Erlebnis Schweden – Die Anderen aus Lönneberga

17.12.2018  |  Text: Guido Urfei  |   Bilder: Guido Urfei, Tim Ulama, Werk
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Angeleint am Schwedenkai wartet in Kiel die zweihundertvierzig Meter lange Stena Scandinavica nach Göteborg, aus dem Schornstein schwarzer Dieselqualm, als könnte auch sie es nicht abwarten. Die XR wird vom Fährpersonal festgezurrt. Alltag im Schlund der Ostseedampfer mit ihren Eingeweiden aus daumendicken Hydraulikleitungen und offenliegenden Kabelbäumen. Bei diesem Job unter Tage hat man ­Benzin im Blut, ob man will oder nicht. Die Blechkisten ­werden zentimetergenau zusammengepackt, wie die Heringe zur Überfahrt eingedost. Bis alle Gurte kratz- und scheuerfrei angebracht sind, lasse ich meine XR nicht aus den Augen. Fünfzehn Stunden Ostsee und Kattegat können unangenehme ­Spuren hinterlassen. Deckel zu und Abfahrt: 18.45 Uhr. Die acht Quadratmeter ­große Kabine mit fünfundzwanzig Quadrat­zentimetern Meerblick durchs Bullauge sind schnell bezogen, zwei Einschlafbiere an der Bar schnell getrunken. Der wummernde Schiffsdiesel wirkt wie eine Beruhigungspille, dann Frühstück mit Eiern, Bohnen und Speck – so müssen sich ­Trucker fühlen. Um 9.15 Uhr legen wir pünktlich in Göteborg an.

Inside out: Aussicht aus der Stena-Line-Kabine mit „Meerblick“ auf den Schwedenkai in Kiel

Oscar aus Lönneberga
Michel aus Lönneberga kennt jeder. Nur in Schweden nicht, denn hier heißt er wie im Original von Astrid Lindgren Emil. Da aber im Erscheinungsjahr 1963 in Deutschland „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner mehr als populär war, musste für den deutschen Markt ein anderer Name her. Und dann gibt es noch den Oscar aus Lönneberga. Nie gehört? Kaum zu glauben, wie unbekannt dieser Schwede ist, immerhin gründete er einen der größten Motorradhersteller der Welt. 1871 im schwedischen Lönneberga als Sohn eines bettelarmen Knechts geboren, wanderte Oscar Hedström mit neun Jahren in die USA aus und gründete 1901 als junger Ingenieur – spezialisiert auf die ­Konstruktion besonders laufruhiger und zuverlässiger Radrenn-Steher-Maschinen – die Indian Moto(r)cycle Company. Erst zwei Jahre ­später sollte in Milwaukee die Harley-­Davidson-Motor-Company aus der ­Taufe gehoben werden. Und das ist – alter ­Schwede! – noch nicht alles: Auch die Erfindung des Gasdrehgriffs verdanken wir ihm, auf den er bereits 1904 in den USA das US-Patent Nr. 765,138 erhielt.

Historisches entlang des Weges: Esso-Station in Ödebo/Ålem aus den 50er Jahren, liebevoll und detailgetreu rekonstruiert

Der Minnesstenen respektive Gedenkstein, den die Einwohner von Lönneberga für Hedström errichtet haben, fühlt sich an wie ein Grabstein. Nur ohne Blumen und ziemlich groß. Lasst uns innehalten und in den Rückspiegel schauen auf die Hinterlassenschaft dieses genialen Ingenieurs, der neben einer legendären Motorradmarke nicht weniger als den Ursprung allen Motorradspaßes erfand: den Gasgriff! In einer Ära, als ein­fache, aber geniale Erfindungen Motorrad­geschichte schrieben, brannte er für seine Sache und traf den Geist der Zeit.

Das geht runter wie Ängöl. Die Craftbier-Experten aus Kalmar brauen nach eigenen Rezepten

Kalmar ist nicht immer ein Tintenfisch
In Schweden ist es eine Stadt. Die „Misswahl“ unter den Städten konnte sie schon mehrmals für sich entscheiden. 2018 ist sie per Web-Voting zum vierten Mal zur ­Sommerstadt Schwedens gewählt worden. Mit ihren zahlreichen Straßencafés und gemütlichen Restaurants sowie einem Yachthafen mitten im Zentrum ist sie auch mein Favorit. An einem warmen Sommertag ist die Draußen-Begeisterung der Schweden bis in die späten und trotzdem hellen Abendstunden mehr als greifbar. Auch jede Menge Nicht-Biker sorgen dann für den richtigen „Ölstand“, denn „Öl“ ist das schwedische Wort für Bier und das hat hier eine lange Tradition, die noch von den Wikingern herstammt. Es gibt verschie­dene Craft-Brauereien in Småland. Ein ­Geheimtipp ist das „mit Passion ­gebraute Ängöl“, wie die Macher von sich sagen. 2009 wurde die Mikro-Brauerei vom ­Kalmar-Eigengewächs Johan Håkansson gegründet. Inzwischen brauen Johan und seine Mannschaft verschiedenste Sorten, darunter auch Biere mit ausschließlich ökologisch erzeugten Zutaten. Kaufen kann man Ängöl-Biere in einigen Restaurants in Kalmar oder für den größeren Eigenverbrauch in den staatlich gesteuerten Systembolaget-Shops. Wen bei folgender Produktbeschreibung des Ängöl Lata Dagars IPA (Indian Pale Ale) mit sechs Prozent Alkohol nicht die Lust übermannt, der sollte seinen Ölstand anders regulieren: „hopfen­aromatisch mit deutlicher Bitternote, ein Hauch von Aprikose, Knäckebrot, Apfel­sinenmarmelade und Kräutern“. 

Mit dem selbst restaurierten „Tjorven“, einem DAF aus den 70ern, wird das kühle Blonde an die Kunden ausgeliefert

Gib dir die (blaue) Kante!
Glas ist Kunst – besonders in Småland ist das so. Heute sind die Designer in Schweden bekannt wie Rockstars. Bei der Nobelpreisverleihung und dem ­anschließenden Dinner in der blauen Halle des Rathauses in Stockholm, an dem auch der ­König teilnimmt, gehört tradi­tionell Zerbrechliches aus dem småländischen Glasreich auf den Tisch. Ein wenig von diesem königlichen Feierflair kann man auch zu sich nach Hause holen. In der Glashütte Orrefors wird die Nobel-Serie mundgeblasen und handbemalt, dementsprechend exklusiv ist der Spaß. Ein Bierglas kostet achtzig, den Champagner-Schwenker gibt es für sparsame hundert Euro.

Auf meiner Tour habe ich eine kleinere Glashütte ausgewählt, die Bergdala Glasbruk (dt. Glashütte), in der seit 1889 Glas geblasen wird. Hier entsteht eine Serie, die alle Schweden kennen und lieben, das „Blå Kant Glas“ (Blaurandglas), noch heute in originalgetreuer Umgebung in Holzhütten mit Holzboden und Holzwänden. Das wunderschöne Glas galt ursprünglich als Gebrauchsglas mit ganz praktischem Hintergrund: Der kobaltblau ­gefärbte Rand diente dazu, die Fliegen abzuschrecken, die auf den Rand der Dickmilchschalen kletterten, erklärt Roger Johansson, Chef der Hütte. Ob’s klappt? Ich werde es zu Hause ausprobieren, so mein rüttelndes  V2-Triebwerk das zerbrechliche Andenken denn verschonen sollte.

Kalmar, die Sommer-Sonnen-Göttin unter den schwedischen Städten, zieht im Sommer viele ­Besucher an

Schräger Schrottplatz
Auf der letzten Etappe entscheide ich mich für ein ­besonders skurriles Raritätenkabinett mitten in den schwedischen Sümpfen, den Bilkyrkogården (Autofriedhof) in Kyrkö Mosse (Kirchenmoor) nahe der Kleinstadt Ryd: Kabelbäume und rostige ­Blechfragmente in trauter Nachbarschaft mit Birken und Fichten, einst grüner Lack, der mit dem Moosgrün des Waldes verschmilzt, ­Käfer im Wald – wo sie ja eigentlich auch hingehören. Eine schaurige Faszination geht von diesem besonderen Ort aus. Man spürt es, sobald man ihn betritt. Wie auf einem richtigen Friedhof. Gedämpfte ­Gespräche, selbst die Kamera ein Fremdkörper. Aus leeren Scheinwerferhöhlen starren dich ­diese Karossen an, sich selbst ­überlassen liegen sie da und harren des weiteren Verfalls. In dieser Einsamkeit lebte in einer kleinen Holzhütte jahrzehntelang ein Mann, der mit ihnen seinen Lebensunter­halt bestritt. Was sich anhört wie ein ­Märchen, ist keines, zumindest gibt es kein wirkliches Happy End: Mit seinem hart ­Ersparten kaufte Åke Danielsson in den 30er Jahren ein Stück Moor, das sonst niemand haben wollte, und buddelte dort in mühsamer Handarbeit nach Torfstreu, das er als Dünger an die umliegenden Bauernhöfe verkaufte. Ab den 50er Jahren und bis in die 70er hinein verdiente sich unser schwedischer Torfstecher seinen Lebensunterhalt dann aber als Schrott- und Ersatzteilhändler mit den Autowracks, die in seinem Wald standen. Als in den 90er Jahren die Umweltämter auf den Plan gerufen wurden, konnte der alte Schwede – inzwischen im staatlichen Seniorenheim – die teuren Auflagen nicht erfüllen. Erst nach zähem Ringen und öffentlicher ­Diskussion in TV und Presse wurde ein typisch schwedischer Kompromiss gefunden: „Aus kulturhistorischen Gründen“ ist das Gebiet nun bis zum Jahr 2050 unter Schutz gestellt – wohl auch in der Hoffnung, dass sich das Problem beim rauen småländischen Klima bis dahin in Luft aufgelöst hat.

Käfer genau da, wo sie hingehören: im Wald. ­Zwischen Kabelbäumen und Nadelholz nimmt der Verfall seinen Lauf und strahlt den morbiden Charme der Vergänglichkeit aus

Ab nach Hause
Für die Rückreise nutze ich dieses Mal die TT-Line, die vom äußersten Süden Schwedens in Trelleborg in Richtung Travemünde ablegt. Am frühen schwedischen Sommer-morgen bietet der Weg zur Fähre schon mal einen Vorgeschmack auf die kommende Jahreszeit: sieben Grad Celsius. Leichte Linderung bringt die „varm korv med bröd“ (Siedewurst mit Brot), der schwedische Standard-Schnellimbiss, und anschließend ein „Kanelbulle“ (Zimtschnecke) und ein heißer Kaffee, was es hier an jedem Kiosk gibt.

Während der Ostseepassage tanke ich Kraft für die Rückreise ins Rheinland. Schon auf den ersten Kilometern der Autobahn wird mir bewusst, dass ich ­zurück in Deutschland bin. Den fünften Gang hab ich in Schweden kaum benutzt, hier ist er Standard. Und während der ­Abspann im Kopfkino läuft, sind die ­Nebenwirkungen schon deutlich spürbar: „Noch mal fahren, Papa!“ würden meine Kinder sagen. Und endlich sind auch die alten Pneus auf meiner XR fällig. Für den nächsten Trip gibt’s auf jeden Fall neue – hoffentlich schon bald.

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Stand:17 October 2019 22:10:29/szene/erlebnis+schweden+-+die+anderen+aus+loenneberga_181204.html?page=1