Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied

19.10.2019  |  Text: Adrian Gloss  |   Bilder: Adrian Gloss
Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied Erlebnis Mongolei – Nur der Wind singt sein Lied

Chinggis Khaan International Airport. Die Infrastruktur dieses Flughafens ist nur halb so imposant wie sein Name: große Flugzeuge und kleine Lande­bahn in einer viel zu groß geratenen Hauptstadt. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung wohnt in Ulan-Bator. Hinter den hohen Schornsteinen der hässlichen ­Industriekulisse würde man nur schwerlich ein wildes Naturidyll erwarten.

Flussdurchfahrten machen einen Heidenspaß. Es gibt allerdings auch Regionen und ­Streckenabschnitte, wo das Wasser knapp und der Durst schnell quälend werden kann

Der nächste Morgen startet überraschend ruhig, die gewohnte Geschäftigkeit einer Großstadt lässt hier bis in den späten Vormittag auf sich warten. Unsere Motorradvermietung erreichen wir per Taxi, sie liegt nur einen Steinwurf von der Innenstadt entfernt. Ein paar Hochseecontainer stehen hier rum, umgeben von einigen Jurten, „Cheke Tours Rental“ steht auf dem  provisorisch angebrachten Banner. Der Empfang ist bodenständig, aber herzlich. Das passt zu den Motor­rädern auf dem Hof. Man bietet uns an, die Bikes zunächst auf Herz und Nieren zu überprüfen. Nachdem wir den Mechaniker dabei beobachtet haben, wie er das Ventilspiel mit seinem Fingernagel eingestellt hat, nehmen wir das Angebot dankend an. Der Mietvertrag ist simpel und weist ausdrücklich darauf hin, dass jeglicher Schaden selbst behoben werden muss – ADAC Fehlanzeige. ­Abenteuer garantiert. Als die Formalitäten erledigt sind, kicken wir die 150er-Enduros an und richten unsere Vorderräder nach Norden aus. Dort, nahe der ­russischen Grenze, liegt mit dem ­Khuvsgol-See der Wendepunkt unserer geplanten ­Rundtour. 

Die Jungs sind alle ­keine Geländeexperten, den ein oder anderen Umfaller aber verkraften die China-Ponys klaglos

Erst mal raus aus dem Stadtmoloch, immer den bläulich-rußschwangeren Abgaswolken hinterher. Ewig scheint das zu dauern. Dann aber taucht sie hinter einem Hügel endlich auf – die Mongolei, die wir erwartet hatten, mit samtgrünen, flachen Erhebungen, so weit das Auge reicht, und ersten Geröllpisten. Wir  rollen vorbei an ausgetrockneten Seen und durch dichte Birkenwälder. In der Wildnis bei Jargalant schlagen wir auf einem Hügel unser erstes Camp auf und genießen am wärmenden Lagerfeuer mit einem Lagerbier in der Hand die Aussicht – atemberaubend. Doch die Idylle hält nicht lange. Ein Gewitter zieht auf, mit Macht fegt der Wind ums Zelt, im Sekundentakt donnern Blitze in die Umgebung. Das ist das erste und das letzte Mal gewesen, dass wir unser Zelt ungeschützt auf einen Hügel gestellt haben. Erst als sich das Gewitter endlich trollt, entschlummern wir in die Stille der Nacht, die wie ­Taubheit auf den Ohren liegt.

Die Natur und du. Es gibt ganze Tage, da begegnet man keinem einzigen Menschen

Als wir aufwachen, sind wir nicht mehr allein. Ein Nomade samt Nachwuchs ist zu Besuch. Stillschweigend setzen sich die beiden neben uns, ihr Grinsen verrät, dass unser Aussehen und Equipment sie amüsiert. Es wird übrigens nicht der einzige Besuch dieser Art bleiben, die Mongolen sind herzlich und gastfreundlich. Schade, dass zur Verständigung nur wildes Gestikulieren bleibt. 

Mit jeder Anhebung, die wir an den folgenden ­Tagen überqueren, wechselt die Landschaft von ­Steppe und Wald über Wüste und Sümpfe wieder zurück zur Steppe. Eines aber ist allen Landschaften gemein: grenzenlose Freiheit bis zum Horizont. Wege können wir mittlerweile nur noch vermuten, ohne GPS ist man hier echt aufgeschmissen. Die Navigation vollziehen wir im Seefahrerstil – GPS-Richtung mit der Karte koordinieren, Objekt am Horizont ­anpeilen und immer der Nase nach. Die Sonne steht am ­Zenit, Schatten Fehlanzeige. Flussüberquerungen sind ein Höllenspaß, das Wasser ist meist flach genug, um nicht abzusaufen. 

Der kleine ­Ersatzteileladen ist nicht schlecht sortiert und der Inhaber wie alle Menschen dort unfassbar freundlich. ­Eine passende ­Schraube für den Ölauslass finden die Jungs dort trotzdem nicht

Atemberaubende Sonnenuntergänge leiten sternen­klare Nächte ein. Kann es so viele Sterne geben? Was bei uns zuhause davon noch zu sehen ist, ist nichts weiter als ein kümmerlicher Rest. Mal wecken uns am Morgen Besucher, mal bellende Hunde, mal eine Pferde­herde im Galopp. Ein Nomade treibt sie am Zelt vorbei. Er sitzt auf einem Motorrad und lotst die ­Tiere durch den Fluss. Am anderen Ufer angelangt, zieht er seine Stiefel aus, kippt das Wasser aus, winkt noch mal freundlich herüber und fährt weiter.

In den Weiten dieser Landschaft kannst du dich verlieren: über unzählige Hügel in alle Himmelsrichtungen offen, so gut wie keine Straßen und gar kein Verkehr, nur unendlich viele Möglichkeiten, immer die Freiheit im Blick und im Rückspiegel nicht mehr als unsere Staubwolken. Ein Offroadparadies, das ­unsere Fahrkenntnisse vor allem dann richtig fordert, wenn wir die Hunde abschütteln müssen, die ­aggressiv ihr Territorium verteidigen. Immer tiefer tauchen wir in die menschenleere Wildnis ein. Nur der Wind singt hier sein Lied.

Das Wetter ist vielseitig und immer für ­Überraschungen gut  – wie beispielsweise dieses ­heftige Gewitter

Irgendwann passiert es dann: Rauch steigt aus dem Getriebeblock von Jochens Maschine. Die Ölwanne ist leer. Kann sich Öl trotz täglicher Kontrolle verflüchtigen? Durchaus, wie ein Blick unters Motorrad zeigt: Die Ablassschraube hat sich verabschiedet. Zum Glück dreht der Motor noch und hat auch Kompres­sion. Eine passende Schraube haben wir natürlich nicht dabei, Hilfe werden wir hier keine finden. Und so konzentrieren wir uns aufs Wesentliche – und ­finden eine Lösung: Wir schnitzen ein Holzstück zurecht, umwickeln es mit hitzebeständigem Kunststoffband, treiben es in die Ablassöffnung und klemmen es mit einem weiteren Keil zwischen Rahmenrohr und Motorblock fest. Es funktioniert, wir können weiterfahren! Regen und Hagel aber haben aus den staubigen Wegen inzwischen ein Schlammbad gemacht. Verschlissen von einigen Ausrutschern erreichen wir die nächste Siedlung. Es ist spätabends und wir stehen vor verschlossenen Türen, als wir uns nach Ersatzteilen erkun­digen wollen. Doch Öffnungszeiten sind hier nicht unverrückbar. Unser Anliegen spricht sich herum und kurz darauf öffnet uns ein Mann die Türen zu ­seinem Ersatzteilhandel –  gut sortiert, aber nicht gut genug. Eine Ölablassschraube hat er nicht zu bieten.



Auf dem Weg zu unserem Ziel im Norden, dem Khuvsgol-See, orientieren wir uns in den nächsten Tagen am Landstreicher-GPS: Immer den Telegrafenmasten nach. Das Ziel schon in ­greifbarer Nähe, ereilt uns die nächste Panne: ­Reifen platt. Eigentlich nichts Wildes. Flickzeug haben wir zwar nicht eingepackt, dafür aber ausreichend Werkzeug und Ersatzschläuche von der Vermietung – allerdings die falsche Größe. Wieder müssen wir improvisieren. Unsere Lösung besteht aus Hylomar-Dichtpaste und Panzertape. Das sollte bis zum See reichen. Der ist zwar nah, doch steile Anstiege, die nur mit Anlauf und Druck auf der Hinterachse zu bezwingen sind, bremsen unseren Speed. Plötzlich bleibt Axel wie versteinert stehen. Nächste Panne? Nein, ein Wolf. Unweit von uns entfernt steht er am Waldrand und beobachtet uns so wie wir ihn. Vor die Linse bekommen wir ihn nicht, vorher verschwindet er wieder im Wald. Endlich haben wir den See im Blick. Im Licht der untergehenden Sonne überqueren wir das weitläufige Flussdelta und haben das erste Mal seit vielen Tagen wieder Asphalt unter den ­Rädern. Eine Jurte mit Holzofen liefert uns einen Komfort, den wir nicht mehr ­gewohnt sind.

Zapfstellen sind nicht allzu üppig gesät, um ein wenig Planung kommt man nicht drumherum

Auf dem Weg zurück in den Süden ­füllen wir in der etwas größeren Stadt Mörön unseren Proviant auf. Der Asphalt ist schon lang wieder verschwunden, das weite Land hat uns wieder. Wie Gemälde zeichnen sich mächtige Naturschauspiele an den Horizont, endlos scheinende Sumpflandschaften fordern unser Fahrkönnen heraus, nicht enden wollende Buckelpisten quälen unsere Fahrwerke. Unbarmherzig brennt die Sonne, Sprit haben wir genug, aber unsere Wasserreserven werden allmählich knapp. Keine Siedlung oder Jurte weit und breit, kein Bachlauf, kein Fluss. Da tauchen mitten in der Landschaft kleine Aufbauten auf: ein Grundwasserbrunnen! Ein Seil, an dessen Ende ein aufgeschnittener Kanister hängt, fördert das Wasser. Wohltuend zischt es in unsere Körper hinein.

Weites Land, so weit das ­Auge reicht. Da braucht es den Regenbogen on top eigentlich gar nicht, um die Schönheit in Ehrfurcht zu genießen

Gen Süden werden Begegnungen mit Menschen wieder häufiger. Das große Land mag wenige Seelen beherbergen, seine Kultur aber ist beeindruckend. So wie das größte, älteste und zumindest teilweise vom Kommunismus ­verschonte Kloster „Erdene-Zuu“ mit seiner imposanten Architektur und seinen einschüchternden Klostermauern. Das nahe gelegene „Mongolian-Monument“ kann da bei Weitem nicht mithalten. Es erinnert an das mongolische Reich unter Dschingis Khan, das bis in die Türkei reichte und das römische Reich an Ausdehnung übertraf. 

Auch die Mopedvermietung hat im typischen ­Eigenheim der mongolischen Nomaden Quartier ­bezogen: der Jurte

Dann bricht er schließlich an, unser letzter Tag in den Weiten der Mongolei. Wir versuchen, uns die Trauer darüber nicht anmerken zu lassen. Bevor wir aber die Hauptstadt erreichen, toben wir uns mit unseren treuen Ponys auf den ausgetrockneten Salzseen, die wir kreuzen, noch mal richtig aus. Besser könnten wir unser Motorradabenteuer nicht abschließen. Mit einem starken Sandsturm stellen uns die typischen Wetterkapriolen noch ein letztes Mal auf die Probe, dann passieren wir die Stadtgrenze. Und dann kommt er, der gefürchtete Abschied von unseren Motorrädern. Verrückt, welch eine emotionale Bindung sich da über die Zeit aufgebaut hat. Eine tolle Zeit hatten wir mit ihnen, tätscheln berührt ein letztes Mal ihre Tanks. Der Flug am nächsten Morgen wird uns nach Deutschland zurückbringen. Die Bilder der mongolischen Weite aber werden wir ein Leben lang in uns tragen.

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Stand:18 February 2020 01:40:38/szene/erlebnis+mongolei+-+nur+der+wind+singt+sein+lied_191001.html?page=1