Szene The Malle Mile – Heldentaten hinterm Haus

15.05.2019  |  Text: Niels-Peter Jensen, Guido Kupper  |   Bilder: Maxwell Aurelien James
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Szene The Malle Mile – Heldentaten hinterm Haus
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Keine 25 Kilometer vom Stadtzentrum Londons entfernt pflügen hunderte von Motorrädern durch den Garten eines herrschaftlichen Hauses aus dem 18. Jahrhundert. Abstruser Gedanke? Ja, und trotzdem Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich im Juli dieses Jahres zum achten Male jährt. Niels-Peter Jensen hat für uns im vergangenen Jahr mitgegraben – und wurde unfreiwillig zum Helden
Gut achtzig Hektar Land erstrecken sich rund um den herrschaftlichen Steinhaufen, der sich als „One of London’s best kept secrets“ und als Rahmen für Traumhochzeiten präsentiert. Kein kleiner Garten also. Auch Robert Nightingale und Jonny Cazzola hatten davon vorher noch nie gehört. 2012 hatten die beiden Cousins und Designer das Label Malle gegründet, unter dem sie heute hochwertige handgemachte Accessoires fürs mobile Abenteuer pro­duzieren. „Zwischen dem Bekannten und dem Verlorengehen im Unbekannten liegt das Vergnügen, das Abenteuer“, umreißt Robert den Leitgedanken hinter dem Label. Eine Auffassung, die wir ausdrücklich teilen und bei der es sicher kein Zufall ist, dass sie den Köpfen zweier Motorradfahrer entsprang. ­

Eine Leidenschaft, die auch beim Aufstöbern der ­Geschäftsidee der ­beiden Männer half: „Unsere erste ­Packtasche bauten wir 2012. Wir hatten ’ne alte Näh­maschine gekauft, besonders schweres britisches Segeltuch und dazu feines italie­nisches Leder. Nach sieben Proto­typen, unzähligen Tests und ­einer zerstörten Nähmaschine hatten wir unser erstes Malle-Gepäckstück“, ­erinnert sich Jonny. „Damals fuhr Robert eine 69er ­Custom-Royal-Enfield und ich eine 67er BSA. Endlich hatten wir das passende, robuste Gepäck, das man auch abseits des Motorrads weiternutzen konnte.“

Und was hat das alles mit dem Treiben im Garten von Kevington Hall zu tun? Nun, Jonny und Robert wuchsen auf der Farm ihrer Familie auf und nichts mit zwei Rädern und einem Motor dazwischen war vor ihnen sicher. „Alte Motorräder wie zum Beispiel Suzukis GP 100 oder die CB 125 von Honda waren das, elf oder zwölf Stück müssen es damals gewesen sein.“ Sie rissen alles Unnötige runter, steckten Enduroreifen rein, klebten mit Isolierband Startnummern drauf und lieferten sich knallharte Rennen. „Das Ergebnis war jede Menge Spaß, aber auch einige Schrammen bis hin zur gebrochenen Nase.“ Zwanzig Jahre später, inmitten eines dieser endlos scheinenden, lichtlosen britischen Winter, kam auf einmal diese Idee auf den Tisch: Warum nicht ein sommerliches Motorradrennen veranstalten, wo jeder mit allem mitfahren kann? Eine Idee, die Niels-Peter Jensen sehr entgegen kommt. Nicht nur, weil er Ex-Fahrradextremsportler und Motorradbesessener ist. Auch, weil er mit seiner zum Tracker umgebauten Kreidler ein Motorrad an den Start bringen will, das anderswo nur selten Gelegenheit haben dürfte, Rennluft zu schnuppern. „Very inappropriate motorcycle racing“ ist nicht umsonst die Unterzeile des Events. Für jedes Jahr erfinden die Malle-Jungs, die seit 2017 auch The Great Mile, eine Rallye quer durch die britische Insel organisieren (siehe ROADSTER 2/19), eine neue Rennklasse.

Doch wie kam es zu diesem hochherrschaftlichen Setting, wollen wir von Robert und Jonny wissen. „Nach unserer Idee für dieses Rennen saßen wir mit einem alten Schulfreund in einem Pub beim Essen und unterhielten uns über Motorräder. Am Nachbartisch saß dieser Kerl. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte uns von seinem alten BMW-Gespann, das er uns unbedingt zeigen wollte. So kam eins zum anderen und nach einer nicht unbeträchtlichen Menge Gin lud er uns ein, unser Event auf seinem kleinen Grundstück im Süden Londons abzuhalten. Als wir uns den Rasen dann anschauen wollten, entpuppte er sich als etwas größer als erwartet“, schmunzelt Jonny noch heute bei der Erinnerung. Niels war 2017 schon mal hier und ließ sich entflammen. Danach war klar: Er würde wiederkommen, Mensch wie Motorrad auf den Punkt vorbereitet.

Ein großes Stahltor in der hohen alten Steinmauer, die das Anwesen umgibt, ist die Schleuse zu einer anderen Welt. „Wenn du da durch bist, bekommst du von London nichts mehr mit. Gar nichts mehr.“ Doch auch drinnen herrscht großes Gewusel. Die Vorbereitungen laufen auf vollen Touren, vom Kid bis zum Grandpa sind Unmengen von Menschen auf zwei Rädern unterwegs, überall wird geschraubt, gehämmert, geklopft, Helfer in weißen Overalls bauen ein Zeltlager auf. Unmengen von Action und doch kein Stress. Alle sind freundlich. Einer der Helfer in Weiß – Will, 75 Jahre alt und auf seiner Bonneville 800 Kilometer durch England gefahren, um dabei zu sein – nimmt sich sogar Zeit, Niels zu seinem persönlichen Glamping-Safarizelt zu führen: Holzboden, ein richtiges Bett, Kleiderschrank und Teppich und sogar Stühle samt Tisch vor dem Zelt, Glamour und Camping auf unvergleichliche Weise vereint.

Los geht es traditionell am Freitagabend mit dem Bike-Polo. Auf dem Feld hinterm Rider’s Village – einem Areal mit Foodtrucks und Zelten für Bühne, Bar und Bikeshow – wird hart darum gefightet, mit dem Bike unterm Hintern den Ball ins gegne­rische Tor zu bugsieren. Eine Mordsgaudi. Doch nicht genug der Herausforderung, gibt es noch jede Menge weitere Felder der Ehre: den Hill-Climb – einmal den Hang hinaufgespickt mit drei Kurven, die es in sich haben, den Dirt-Sprint, dann das diesjährige Highlight, The Malle 100 – ein Endurorennen um einen Rundkurs mit neunzehn Kurven up- und downhill – und nicht zuletzt den Monkey-Parcours, eine Reihe auf den Rasen gebauter Holzhindernisse für die kleinsten Motorradfahrer. Der Family-Spirit, er wird hier hochgehalten.

Mit Lina, Ben und Christoph formiert Niels spontan ein Bike-Polo-Team. Spaß schützt vor Ehrgeiz nicht, und so schmückt schon der ein oder andere blaue Fleck weiße Haut, als es zum Abkühlen in den Pool geht. Auf der Bühne spielen da schon die Picture Books. Niels hat beim Engagement der Gütersloher Jungs etwas nachgeholfen. Jonny ist schließlich ein großer Fan. Party und Sport gehen selten konfliktlos Hand in Hand. Niels weiß das und so verlässt er die rauschende Party früh genug, um am nächsten Tag fit zu sein. Die Qualifikationsläufe stehen an. Wird anstrengend. Wie es läuft? Lassen wir ihn selbst erzählen:

„Als Erstes war der Hill-Climb dran. Nach ein paar Trainingsläufen hatte ich die Strecke drauf, bei so was hilft mir meine langjährige Mountainbike-Karriere. Ich liebe enge, rutschige Kurven und das Bike so flach wie möglich reinzulegen. Jeden meiner zehn Läufe konnte ich so gewinnen – und war somit für alle Läufe am Sonntag qualifiziert. Auch im Dirt-Sprint konnte ich mich qualifizieren.“ Bleibt bei all der harten Konkurrenz der Spaß nicht ein Stück weit auf der Strecke? „Kein bisschen. Das Besondere an diesem Event ist diese Atmosphäre. Du fährst zwar Rennen, quatschst aber auch ganz zwanglos mit den unterschiedlichsten Leuten. Überall sind nette Menschen mit Hammer-Bikes unterwegs, Kinder, Eltern, Großväter. So ähnlich muss Woodstock gewesen sein, nur dass hier die Motorräder an die Stelle der Musik treten. Alle haben Spaß und freuen sich, ihre Leidenschaft mit anderen teilen zu können.“

Beim am Abend zugunsten der Movember-Foundation abgehaltenen Charity-Dinner im Herrenhaus spürt Niels, wie der Druck langsam steigt: „Viele sprachen über meine Rennen und ihre Erwartungen, mich am Sonntag auf dem Podest zu sehen. Spaß hin oder her, wenn du dir Helm und Handschuhe überstreifst und dein Bike startest, kommst du in diesen Race-Modus. Dann gibst du alles. Mit ein paar Drinks intus und ordentlich Druck auf den Schultern hab ich im Riders-Village noch ein paar „Breakdance“-Einlagen hingelegt – ich kann überhaupt nicht tanzen – und dann ging’s ab ins Zelt.“

Sonntagmorgen. Viel geschlafen hat Niels nicht, draußen knattert’s rund um die Uhr und die Anspannung ist groß. Noch stehen die Qualifikationsläufe zum Endurorennen an. Mit der Kreidler kann Niels hier nicht starten: keine ­Vorderbremse. Auch die für den Dirt aufgezogenen Regenreifen sind alles andere als optimal. Sein Kumpel Calum von der Customschmiede Debolex Engineering borgt ihm schließlich einen 125er-Crosser. „Ich war der ­einzige mit dem Achtelliter. Alle andern hatten echte Vollcrosser mit fetten Hubräumen.“ Im Le-Mans-Start geht es in den Sattel. „Ich hatte einen sehr guten Start und kam als Erster durch die Linkskurve, in meinem Nacken ein hoch motivierter Typ auf einem Suzuki-Zweitakter mit doppelt so viel Bums. Als Mountainbiker weiß ich, wie man Kurven zumacht, doch der Druck wurde immer größer. In der letzten Kurve, knapp fünfzig Meter vor dem Ziel, kam ich von der Bahn ab und streifte auf der Ziellinie mit Vollgas einen ­Pfosten, der mich dann halb vom Bike gerissen hat. Noch gerade so am Lenker hängend hab ich es dann über die Ziellinie geschafft. Als Erster war ich zwar qualifiziert, hatte aber starke Schmerzen in der Hüfte. Mein Freund Anthony verpasste mir eine Handvoll Schmerzmittel, hob mich aufs Bike und sagte: Zieh es durch!“ Niels beißt die Zähne zusammen – und wird Vierter. Die beiden anderen Finale aber stehen noch aus. Niels ist platt, doch seine mittlerweile erworbene Fanbase peitscht ihn vorwärts.

„Ich war derbe nervös und konnte am Start kaum stehen, die Stimmung der Zuschauer aber war unglaublich. Sie haben mich durch beide Rennen getragen, beide hab ich gewonnen.“ Endlich Zeit, von den Sanitätern die Hüfte checken zu lassen, Resultat: ein fetter blauer Fleck und überdehnte Bänder und Muskeln. „Zwei Siege also, von denen ich wusste, und damit zwei Pokale. Als ich bei den Siegerehrungen aber ein drittes Mal aufgerufen wurde und mir von der lebenden Motocross-Legende John Giles der Pokal für den „Most Dedicated Rider“ überreicht wurde, war es vorbei mit der Coolness. Keine Ahnung, ob’s die Schmerzen, die Schmerzmittel oder die Standing Ovations der anderen Fahrer waren: Als ich den Pokal bekam, fing ich an zu heulen wie ein Schlosshund.“ Auch Helden haben Gefühle. Wer sie teilen möchte, hat zwischen dem 26. und 28. Juli die Gelegenheit. Info und Anmeldung unter mallelondon.com/the-mile
 

NPJ Flat Tracker – Wehrhaft

Was macht man nach 20 Jahren Rad- und ­Extremsport-Karriere? Weltreise hier, Markenbotschafter da, Fernsehsendung dort. Natürlich. Aber Niels-Peter Jensen baut auch noch Motorräder

Niels mag Zweiräder. Niels mag Geschwindigkeit. Und Niels mag losen Unter­grund. Und zwar so sehr, dass er gut zwei Jahrzehnte lang eine beeindruckende Menge von Top-Platzierungen auf dem Mountainbike gesammelt hat. Nichtsdestotrotz mag Niels es auch, wenn zwischen den beiden Rädern ein Motor werkelt. 

Anlässlich einer Einladung zum Dirt Quake nach England ist schnell klar, dass er da mitmischen muss. Fehlt nur noch ein geeigneter Tracker. Wie praktisch, dass er mittlerweile selbst im Customizing-Business, Markenbotschafter bei Kreidler und sich außerdem sicher ist, dass die Größe des Abenteuers nicht von der Größe des Motors abhängt.

Also schnappt er sich eine Kreidler ­Dice Supermoto 125, legt den schönen Gitter­rohrrahmen frei und reißt alles an Halterungen, Verkleidungen und Co. gnadenlos runter­. Dass man im Dirt Track keine Frontbremse braucht, ist dabei genauso praktisch wie die Tatsache, dass nur vier Schrauben den Heckrahmen der Dice fixieren. Weg damit! Der Mikro-Tank sowie das Cafe-Racer-Heck sind Eigenbauten aus Alu. Zusammen mit einigen Zentimetern weniger Auspuff und dem ein oder anderen leichten Anbauteil bringt Jensens Tracker nur 76 Kilogramm auf die Waage. Dank Umrüstung auf Vergaser und Feintuning kümmern sich nun 15 PS um den Floh. Wenig? Kommt drauf an. Für zwei Siege in den Klassen der Malle Mile hat es jedenfalls gereicht – gegen eine wahre Hubraumübermacht.
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Stand:17 September 2019 21:12:50/szene/szene+the+malle+mile+-+heldentaten+hinterm+haus_19403.html Warning: fopen(cache/277f2c0addabc806922cbb81228059f7.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163