Pikes Peak – Gegen den Berg

15.09.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Sascha Bartels
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Harte Konkurrenz: Thilo ­Günther mit der Startnummer 10 vor dem Australier Rennie ­Scaysbrook auf KTM 1290 ­Super Duke R. Im Rennen wird der Aussie Zweiter hinter Carlin Dunne auf ­Ducati Multistrada, ­beide fahren ­unter zehn Minuten

Was übrig ist, reicht für exzessive Adrenalin­orgien trotzdem. Thilo Günther weiß das. Im Juni ist der 38-Jährige zum zweiten Mal gegen den Berg angetreten, auf einer von BMW-Spezialist Wunderlich vorbe­reiteten BMW S 1000 R. Angesichts dieser Wahl erscheint ­seine erste Teilnahme 2017 auf BMW R 1200 R wie ein gemächliches Vorspiel, doch weit gefehlt. Vom Fleck weg war er mit 10:49,177 Minuten auf den fünften Platz in der Heavyweight-Klasse und den zehnten Rang im Motorradklassement gefahren. 

Und so hatte sich das Team für dieses Mal Ernsthaftes vorgenommen, große Brötchen backen war angesagt: „Wir wollen um den Sieg mitfahren“, hatte Wunderlich-Geschäftsführer Frank Hoffmann als Parole ausgegeben und Thilo hielt einen Podiumsplatz zumindest für ­möglich. Und auch eine Teamkollegin war diesmal ­dabei: die 28-jährige IDM und Langstrecken-Rennfahrerin Lucy Glöckner. 

Am Renntag hatte Thilo plötzlich Grip-Probleme. Zwei heftige Rutscher musste er auf den zwanzig Kilometern parieren

Streckenkenntnis ist das A und O, am Pikes Peak ist sie Lebensversicherung. Auslaufzonen Fehlanzeige, auch Leitplanken sind nur spärlich gesät. Atemberaubende Aussichten paaren sich mit ebensolchen Abgründen. An vielen Stellen geht es 500 Meter in die Tiefe, in einer der Rechtskehren sogar 1800. Nicht umsonst gilt für den Touristenverkehr ein Tempolimit von 25 Meilen pro Stunde, sprich 40 km/h. „Als ich das hier zum ersten Mal gesehen habe, wäre ich im ersten Impuls am liebsten wieder in den Flieger nach Hause gestiegen. Das ist schon ein Wahnsinn, das musst du während des Rennens ausblenden.“ 

Die Wunderlich-Delegation in Colorado. Nicht nur Thilo star­tete auf einer S 1000 R, Lucy Glöckner (rechts) gab heuer den ­Rookie am Berg. Mit großem Erfolg: Sie landete in der Motorradgesamtwertung hinter Thilo auf Rang sechs

Wie kann man sich darauf vorbereiten? „Viele Möglichkeiten zum Trainieren hat man nicht“, sagt Thilo. „Rund drei Wochen sind wir vor Ort, im letzten Jahr bin ich unzählige Male mit der R 1200 R den Berg hoch und runtergerollt. Doch mit 40 km/h hat das mit Training nicht viel zu tun. Oberhalb der Baumgrenze hast du kaum Orientierung, ich habe mir Steine an den Straßenrand gelegt, um Einlenkpunkte zu markieren.“ Gibt es denn kein offizielles Training? „Doch, eine harte Woche lang. Mitten in der Nacht stehst du auf, Start ist bei Sonnenaufgang. Um 8.30 Uhr ist ­wieder Schluss, dann wird die Strecke für den ­Publikumsverkehr ­geöffnet. Doch auch während der ­Woche kannst du die Strecke nie am Stück fahren. Die zwanzig Kilometer werden in drei Sektionen unterteilt, pro Tag fährst du nur eine.“ Glück, dass es die Playstation gibt. „Ein halbes Jahr lang habe ich davor gesessen und trainiert. Damit hast du die Strecke dann so weit im Kopf, dass das Risiko kalkulierbar ist. Wenn du da crashst, drückst du den Knopf und es geht weiter. Das sieht in echt ein bisschen anders aus.“

Ein paar Strohballen und Airfences sind beruhigend, die ­Illusion der Sicherheit können sie nicht schaffen. An manchen Stellen geht es 500 Meter in den Abgrund, in einer Kehre sogar 1800 Meter

10:20 Minuten hatte sich Thilo für dieses Jahr vorgenommen. Mit 225 PS am Hinterrad hat seine Renn-S 1000 R rund hundert mehr als der Boxer. Zwar verliert sie in der Höhenluft Colorados bis zu einem ­Drittel ihrer Leistung. Gegenüber dem Vorjahr ­jedoch sollten mit so viel Zusatzkraft doch ein paar Sekunden gutzumachen sein. Die dünne Höhenluft ist nicht nur für die Motoren ein Problem, sondern auch für den ein oder anderen Fahrer. „In den drei Wochen dort habe ich weiter Sport getrieben, der Unterschied ist schon deutlich zu merken.“ Der ein oder andere Fahrer hat deshalb sogar eine unterstützende Sauerstoffversorgung unterm Helm, für Thilo kam das aber nicht in Frage. 

Viel Zeit zum Training gibt es nicht. Thilo verschaffte sich seine Streckenkenntnis zum Großteil vor der Playstation

Am Tag des Rennens lief es erst mal nicht gut für den Bielefelder. Nach rund drei Meilen zeigte man ihm die ­rote ­Flagge. Ein Elektromotorrad vor ihm war ­gestürzt, alles zurück auf Start, halbe ­Stunde ­­Zwangspause. Zudem war an diesem Tag die ­Strecke verdammt rutschig. „Das hat sich angefühlt wie ein platter Hinter­reifen. Im Training war diese ­Glätte nie zu ­spüren.“ Zwei ­heftige Rutscher ­hatte er denn auch während des Rennens und doch ­wurde am Ende alles gut: Aus dem ange­peilten Ziel von 10:20 Minuten wurden sagen­hafte 10:16,637. Damit war er 33 Sekunden schneller als 2017. Für einen ­Podiumsplatz hat es trotzdem nicht gereicht, ganz knapp. Hinter den werksunterstützten Teams von Ducati mit den Fahrern Carlin ­Dunne und Codie Vahsholtz sowie KTM mit ­Rennie Scaysbrook landete Thilo auf Platz vier der Heavyweight-Klasse und Rang fünf der ­Gesamtwertung. Nur siebzehn ­Sekunden fehlten ihm auf Dunn, vier aufs Podium. „Ich denke, ich hab mein Bestes gegeben. So ist Racing halt“, kommentiert er. Und ­Lucy? Erreichte mit 10:21,932 direkt hinter ihm einen fantastischen sechsten Platz. 

Thilo startete zweimal zum Rennen. Beim ersten Mal sah er wegen eines gestürzten Elektrobikes die rote Flagge und musste umkehren

Muss man bei derartigen Ergebnissen nicht im nächsten Jahr weitermachen? „Die Amerikaner haben uns gefeiert. Das zwingt uns fast dazu, noch mal hierher zu kommen“, sagt Frank Hoffmann. Wie auch immer: Was Thilo in den zwei Jahren erlebt und geleistet hat, ist ihm nicht mehr zu nehmen.

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Stand:17 January 2019 19:01:32/szene/pikes+peak+-+gegen+den+berg_18905.html?page=1