Ausprobiert Motorrad-Gegensprechanlagen – Tell me what you want …

01.10.2019  |  Text: Thomas Kryschan  |   Bilder: Tobias Kircher
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Auf diese Art lässt sich unproblematisch lösen, was früher zu Problemen führte. Hunger-Pipi-Kalt muss jetzt nur noch bis zur nächsten Gelegenheit­ am Straßenrand warten, statt Überholmanöver innerhalb der Gruppe zu forcieren oder am unverständlichen Fuchteln selbsterdachter Gebärden­sprache zu scheitern. Unterm Strich also ein Plus an Komfort und Sicherheit. Aber bitte nur, solange Laberbacken zuhause bleiben und das Handy im Flugmodus ist. Mit der Sozia über die atemberaubende Landschaft staunen, durch die man da schwebt, kann eine Bereicherung sein. Diskussionen über den Kühlschrankinhalt, die Nebenkostennachzahlung oder gar den Zustand der Beziehung sind es sicher nicht. Drum wählt weise, mit wem ihr eure Sprechanlage koppelt! Und drückt im Zweifel lieber das Knöpfchen und behauptet, der Akku sei leer!

Viele neuere Helme verstecken unterm ­Polster bereits Aussparungen für Lautsprecher. Ist das nicht der Fall, kann der Platzmangel am Ohr schnell schmerzhaft werden oder einen Einbau komplett verhindern

Denn sich mit Übertragungsschwierigkeiten oder schlechter Sprachqualität herauszureden, das klappt heutzutage nicht mehr. Sind die Geräte verbunden, gilt als Faustformel: Solange du den anderen siehst, hört er dich auch. Erst bei mehr als zwei Gesprächspartnern kann sich das ändern. Klassische Bluetooth-Systeme kranken daran, dass sie sich nur mit ­wenigen Geräten gleichzeitig koppeln können. Um diesen Nachteil zu überspielen, bilden sie eine Verbindungskette, koppeln sich jeweils mit dem vorausfahrenden und dem nachfolgenden Piloten und leiten so alle Gespräche weiter. Das funktioniert tadellos – solange die Fahrer in derselben Formation bleiben. Tanzt einer aus der Reihe und muss vom Ende der Gruppe nach vorn funken, kann die Reichweite schnell an ihre Grenzen kommen. 



Anders sieht’s aus, wenn das System die neuere Dynamic­-Mesh-Communication (DMC) beherrscht. Deren paarungsnotgeile Software versucht fortlaufend, sich mit allem und jedem zu koppeln, was nicht bei drei auf dem Baum ist. So stopft es entstehende Löcher im Netz selbst. Zum Glück lässt der Kreis der Erlauchten sich bei Bedarf auf eine private ­Gruppe begrenzen oder Tourguides zu Rednern aufsteigen, während andere nur schweigend zuhören dürfen.

Das Sena-System gibt es zum Einbau in den eigenen Helm oder vorinstalliert wie hier im Jethelm Savage (unten rechts). Bei ihm sitzt das Mikro im Stirnpolster und erfasst die Sprache trotzdem perfekt

Sowohl von Cardo als auch von Sena gibt es ­Gegensprechanlagen mit und ohne DMC. Sena ­bietet mit „+Mesh“ für 190 Euro gar ein Bauteil, um ­Bluetooth-Anlagen nachträglich aufzurüsten. Um ­mitreden zu können, ist das jedoch unnötig. Alle Mesh-Systeme sind abwärtskompatibel und binden auch normale Bluetooth-Geräte problemlos in ihr Netz mit ein.
 



Cardo Packtalk Bold

Preis: 340 Euro
Bezugsadresse: cardosystems.com

Teurer als so mancher Helm kommt das Cardo Packtalk Bold mit der vollen Ausstattungsbreitseite um die Ecke. Bis zu fünfzehn Fahrer ­können sich zeitgleich unterhalten und auch Bluetooth-Headsets ohne Mesh-­Technologie werden nicht ausgeschlossen – was bei voller Ausnutzung entsprechende Funkdisziplin erfordert. An der Sprachqualität, die sich auf dem Niveau eines Festnetztelefonats bewegt, scheitert es sicher nicht.

Gut am Cardo gefällt die drehbare Walze zur manuellen Lautstärkenregulierung. Zusätzlich wird das Packtalk Bold in Abhängigkeit vom Umgebungsgeräusch automatisch lauter und leiser. Das funktioniert in der Praxis stufenlos und deutlich wahrnehmbar. Wie hilfreich es ist, stellt man erst bei der Nutzung des Sena SFR fest, dem diese Funktion fehlt.

Clou des Packtalk Bold ist aber ­seine Sprachsteuerung. Über den Befehl „Hey Cardo“ wird sie aktiviert. Per ­Ansage lässt sich so zum nächsten ­Musiktrack wechseln oder vom Smartphone auf FM-Radio umschalten, ohne die Hand vom Lenker nehmen zu müssen. ­Eine tolle Idee, die in der Praxis aber kleinere Tücken hat, denn die Ansagen müssen wie Vokabeln ­gelernt werden. Weicht man vom genauen Wortlaut ab, versteht das ­System den Befehl nicht. Bei Autobahntempo können laute Windgeräusche die mehrfache Wiederholung einer Ansage erfordern, was schnell im frustierten Griff zu den ebenfalls vorhandenen Tasten endet. Immerhin sind sie auch mit Handschuhen sicher zu bedienen.   

Technische Daten: Dynamic Mesh Communication (DMC) verbindet bis zu 15 Fahrer, angegebene Reichweite 1,6 Kilometer, Sprechzeit 13 Stunden­, Gewicht inklusive Lautsprecher 150 Gramm, FM-Radio, über Sprachbefehle steuerbar, automatische Lautstärkenanpassung

Fazit: Ein unglaublich komplexes System mit unzähligen Möglichkeiten. Den Umgang mit dem teuren ­Packtalk Bold sollte man üben, will man den ­vollen Funktionsumfang nutzen. Wer ­dazu keinen Nerv hat, dem reicht auch ein ­simpleres System.  

Plus
• DMC reduziert Verbindungsprobleme 
• Steuerung per Spracheingabe
• Automatische Lautstärkenanpassung
 
Minus
• Spracheingabe nicht immer intuitiv
• Teuer
 



Sena SFR / Jethelm Savage

Preis: 220 /400 Euro
Bezugsadresse: sena.com

Nur rund die Hälfte des Packtalk Bold kostet das Sena SFR ­ohne DMC. Das ist für 190 Euro als „+Mesh“ nachrüstbar. Ohne ist die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf vier begrenzt und alle eingangs erwähnten Vorteile des selbstflickenden Netzes bleiben außen vor. Etwas höher fällt dafür im Praxisvergleich zum Cardo die Reich­weite aus, bevor die Verbindung ­abreißt. Positiv nehmen wir auch das sehr ­geringe Gewicht im Vergleich zum Packtalk Bold zur Kenntnis.  

Die spannendste Sena-Lösung ist jedoch der Jethelm Savage. Auf der gleichen Technik basierend wie das SFR, kommt er bereits fix und fertig ausgerüstet aus dem Karton­. Im Helmpolster vor der Stirn des Fahrers versteckt er sein Mikrofon. Störende Windgeräusche werden durch die Advanced-Noise-Control-Software effektiv herausgefiltert.

In unserem Fahrtest funktioniert ­dieser Trick tadellos und im offenen­ Helm sogar mit deutlich besserer Sprachqualität, als sie das Cardo-Schwanenhalsmikro direkt vorm Mund des Fahrers liefert. Beim geschlos­senen Integralhelm sieht es umgekehrt aus, hier klingen die Sena-Systeme ­etwas blechern. Der Mitfahrer ist aber auch bei höheren Geschwindig­keiten jederzeit gut verständlich.

Das „SFR“ leidet unter den flachen Bedienknöpfen, die mit Handschuhen nur schwer zu ertasten sind. Drückt man beim Griff zur Lautstärke ver­sehentlich den mittleren Modusknopf, ist die ­Verwirrung schnell perfekt. Die blinde Bedienung der mehrfach belegten Tasten braucht etwas Übung. Deutlich besser kann das der Jethelm dank des intuitiven Drehreglers. Bei ihm ist das System zudem fast unsichtbar in die Helm­schale ­integriert.   

Technische ­Daten: Bluetooth 4.1 verbindet­ maximal­ vier Fahrer­, angegebene­ Reichweite 1,2 Kilometer, Sprechzeit 13 Stunden, Gewicht­ inklusive­ Laut­sprecher­­ 65 Gramm, FM-Radio­, Advanced­ Noise Control

Fazit: Gut für Erstmal-Ausprobierer und Leute, die auf den Funktionsumfang der Mesh-Technologie verzichten ­können. Bei Bedarf gibt’s die auch von Sena

Plus
• Günstiger Preis
• Per „+Mesh“ nachträglich erweiterbar
• Aktive Störgeräuschunterdrückung

Minus
• Folienknöpfe schwer zu ertasten

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Stand:18 February 2020 01:55:20/test/ausprobiert+motorrad-gegensprechanlagen+-+tell+me+what+you+want_191001.html?page=1