Meinung – Mehr Mut

25.08.2018  |  Text: Georg Godde  |   Bilder: Georg Godde
Meinung – Mehr Mut
Meinung – Mehr Mut
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Georg Godde geht der ganze Motorrad­einheitsbrei aus der Industrie so langsam auf die Nerven, bei dem Marketing und ­Controlling mehr ­Gewicht zu haben scheinen als das Design
Georg Godde ist Diplomdesigner und Krad-Customizer. Das Schrauben ist aber mehr Hobby als Broterwerb

Wenn alle mehr oder weniger das Gleiche ­machen, ist das dann noch Design? Welchen Hersteller ich mir auch anschaue: Gelungene Beispiele für modernes, innovatives und zukunftsweisendes Motorraddesign findet man kaum. Allen gemeinsam ist fehlender Mut und die Abwesenheit einer gestalterischen Idee und das gilt auch für die Technik. Das, worum es eigentlich geht, scheint immer mehr in den Hintergrund zu treten, Betriebswirte mit ihrem Marketinggeschwurbel scheinen die Oberhand zu gewinnen. Viel zu viele halbgare Entwürfe ­schaffen es auf die Straße mit diesem Klein-klein-Design mit Ecken, Kanten und Formen, die aussehen wie per Zufall im 3D-Programm generiert. Manga-Comics auf Rädern. Herausragend hier Kawasakis Ninja H2R als Höhepunkt (und hoffentlich Endpunkt) dieser Formensprache, Reizüberflutung auf Rädern. Auch die Z 900 RS ist – trotz aller Lorbeeren – im ­Bereich Retrodesign letztlich ein trauriges ­Kapitel. Ein seitlich liegendes Federbein in einem Retro-Bike, tzz, tzzz, tzzz ... Um wie viel konsequenter und besser war da doch die alte Zephyr-Reihe gemacht.

Auch der Hype um Ducatis Scrambler-Cashcow ist mir suspekt, nichts an ihr ist wirklich modern oder „­iconic“, weder das Design noch die Technik. Dazu verunglückte Proportionen, eine Sitzbankform, die besser zu einem Roller ­passen würde, und eine Bananenschwinge. Auch der 1100er-Motor ist letztlich moderne Resteverwertung. Für Euro-4-­kastrierte 86 PS braucht er jetzt eine Traktionskontrolle und Fahrmodi. Die Krone der Fantasielosigkeit ist die Desert Sled im Yamaha XT-500-Ornat, die mich noch mehr schmerzt als der Schriftzug „BMW Motorrad“ auf der oberen Gabelbrücke der Münchner – es könnte ja schließlich auch ein Auto sein.

Zu oft beschränkt sich Motorraddesign heute auf das Design des Scheinwerfers. Ja, das gehört dazu, aber mal ganz ehrlich: Wie soll das denn auf Dauer funktionieren, wenn nirgends mehr eine Designhandschrift erkennbar ist oder, noch schlimmer, nicht mal mehr eine gestalterische Idee? Warum kopiert BMW mit der G 310 R die KTM Duke, anstatt ein Designstatement zu setzen? Warum hat man so wenig Mut, so viel Angst vor Neuem? Gerade BMW war immer einfallsreich und innovativ, wenn auch teilweise auch aus der puren Not heraus. Münchens S 1000 RR immerhin war technisch die Benchmark bei den ­Superbikes, aber ihre Formensprache von Anfang an beliebig. Mit Ausnahme des Scheinwerferdesigns vielleicht – und das war missglückt. Dass BMW fast zehn Jahre später mit der HP 4 Race einen Kohle­faserrenner mit dem gleichen langweiligen Design für eine abstruse Summe anbietet, macht die Sache nicht ­besser. Wenn man schon so was Radikales nur für die Rennstrecke baut, wieso hat man dann nicht den Mut, ein modernes gestalterisches Ausrufezeichen zu setzen?

Warum strahlt der Stern der ­Ducati 916 von Massimo Tamburini so hell? Weil man sich der Aura aus Designleidenschaft, Technikbesessenheit und Liebe zum Detail nicht entziehen kann. Wie es immerhin etwas besser geht ­zeigen die Smart- und Vitpilen-­Modelle von Husqvarna, die gelungene Fantic-Caballero-Familie oder auch der Weg, den Honda mit der neuen CB 1000 R beschreitet. Auch die verwenden Design­zitate alter Motorräder. Hier aber werden sie jung, frisch und mit ­modernen Oberflächen interpretiert. Mehr Mut, das muss der Weg sein.

Also, liebe Designer: bitte mehr Leidenschaft und Konsequenz! Setzt euch durch gegen all die Marketingfuzzis und ­BWLer, die ständig in eure Kernkompetenzen reinquatschen! Die haben nämlich keine Ahnung von Motorraddesign.
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Stand:21 November 2018 16:49:57/szene/meinung+-+mehr+mut_18530.html