Szene – Auf Sturmfahrt mit Herrn Senn

29.10.2018  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: Florian Arvanitopoulos
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Szene – Auf Sturmfahrt mit Herrn Senn
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Als die Wetter-App für Hamburg eine Unwetterwarnung anzeigt, lächle ich zufrieden: Auf zwei Honda Dax durchs stürmische Hamburg – das Hamburg des Tom Senn
Tom Senn hat sie alle gehabt. Und er kann noch heute zu jeder seiner Liebschaften je eine schöne und eine weniger erheiternde Anekdote zum Besten geben. Die für mich einprägsamste: „Ich hatte ja damals die erste Ducati 748 SP in Deutschland. Eine Woche habe ich in einer Pension ­geschlafen und gewartet, bis sie endlich durch den TÜV und zugelassen war“, beginnt Herr Senn seine Geschichte. Es nieselt. Wir ­sitzen zum Mokka bei Duske & Duske, einem Zigarren-Madeira-Genusslustzentrum, einer seiner Lieblingsorte in Hamburg, wo man so schön Leute beobachten kann. „Ich hatte die Ducati gerade abgeholt und fuhr direkt nach Misano zur Superbike-WM. Es hat nur geregnet. Samstags bin ich wieder zurück, 250, 260 auf der linken Spur. Montags ­habe ich sie dann in Zahlung gegeben mit der Begründung: Mit dem Teil bringe ich uns alle um“, lacht er und ascht die zwölfte Kippe des Tages ab. Herr Senn ist Sport­raucher. 

Herr Senn ist kein Hipster, auch wenn’s manchmal so scheint. Er mag die schönen, einfachen, zeitlich rückwärtsgewandten Dinge. Die Dax hat er sich gerade gekauft und entdeckt damit nun Hamburg neu

Neben uns knistern die beiden Honda Dax der Daxmanufaktur Hamburg. Mein Gastgeber und ­Reiseführer fährt die ihm kürzlich zugelaufene Dax 108. Ich rolle auf einer perfekt ­restaurierten mit 123 Kubik, recht giftigen 15 Ponys, Umbau auf Handkupplung und zumeist erfolgloser Schleifpunktsuche: abwürgen oder Slapstickwheelie, dazwischen gibt’s an den unzählbaren und grundsätzlich roten Ampeln in der Hansestadt kaum etwas.

Ich lerne Herrn Senn beim Club of Newchurch kennen, schätzen und bisweilen lieben – wie das eben so ist mit Liebesbekundungen unter Männern. Senn hat für den Club die Organisation übernommen und sorgt dort für Programm, Werbung, ­Musik und Entertainment und mit seiner Anwesenheit für stringente Gelassenheit und Coolness.

Bei Thomas Disch in der Dax-Manufaktur gibt es alles, was das Herz in Sachen Dax begehrt.

Doch Herr Senn schreibt auch. Hie und da wird er gar schon als Kultautor betitelt, seine Leidenschaft liegt im Rallye-Sport und er hat eine Biografie über Walter Röhrl mitverfasst. Eigentlich ist Herr Senn Journalist, in ­Karlsruhe aufgewachsen, hat in Bruchsal als rasender ­Reporter gearbeitet und folgte dann dem Ruf einer Sportgazette mit vier Buchstaben nach Hamburg. Nach einigen weiteren Stationen in der Werbung als ­Kreativdirektor und Marketing-Allzweckwaffe macht er nun, auf was er Bock hat. Unter anderem auch für das Rallye-Magazin schreiben, Panzerfahren, den Club of Newchurch und eben seine Dax.



Herr Senn ist Liebhaber alter Motoren, den Fahr­zeugen dazu, huldigt allem, was Vergaser hat und zwei Räder, aber auch alten Möbeln und seinem kürzlich erworbenen Benz G 280 in Feuerwehrrot. Leider ist er auch begeisterter Fußballer – also angucken – wobei er selbst sagt: „Als HSV-Fan darf man kein Fußballfan sein“, daher meiden wir bei unserem Ausflug auch Besuch, Vorbeifahrt, Gespräch über oder auch nur Ansicht des Volksparkstadions. Nur wenige Tage zuvor nämlich hat sein HSV eine 0:2-Schlappe gegen RB Leipzig kassiert, Herrn Senns Stimmung ist entsprechend und er fordert die Absetzung des Trainers Gisdol. Ausgang bekannt.

„Auf Thomas Dischs Dax-Manufaktur bin ich erst durch Newchurch gekommen. Lustigerweise war Thomas ganz früher mal mein Chef in einer Werbeagentur und hat seine Werkstatt nur vier Minuten zu Fuß von mir weg. Er hat mir dann eine Dax mit dem 108-Kubik-Motor gebaut. Aber der Auspuff muss noch laut werden“, sagt Senn und peilt gierig auf das chromblitzende Sturmgeschütz an der Seite meiner Dax: schön offen und laut, Einzylindergeboller vom Feinsten. „Thomas, reservier mir mal eine!“, lacht Senn zu Thomas von der ­Manufaktur hinüber, während der mir ­seine kleine, aber heilige ­Halle über einem Baustoffhandel zeigt. Hier reiht sich Pressstahlrahmen an Presstahlrahmen, dazu Motoren aller Größen, Räder und sonst auch alles, was man braucht, um eine Dax aufzubauen. 

Hier ist die Wetterwelt noch fast in Ordnung. Keine Stunde später bläst der Sturm uns und die Daxen beinah von der Straße. Mies auch der Regen: Die Ballonreifen der Dax mögen keine Nässe und rutschen eigentlich immer und überall

„Mit der Dax fahre ich gerne, es ist so einfach. Das Teil ist cool, wendig und sehr flott, perfekt für den chaotischen Verkehr Hamburgs“, erklärt Herr Senn die Wahl des kleinen Gefährts. Herr Senn ist übrigens gut 1,90 Meter lang, entsprechend sieht die Fahrerei auf der kniehohen Honda für die Hamburger eher belustigend aus. Aber was soll ich sagen? Ich bin genauso groß und vierzig Kilo schwerer. Vielleicht fahre ich deswegen die 123-Kubik-Variante.

Auch ich lerne das kleine Gefährt sehr zu schätzen. Egal was du auf der Straße machst, die Leute verzeihen selbst gröbsten Unfug, und Abkürzungen über den Bürger­steig werden eher belächelt denn beschimpft. Was die kleinen Reifen aber nicht so gut können ist das Hamburger Wetter: Nässe und heftigen Seitenwind. Nicht nur einmal fährt das kleine Knubbelrad in der Kurve geradeaus und lässt Nasshaftung vermissen – dankenswerterweise nicht schmerzlich. Die heftigen Böen des nachmittäglichen Sturms lassen nicht nur Bäume und Gerüste einstürzen, auch die Daxen treiben mit heftiger Schlagseite über die Straßen. Schwuppdiwupp bläst es Krad und Treiber mal eben drei Meter nach rechts, schön nah an den Lkw und dessen Unterfahrschutz. Großstadtabenteuer für ­Landeier.

Stadteinwärts von der Brücke des 17. Juni: Früher fuhr Herr Senn diese Strecke jeden Tag. Es gab auch mal Zeiten, da konnte er sich das Wohnen in der Stadt nicht leisten. „Was die Leute hier an Miete für Dreckslöcher ­haben wollen und kriegen, ist obszön.“

Nach einigen dieser Schreckmomente wird es Zeit für einen sicheren Hafen. Das „Biker and Babes“ ist unser nächstes Ziel. Ein Mekka des retrograden Kleidungsstils. Also sowas wie Senns Kleiderschrank, auch wenn der das Hipster-Sein verneint. Aber das ist eine ­andere ­Geschichte. Im Laden wird wärmendes Astra ausgeschenkt und ich nutze die Chance, etwas Wolle unter die Lederjacke zu stopfen. Sturmtief Sebastian bläst der Stadt immer noch gehörig ein. „Ja, das Wetter in Hamburg ist schon ein spezielles. Es regnet halt bei jedem Wetter. ­Immer eine steife Brise, wie man so sagt, und wirklich Sommer wird’s auch nie“, motzt Herr Senn an der nächsten Ampel in Richtung Speicherstadt lautstark. Auf die Frage, warum er dann hier sei, lacht und weint er zeitgleich herüber: „Na ja, wenn Stuttgart oder München in Sachen Werbung und Marketing endlich mal aus der Steinzeit herauskämen, wäre ich sofort hier weg. Oder von mir aus noch südlicher. So oder so: Auf mein Grab wird’s mal nicht schneien“, schließt er bedeutungsschwer. 

Das „Biker and Babes“ in der Marktstraße sollte man besuchen: coole Klamotten aller Preislagen und das ein oder andere schicke ­Moped sind hier immer zu finden

Es dämmert in Hamburg und der Verkehr wird noch eine Stufe klischeebehafteter als über Mittag: Das Geld rollt in Form übermotorisierter, unterforderter ­Supersportwagen über die Straßen. Doch für brüllende ­Ferraris, Lambos, Porsche oder die sehr inflationär vertretenen AMGs hat keiner ein Auge. Es sind die beiden bollernden Dax, die die Herzen und Augen erobern – meins auch.

Hamburg, meine Stürmische. Heute wurden mir mal deine normalen Seiten gezeigt, nix Glitzer-Glitzer und Bling-Bling. Tom Senn zeigt Normalität. Erfrischend in dieser Zeit und unserer (Zweirad-)Welt.
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Stand:13 December 2018 02:21:14/szene/szene+-+auf+sturmfahrt+mit+herrn+senn_18725.html