Die Optimisten vom Berg – Zu Besuch bei Rokker

23.02.2018  |  Text: Sven Wedemeyer  |   Bilder: Wedemeyer, Werk
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Die Optimisten vom Berg – Zu Besuch bei Rokker
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Mutig, visionär und ziemlich naiv haben Michael und Kai die größte ­Chance ihres Lebens ergriffen. Zwei Motorradfahrer aus Leidenschaft, die den ­Klamottenmarkt auf den Kopf stellen sollten. Was steckt hinter der Erfolgsgeschichte der Rokker Boys?
Das ist so ein Ding mit dem Leben. Manchmal torkelt man planlos und wie benebelt durch den Alltag, eckt hier an, macht dort halt und kommt trotzdem zum Ziel. Und dann wieder gibt man sich die größte ­Mühe, ­erdenkt Visionen und schöpft Hoffnung, um am Ende doch nur enttäuscht aufzugeben, weil man in eine Sackgasse geraten ist. Nun ja, nicht immer läuft alles wie geschmiert. Wer allerdings wie Michael Kuratli und Kai Glatt darauf vertraut, dass das Leben seinen eigenen Flow hat und manchmal auch Zufälle den entscheidenden Impuls geben, der hat es leichter in dieser Welt. Spontane Eingebungen, Bekanntschaften und glückliche Momente brachten die beiden zusammen – und dorthin, wo sie heute stehen. Kai und Michael waren früher angefixte Mofaheizer und Harley-Bastler – wie du und ich. Heute stehen sie an der Spitze eines der spannendsten Unternehmen für Motorradklamotten, der Rokker Company.

Zwei wie Pech und Schwefel: Kai und Michael (rechts) eint mehr als das Business. Ihre Passion für ­Motorräder, ihr Leben und ­ihre Konsequenz machen sie zu Brüdern im Geiste

Der Sache völlig unbeteiligt ihren Lauf zu lassen, war allerdings noch nie ihr Ding. Denn beide sind echte Macher. Kai begann im Alter von 13 Jahren damit, Mofas zu frisieren, um die Berge seiner Heimat etwas ­flotter zu erklimmen. Auch im schönen Rheintal waren die Grundbedürfnisse eines Teenagers ganz und gar weltlich. Sein Patenonkel hatte in ihm die Saat für ­eine ­gesunde Zweirad­liebe gelegt, als er versprach, den kleinen Kai als ­Sozius auf der Harley mitzunehmen, wenn dessen Beinchen nur erst lang genug für die Rasten sein würden. Seither wuchsen nicht nur die Gliedmaßen, sondern auch die Liebe zu den Maschinen aus Milwaukee. Zur Erstkommunion gab es keinen Gameboy, sondern ein Shirt mit dem schreienden Adler auf der Brust. Kais Kumpel waren irritiert.

„Ich wollte ja nur meine Mofas“, sagt Kai heute fast schon entschuldigend und schwelgt in Erinnerungen. „Schon in der Schulzeit habe ich gejobbt, um mir mein Hobby samt der Bikes zu finanzieren. Mit 18 machte ich zwar den Autoführerschein, doch mein Bruder klaute mir die Karre immer. So bin ich lange Mofa gefahren, dann 125er Aprilia und Suzuki Bandit.“ Die erste V-Rod gab’s dann mit 26. Auch heute arbeitet Kai vor allem, um Motorradfahren zu können. Es ist ein wichtiger Baustein seines Lebens.

Erst spät kreuzten sich die Wege von Kai und Michael, der in der Nachbarschaft ­wohnte. Ihm eilte der Ruf eines bunten Hundes voraus. Mit einem kurzen Blick auf die Motorradbiographie von ­Michael erkennt man seine Frühreife und erahnt, wie schrill der heute 43-Jährige in den 90ern, zumal in der beschaulichen Schweiz, auf sein Umfeld gewirkt haben muss: Die erste Intruder noch vor dem zwanzigsten Geburtstag. Umgebaut. Peng. Dann mit 21 die erste Harley. Umgebaut, Nachschlag. Mit 26 dann ab nach Faak auf einer selbst kreierten „Very Fat Softail“. Erster Preis. Baaammm! ­Dieser schnellen Taktung konnte Kai nie standhalten. Seine Schrauber-Skills sind irgendwann auf Mofaniveau stehen geblieben, während Michael als gelernter Mechaniker auch heute noch beeindruckende Maschinen zu Stande bekommt.

Nur eine von ­unzähligen Lager­hallen. Selbst ­hinter den Kulissen geht es stilvoll zu

„Macht aber nichts“, entgegnet Kai entspannt. Heute ist er 40 und beamt sich für uns noch mal zurück in die Vergangenheit: „Ich kannte Michael nicht persönlich, wusste aber, dass er der Typ mit den krassen Umbauten war. Andersherum war es wohl genauso, auch er hatte schon von mir gehört.“ Als die beiden schließlich beim Snowboarden in den Bergen aufeinandertreffen, ­erkennen sie die vielen Parallelen und ihre Passion fürs Motorradfahren. So wurden sie gute Freunde. Schnell, wie von selbst, auf immer.

Vor gut elf Jahren, im Sommer 2006, saßen sie nach einer intensiven Tour über den Furkapass in der ­Kneipe, nippten am belebenden Pils und wurden sich ihres Seins bewusst. Beide waren offenbar keine bedenken­losen Teenies mehr. Denn so, wie sie gerade in Jeans und mit voll abgewinkelter Gashand die Pässe unter ihren Reifen zertrümmert hatten, sollte man als verantwortungsvoller Mensch eigentlich nicht Motorrad fahren. Eine Erkenntnis, die ihr Leben für immer verändern sollte. Es entstand eine zarte Vision – von einer Protektoren-Jeans, die nicht nur sicher und wasserdicht, sondern auch noch cool sein sollte. So etwas gab es damals einfach nicht. ­Michael war mittlerweile Vertriebsprofi, Kai beriet Gründer bei unternehmerischen Wagnissen. Es fiel ihnen daher leicht, die Risikobereitschaft im Sattel auf ein gemeinsames Geschäft zu übertragen.



Nicht der Zufall oder höhere Mächte, sondern viel Idealismus, Energie und Kaltschnäuzigkeit brachten sie ihrem Traum schließlich näher. Von der Materie, Stoffen, Färbungen und Schnitten hatten sie absolut keine Ahnung. Aufgeben war jedoch keine Option. Marktrecherchen, Produktanalysen und ganz viel Arbeit warteten auf sie. Zeit zum Bewegen ihrer Harleys blieb damals kaum.

Dann wurde es 2008, die Rokker Company wurde gegründet und erste Produkte wurden an die Händler geliefert. Mit unglaublichem Erfolg. Der Rest ist Geschichte. ­Rokker-Produkte mischten den Markt auf und gelten ­heute als High-End-Ware für anspruchsvolle Motorradfahrer. Wahrlich nicht billig, aber gut. Dabei stehen sie für Lässigkeit und entspannten Nonkonformismus. Ihre antibakteriellen Textilien heißen „No Stink“. Und einen Overall für Ladys gibt es nur in den Größen XS und S. Den Grund dafür kann man sich vielleicht denken ...

Zum Interview gibt es zünftige Ungarische, sorgfältig filetiert von Kai persönlich. Das dynamische Duo ist im Kulinarischen genauso anspruchsvoll wie beim Ankleiden

Style und Konsequenz sind Michael und Kai auch weiterhin wichtig. In ­ihrer Heimat, der Schweiz, wo es nur ­eine Louis-Filiale und fünf Polo-Shops gibt, leistet man sich gern ihre gute ­Ware. Zu ihren Kunden zählen längst nicht mehr nur Harley-Jünger, sondern auch Genussfahrer ganz anderer Marken, auf dem ganzen Globus. Ganz nebenbei tragen sie Verantwortung für knapp zwanzig Mitarbeiter.

„Wenn wir unsere Sache machen, dann richtig und zu hundert Prozent. Wir wollen uns nicht verzetteln und sind auf ­ganzer Linie konsequent. Deswegen büchsen wir auch immer wieder aus und nehmen uns bewusst eine Auszeit“, schwärmt ­Michael. Erst ­kürzlich waren sie mit ein paar KTM in den Alpen. Kai nennt das ­extremes Hard-Enduro-Wandern. Für mehrere ­Tage verschanzen sich die zwei dann hoch in den italienischen Alpen und fahren sich schwindelig. Kai ist immer noch begeistert von der letzten Tour, den Farben im Herbst, schneebedeckten Gipfeln und dem Glück nach jeder Etappe. „Tagsüber geben wir richtig Vollgas, abends entspannen wir, schalten ab und kommen richtig runter. Wir sind wirklich gern in der Natur.“ So kamen sie auch auf die Idee, ihr Portfolio um ein paar Motocross-Textilien zu erweitern, weit entfernt von dem neonfarbenen Geschreie des Zeitgeists. Mal sehen, was daraus wird.

Die Harleys der beiden sind nicht nur Fluchtfahrzeuge, Rauschmittel und individuelle Reflektionsflächen, sondern auch ­Ausdruck der gemeinsamen Freundschaft. Genau sie machten aus Bekannten echte Brothers in Crime

Und so reihen sich ihre Erfahrungen wie selbstverständlich neben- und aneinander, sorgen für Kettenreak­tionen und einen ständigen Fluss von ­Kreativität. Nicht vorstellbar, was ohne den Patenonkel, die Harley in Faak, ihr Treffen beim Snowboarden, das Bier in der Kneipe, die Ideen auf der Enduro und all das Glück passiert wäre. Vieles wäre wohl anders ­gekommen. Doch daran verschwenden Michael und Kai keine Gedanken. Sie ­packen an, wenn sich die Chance bietet. Und lassen dem Leben sonst seinen Lauf. Ohne Zweifel sind sie echte Optimisten.
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Stand:20 July 2018 10:35:30/szene/die+optimisten+vom+berg+-+zu+besuch+bei+rokker_18308.html