Hooligan Flat Track – Dreck fressen in Faak

11.07.2018  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Horst Rösler
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Hooligan Flat Track – Dreck fressen in Faak
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Kann ein echter, gereifter, ein­gefleischter Harley-Davidson-Fahrer auch offroad mithalten? Wir haben’s ausprobiert – mit einem eher ­zweifelhaften Ergeb
Ein heftiger Tritt gegen die Vorderradfelge ist es, mit dem Marco Belli einen nachhaltigen Lerneffekt erzielt. „Verry imporrtant is the angle“, erklärt der Italiener dazu mit rollendem R. Der Winkel zwischen Hand und Unterarm sei wichtig. Es hat nämlich gar keiner zu sein. Hand und Unterarm müssen in einer geraden Linie liegen, sonst kann der Fahrer keine Stöße abfangen.Das wird sich der gerade auf dem Bike sitzende Disci­pulus (Schüler) merken, hat er doch Hand und Arm angewinkelt gehalten. Seine Gabel schlägt mit dem Tritt zur Seite ein, den Arm zieht er zurück. So also geht Flat- Track-Fahren nicht.

Ein paar andere Dinge gehen auch nicht, wenn man’s richtig machen will. Bremsen zum Beispiel. Das Bike hat nämlich vorn gar keine Bremse. Und die Hinterrad­bremse im Rennen auf gar keinen Fall ­benutzen, sonst bricht das Hinterrad auf dem losen Grund aus! Auch Gaswegnehmen bitte nicht, jedenfalls nicht im Slide in der Kurve. Dann könnte das slidende Hinterrad wieder greifen, ein Highsider wäre die Folge, das Bike würde sich aufrichten und seinen Fahrer in hohem Bogen kopfüber aus dem Sattel katapultieren.



Schöne Aussichten. Wie aber kommt man in diesen ominösen Slide? Also das, was Laien auch Driften nennen: Die Kurven­fahrt in stärkster Schräglage, mit durchdrehendem Hinterrad und aus der Kurve hinaus weisendem Lenker. In der Fahrschule selig haben wir gelernt, das Durchdrehen des Hinterrades tunlichst zu vermeiden, droht dann doch der Kontrollverlust übers Bike. Im Flat Track aber ist der Slide allererste Bedingung für schnelle Runden.

Marco Belli erklärt es nicht. Das ist für den italie­nischen Flat-Track-Profi wohl einfach zu selbstverständlich, erst recht auf den neuartigen Bikes in dieser ­Klasse. Haben sie doch schlicht zu viel Leistung, um ohne durch­drehendes Hinterrad gefahren zu werden.



Wir sind auf dem „Hooligan“-Flat Track auf der Euro­pean Bike Week am Faaker See. Harley-Davidson versucht, sich mit neuen Motorrädern endlich einmal wieder in die Racing-History einzuschreiben. Basis dafür ist die wassergekühlte Street Rod mit ihren 750 Kubikzentimetern, eine bissige kleine Harley für die junge Generation, die nun für den Flat Track zur XG 750 R modifiziert wurde. An der Premiere des kleinen Biests nehmen zwanzig ausgewählte Journalisten aus Europa und Japan teil, die Marco Belli nun in einem zweitägigen Crashkurs zu Flat-Track-Fahrern ausbilden soll. Ob ihm das gelingt?



Flat Track hat eine große Tradition in den USA, ist aber eine in Deutschland kaum bekannte Disziplin, ­ausgetragen auf einem Oval von der Größe einer Leichtathletikbahn. Dafür hat die Company einen Acker umgegraben, den Boden planiert und verdichtet. Und dann kommt der besondere Trick: Die Bahn wird gewässert. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auf einem staubigen Boden hätten Reifen keine Haftung, auf schlammigem Boden auch nicht. Also liegt das Geheimnis in der richtigen Mischung. Immer wieder muss das Training unterbrochen werden, um die Piste neu zu präparieren, Bodenwellen einzuebnen und aus einem großen Tank­anhänger neues Wasser drüberzugießen. Vertrauen weckt dieser Untergrund für Straßenfahrer nicht.



Und dann das Fahrerfeld: Die Hälfte der Mannschaft besteht tatsächlich aus Journalisten, die in dieser Disziplin ein wenig oder gar keine Erfahrung haben. Unter ihnen wir und diese sagenhaften Skandinavier. Das Team der norwegischen Zeitschrift „Biker Journalen“ hat den ganzen Weg von Trondheim bis nach Kärnten auf großvolumigen Harleys und Indians abgeritten. Echte Helden des Asphalts – auf losem Boden aber sind diese Nordmänner in ihrem Leben noch keinen Meter gefahren. Die andere Hälfte besteht aus Profis in allen möglichen europäischen Offroad-Disziplinen. Konkurrierende Zeitschriften haben sie mal eben für dieses Rennen zu Journalisten ernannt, obwohl sie in ihrem Leben noch keine einzige Zeile geschrieben haben. Zu erkennen sind sie am eisernen Schuh, den sie über dem linken Stiefel tragen. Mit dem schleifen sie in Schräglage über den Acker.



Auch das eine Eigenart des Flat Track: Das linke Bein hat auf der Fußraste nichts zu suchen. In der Fahrschule haben wir das mal anders gelernt. Aber im Flat Track ist das linke Bein sozusagen das dritte Rad, das im Idealfall den Boden gar nicht berührt, aber eben doch als Sensor für die Schräglage zu dienen hat.

Die Profis beherrschen das alles perfekt. Aber wir Schreiberlinge mit unseren zarten Fingern? Und dann auch noch ich: Harley-Fahrer, klar, aber schwergewichtige Big Twins, und die nur auf Asphalt. Null Erfahrung also, darüber hinaus Schreiberling mit längstmöglicher Schaltung vom Kopf zum Körper und wieder zurück. Im Training mache ich zusammen mit den Skandinaviern die lächerlichste Figur.



Die Italiener aus dem Team von Marco Belli sehen dagegen schon im Stand sexy aus. Wenn man das so nennen will. Sekundenlang lang tänzeln diese kleingewachsenen Instruktoren mit gestrecktem Bein vor mir her, wenn ich meine Runden drehe. Ja, die Italiener, die können das mit dem Körper! Wenn sie nur mit gekreuzten Armen die Schlussrunde signalisieren oder mit rotierenden Händen den Teamwechsel ankündigen, oder wenn sie diese schwarz-weiß karierte Startflagge durch die ­Lüfte wedeln, dann ist das ein filigranes Ballett. So was lernt man bei uns nur auf dem Christopher Street Day, den Italienern aber ist es in die Wiege gelegt.

Nun, mit diesem Tänzeln und dem gestreckten Bein aber bedeuten sie mir, dass ich bitteschön das linke Bein von der Raste nehmen und den Boden touchieren soll. Irgendwann begreife ich es auf meiner peinlichen Zitter­partie. Von mir aus. Und irgendwie werde ich in jeder Runde sogar ein bisschen schneller. Aber driften? Der Fotograf presst nach meiner Frage die Lippen ­zusammen und lächelt mitleidig: Nein, das sei noch kein Driften gewesen.



Doch dann, ich kann es selbst kaum glauben, geschehen Zeichen und Wunder. Immer schneller gehe ich in die Runden, die Skandinavier bestätigen es mir. Das Hinterrad tänzelt ohne auszubrechen, ich wage Schräglagen, die ich selbst auf Asphalt nie gewagt hätte. Und dann – ist es gefühlt oder ist es echt? – glaube ich sogar, den Lenker nicht in die Kurve zu neigen, sondern aus ihr heraus. Ist das der ­Slide? Plötzlich lecke ich Blut, glaube es ­begriffen zu haben, und diesen unbehol­fenen ­Skandinavier da vor mir in der ­Trainingsrunde, den werde ich ja wohl auch noch wegschnupfen!

In der nächsten Kurve beschließe ich, ihn von innen zu nehmen, bin mit dem Vorderrad schon auf Höhe seines Hinter­rades, da wird plötzlich die Kurve zu eng. Schon touchiere ich sein Hinterrad, vielleicht fürchte ich es auch nur. Der Nordmann beteuert jedenfalls anschließend, nichts von mir gespürt zu haben. Ich aber ziehe das Gas zurück und verliere die Kontrolle. Wie von Marco Belli prophezeit, fliege ich per Highsider vom Bike und poltere auf den Protektoren der eben noch blütenweißen Louis-Kombi mit zwei Rollen aus der Kurve. Hat nicht weh getan. Schnell stelle ich mich auf die Strohballen am Rand und winke, damit die anderen meine Unver­sehrtheit sehen. Nur die Harley liegt mit gebrochenen Fußrasten und abgefal­lenem Tacho im Acker. Für die nächste Runde bekomme ich eine neue und drehe mit Lust weiter meine Kurven.



Mit Lust? Ja, es ist wie beim Sex in jungen Jahren, ich könnte gleich wieder. Die Angst ist dem Spaß gewichen. Einen Sinn hatte es trotzdem nicht. In den Ausscheidungsrunden am nächsten Tag ist mir per Los gleich ein Spanier als Gegner zugewiesen worden. Der heuchelt Bescheidenheit. Von Flat Track hätte er auch keine Ahnung, beteuert er. Seine Disziplin sei einfach nur Offroad. Na denn. Fast hätte er mich noch überrundet. Es hat jedenfalls genügt, im K.-o.-System das kürzeste aller möglichen Rennen zu fahren. Den Sieg trugen die Profis untereinander aus.



Als der erste Rundenspiegel mit echten Zeiten an der Zeltwand klebt, sehe ich ein mir aus dem Schulsport bekanntes Ergebnis: In der Gesamtwertung bin ich Vorletzter. Mehr wollte ich auch gar nicht. In der Schule war ja auch immer ein Dicker da, der statt mir den letzten Platz belegte. Typisch! Wie auch der Sturz. Natürlich hatten wir einen Fotografen, doch so ein Flat-Track-Oval hat nun mal zwei Kurven. Und ich stürzte selbstredend in der falschen Kurve. Nicht mal davon konnte ich Bilder mit heimnehmen.

Zur Klärung der letzten, alles entscheidenden Frage aber dürften die Fotos beitragen: Hab ich irgendwie doch das Driften gelernt? Schaut euch die Bilder an, ­entscheidet selbst. Entscheidet auch, ob ich Hand und Unterarm im richtigen Winkel halte. Ich selbst mag gar nicht hingucken. Die Schlappe, nicht mal das ­Driften hinbekommen zu haben, wäre nicht zu ertragen. Sie wäre noch nachhaltiger als ein heftiger Tritt gegen die ­Vorderradfelge.
 



Infos zum Motorrad
Harley-Davidson XG 750 R

Die Harley-Davidson Street wurde im Jahr 2015 vorgestellt. Sie ist ein erneuter Versuch der Company, junge Käufergruppen zu gewinnen. Sie hat einen wassergekühlten V-Motor mit 500 oder 750 Kubikzentimetern Hubraum. Als Street Rod fällt sie mit Upside-down-Gabel und gesteigertem Drehmoment noch sportlicher aus. Im Unterschied zu den schwergewichtigen und voluminösen Big Twins ist sie am ehesten mit der eingestellten V-Rod zu vergleichen: drehfreudig und bissig, darüber hinaus aber leichter und kurvenfreudiger. Als Basis für ein Flat-Track-Race ist sie nur bedingt geeignet, aber: Alle anderen Harleys in der Modellpalette sind es noch viel weniger.

Die Modifikationen für das Rennen sind vielfältig. Wesentlich ist ein verkleinerter und nach hinten verlegter Tank, was nicht so einfach war. Die im Tank befindliche Benzinpumpe musste dafür nämlich ebenfalls angepasst werden. Der Tank fasst nunmehr sieben Liter Kraftstoff. Außerdem ermöglicht der nun kleinere Tank eine Erweiterung des Lenkanschlages nach rechts. Dafür wurde der rechte Gusszapfen in der Gabelbrücke entfernt und durch einen kleinen Bolzen ersetzt.

Die Lenkerergonomie ist den Bedürfnissen des Flat Tracks angepasst. Die rechte Bremsarmatur wurde entfernt. Beibehalten wurde die Upside-down-Gabel, die hinteren Federbeine ersetzte man durch Öhlins-Dämpfer. Für ordentlichen Grip auf dem losen Dreck sind Pro-Xtreme-Regenreifen von Avon aufgezogen. Der Schalldämpfer wurde entfernt, das Mapping der elektronisch geregelten Einspritzanlage modifiziert. Über die nun anliegende Leistung wollten die Mechaniker natürlich nichts verraten, es sei genug vorhanden. Viel wichtiger für die kurzen Anläufe sei das Drehmoment.

Noch während des Rennens hatten sich die Mechaniker am Mapping ausprobiert und keine endgültige Abstimmung gefunden. Das verursachte immer wieder Verzögerungen und schließlich eine Änderung des Rennablaufes. Im Verdacht hatten sie den niedrigeren Luftdruck in der österreichischen Höhenluft.​ Größter Feind der Technik war der Staub. Die Luftfilter waren deshalb geölt, mussten aber trotzdem nach jedem Lauf aufs Neue ausgeblasen werden.
 

Technische Daten – Harley-Davidson street Rod (Serie)

Motor: Viertakt-V-Twin, wassergekühlt, vier Ventile pro Zylinder, dohc, 749 ccm, Bohrung x Hub 85 x 66 mm, 6-Gang, Zahnriemen
Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Standrohr-Ø 43 mm, Stahlschwinge mit zwei Federbeinen, Radstand 1510 mm, 300-mm-Doppelscheibe vorn, 300-mm-Scheibe hinten, ABS, Bereifung 120/70-17 und 160/60-17
Preis: ab 8.225 Euro zzgl. Nebenkosten
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Stand:21 November 2018 17:15:00/szene/hooligan+flat+track+-+dreck+fressen+in+faak_18411.html