Erlebnis Schwarzwald-Moped-Marathons – Richtig weh tun muss es

14.10.2019  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Philipp Heil
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Nicht immer läuft es beim Vater-Sohn-Duo Kupper in solch gleichförmiger Eintracht. Doch so ein Erlebnis schweißt zusammen

Um 6.10 Uhr heute Morgen sind wir gestartet. Ab 6.00 Uhr hat man uns über siebenhundert ­Verrückte alle zehn Minuten scheibchenweise auf die Strecke geschickt, um das Fahrerfeld zu entzerren. Kann sich von euch einer vorstellen, wie scheiße kalt es um sechs Uhr morgens im Schwarzwald auch im Juni noch ist? Ich konnte es bis vorhin nicht. Habe auch keine Zeit ­gehabt, drüber nachzudenken. Gestern Nachmittag habe ich in der sengenden Hitze der Rheinebene noch diverse Teile inklusive Motor innerhalb meines Kreidler-Fuhrparks hin- und hergeschraubt. Neben meinen beiden MP1 und der MF4 meiner Jugend beherbergt der auch leihweise die MF4 meines Kumpels Micha. Von 1969 bis 1975 hat Kreidler diese Mopeds und Mofas in Kornwestheim gebaut, bis auf Details am Motor sind sie baugleich. Zwei startfähige ­Fahrzeuge mussten es werden, denn Sohn Tim, erst vor einem halben Jahr vom Mofa auf eine 125er-Zweitakt-Aprilia umgestiegen, wollte auch mit dabei sein. Frühe und akribische Vorbereitung ist halt einfach alles. Als ich die Mopeds völlig verschwitzt auf den Trailer gepackt hab, lag mir nichts ferner, als eine Jacke ­mitzunehmen. Was soll ich sagen, die ersten drei Stunden in T-Shirt und kurzer Hose hier im Wald waren echt hart. 



230 Kilometer hat die IG Schwarzwald Moped Marathon heuer abgesteckt. Der Marathon ist ein Fanmagnet, innerhalb kürzester Zeit waren die ersten fünfhundert Startplätze weg, zweihundert konnte die IG nach Absprache mit den Behörden dann noch mal nachlegen. Erst 2018 hat die Gruppe von begeisterten Ex- und Immer-noch-Mopedlern und -Motorradfahrern die Veranstaltung mit vierhundert Teilnehmern aus der Taufe gehoben und schon werden sie schlichtweg überrannt. Eine gewisse Nachfrage ist also offenbar vorhanden, Veranstaltungen wie der ­Ötztaler Mopedmarathon und das Red-Bull-Alpenbrevet machen es zusammen mit unzähligen weiteren Events seit ­Jahren vor. 

Die Konkurrenz war hart und ging bis zu Kleinkrafträdern, die die Zehn-PS-­Grenze knackten und auf dem Prüfstand stürmisch bejubelt wurden

Vom Startort Münchweier aus über Haslach, Hornberg, Hornisgrinde, ­Oppenau, Zell am Harmersbach und Lahr zieht sich der stattliche Streckenbogen. Für Weicheier wie mich gibt’s ’ne Abkürzung. Sie spart fünfzig Kilo- und etliche Höhenmeter. Doch was heißt hier eigentlich Weichei? Erlaubt ist alles, was fünfzig Kubik hat, vom Mofa bis zum Kleinkraftrad mit großem Kenn­zeichen. Und von denen hat am Vorabend auf dem eigens angekarrten Prüfstand so manches Exemplar unter dem tosenden ­Applaus der umstehenden Gaffer mehr als zehn Pferde auf die Rolle gedrückt. Sollen die sich mit der Höllentour plagen, nicht ich mit meinen 1,5 PS. 

Bei einem Tempo­unter­schied von bis zu 15 km/h beieinanderzubleiben, fällt bei mehr als zwölf Stunden im ­Sattel schwer. Hat auch nicht ­immer ge­klappt ...

Tim, auf meiner MP1 am Start und mit zwei PS satte fünfundzwanzig Prozent stärker motorisiert, plagt sich mit der Hardcorestrecke. Nicht aus Stolz ­allerdings, sondern aus Verwirrung. In Haslach hat er den falschen Abzweig genommen und sich bis rund fünfzehn Kilo­meter vor Schiltach gequält, wo sich die beiden Zweige der Strecke wieder vereinen. Doch statt durchzuziehen, hat er – orientierungslos, wie er ist – wieder rumgedreht in Richtung Haslach. Kilometer und Zeit satt hat das gekostet; Zeit, die ich in Schiltach in einem Cafe auf ihn gewartet habe, während ich dem Zetern der ansässigen Hotelgäste samt Wirtin und dem Knattern eines Großteils unserer rund siebenhundert Mitstreiter lauschen durfte, die auf der Hauptstraße vorbeizogen.

Die gefahrenen Geschwindigkeiten ließen ­jede Menge Aufmerksamkeit übrig, um die Schönheit des Schwarzwaldes zu genießen

Wir haben uns vorgenommen, die Tour möglichst zusammen zu fahren, um uns bei Havarien unterstützen zu können und auch, um gemeinsam zu genießen und zu leiden. Doch so einfach ist das gar nicht. Mit an die ­fünfundvierzig Sachen in der ­Ebene rennt die MP1 ­nämlich gute 15 km/h schneller als die MF4, und das Warten nervt ein bisschen. ­Außerdem hat die MP am Berg mehr Biss – na ja, ­haben Schnecken Zähne? ­Jedenfalls ­kapituliert sie vor den allermeisten Steigungen nicht. Im ersten Gang der Zweigangautomatik schafft sie es am Ende immer – irgendwie.

Erste Verpflegungspause. Noch spielt das ­Sitzfleisch mit

Die Strecke zieht sich. Je ­weiter wir uns durchschlagen, desto mehr Leichen pflastern den Weg, desto öfter wird der Straßenrand zur Werkstatt. Ohne Werkzeug und Ausrüstung unterwegs zu sein, ist riskant. Beim technischen Defekt bist du dann chancenlos und dir bleibt nichts anderes übrig, als auf die Rettung durch ­Freunde oder den Lumpensammler zu warten – und nicht überall gibt’s Handy­netz, schließlich sind wir in Deutschland. Ist der Notruf dann abgesetzt, kann die Wartezeit lang werden. Nur 632 Mopeds werden am Ende des Tages mit eigener Kraft über die Ziellinie rollen. Auch am Abend nach Schließung des Ziels werden die Leichensammler mit ihrem Anhänger noch lange unterwegs sein.

Die Angst vorm Scheitern gehört dazu. So war das früher auch immer schon, als ich mit fünfzehn und der damals auch schon zehn Jahre alten Kreidler auf dem Weg zur Schule des ­Öfteren gern mal hängenblieb, um eine Stunde zu spät und nach Zweitaktmischung stinkend während der zweiten Stunde einzu­laufen. Man hat Schrauben gelernt, damals. 

Viel zu sehen gab es nicht nur für die Teilnehmer des Moped-Marathons, sondern auch für die Schwarzwaldausflügler, die sich an den Ausflugspunkten der Schwarzwaldhochstraße einfanden

Das mögliche Scheitern aber steigert auch den ­Genuss. Wenn dieses ­kleine Motörchen da unter dir zieht und läuft und zieht, deinen Wanst beharrlich Steigungen hochschleppt, im kühlen, sauer­stoffreichen Schatten der Wälder auf einmal seinen zweiten Frühling erlebt und sich in ein ­irres Gassäulen-Schwingungs­szenario hineingroovt, das die Tacho­nadel hart an den Rand der 46 km/h treibt, kennt dein Glück kaum Grenzen. Mit 15 warst du dann der King. Mit 52 bist du es wieder.

Irgendwo muss da ein Nest sein: Stundenlang zog die Schlange der 50er über die Asphaltbahnen und wollte einfach kein Ende nehmen

Im Laufe der Zeit werden Tim und ich immer weiter nach hinten durchgereicht. Nicht schlimm, denn schließlich wollen wir ankommen, nicht gewinnen. Gewinner ist ohnehin nicht der, der die Strecke in Bestzeit absolviert. Möglichst nah an der Durchschnittszeit zu liegen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Dass die bei knapp zehn Stunden liegt, zeigt, dass die Tour auch eine Enduranceveranstaltung ist, nicht nur das reine Zuckerschlecken. Nach dem zweiten Verpflegungspunkt auf der Schwarzwaldhochstraße wird es auch Tim und mir allmählich lang. Die Ärsche schmerzen und der Sonnenbrand brennt. Als sich das Gefühl einschleicht, es könnte bald geschafft sein, zweigt in Löcherberg die Straße nach rechts ab und mir schwant nichts Gutes. Vor uns liegt der Löcherberg, und da müssen wir wohl hoch. Ich fahre immer noch MF. Das Beste, was ich von Tim erwarten kann, ist, dass er oben wartet.  

Mopeds haben Pedalkurbeln, Fluch und Segen zugleich. Jetzt eher Fluch. Ich gehe aus dem Sattel in den Wiegetritt und versuche dem Motor zu geben, was ihm fehlt. Hinter jeder Biegung geht es weiter bergan, die Tour de France ist ein Scheißdreck da­gegen. Wir packen es. Auf dem Gipfelparkplatz erst stirbt der Einzylinder im Hitzekollaps ab. Das Runterrollen auf der anderen Seite des Berges kühlt ihn schnell wieder runter. Mich auch.

Ein bisschen Karneval gehört zur guten Laune dazu. Vom gehörnten Strampelanzug bis zur Schwarzwaldtracht war ­allerhand zu sehen

Zehn Kilometer vorm Ziel, Tim hat mal wieder auf mich gewartet, springt die MP plötzlich nicht mehr an. Werkzeug raus, Check, kein Zündfunke. Als das Schwungrad runter ist, sehe ich die Misere: Der Unterbrechernocken ist ausgebrochen. Das war’s. Jetzt kommt die große Zeit der am Berg gedemütigten MF4. Stoisch brummend fährt sie mich durchs Ziel, das man gerade schon dicht machen wollte. 

Mehr als dreizehn Stunden lang waren wir ­unterwegs. Den mehr geschafften als ­gedemütigten Tim evakuiere ich auf der Heimfahrt. Auf den ­Lumpensammler hätte er länger warten müssen. Ein neuer Zündnocken wird der MP neues Leben einhauchen, bei uns wird dafür eine Nacht tiefen Schlafes reichen. Für Abenteuer braucht es keine zweihundert PS und keine Fernreisen. In unserem Fall genügten zwei PS im Schwarzwald. Danke an die Truppe aus ­Münchweier, die da tatsächlich ein Megading auf die Beine gestellt hat, das erst 2021 wieder stattfinden soll. Die gemeinsamen Erinnerungen werden Tim und mir niemals verloren gehen.
 

Kreidler MF4 und MP1

Mit 1,5 PS und Zweigang-automatik mit Fliehkraftkupplung riss das schrullige Kreidler-Starrrahmenmofa schon 1971 keine Bäume aus. 628 Mark waren damals dafür zu berappen. Äußerlich identisch war die Moped­version MP1 (links), die aufgrund kleinerer technischer Änderungen zwei PS hatte und 40 km/h schnell lief

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Stand:09 April 2020 13:24:57/szene/erlebnis+schwarzwald-moped-marathons+-+richtig+weh+tun+muss+es_191001.html?page=1