Szene Yamaha XS – Die Bessere Hälfte ...

13.09.2019  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Anna Gala
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... im Leben des Ex-Cross-Gespannfahrers Jürgen Knübben ist – abseits seiner Frau natürlich – Yamahas XS 650. Ihr Motor trieb die Gespanne der Familie wie ihre Fahrer zu Höchstleistungen und löste damals den Motor der Norton Commando ab. Heute hat Jürgen das Gespannfahren längst an den Nagel gehängt. Sein Leben aber dreht sich immer noch um diese beiden Motorräder
Loch im Kolben, Ventilschaden oder Klemmer? Die Dinger laufen.“ Mehr ist zum 650er-Twin der XS eigentlich nicht zu sagen. Jürgen ist kein Freund großer Worte. Doch heute macht er eine Ausnahme. Ich bin ins idyllische Umland von Mönchengladbach gekommen, um seine Erfahrungen mit Yamahas erstem Viertaktmotor zu teilen. Schon seit Jahrzehnten werfen die Backsteinmauern seines Anwesens das Getöse von Yamahas Paralleltwin zurück. Nicht nur seine umfangreiche Teilesammlung und seine Werkstatt beherbergen sie, sie sind auch Zentrum und Treffpunkt der Twins MG – MG wie Mönchengladbach –, einer Interessengemeinschaft von XS-Treibern. Am lautesten ist es samstags, wenn sich stets ein paar Fahrer der Interessengemeinschaft auf dem ungepflasterten Hof inmitten der niederrheinischen Tieflandidylle zwischen alten Baumbeständen und Pferdekoppeln zusammenfinden. Originalfetischisten gibt es hier ebenso wie Customizer oder deren Kunden. Und alle vertrauen sie mindestens so stark auf Jürgens Expertise wie auf seinen Ersatzteilfundus.

Wird der XS-Twin auf 277 Grad Hubzapfenversatz umgebaut, muss dafür die ­Nockenwelle modifiziert werden. ­Jürgen hat noch ein paar liegen

Was den bunten Haufen eint, ist die Liebe zu diesem wunderschönen Eisen­haufen von Motor, der heute in den ­Händen der Fans mehr Liebe erfährt als je zuvor. Das merkt man an den Preisen. Die Zeiten, in denen man ’ne olle XS mal eben so für ein paar Zehner aus irgendeiner Scheune rollen durfte, sind lange her.

Jürgens Beziehung zu Motorrädern ist geprägt vom Wettbewerb. Seit Anfang der 60er betrieb Vater Konrad Motocross-­Gespannsport – ernsthaft. Das Leben der Familie war streng darauf ausgerichtet. Sie war das Team im Hintergrund, wenn der Werksfahrer, wie sie den Vater nannten, um Ehre und Pokale fuhr und 1974 schließlich IMBA-Europameister wurde. Bald kümmerte sich der Filius um die ­Mechanik, wurde Spezialist für die Norton-Manx-Motoren, die sein Vater fuhr. Ab Mitte der 70er aber wurde der englische Twin im Gespannsport nach und nach vom englischsten aller japanischen Twins verdrängt. 1973 und 1974 gewann ein gewisser Kenny Roberts ­damit auf den Dirt-Track-Ovalen der USA die AMA Grand National Championship. Drei Jahre später ­startete Jürgen auf ihm seine Gespannsportkarriere und ent­wickelte sich in der Folge zum intimen Kenner.

Bis 750 ­Kubik bietet das ­Motorgehäuse ausreichend Raum, für ­Hubräume darüber muss es aufgespindelt werden

Der zuverlässig robuste Motor bot und bietet Potenzial. „In unseren Crossern hielt er drei bis vier Saisons, das war schon was“, erinnert er sich. Bald fanden sich ­allerhand Spezialisten, die ihm Beine machten. Der extremste Jürgen bekannte Umbau war eine holländische 20.000-Gulden-XS mit einem wassergekühlten Acht­ventil-Zylinderkopf, die 110 PS auf die Rolle brachte. Yamaha selbst hatte nichts im Angebot – abgesehen von einer kleinen Serie von Hochleistungszylinderköpfen, zu deren Fertigung Kenny Roberts und sein Team die ­Ingenieure 1975 gedrängt hatten. Aus den rund 70 PS seiner Renn-XS zauberte der High-Flow-Kopf über 90. OW72 war die Werksbezeichnung für diesen Renner, von dem weniger als dreißig Stück gebaut worden sein sollen.

Jürgen Knübben kennt Yamahas XS in- und auswendig. In seinen aktiven Motorsportjahren als Gespanncrosser hat er sie zahllose Male zerlegt und wieder aufgebaut

Standardmäßig liegen Bohrung und Hub der XS bei 75 x 74 Millimetern. Dieses beinah quadratische Verhältnis unterschied den Japan-Twin von seinen langhubigen englischen Vorbildern. Das kostete ihn zwar etwas Drehmoment, verlängerte dafür sein Leben aber beträchtlich. Auch die vierfach wälzgelagerte Kurbelwelle kann deutlich mehr ab als die magere Serienleistung, was den Twin sehr tuningfreundlich macht. Eine ­Vielzahl von Ausbaustufen gibt es da, auf Wunsch hat sie Jürgen alle im Programm. Bohrung wie Hub sind gleichermaßen steigerbar. 750, 850, 880, 1000 und im Extremfalle sogar 1075 Kubik Hubraum sind drin. 



Bis zu 750 Kubik bietet das Original genügend Fleisch zum Aufbohren, darüber braucht’s andere ­Zylinder. Für mehr Hub können die Originalkurbelwellen umgearbeitet werden. Ein Kumpel von Jürgen, ehemaliger WM-Rennmechaniker, hat Maschinen und Kenntnisse dafür und erledigt diesen Job in unmittelbarer Nähe. Für die extremen Ausbaustufen aber braucht es dann jedoch speziell gefertigte Kurbelwellen wie beispielsweise die der Firmen Hoeckle oder Staschel. Die sind, weil nicht mehr produziert, ­natürlich rar und unter 1.000 Euro nicht mehr zu ­bekommen. Zudem muss dafür dann auch noch das Motor­gehäuse aufgespindelt werden.

Mein Selbstversuch auf einer XS mit ­verdrehter Kurbelwelle – die den 360- zum 277-Grad-Twin macht – zeigt leichte Charakteränderungen in ­Leistungsentfaltung, Sound und Drehfreude

Das Bearbeiten der Kurbelwelle wird auch bei einer anderen Knübben’schen Spezialität fällig. Von Haus aus ist der Motor ein echter Paralleltwin, das heißt ­seine Kolben laufen synchron auf und ab, die Zünd­folge liegt bei 360 Grad. Jürgen nun lässt die beiden Teile der Kurbelwelle so zueinander verdrehen, dass die beiden Hubzapfen um 83 respektive 277 Grad zueinander versetzt sind. Der krumme Wert resultiert aus der ­ungeraden Zähnezahl der miteinander verpressten ­Wellenhälften. Im Serienbau setzen einige Hersteller auf eine 270-Grad-Konfiguration, um ihren Reihen­twins mehr Charakter und einen V2-ähnlichen Sound zu verleihen, der durch die unregelmäßige Zündfolge deter­miniert wird – Crossplane nennt das beispielsweise Yamaha bei seinem MT-07-Motor mit 270 Grad Versatz. Doch in modernen Konstruktionen werden – im Gegensatz zur ollen XS – für einen besseren Massenausgleich halt auch Ausgleichswellen verbaut. Der Gleichläufer schüttelt sich schon im Serienzustand so heftig, dass das Motorrad auf dem Hauptständer von dannen wandert und Vibrationsschäden an Anbauteilen an der Tagesordnung sind. Neben dem Sound ändert sich mit der Verdrehung nicht nur das Vibrationsverhalten, sondern ein Stück weit auch die Motorcharakteristik.

Beim Tuning verzichtet ­Jürgen auf die Serien­vergaser und setzt vorzugs­weise Flachschiebervergaser von Mikuni mit Beschleunigerpumpe ein­

Jetzt ist Selbstversuch angesagt. Als Erstes fahre ich MiKos Serien-XS. MiKo, Kurzform für Michael Koch, ist Mitgründer der Twins MG und Macher hinterm ­XS-650 Forum. Ein sehr erlebnisintensiver Motor, dieser Serienmotor, wie die in ein Honigglas ­gesperrte Belegschaft eines Bienenstocks fühlt er sich an: ­immer auf dem Sprung zum Ausbruch, zornig wütend und mit starkem Vibrato. Die Kraft zum Befreiungsschlag aber fehlt letztendlich dann doch. 50 PS sind halt nicht die Welt. Dann setzt mich Jürgen auf einen XS-Umbau mit verdrehter Kurbelwelle. Das hört sich nicht nur besser, sondern fühlt sich auch anders an, schüttelt sich im Leerlauf nicht so arg, wirkt kräftiger in der Drehzahlmitte und dreht obenraus subjektiv um einiges leichtfüßiger. Im gängigen Drehzahlbereich des Landstraßensurfens präsentieren sich die Vibrationen aber deutlich präsenter. Für den Gespann­sport jedenfalls ist diese Drehmomententfaltung ­ideal. 750 Kubik in Verbindung mit der verdrehten Welle hält Jürgen für den Sporteinsatz am geeignetsten, nur in der Kombi bietet er diesen Umbau noch an. Den muss man sich allerdings leisten können und wollen: Aufgebohrte Zylinder und 80er-Kolben schlagen mit 750 Euro zu Buche. Für eine renovierte, ­verdrehte Kurbelwelle in Kombination mit der notwendiger­weise umzuschweißenden Nockenwelle muss man knapp einen Tausender rechnen. Die Mikuni-Flachschieber, die er dazu verwendet, gehen extra. Kein Pappenstiel also. Schon eine XS allein ist heute was Besonderes. Wer den Motorumbau wagt, hat dann was beson­ders Besonderes. Ein starker Anreiz? Das darf jeder für sich entscheiden.
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Stand:17 October 2019 22:32:19/szene/szene+yamaha+xs+-+die+bessere+haelfte+_19605.html Warning: fopen(cache/2c9144d5cfbf631c70fc8bd53371762d.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163