The Curves Roadtrip: Tour des Pyrenees

02.02.2018  |  Text: Janna Strauss  |   Bilder: Cäthe Pfläging
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The Curves Roadtrip: Tour des Pyrenees
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"Nur Frauen, echt? Eine ganze Woche lang?!" So die übliche ­Reaktion auf unser Vorhaben, begleitet von einem verklärten bis verstörten Gesichtsausdruck. Stunts, Schräglagen, Stagediving und Schwarmintelligenz – das passiert, wenn zwölf Mädels zusammen auf Roadtrip gehen
Haarscharf an der Felswand vorbei. Schon wieder in der Kurve verschätzt. Ich hyperventiliere unter meinem Helm, aber werde unmittelbar von der Szene vor mir abgelenkt: Mit Gipsarm, Kamera und wehenden Lederfransen thront die Clubpräsidentinin voller Fahrt auf dem Rücksitz einer F 800 R und knipst wild nach schräg hinten, wo zwei Member stehend Slalom auf dem Mittelstreifen fahren.

Mit den Girls vom Berliner Motorradclub The Curves bin ich unterwegs auf den ersten Kilometern durch doppelt unbekanntes Gebiet. Wir sind zu zwölft, kennen uns von jahrelang bis überhaupt nicht. Die einen haben solide Tourenerfahrung, die anderen einen zwei Tage alten Führer­schein im Gepäck. Quer durch den fran­zösischen Süden wollen wir über die ­Gorges du Verdon zur Mittelmeerküste und dann unter Narbonne schräg rüber in die spanischen Pyrenäen. Ziel: Biarritz, die optimale Kurvenlinie und vielleicht sogar ein paar neue Freundschaften.



Die erste Etappe ist reines Aufwärmen. Nach drei Stunden durch die französischen Voralpen kommen wir auf dem ersten Campingplatz an, werfen die Tankrucksäcke auf die Wiese und schmeißen
uns quiekend in den ­Wasserfall hinter dem Grillhäuschen. Wir sind alle auf Adrenalin von den ersten Kilometern, erleichtert, dass alles gut gegangen ist, wie durchgeknallte Nymphen toben wir durch den eiskalten Bergbach. Es ist wie eine kleine Taufe für unser gemeinsames Abenteuer, in den heiligen ­Hallen der grünen Wälder. Glücklich
trocknen wir am Feuer, knabbern in ­Decken gewickelt an Maiskolben und ­starren versonnen in die Flammen.



Es sind knappe zwei Jahre, die ich mit den Curves fahre. Bei der Buchvorstellung von The Ride läuft mir eine Anästhesistin über den Weg, deren 1200er Sportster genauso schallend laut ist wie ihr Lachen. Drei Tage später sitze ich mit vier Curves-Urgesteinen in einer Werkstatt. Cäthe, Irene, Eileen und Freddy gucken mich mit Bier und Schraubenschlüssel in der Hand prüfend an, ich habe ein bisschen Gänsehaut. Werdet ihr mir das Clublogo in den Rücken brennen? (Vielleicht) Gibt’s bei euch diesen ganzen Prospectquatsch? (Nein) Wow, du hast deine Kawa ernsthaft selbst auf 79 Millimeter aufgebohrt? (Ja) Als sich die Präsidentin zum Geburtstag einen Drehmomentschlüssel anstelle eines KaDeWe-Gutscheins wünscht, steht fest: Ich bin verliebt. Und will so viele Kilometer wie möglich mit den Ladys verbringen.



Doch zurück auf den Campingplatz. Wir hätten die Zelte besser vor dem Essen aufgebaut, jetzt ist es stockfinster und alles liegt verstreut überall. Zwischen ­Lachen und Fluchen suchen wir im Schein der iPhone-Taschenlampen unseren Kram zusammen. Wenn das stimmt mit dem Chaos und dem Genie, dann bewegt sich unser IQ ungefähr im Bereich unseres Hubraums. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, die verschwundenen Heringe durch die eben gefundenen Kaffeelöffel zu ersetzen, aber kuschle mich dann doch lieber zu Lina und Silke in ihr fertig aufgebautes Polyesterschloss.

Am nächsten Morgen springen wir noch einmal ins Wasser, ziehen die Helme auf die nassen Strähnen und sind schon wieder unterwegs. „Tauschen wir mal?“ Die neongelben Felgen der Yamaha MT 07 blitzen, als Helen
neben meine 9T Scrambler fährt. „Zu gerne!“ Wir wechseln die Bikes. Auch Kawa W 650 und Honda CRF 250 tauschen die Besetzung. Völlig anderes Fahrgefühl. ­

Abwechselnd klemmen wir uns hinter die erfahrensten Fahrerinnen und kopieren die filmreifen Kurvenlinien. Üben, üben, üben. Narbonne fliegt vorbei, ganze Dörfer schrecken bei unserer Durchfahrt aus der Siesta hoch, hier schnell ein Espresso, dort volltanken – Super 98 für die Bikes, Volvic und Riegel für uns. Mit jeder ­Etappe steigt die Schwarmintelligenz spürbar. Angstfrei fahren wir mal auf kleinstem Abstand, dann wieder zieht sich das Feld natürlich auseinander. An den versprengten Ampeln: Schulterschluss. Kurz wird durchgezählt, alle da, weiter.



Zu schnell verrinnen die Tage und soundsoviele ­Kilometer später stehen wir bei glühender Hitze im Nichts und gucken ratlos aus der durchgeschwitzten ­Wäsche. Der Campingplatz, der hier sein sollte, ist es nicht. Wir beschließen, neun Jahre alte Michelinkarten nur noch als Geschenkpapier zu benutzen und zücken, als keiner guckt, heimlich das Navi. Das Glück ist auf unserer Seite: Ganz in der Nähe liegt in einer Burgruine zufällig die malerischste Pilgerherberge der Welt. Wie passend, denn sind nicht auch wir auf Pilgerfahrt? Über tausend Kilometer liegen hinter uns, die Straße ist unser ­Meditationstempel und das mit den Entbehrungen haben wir sowieso drauf – keine hat in den letzten Tagen den Massageroller oder das Glätteisen (Anm. der Redaktion: Utensil zum Glätten der Haare) ausgepackt.



Das üppige Abendessen artet in eine spontane Party auf der Terrasse aus, die Boombox schickt scheppernde Bässe über die Pyrenäen, kreischend springen wir vom Tisch in die ausgestreckten Arme unseres Clubs. Nach der x-ten Flasche Wein kommt Herbergsbesitzer Luc mit verschwörerischem Blick hinter dem Tresen hervor und knallt eine Flasche selbstgebranntes Irgendwas auf den Tisch: „Terrible – comme vous!“ Ausgelassen feiern wir unseren Trip, die Idee zusammen zu reisen, unsere Existenz, dass Dienstag ist und einfach sowieso alles. Egal, dass sich die (einzige) Kreditkarte heute am magnetischen Tankrucksack aufgehängt hat, egal der dunkel­rote Sonnenbrand auf dem kleinen Streifen zwischen Handschuh und Protektorenjacke: Wir tanzen, und allzu passend singen Rage against the Machine „What better place than here, what better time than now“.

Mit der Aussicht über die sonnigen Wälder und auf die heutige Traum­strecke schmecken die Frühstückseier gleich zehnmal so gut. Aber wir sind spät dran, und heute Abend wollen wir schon am Strand von Biarritz liegen. Herzlich bedanken wir uns bei dem sichtlich verkaterten Luc für den besinnlichen Abend und satteln unsere Ponys, umringt von gutgelaunten Pilgern und der kompletten Herbergsbelegschaft. Unter Gejohle und „Buen Camino“-Rufen rollen wir vom Hof und können uns ein bisschen Motorgeheul nicht verkneifen.



Und wieder spüren wir, wie uns die Straße eint. Hubraumgröße wird so egal wie Geburtsjahr. Hauptsache das Herz schlägt an derselben Stelle und für dieselbe Sache. Wir fahren wie in ­Trance, es könnte für immer so weitergehen. In meinem Kopf spielt ein irrer Soundtrack aus Jimmy Hendrix, Françoise Hardy und dem satten Klang meiner BMW. Ein paar Mädels setzen sich zum Kurvenlegen nach vorn ab, andere lassen sich zurückfallen und saugen das Bergpanorama auf wie ein Schwamm.

Wenn Endorphine, dann jetzt. Stechginster riecht vom Straßenrand, die Sonne brennt, der Asphalt glitzert und ich bin auf einmal voller Vertrauen, in die Freundschaft, den Tag, die Maschine und mich selbst. Wie von alleine sinkt das Bike in die Schräglage, alles greift ineinander, die Welt dreht sich ein bisschen schneller und Motorradfahren hat noch nie mehr Sinn gemacht – genau das ist sie: Die perfekte Kurve.


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Stand:20 July 2018 10:33:52/szene/the+curves+roadtrip+tour+des+pyrenees_18130.html