Dolomiten – Generationenzeitreise

09.11.2018  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Lucia Prokasky
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Dolomiten – Generationenzeitreise
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Eine Familie – eine Leidenschaft: Motorrad fahren. Auf der Suche nach der Relativität des Alters und dem Ursprung des gemeinsamen Hobbys machen sie sich auf den Weg: drei Generationen unterwegs auf Motorradtour – eine Feldforschung der etwas anderen Art
Die Geschichte hinter dieser Tour fängt vorn an – oder hinten? Henne oder Ei, wie war das noch? Schon mein Urgroßvater jedenfalls fuhr eines der ersten in Frankfurt angemeldeten Motorräder. Das war im Jahr 1922. Mein Opa fährt mittlerweile seit 61 Jahren, im zarten Alter von 80 kaufte er sich eine nagelneue MT-07 und fährt noch immer fast jeden Winter durch. Seine Tochter, sprich meine Mutter, musste ­damals für ihren Führerschein kämpfen. ­Motorräder mit Damensattel gab’s halt nicht, andere Zeiten, andere Sitten. Die Rebellin in ihr schaffte es schließlich, mit alten Konventionen zu brechen. Ich ­musste mich für mein Interesse an Motorrädern nie rechtfertigen: Zu meinem 18. Geburtstag schenkten mir meine Großeltern mein erstes Krad. Ab diesem Zeitpunkt war das Kind in den Brunnen gefallen und der Motorradvirus grassierte munter weiter. Zehn Jahre später: Ich fahre immer noch Motorrad, genau wie der Rest der Familie – bis auf den Urgroßvater natürlich. 



53 Jahre liegen zwischen meinem Opa und mir. Da können Interessen und Entwicklungsstadien schon grundsätzlich auseinanderklaffen, gutes Verhältnis hin oder her. Aber wie groß wird sie noch werden, die zeitliche Schnittmenge, in der die drei Generationen zusammen fahren können? Und ist diese Konstellation nicht per se eine Tour wert, um herauszufinden, was es mit diesem Motorradgen in der Familie auf sich hat? Wir machen uns auf den Weg in die Dolomiten: Großvater Gerd, 81, auf seiner MT-07, Vater Gerhard, 57, auf seiner Super Duke R, Mutter Susi, 55, auf ihrer R 9T und ich selbst, Lucia, 28, auf unserer Dauertester-Monster 797.

Die geplante Tour ist straff: Um halb acht beginnen die Tage, gegen neunzehn Uhr laufen wir in den täglich wechselnden Hotels ein. Zwischendurch fahren und produzieren wir rund neun bis zehn Stunden. Zu Beginn fürchte ich, meine Crew damit zu stark zu strapazieren, aber Opa und Eltern sind ausdauernd. Eifrig folgen sie meinen Anweisungen, fahren auf und ab, mal enger beieinander mal etwas versetzter und drapieren sich ­lächelnd neben ihren Krädern. Dabei entwickeln sie Tag für Tag ein eigenes Auge für geeignete Motive und haben Spaß an der Produktion.

Wenn hinter Mopedfahrern Mopeds fahren, fahren Mopeds Mopedfahrern hinterher. In diesem Falle kommen alle aus dem gleichen Nest Nur sind sie nacheinander geschlüpft

Beim Fahren selbst habe ich dann ruhige Minuten ­unterm Helm und Zeit, über unsere ungewöhnliche ­kleine Gang nachzudenken. So wahnsinnig tief ­scheinen die Altersschluchten gar nicht zu sein. Der älteste Mann meines Blutes hängt meinem Vater am Hinterrad wie vom Abschleppseil gezogen. Ein verdammt kurzes Seil. Aber damit schult er seine Serpentinenlinie – Pässe ­fahren sei er als bekennender Flachlandtiroler nicht gewohnt, sagt er am Abend. Blindes Vertrauen in das Können seines Schwiegersohnes und mindestens ­genauso viel in die Griffigkeit seiner Gummischlappen sorgen dafür, dass er auch mit 81 Jahren Erfahrung auf dem Buckel noch fleißig dazu lernt. Die Altersunter­schiede verschwimmen immer mehr …  

An Kurven ­mangelt es in den Bergen nicht. Gemeinsam einsam sind wir während der Fahrt, sobald der Helm aber vom Kopf ist, geht das Getratsche über den besten Strecken­abschnitt des letzten ­Passes los

Chapeau, Opa! Von morgens bis abends ist er mit uns auf Trab. Bis zu sechs Pässe am Tag spulen wir ab und nicht einmal bei Regen jammert er. Sein Verhalten lässt mich vergessen, wie alt er wirklich ist – vor allem, wenn er das Visier runterklappt, was die hart erarbeitete runzelige Haut versteckt. Und dann sind da noch die anderen Kleinigkeiten: Mal fällt ihm mein Helm runter – weil er unachtsam war. Jetzt flutscht mir dauernd der inte­grierte Sonnenschutz vor die Augen – der Mechanismus ist beschädigt. Mal verschusselt er die Zimmerkarten, natürlich gleich beide. Da treibt es mir den Puls in die Höhe und Unverständnis macht sich breit. Dazu gesellt sich ein weiterer Stressfaktor: Während der Fahrt haftet mein Blick ständig nervös an ihm. „Achtung, die Kurve zieht sich zu“ oder „Nein, noch nicht überholen, da kommt noch ein Auto“, schallt es durch meinen Kopf –  vergebliche Liebesmüh. Je flotter wir fahren, desto nervöser werde ich, die Reaktionszeit im Alter ist halt nicht mehr die gleiche, die sie einst war. Auch sie wird etwas, na ja, nennen wir es müde. Die Gefahr eines Sturzes fährt bei jedem von uns mit. Mit zunehmenden Jahresringen aber werden die Knochen nicht unbedingt flexibler, oder?



Und dann passiert es irgendwann wirklich. Auf knapp 2000 Meter sehe ich beim Ausklappen meines Seitenständers im Augenwinkel den auf der Suche nach Bodenkontakt wild in der Luft paddelnden Fuß meines Opas. Im nächsten Augenblick landet er auch schon mit einem Bauchplatscher unsanft im Schotter, sein Bein unter der MT begraben. Adrenalin schießt mir ins Blut. „Mein Gott, Mädchen, du bist ja stark“, sagt er grinsend, als wir sein Moped anheben und sein Bein befreien. Zehn Minuten später posiert er schon wieder vor der Kamera. Erst am nächsten Morgen zeigt er auf Aufforderung ­seine Blessuren: Sein Körper erinnert an eine Art Schachbrett, ist zur einen Hälfte weiß und zur anderen schwarz. „Zum Jammern habe ich keine Zeit – ich hab hier viel zu viel Spaß mit euch“, schließt er das Thema bei einem halben Liter Bier ab. 



Ich denke an früher, als ich selbst noch mit deutlich mehr Unbekümmertheit an die Sache ­heranging und ein Stück weit das Sorgenkind war. Damals fuhr ich nach Italien mit meiner Family – Bruder und Vater voraus, meine Mutter hinter mir. Fahrspaß und Leichtigkeit erfüllten mich, ganz so als könnte ich fliegen. Ich war glücklich. Am Abend folgte dann der nervige Part: Meine Familie wies mich auf meine Fahrfehler hin. Immer freundlich zwar, aber das juckt ja eine 18-Jährige kaum. Vor zehn Jahren war das und meine erste Tour. Natür­lich hatten die Eltern noch ein besonderes ­Auge auf mich und meine Fahrweise. Ganz bestimmt haben sie sich ähnliche Sorgen gemacht, wie ich sie mir jetzt ­mache, wenn ich meinem Renn-Opi hinterher­rase. Die Gefahr, Fehler zu ­machen, ist in jungen wie auch in gereifteren Jahren halt einfach höher. Da bedarf es auf beiden Seiten etwas mehr Geduld, Verständnis und Vertrauen – und natürlich Kritikfähigkeit.

Genug geredet von den Unterschieden, kommen wir zu den Gemeinsamkeiten. Wie kam überhaupt die Kradliebe in ­diese motorradverseuchte Familie? Und was bedeutet es für jeden Einzelnen von uns ­eigentlich, das Motorradfahren? Bei mir ist das recht simpel, ich kannte es schlichtweg nicht anders. Meine Entwicklung von der Sozia zur Fahrerin war eine absolute Selbstverständlichkeit. Ein Zirkuskind überlegt schließlich auch nicht, ob es lieber Büro­fachangestellter werden will. 

Klar könnte Gerhard mit ­seiner Super Duke R (vorn) den Rest des Konvois problemlos abhängen. Aber Gerd klebt ihm am Hinterrad und hat auch mit 81 Jahren noch einen verbissenen Ehrgeiz in Sachen ­Geschwindigkeit

Bei meiner Mutter war das anders, das Motorrad war damals noch Männersache. Ihre Leidenschaft dafür begann mit einem lebensgroßen Sammelfoto aus der Bravo: Juliane Werding im silbernen Ganzkörper­kondom auf einem Motorrad. War das knorke! Mit süßen sechzehn Jahren ­schaffte sie sich eine Gilera Trial mit fünfzig Kubik an und war stolz wie Bolle. Eines Abends passierte es dann: Ein Freund besaß eine 750er Kawasaki und soff sich während einer gemeinsam besuchten Feier derart zu, dass meine Mutter ihn heim fahren „durfte“. Danach war es um sie geschehen: „Dieser Motor, er war so gewaltig, die Leistungsentfaltung so brachial. Ich war hoch beeindruckt“, erzählt sie. 

„Opa, mach mal den Depp!“, rufe ich. Er hat zwar keine Ahnung, was das bringen soll, aber sein ­Posing ähnelt dem von Usain Bolt doch sehr. Tja, wir sind nicht von gestern

Und mein Opa? Er fährt seit 1957 – also kurz nachdem die Dinos ausstarben. In den 50ern war der Besitz eines Motorrades ein Statussymbol. Mein Opa war aller­dings pragmatischer veranlagt und suchte mit seinem Adler-Roller und 1,5 PS nicht die Blicke der Nachbarn, sondern das Abenteuer, Freiheit und Unabhängigkeit: eben dieselben Emotionen, die meine Mutter und mich auch begeistern. Ein Jahr später stieg er auf eine 150er Rabeneick um, für ihn war das regelrecht bewusstseinserweiternd. Wieder ein paar Jahre später rissen ihm dann die 18 Pferdestärken einer 350er Regina von Horex beim Anfahren fast den Lenker aus den Händen. Mit der zunehmenden technischen Entwicklung wuchs auch sein Respekt gegenüber Motorrädern. Was keineswegs heißt, dass er nicht gern den Hahn aufreißt und Spaß daran hat, die 76 PS aus seiner MT zu quetschen. „Für mich ist und bleibt das Motorradfahren eine Weltanschauung, es ist mein persönliches großes Abenteuer. Noch fühle ich mich auf meinem Motorrad wohler als im Schaukelstuhl. Für den ist immer noch Zeit, wenn ich mal alt bin“, sagt der Gerd, mit seinen 81 Jahren.

53 Jahre trennen mich und meinen Opa, 28 Jahre meine Mutter und mich. Technik, Wohlstand,  gesellschaftliche Normen: Die Zeiten haben sich definitiv geändert. Der Antrieb, Motorrad zu fahren aber ist immer der gleiche geblieben. Das Gen konnte sich erfolgreich durchsetzen. Wir drei Generationen lieben das Gefühl. Freiheit und Abenteuer spüren, das geht für uns am besten im Sattel eines Motorrads. Das Alter? Pfff, ist doch eigentlich wurscht!
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Stand:10 December 2018 01:14:52/szene/dolomiten+-+generationenzeitreise_18905.html