Meinung – Einfach abhängen

20.10.2018  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Tobias Kircher
Meinung – Einfach abhängen
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Mit dem Motorradanhänger ist es ein ­bisschen wie mit der Romantik. ­Jedermann ­genießt sie und doch haben Männer immer noch Probleme, offen dazu zu ­stehen. Sollten diese Zeiten nicht endlich vorbei sein?
Lucia Prokasky, 28, ist ehrlich – vielleicht, weil es bei ihr rein biologisch keine Schwanzvergleiche geben kann

Witzig, noch vor Kurzem waren Reisen mit dem Anhänger was für Spießer, echte ­Biker fahren schließlich auf Achse – ahu! „Jawoll, so ist das!“, denkst du jetzt und dein innerer Hund bellt dir zustimmend zu? Dann bist du vermutlich ein Mann – so einer, für den ich diese ­Kolumne geschrieben habe. 

Fakt ist: Wenn Spießer Spießer als Spießer bezeichnen, hört sowieso alle Logik auf. Schließlich sind wir angepasst im System Lebenden doch fast alle ­irgendwie spießig. Ob Mann oder Frau, ob alt oder jung. Wer genießt nicht ­tagtäglich den Luxus des 21. Jahr­hunderts? Abends auf der Couch alle viere von sich strecken, den Hirn­kasten per ­Glotze auf Leerlauf schalten und das Fertiggericht aus der Mikro holen: Das ist durchaus spießig – und wir tun es alle. 

Zurück zum anderen Hänger, dem Anhänger. Der Blickwinkel auf diese Schande scheint sich klammheimlich gewandelt zu haben. Das zumindest belegen immer mehr Sichtungen von Anhängern mit Mopeds drauf. Auch auf den Parkplätzen der Motorradhotels ­tummeln sie sich zuhauf, ich bin Zeugin. Wer sich nun so gar nicht ­angesprochen fühlt und immer noch nur einen verächtlichen Blick für dieses Thema übrig hat, für den habe ich eine Frage: Wo ist das ­Problem? Wer hat denn bitte schon Lust, zig Kilometer auf der Autobahn gegen den Wind zu kämpfen, mit bitzelnden Händen den Kaffee an der Raststätte zu ­schlürfen, um am Vorabend der eigentlichen Tour mit der Hand am Arm gegen die ins Visier eingebrannten Fliegen zu ­kämpfen. Welcher Langstrecken-Biker kennt das nicht? Ich sage: Ein Hoch auf den Anhänger! So viel Spießertum darf sein. Gemütlich plaudernd Strecke machen, eintauchen in eine andere Welt und dann völlig erholt am Morgen die ­Mopeds starten. Es folgen zahllose schöne Eindrücke, ein perfekter ­Urlaub, aber mit einem Unterschied: Dieses Mal ist auch die Heimfahrt Teil der Erholung. Ein paar Lieder im Radio mitgegrölt, einige tief- und noch viel mehr schwachsinnige ­Gespräche geführt und flutsch, bist du wieder zu Hause. So erholsam kann ein Urlaub enden.

Und reden wir mal nicht nur vom Urlaub: Was ist denn mit all denn Crossern oder Rennstrecken-Fans? Auch die fahren seit jeher mit dem Hänger zur Strecke. So wird das Gummi nicht eckig und das herzallerliebste Stück darf ganz artgerecht ­ausgeführt werden. Das möchte ich fast lieber rücksichtsvoll nennen denn spießig. Und dann kommt er doch wieder zuverlässig, der ­typische Einwurf eines Kollegen: „Nein, ­Spießer sind sie vielleicht nicht, aber Weicheier.“ Dass ich nicht ­lache. Auf der Renn- oder Cross­strecke ­zeigen Jungs wie Mädels wahr­haftig Eier aus Stahl, das gilt es ­erst mal nachzumachen. Und nach ­sechshundert ­Kilometern Autobahngeschrubbe bleibt doch am Ende ­ohnehin nur Rührei übrig, oder?

Die Zeiten, in denen die Männlichkeit an Strecke ­gemessen wird, sind vorbei. So kleine Lineale gibt es sowieso nicht. In den 60ern war das vielleicht cool, als die Fahrt nach ­Italien noch eine Expedition in ungewisse Gefilde war. Parallel zur ­Infrastruktur ist eben auch unsere Verwöhntheit gewachsen und nicht nur alte Säcke, Sportler oder Frauen gehören zum Schlag ­Anhänger-Fahrer – ja auch du. Du willst es doch auch.
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Stand:13 December 2018 03:34:40/szene/meinung+-+einfach+abhaengen_18725.html