Erlebnis Drag Strip – Frankensteins Oma strippen

05.09.2018  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: Christian Heim
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Erlebnis Drag Strip – Frankensteins Oma strippen
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Man nehme zwei Gewinner der Heritage-Sprinter von „Sultans of Sprint“, stelle sie auf den Hockenheimring, gebe Vollgas und schaue, was passiert: meine Heilung von akuter Vomitus ­Sprinteritis – Erbrechen durch Sprintrennen
Hektisch winkend kommen die Männer auf uns zugelaufen. Die hervortretenden Adern ihrer ­Hälse lassen auf Gebrülltes schließen. Ihre Worte vergehen ungehört im tosenden Klangsturm des jungen Morgens. Hart brechen Schallwellen gegen die Boxenmauer und werden als dröhnendes Echo von der Haupttribüne in Hockenheim zurückgeworfen, die Zielgerade des Hocken­heimrings bebt, sicherlich 4,9 auf der Richterskala. Im Epizentrum zwei Motorräder: „Frknstn“ von Mellow Motorcycles und „The Faster Grandma” vom Schlachtwerk. Zwei ­Heritage-Sprinter und Sieger der prestigestarken ­„Sultans of Sprint“-Serie und ich: kein Fan dieser ganzen Neo-Retro-Sprinterei. Der soziale wie mediale Zirkus um die Achtelmeile lässt mich bisweilen am gesunden Motor­radverstand zweifeln. 

Knipser Chris zieht plötzlich die Handkante quer über die eigene Kehle und bedeutet mir: Motoren aus! Sofort! Die säuerlichen Herren geben uns zu verstehen, dass um 7:30 Uhr morgens das Lautstärkelimit auf der Zielgerade bei 75 Dezibel liegt. Und dass wir mit unseren Starts die 120er Marke mehrfach deutlich überschritten haben. Den Physikern unter uns sagt das: In der Wahrnehmung ist das die ­11-fache Lautstärke. Ups! Auf die Gerade nach der ­Spitzkehre sollen wir uns verdrücken, da können wir Radau machen, wenn wir unbedingt müssen – wobei „verdrücken“ nicht korrekt ­zitiert ist. 



Erste herkulische Aufgabe des ­Tages: zwei Sprintrenner mit dem Wende­kreis ­eines Güterzuges mal eben von der ­Strecke zu schieben und über die Zubringer ­irgendwie auf die andere Seite zu bringen. Erschwerend dabei: Die Drag-Race-Pneus der ­beiden sind nicht – also nicht mal im Ansatz – dafür gebaut, auch nur minimalste Schräglagen zu meistern. Jeder Versuch wird mit einem heftigen Kipper bestraft. Immerhin sind die beiden Tuning-Orgien nur wenig über 140 Kilogramm schwer. Das immerhin erleichtert das Rangieren. 

Eines der wenigen Bilder von der Zielgeraden. Kurze Zeit später werden wir vertrieben, da die Biester elfmal so laut sind wie hier morgens erlaubt. Über 120 Dezibel toben da die Boxenmauer entlang

Da sitzt er nun also, mein Anti-Sprinter-Hintern: auf den 160 lachbegasten PS der „Frknstn“, die nur knapp 150 Kilo zu bewegen haben. Das eckige Hinterrad ist fast platt und beißt auch bei 16 Grad ­Außentemperatur so tief in den Hockenheimer Asphalt wie ein Straßenreifen nach fünf heißen Runden auf selbigem. Kollege Kryschan versucht auf dem zweiten Sprintmonster Platz zu nehmen. Was uns beiden ­gleichermaßen schwerfällt. Die Rennjockeys Thommy Thöring  und Amir Brajan sind jeweils gute 30 Kilo leichter und einige Zentimeter kürzer. Die Kräder sind exakt ihrem Körperbau angepasst und so finden unsere biergestärkten Hüften nur schwer Platz. Egal, in weiser Voraussicht geht es uns heute mehr ums Feeling als um die Performance. Wie fühlt sich das an, wenn diese Monster im Stand auf über die Hälfte der möglichen Drehzahl gebracht werden, die Kupplung einfach schnalzen gelassen wird, der Pneu im Heck sich vor lauter Kraft verwindet und die Kiste ansatzlos nach vorn prescht, als ginge es ums Leben. 

Der 1000er-Twin der Multistrada ist heftig getunt. Man munkelt von weit über 160 PS mit NOS-Aufladung. Meister Amir gibt sein Leistungsgeheimnis aber nicht preis, doch allein die selbstgebaute Einspritzung spricht Bände

Unterschiedliche Philosophien schon bei der Bedienung der Kupplung. Tommy fährt die Rennen mit der Grandma wie beschrieben, kann so den Kraftschluss unmittelbar herstellen und lädt dann nur noch die Gänge durch, bis das Ziel nach 201 Metern erreicht ist. Damit aber riskiert er ein durchdrehendes Hinterrad, was besonders auf welligen Strecken für emotionale Momente sorgen kann. Amir dagegen fährt die „Frknstn“ anders: Als alter Crosser und Supermoto-Drifter spielt er gerne mit der Kupplung und hält sie recht lange am Schleifpunkt. Das reduziert den Spin im Heck, macht indes allerdings das Vorderrad leicht und frisst Kupplungsbeläge. Ich als Anhänger der Amir’schen Vollstreckungsweise bekomme denn auch Probleme: Nach einigen missglückten Startversuchen ist die Trockenkupplung zu heiß und trennt nicht mehr. Was ich bis dahin aber erleben und fühlen darf, ist das reinste Antidot gegen meine bisherige Ablehnung dieser Sprintspektakel. Im Sattel wird die Inbrunst der Erbauer und die Spannung von Fahrern wie Zuschauern ungemein plastisch. Die Rennen zwischen mir und Kryshan sind gestellt, doch will ich jetzt unbedingt gewinnen. 

Man achte auf den Hinterreifen: Fast platt wird er zwischen anstürmender Motorkraft und Straße heftig aufgerieben, während das ­Vorderrad sehr leicht über den Asphalt tänzelt. Druck: ­unwiderstehlich. Tunnelblick des Fahrers: garantiert

So ungewöhnlich wie gewöhnungsbedürftig für mich ist der sich beim Start verwindende Pneu im Heck. Durch den geringen Luftdruck und den enormen Grip dreht sich die Felge kurzzeitig schneller als der Reifen, was die Seitenwände in ­heftige Falten wirft und über die Sensorik des ­eigenen Hinterns ein dringliches ­„Achtung, Achtung!“ ans Hirn morst. Müsste sich das Motorrad nicht längst bewegen? Und dann setzt mit einem Wimpern­schlag Verzögerung der schussartige Schub ein. 

Mehr als einmal fragen uns die Erbauer, ob wir nicht doch mal mit Lachgas fahren wollen, denn bisher sind wir ­Memmen ohne gestartet – und trotzdem geflasht vom irren Druck der leichten Twins. An dem Mellow-Monster wartet ein Spielwürfel am rechten Seitendeckel nur auf den Druck des Oberschenkels, um gut fünfzig Mehr-PS freizusetzen. Oma hat am Gasgriff einen zusätzlichen Schalter. Ab einem bestimmten Drehwinkel aktiviert er das NOS-System – so es denn scharfgestellt ist. Wir aber ­kneifen beim Lachgas und üben lieber noch ein paar Starts. Elek­trisierende Sekunden, bis das Halstuch fällt. Gas auf, Kupplung raus, bis zur Markierung auf dem Drehzahlmesser ausdrehen, nächster Gang. Der Tunnelblick wird fordernd: Außer der Ziellinie liegt alles im geistigen Nebel. 

Kein Gramm zu viel. In über sechs Jahren hat Thommy die Yamaha TR 1 vom klobigen Softtourer zum schnellsten Heritage-Sprinter Europas gemacht

Das ist es, was Mellow, Schlachtwerk und die vielen anderen Teams der „Sultans of Sprint“ also antreibt: Unter Freunden das Maximum aus sich und der Maschine herauszuholen, ohne die Verbissenheit des breitenkompatiblen Motorsports. Bei den Sprints unter Freunden verliert niemand, es kommt nur einer nicht in die nächste Runde und kann dafür früher mit dem Feiern anfangen. Olympischer als jede Olympiade.

Die gedopte Oma wird über zwei einzelne Dell‘Orto-Vergaser gefüttert. Das Lachgas wird erst dahinter in den Brennraum ­gespritzt und erzeugt knapp fünfzig Mehr-PS

Nur eines bleibt mir noch zum Motzen: Nach dem Aus der Serien-Essenza-Klasse haben sich die Sultans ein Stück weit an die Markenhersteller verkauft. Die können jetzt auch mal cool sprinten – und wollen doch in erster Linie Motorräder verkaufen.
 

Roadsters Dresscode: 
Jens Kratschmar
Helm:
Schuberth R2
Handschuhe: Hevik Garage
Jacke: Modeka Rock 
Hose: Modeka Tourrider
­Schuhe: Vanucci RV5

Thomas Kryschan
Helm:
X-Lite X661
Handschuhe: Held Chikara Pro
Jacke: Bering Kingston Evo
Hose: Segura Twin ­Pantalon
Schuhe: Daytona Urban Master 2 GTX
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Stand:10 December 2018 01:48:27/szene/erlebnis+drag+strip+-+frankensteins+oma+strippen_18530.html