mit Experten, unter anderem von Bosch und Continental, startet die Produktion im späten Frühjahr 2016 mit einem limitierten Editionsmodell, noch im selben Jahr folgen Kleinstserienmodelle. 2018 ist auch die Euro 4 geschafft. Als Serienmodelle fungieren die VR6 Classic und deren besonders klassischer Ableger Classic HL wie „Heritage Line“.

Identisch motorisiert ist die VR6 Classic HL, die deutlich leichter und zugänglicher wirkt. Auch sie weist ­feinste Öhlins- und Brembo-Ware auf, dazu Kineo-Räder als Hingucker

Entgegen allen Erwartungen erweist sich Ihro Rohheit, die Raw, schon nach wenigen Kilometern Fahrt als umgänglicher Kumpel. Der akustisch sehr dominante Motor hängt selbst im zahmeren der beiden Fahrmodi sehr direkt, aber fein regulierbar am Gas. Präsenz und Präzision der Gasannahme siedelt auf hohem Genusslevel, ist aber doch fordernd. Je länger die Ausfahrt über südbayerische Landstraßen währt und je mehr Bewegungen des Fahrers rechte Hand sich zutraut, desto klarer wird: Die Horex VR6 fordert den ganzen Mann.

Im unteren Drehzahlbereich verbindlich und kultiviert, mutiert die Raw etwa bei Halbgas – also rund 5 000 Umdrehungen – zum Projektil, kreischt und brüllt bei offenen Drosselklappen. Brachial der Schub, Münchhausens legendärer Ritt kann kaum eindrucksvoller gewesen sein. Drei Nockenwellen und achtzehn Ventile sorgen für einen Orkan, über dessen Intensität zum Glück der Fahrer entscheidet. Bis zum Einsetzen des Drehzahlbegrenzers bei 10 300 Touren hält der Tritt ins Fahrerkreuz an. Wer nicht schon reichlich Motorraderfahrung hat, läuft angesichts der unendlich scheinenden Power Gefahr, sich um Kopf und Kragen oder zumindest um den Führerschein zu fahren. Den ganzen Mann braucht’s aber auch für die Betätigung der Kupplung; sie besteht aus Reibscheiben, die üblicherweise in Racebikes verwendet werden. Zwar lässt sie sich perfekt dosieren, strapaziert bei längerer Fahrt aber Sehnen und Muskulatur der linken Hand. Die Rechte hat’s dagegen angesichts der radialen Zweifingerbremse einfach; auch das Sechsganggetriebe lässt sich leicht und präzise betätigen. Einen Schaltassistenten soll es noch dieses Frühjahr geben, genau wie eine automatische Blinkerrückstellung.

Freien Blick auf das Schmiedehinterrad ermöglicht die ­Einarmschwinge. Die gesamte Abgasanlage – der Kat steckt in der Mittelschalldämpfer-Einheit – ist aus Edelstahl gefertigt, ihr Sound heiser und rotzig frech

Ansonsten ist die VR6 Raw technologisch auf der Höhe: Ride-by-Wire, Traktionskontrolle, ABS, LED-Scheinwerfer, Schmiederäder  –  es ist so gut wie alles an Bord, was auch renommierte Großserienhersteller bieten, von feinen Brembo-Bremsen und Öhlins-Radaufhängungen ganz zu schweigen. In puncto Display legt Horex sogar eins drauf: Die jüngst ­entwickelte LED-Cockpitanzeige, auf sieben Zoll verkleinert, überzeugt dank extremer Lichtstärke, Echtglas-Oberfläche und einer sehr übersichtlichen Gestaltung auf ganzer Linie. Connectivity ist selbstverständlich drin. Anzeigengüte wie der Umfang der gelieferten Informationen lassen keine Wünsche offen.

240 Kilogramm fahrfertig weist das Datenblatt aus, für eine Zwölfhunderter mit sechs Zylindern erstaunlich wenig. Das niedrige Gewicht ist teuer erkauft und will entsprechend bezahlt sein: Das Motorrad strotzt vor Carbon. Alle Verkleidungsteile – auch die wahlweise glanz- oder mattschwarz lackierten – bestehen genauso aus CFK wie Kettenschutz, ­Lampenmaske und das gesamte Rahmenheck. Lohn dieses Aufwands und der sorgfältigen Fahrwerksabstimmung ist ­eine unerwartete Handlichkeit: Leicht lenkt die Raw ein, prescht stabil durch Kurven und scheint ­keine Schräglagengrenze zu kennen. Was nicht zuletzt an hoch montierten Rasten liegt, die zum spürbaren Abwinkeln der Knie zwingen. Wie sich die Spitzen­geschwindigkeit von 260 km/h anfühlt, bleibt ungeprüft – angesichts fehlender Verkleidung ist der Wert eher theoretischer Natur.  
3C-Chef Jerschke scheint es wirklich ernst zu meinen mit Horex: Spätestens zum 100. Geburtstag der Marke 2023 soll die Endmontage wieder in Bad Homburg stattfinden. „Das ist Horex’ Heimat, da gehört die Marke einfach hin“, sagt der Endvierziger. Am liebsten sähe er die Manufaktur in der Nähe des dortigen Horex-Museums und dem ihm benachbarten, seit 2016 geöffneten Flagship-Store der Marke. Das HG-Kennzeichen für Bad Homburg jedenfalls hatte unsere Test-Raw schon am Heck.   

Eine raffinierte ­Lösung stellt bei ­Classic wie Raw die Integration der Rücklichter und Blinker in den Heck­rahmen dar, der aus CFK besteht
 

Technische Daten – Horex VR6 Raw

Preis: ab 35.500 Euro
Leistung: 163 PS bei 9 600/min
Drehmoment: 128 Nm bei 7 600/min
Motor: Viertakt-Sechszylinder-VR-Motor, wassergekühlt, drei Ventile pro Zylinder, tohc, Hubraum 1 218 ccm, Bohrung x Hub 68 x 55 mm
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
Rahmen: Aluminium-Brückenrahmen mit CFK-Rahmenheck
Federung vorn: USD-Telegabel, Standrohr-Ø 43 mm, voll einstellbar, Federweg 120 mm
Federung hinten: Leichtmetallschwinge mit Monofederbein, voll einstellbar, Federweg 120 mm
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 510 mm, Lenkkopfwinkel 66°, Nachlauf 100 mm
Bremsen: 320-mm-Doppelscheibe vorn, 264-mm-Scheibe hinten, ABS
Bereifung: 120/70-17 vorn, 190/50-17 hinten
Gewicht vollgetankt: 240 kg
Tankinhalt: 17 Liter
Inspektion: 10 000 Kilometer oder einmal jährlich
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Stand:20 April 2019 22:49:30/test/maschinenbau+fuer+den+ganzen+mann_19214.html