Moto Sumisura – Auf Maß geschneidert

14.05.2018  |  Text: René Correra  |   Bilder: Götz Göppert
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Moto Sumisura – Auf Maß geschneidert
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Kultur, Essen, Kunst, schöne Autos und nicht zuletzt ­betörende Motorräder. Italien besitzt viele Verlockungen. Und ausgeprägten Nationalstolz. Trotzdem glüht ein ­begnadeter Italo-Schrauber für Krafträder made in Bavaria. Zeit für einen Besuch bei Moto Sumisura
Deutschland und Italien – eine schwierige Beziehung. Da können die Deutschen noch so sehr vom Alterssitz in der Toskana, von Pasta und Parmigiano, von ewiger Sonne – kurzum vom dolce vita – schwärmen: Ihr Auto entstammt selbstverständlich nicht italienischer Produktion, Gott bewahre. Sollte im nächsten Traumurlaub das Herz, vom vielen molto schmecko strapaziert, der medizinischen Versorgung bedürfen, geht es zack, zack wieder Richtung Germania ins heimische Gesundheitssystem. Und beim allabendlichen Trattoria-Besuch beäugt Mann den etwas zu charmanten Kellner misstrauisch – der wartet doch nur auf seine Chance bei der ­Gattin. Wir lieben unsere Nachbarn südlich der ­Alpen, aber wir schätzen sie nicht, so sagt man.

Die Gegenperspektive ist kaum schmeichel­hafter: Dass ein 70er-­Jahre-Benz heute noch fährt, die Teutonen brav ihre Steuern zahlen und der deutsche Staat eine gewisse Rechtszuverlässigkeit bietet, ­nötigt Italienern bis heute größten Respekt ab. Aber Liebe? Scusi, dieses Polarwetter, diese Buchhalter-Mode, dieses barbarische Essen? Grazie, no.

Dengeln, Schleifen, Hämmern – ein Blick auf seine Motorräder, ein Ohr für seine Worte und es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie Frank sich hingebungsvoll Stunde um Stunde der Bearbeitung von Metall widmet

So weit, so Klischee. Aber wie kann man es dann erklären, wenn ein Italiener auf alte BMW-Motorräder abfährt? Sie mit voller Hingabe zu kleinen Kunstwerken umbaut. Seinem sicheren Job den Rücken kehrt, um fortan nichts anderes mehr zu tun? Was sollte das sein, wenn nicht grande amore? Zeit, das herauszufinden, und Zeit, weiter an der deutsch-italienischen Freundschaft zu ­arbeiten.

Hausbesuch bei Franco Augello von Moto Sumisura, der sich jedoch selbst lieber Frank nennt. Wie passend. Ein unscheinbares, zweistöckiges Haus abseits der Hauptstraße in Vigevano, zirka eine Stunde südwestlich von Mailand, bildet das Zentrum seines Wirkens und Lebens. Was sich beim Übertreten der Türschwelle unseren Blicken eröffnet, hätte auch die gesamte Marketingmacht eines – sagen wir bayrischen – Motorradkonzerns nicht besser hinbekommen. Von Surfbrettern über reichlich patinierte Werbeplakate und endlos im Haus verstreute Teile alter BMWs findet sich ein synaptisches Dauerfeuer in Franks Hütte, das Motorrad-Hipster allerorten Tränen in die Augen treiben würde. Und da ist einem noch nicht mal aufgefallen, dass jeder zweite Einrichtungsgegenstand den bayerischen Motorenwerken entstammt. Ventildeckel sind zu Lampen, Motorgehäuse zu Schreibtisch-Organizern und Zylinder zu Flaschenhaltern geworden. So ergeben sich zusammen mit passend drapierter Motorlektüre und dem ein oder anderen Fläschchen Hochprozentigem wahre Stillleben. Frank hat ein Händchen für schöne Dinge, aber was soll man auch erwarten? Der Mann ist Italiener, teutonisierter Name hin oder her, dazu noch mit einer beruflichen Vergangenheit in der Fashionbranche.

Die ersten Komponenten für J.M 01.3, die dritte Evolutionsstufe seiner eigenen BMW R80 G/S, wurden bei unserem Besuch  bereits ertüftelt. Die Inspiration für die aparte Tankform fand Frank in Reitsätteln

Nun gut, Frank kann Innendesign, aber kann er auch Motorräder? Wir begeben uns in des Meisters Garage und Werkstatt oder wie er einfach sagt: in die Box. Eh viel passender, denn die Box ist voller Boxer. Sollte die Wohnetagengestaltung noch zu vage ­gewesen sein, lässt die Box keinerlei Zweifel mehr an Franks Lieblingsmarke. Und an dem einzigartigen Charakter seiner Maschinen. Holz, Alu, Stahl, Kupfer, Bronze – sanft geschwungen, handgedengelt, eher roh als feinpoliert. Klassisches Material schafft klassische Maschinen. Ein wenig Kitsch hier, ­etwas Barock dort, aber immer viel Kunst.

Bei aller Liebe zu deutschen Krafträdern: Auf Franks Tisch kommen nur ­heimische Köstlichkeiten. ­Italien bleibt Italien

So wie bei seiner SRS 9T. Ein Motorrad, das trotz der modernen Basis direkt aus einem Jules-Verne-Roman entsprungen zu sein scheint. Generell hält Frank sich jedoch lieber in der Vergangenheit auf. Die von München höchstselbst in Auftrag gegebene SRS ist eine der wenigen modernen BMWs, derer sich der Ita­liener angenommen hat. Ansonsten beschäftigt Augello sich vorzugsweise mit den Epochen alt (Zweiventil-Boxer) und hässlich (K-Modelle) im weiß-blauen Geschichtsbuch. Letzteres angestachelt durch einen Freund, der ihm vorwarf, dass ja wohl jeder etwas Schönes aus einem alten Boxer machen könnte. Ersteres, weil ihm die ­neuen, performanceorientierten BMWs ­einfach zu japanisch wurden.  

Ob altes oder neues Ausgangsmaterial: Sowohl die J.M 01.2 auf R80-G/S-Basis (im Hintergrund) als auch die SRS auf 9T-Basis entsprechen ganz der Sumisura-Schule

Su Misura ist italienisch für „maßgefertigt“ und so versteht Frank sich als „Maßschneider für Motorräder“, wie er sagt. Er nimmt einen Haufen alte Lumpen und bastelt daraus feine Abendgarderobe, genau so, wie der Kunde es will. Oder er selbst. Denn wie Frank an Motorräder herangeht, lässt sich schön an seiner eigenen J.M. erkennen, benannt nach seinem Sohn Jean Marie. Version 01 war seine erste unter dem Label Sumisura umgebaute BMW. 2009 machte er aus der R80 G/S einen moderat glänzenden Retro-Roadster. Für die nächsten BMW-Days in Garmisch war ihm aber dann doch eher nach etwas im Stil der alten Bonneville-Salzsee-Renner – samt Hoske-Tank, Holzsitzbank und handgemachter Sichelkotflügel: die J.M 01.2 war geboren. Bei unserem Besuch nahmen Tank und Bodywork für die J.M 01.3 bereits ihre spektakulären Formen an, das Ergebnis wird mit Erscheinen dieser Geschichte längst zu bestaunen sein. Maßanzüge müssen ja auch ab und an mal geweitet, pardon, aktualisiert werden. Der Bauch, pardon, das Maß ändert sich halt mit den Jahren.

Minimalistisch, roh, einfarbig – das war die Kundenvorgabe für die R 65 (im Hintergrund), ­bevor sie zur LKN 21 wurde. Ein ­Para­de­­beispiel für den Stil von Moto Sumisura

Gutes Stichwort, der Magen knurrt. Frank hat da was vorbereitet und führt uns wieder in den Wohnbereich. Weißwurst und Weizenbier? Dio mio, no: schwere ­Pasta, leichter Wein. Er liebt die Deutschen, keine Frage. Aber so sehr dann auch wieder nicht. Deutschland und Italien – ­eine wunderbare Beziehung.
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Stand:21 August 2018 08:07:39/szene/moto+sumisura+-+auf+mass+geschneidert_18308.html