Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken

13.06.2018  |  Text: Irene Kotnik  |   Bilder: Irene Kotnik
Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken
Bonneville Salt Flats – Mitglied im Club der Kranken
Alle Bilder »
Im Hochsommer in einer Wüste auf Rekordjagd zu gehen, erscheint im ersten Moment hirnrissig. Ist man aber erstmal Teil dieser großen Speed-Freak-Family, macht das auf einmal alles Sinn. Sehr viel Sinn, denn hier wird alles ohne Ausnahme nur aus einem einzigen Grund getan: um den nächsten Rekord aufzustellen
Immer geradeaus. Der Tunnelblick ist gewünscht. Immer geradeaus und gegen die Uhr. Allein das Tempo zählt. Nicht mal die Form ist wichtig, vom motorisierten Mondei bis zum raketengetriebenen Einsitzer darf ­alles mitmachen, was Räder hat. Und das ­mitten im lebensfeindlichen Nichts von Utah in den USA. Gemeinsam mit der surrealen ­Kulisse der Salzwüste ergibt das eine Rennsportatmosphäre, die einmalig ist auf der Welt – und das seit über 120 Jahren. 

Ein Problem mit der Hitze haben nicht nur die hochgezüchteten Maschinen. Auch die Fahrer ­leiden bei knapp 40 Grad in ihrem Leder unter enormem Wärmestau. Abhilfe schafft nur der ersehnte Fahrtwind – oder ein ­Regenschirm

1896 fanden zunächst Fahrradrennen auf den Bonneville Salt Flats statt und seit 1914 Motorrallyes. Seit 1949 aber ist ein Termin pro Jahr in die Kalender der Speed-Freaks des ganzen Landes, nein, der ganzen Welt, hinein­zementiert: die Speed-Week on Anfang bis Mitte August, das sogenannte „Land Speed Racing“. Manche sparen das ganze Jahr und investieren wirklich den letzten Dollar, um ihren Traum eines verbuchten Rekordes zu verwirklichen.

Geschraubt wird tagsüber an Ort und ­Stelle direkt auf dem Salz. Auch das stellt eine große Herausforderung für Mensch und Maschine dar. Renn-Frauen sind hier übrigens keine Exoten, ­sondern ge­hören schon immer dazu

Ein Rekord hier steht für die Ewigkeit in Salz eingemeißelt – und für eine Mitgliedschaft auf Lebenszeit im Klub der Rennfahrer, die in Bonneville die Grenze von 200 Meilen pro Stunde überschritten haben. Einen Austritt gibt’s nur, wenn es dich nicht mehr gibt.

Im Hochsommer in einer Wüste sieben Tage Rennen zu fahren, hat etwas Hirn­rissiges, ­fürwahr. Der Termin ist dem Wetter ­geschuldet. Jährlich fallen hier gut 200 Millimeter Niederschlag, die das Salz aufweichen. Juli und August sind die trockensten Monate, der Boden ist steinhart.

Ehrgeiz kennt kein Alter, das Ausleben von oder das Streben nach Träumen auch nicht. Und Kuriositäten finden sich unter den Fahrern genauso wie unter ihren Fahrzeugen

Kommerz? Fehlanzeige. Das übliche ­Konkurrenzverhalten? So wenig vorhanden wie Schatten und gekühlte Getränke. Was es zuhauf gibt, sind Menschen jeden Alters, jeder Schicht, jeden Ursprungs, so bunt gemischt wie ihre Fahrzeuge. Die Wahl des Treibstoffs bleibt den Teilnehmern überlassen, egal ob Äther, Benzin, Diesel, Ethanol oder Elektri­zität. Auf diese Weise summieren sich die ­derzeit gültigen Weltrekorde auf über 700.

Der TÜV hat auf dem Salz von Bonneville nichts zu sagen – die Marshalls alles. With a little help from my friends ... geht alles gleich viel leichter von der Hand

Das Alter scheint weder bei Mensch noch Maschine eine Rolle zu spielen. Den Lkw-langen Streamliner fährt ein 90-jähriger, zittriger Opi. Ob er es ins Ziel schafft? Das liegt über elf Kilometer weit weg irgendwo im Salz des Horizonts, hinter der Erdkrümmung. Wer die Rekorde live erleben will, versammelt sich um einen der rauchig-kratzig klingenden Radiorekorder oder klemmt sich hinters Autoradio. Über eine eigene Frequenz wird den ganzen Tag gesendet. Menschentrauben bilden sich. Wie in den Geschichten unserer Großeltern, die immer behauptet haben, dass Radiohören früher Gemeinschaftssache war. Das gehört genauso dazu wie der nicht existierende Komfort im Fahrerlager, die tollen Charaktere, die schon mit ihren Urgroßeltern damals das erste Mal hier waren. Bonneville: einzigartig, unvergesslich! Zu gewinnen gibt’s nichts – und verdammt viel.
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:16 October 2018 10:15:36/szene/bonneville+salt+flats+-+mitglied+im+club+der+kranken_18411.html