Szene Yamaha XS – Japan ante portas

11.09.2019  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Tim Davies, Anna Gala, Archiv
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Szene Yamaha XS – Japan ante portas
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Der 650er-Twin in der XS 1 war der erste Viertaktmotor, den Yamaha jemals gebaut hat – und ein weiterer aus Fernost, der den europäischen Motorradherstellern das Leben schwer machte. Eine ganze Reihe weiterer Modelle mit dem Kürzel XS sollte folgen. Heute ist die 650er Objekt der Begierde, der Bewunderung und zum Leidwesen der Originalfetis auch beliebtes Umbauprojekt
Ende der 60er stand’s schlecht um Europas Motorradindustrie. Als Nutzfahrzeug hatte das Zweirad aus­gedient, sich als Freizeitfahrzeug aber noch nicht ­etablieren können. Die Stückzahlen waren nur noch ein lächerlicher Abklatsch früherer Jahre und jetzt nahm auch noch die Konkurrenz aus Fernost Anlauf. Nicht nur moderner produzierte man da, sondern auch besser und zu geringeren Kosten. 

Yamaha, 1955 gegründet, hatte bislang ausschließlich Zweitaktmotorräder gebaut. 1965 schon war ­Konkurrent Soichiro Honda mit seiner CB 450 „Black Bomber“ in die bisher von englischen und deutschen Herstellern beherrschte Domäne der Sportmaschinen eingedrungen, 1968 landete er mit der CB 750 Four den nächsten Tiefschlag. In den USA waren ­Abgaswerte bereits Thema, die blauen Fahnen der Zwei­takter allmählich verpönt. Der Trend ging unver­kennbar zu größeren Hubräumen und so lag die ­Stoßrichtung für Yamaha auf der Hand: ein Viertaktmotorrad mit hoher Leistung bei möglichst geringem Gewicht sollte es werden und handlicher als Yamahas bisherige Hubraumkönigin, die 350er-YR1. 



Der neue Twin sollte das althergebrachte ohv- ­zugunsten des leistungsfreudigeren sohc-Designs ­hinter sich lassen. Zum Antrieb der Nockenwelle ­diente eine zwischen den Zylindern laufende Steuerkette, wie sie Horex Anfang der fünfziger Jahre bei seiner Imperator erstmals zur Anwendung gebracht hatte. Deren Motor wurde später in Japan von der Firma Hosk in Lizenz gebaut und soll von Showa zu einer 650-ccm-Version weiterentwickelt worden sein. Und weil Yamaha schließlich Showa übernommen hatte, ist seitdem der Verdacht in der Welt, man habe den Motor bei Horex abgekupfert.

Yamaha selbst erklärt die Abstammung des ­Motors anders. Schließlich war man Mitte der Sechziger ­maßgeblich an der Entwicklung eines dohc-Reihensechszylinders beteiligt, der ab 1967 Toyotas Sportwagen 2000 GT antrieb – und hatte somit sehr wohl Viertakterfahrung, die man postwendend umsetzen konnte. Die offizielle Yamaha-Version nach dem früheren Yamaha-Europa-Manager Ludy E. ­Beumer lautet jedenfalls so: Das quadratische Bohrung-Hub-Verhältnis kam inklusive der Kolben vom GT, mit 75 x 74 Millimeter unterschied es sich lediglich durch einen ­Millimeter Hub. Auch der gesamte Ventiltrieb inklusive aller Dimensionen wurde zunächst als sohc-Variante übernommen. Weil das Motorrad aber höher drehen sollte, kamen andere Materialien zum Einsatz und der Ventilhub wurde für bessere Zylinderfüllung von 6,5 auf acht Millimeter erhöht. 

Auch bei der XS hinter­ließen die chopperlastigen ­Seventies deutliche Spuren: Ab 1978 schuf die Special ­Easy-Rider’sche Tatsachen

Getriebe und Kupplung stammten aus der YR-1, wie bei ihr verwendete man eine zweiteilige, gepresste Kurbelwelle. Um die ungleichmäßigen Zündabstände von 180 und 540 Grad und den daraus resultierenden unrunderen Motorlauf zu vermeiden, wählte man eine Kurbelwellenkröpfung von 360 statt 180 Grad – ­eine in Sachen Massenausgleich fragwürdige Entscheidung, an die XS-Besitzer noch heute erinnert werden, wenn ihr auf den Hauptständer gebocktes Motorrad mit laufendem Motor plötzlich ans Garagentor klopft.

Auch die Abverkäufe der überarbeiteten XS 2 waren für Yamaha enttäuschend, was 1974 schließlich zur deutlich verbesserten XS 650 führte

Die Nockenwellen für den GT waren von Toyota ­designt worden, hier musste man selbst aktiv werden und war erst mal nicht sonderlich erfolgreich: Nur 20 PS soll der Prototypmotor anfangs gehabt haben, landete aber am Ende der Entwicklung bei 53 PS.

Als Styling-Referenz diente Triumphs Bonneville, sie war die Benchmark, an der sich die Japaner auch in Sachen Lenkverhalten und Handling orientierten – der Grundstein für die Legende vom britischsten aller Japaner war gelegt. Der erste Prototyp von ingesamt fünf war im Frühling 1968 fertig, im Herbst 1969 stand die XS-1 schließlich serienreif auf der Tokyo Motor Show.

Als Flat Tracker sorgte die XS 650 auf den US-Ovalen für Furore. Besonders mit dem jungen Kenny Roberts (Bildmitte) staubte Yamahas Werksteam die starke Konkurrenz ­regelmäßig ein

Beliefert wurde im Erstlingsjahr vor allem der US-Markt, doch die Verkaufszahlen waren ernüchternd. Das schwache Fahrwerk konnte die Windgesichter dort ebenso wenig überzeugen wie die Duplex-Trommel im Vorderrad. Schon für 1971 wurden eine Scheibenbremse vorn und ein Elektrostarter nachgerüstet. Diese XS-2 kam nun auch in größerer Zahl nach Deutschland, doch ließ der deutsche TÜV von den 53 Pferden der US-Version nur 35 übrig – ein Flop, den der Importeur bald vom Markt nahm.



Wieder tat Überarbeitung not und ein „Verräter“ sollte helfen: Percy Tait hieß der Mann, der mehr als zwanzig Jahre lang in Triumphs Renn- und Entwicklungsabteilung gedient hatte. Er verstärkte unter anderem die Rahmen-Doppelschleife, korrigierte die Geometrie, stimmte das Chassis neu ab und packte eine zweite Bremsscheibe ins Vorderrad. Dank eines neuen Auspuffs leistete der Twin jetzt auch im Lande des TÜV 51 PS. Um die Zeitenwende nach außen gebührend zu signalisieren, musste ein neuer Name her. Und so belohnte die XS 650 endlich auch die Yamaha-Kaufleute fürs Durchhalten – ein bisschen zumindest. Der ursprünglich erhoffte Erfolg wurde die XS nie. Fast zehn Jahre lang, bis 1984, bot sie ihren Fans Performance, Charakter und Stil, durchlief zahlreiche Entwicklungsstufen und erduldete Anfang der Achtziger sogar die Chopperisierung als Special mit Hochlenker, Tropfentank, Stufensitzbank, Gussrädern und Auspuffstummeln. Ihr Buchstabenkürzel nahm eine ganz eigene ­Dynamik auf und züngelte wie ein Lauffeuer durchs Yamaha-Programm. Von 250 bis 1100 Kubik, verpackt in zwei, drei oder vier Zylinder in Reihe, waren unter dem ­Familiennamen XS die unterschiedlichsten Motorräder im Angebot, zu sehen in unserer Modellleiste ab Seite 39. Nur eines dieser Motorräder, die XS 400, überlebte ihre Namensgeberin. 1984 ging die 650er ins letzte ­Modelljahr, sechs ­Jahre später war dann endgültig Schluss mit dem ­Kürzel XS.
 

Timeline – Yamaha XS

1970 – Yamaha XS 1: Die allererste XS trug eine Doppelduplex-Trommelbremse im Vorderrad und wurde beinah ausschließlich in den USA vertrieben. Nur eine Handvoll Exemplare gelangten damals nach Europa.

1971 – Yamaha XS 2: Mangelnder Verkaufserfolg führte schon im zweiten Jahr zur Überarbeitung. Die XS 2 mit Scheibenbremse und E-Starter kam auch nach Deutschland, hatte dort legal aber nur 35 PS.

1974 – Yamaha XS 650: Der ehemalige Triumph-Entwicklungsingenieur Percy Tait brachte die Yamaha u.a. mit verstärktem Rahmen, ­Doppelscheibe und überarbeitetem Chasis auf Vordermann. Fortan hieß sie XS 650.

1976 – Yamaha XS 500: Als TX 500 in den USA schon seit 1973 auf dem Markt, war der 500er-Twin das erste Serienmotorrad mit Vierventil-­Zylinderkopf. In Deutschland war sie von 1976 bis 1979 im Programm.

1976 – Yamaha XS 750: 1976 wagten sich die Ingenieure an diese XS mit Dreizylindermotor und Kardanantrieb. Aus 748 Kubikzentimetern holte der ­Triple 60 PS. 1980 wurde er mit 3,5 Millimeter mehr Bohrung und 79 Pferden zur XS 850.

1976 – Yamaha XS 360: Wie bei der 250er hatte der Twin der 27 PS starken 360er-XS 52,4 Millimeter Hub aber mit 66 Millimetern elf Millimeter mehr Bohrung.

1977 – Yamaha XS 250: Mit 245 Kubik und 17 PS die kleinste jemals gebaute XS, von der es mit 360er und 400er auch zwei größere Hubraum­varianten gab.

1978 – Yamaha XS 400: Die größte der kleinen XSen hatte 69 Millimeter Hub und war in mehreren Versionen erhältlich, auch als „Cup“ für eine deutsche Marken-Rennserie für Amateure.

1978 – Yamaha XS 650 Special: XS goes Chopper, unter anderem mit Hochlenker, ­­Tropfentank, Stufensitzbank, Gussrädern und Auspuffstummeln.

1978 – Yamaha XS 1100: Sie war Yamahas Antwort auf die Ein-Liter-Maschinen der japanischen Konkurrenz und die Krone der XS-Schöpfungen. Ihr Achtventil-dohc-Vierzylinder leistete 95 PS und 90 Newtonmeter.
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Stand:13 November 2019 13:17:39/szene/szene+yamaha+xs+-+japan+ante+portas_19605.html Warning: fopen(cache/1c79b4629f115ed12161dec5a6bcf9d3.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163