Technik – Rasten-Fahndung

13.10.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Götz Göppert, Ben Ott
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Technik – Rasten-Fahndung
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Seit mehr als 30 Jahren bedient Wunderlich BMW-Fahrer mit allem, was sie brauchen, gebrauchen könnten oder einfach gerne hätten. Anhand einer einstellbaren Fußraste für die BMW-9T-Familie schauen wir auf den ­Entstehungsprozess von der Idee bis zum fertigen Produkt
Rund 3700 Produkte haben die Sinziger im Programm, jedes einzelne davon Ergebnis eines kreativen Prozesses. Den Anstoß für die hier gezeigte Vario-Raste für BMWs 9T liefert Wunderlich-Geschäftsführer Frank Hoffmann im Herbst 2017 selbst. Er baut eine Standard-9T zum Cafe ­Racer um und schnell ist ihm klar, dass es da im Fußbereich Handlungsbedarf gibt. ­Eine Herausforderung, die er direkt an sein Entwicklungsteam durchreicht. ­Daniela Meid, Paul Hornberger und ­Ronny ­Zilligen sitzen regelmäßig zusammen, ­jede Woche mindestens einmal, um genau zu sein. Nicht jedes Mal kommen bei ihren Sit-ins tatsächlich neue Produkte heraus, einen Großteil ihrer Zeit fordert auch die Produktpflege sprich -weiterentwicklung. Welch ­dickes Brett da zu bohren ist, zeigt besagte Produkt­zahl.

Feedback aus der Kundschaft läuft im Hause Wunderlich ständig ein: aus Telefonaten, Produktrezensionen und nicht zuletzt auch aus dem persönlichen Kontakt – sei es bei der in Sinzig jährlich zum Saisonstart stattfindenden „Anfahrt“ oder auch auf den Messen. Immer ist dort einer der Entwickler als Ansprechpartner vor Ort. Da fließt so einiges an Anregungen, Erfahrungen und Vorschlägen in den Postkasten; eine Quelle, auf die das Entwicklerteam gern zurückgreift. 

Die Designentwürfe für die Wunderlich-Parts stammen meist aus der Feder von Nicolas Petit – auch  für die ­Vario-Raste hat er mehrere Entwürfe ­gezeichnet

Fußrasten sind Standardprodukte und auch die auf einem Radius rotierbaren Rasten gibt es schon länger. Jetzt aber kommt es darauf an, den Gegebenheiten am Motorrad bestmöglich gerecht zu werden, eine möglichst große Einstellbandbreite zu erzielen und vor allem auch einen attraktiven Look. „Anfangs ist das Lastenheft immer voll“, sagt Daniela. Gesammelt wird, was auf den Tisch kommt, um den herum das Team zum Brainstorming Platz nimmt. „Eine Menge Optionen kommen da zusammen, Tabus gibt es keine. Da darf dann auch mal gefightet werden“, beschreibt sie mit einem herausfordernden Seitenblick auf Paul ­diese Art von Kreativstreit um die besten Ideen. „Das Lastenheft dünnt sich aber auch schnell wieder aus“, ergänzt Paul. „Anspruchsvoller als das reine Auflisten von Wunschoptionen ist es, die technischen Anforderungen mit einer ansprechenden Optik zu versöhnen.“ 

Mit Hilfe des Abtastscanners können die ­Maschinendaten, ­beispielsweise die Montagepunkte der Fußrasten, ins CAD-Programm übertragen ­werden

An dieser Stelle kommt Nicolas Petit ins Spiel. Klingt wie ein Künstlername, ist aber keiner. Ein Künstler ist der studierte Designer trotzdem. Seit einigen Jahren ist der französische Wahl-Eifelaner der kreative Kopf hinter der Linienführung der Wunderlich-Produkte. Und weil er nicht nur genial zeichnen kann, sondern auch eingefleischter Motorradfahrer mit tiefgreifendem technischem Verständnis ist, fällt den Technikern die Arbeit mit ihm leicht. Mit flinker Hand bringt er seine ­Entwürfe zu Papier. Manchmal braucht es zur Annäherung ans Endprodukt viele davon – an die vierzig Stück sind es schon gewesen; manchmal sitzt der erste Schuss aus der ­Hüfte auf Anhieb. Im Falle der Vario-Raste zeichnet ­Nicolas zehn Entwürfe, bis alle zufrieden sind.

Im CAD wird mit Hilfe geometrischer Formen konstruiert, die Zeichnung von Designer Petit liegt dabei im Hintergrund. Hier ist das Projekt schon in fortgeschrittenem Stadium

Schnell zeigt sich, dass sich der für eine befriedigende Ergonomiebandbreite nötige große Radius –  35 Millimeter werden es am Ende sein – auch optisch attraktiv umsetzen lässt. Mehrere Optionen kommen in die engere Wahl. Nach Prüfung der Umsetzbarkeit ergibt sich der bestmögliche Kompromiss aus Funktion und Optik im Laufe des Prozesses – „die ein oder andere Sackgasse inklusive“, merkt Daniela an. Sind die per Scanner am Motorrad abgenommenen Daten ins CAD-System übertragen, beginnt das eigentliche Konstruieren. „Wir starten mit den Konturen, gearbeitet wird mit geometrischen Grundformen, die Designzeichnung liegt dabei immer im Hintergrund“, erklärt Paul den Prozess. 

Und dann kommt sie, die große Zeit des hauseigenen 3D-Druckers. Mit Hilfe der CAD-Daten druckt der das Ergebnis aus Kunststoff aus: eine enorme Arbeitserleichterung und ein Meilenstein auf dem Weg zum fertigen Produkt, ermöglicht der Ausdruck doch nicht nur erste Funktionsprüfungen, sondern auch die erste sinnliche Erfahrung am Objekt. Fallen diese Prüfungen zur Zufriedenheit aus, wird ein Prototyp gebaut und intensiven Tests unterzogen. Erst, wenn keine Fragen mehr offen sind, geht der Artikel in Serie. Währenddessen fordert im Hintergrund auch die Bürokratie ihren Tribut. Der TÜV – in diesem Fall in Form von Harald Rüttgers ­(siehe Interview auf Seite 83) – muss zur Erstellung der notwendigen Gutachten ins Boot geholt werden, die technische Dokumentation betrieben und die Kommunikation mit dem Kraftfahrtbundesamt initiiert werden. 



Wir von ROADSTER kommen schließlich bei besagtem Prototypen ins Spiel. Montiert am Wunderlich-Cafe-Racer testen wir ihn. Wie der intensive Einsatz ­unserer Torx-Schlüssel schnell zeigt, ergeben 35 Millimeter ­Radius eine erstaunlich vielseitige Variationsbreite, die von entspannt tourig bis „fast forward“ reicht und den Maschinen­charakter entsprechend einfärbt. Für meine 1,76 Meter jedenfalls ist alles dabei. Um für alle Schuhgrößen gewappnet zu sein, fordert der große Radius auch den Fußhebeln einiges an Längenvariabilität ab: Rund 20 Millimeter sind es bei Schalt- wie Bremshebel gleichermaßen. Bei meiner Schuhgröße 43 deckt der Einstell­bereich auch die Extrempositionen ab, lediglich beim weitestmöglichen Abstand zwischen Schalthebel und Raste und schlanken Motorradsneakern am Fuß kann die Schaltarbeit etwas leiden. Mehr Spielraum ist hier aber nicht drin, sonst fehlt der notwendige Hebelarm und die Schaltkraft steigt zu stark an.

Apropos Torx-Schlüssel: Zwei Größen braucht es für die Anpassung der Rasten. Wer sich die zwei Winkel­schlüssel zum Bordwerkzeug dazupackt, kann also auch unterwegs ganz nach Gusto von Touring- auf Sport­modus switchen. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man Autobahn spult oder in den Alpen Pässe stürmt. „Nach unserer Erfahrung“, so Pressemann Arno ­Gabel, „stellen unsere Kunden die Komponenten in der ­Regel nur einmal ein.“ Schade, sagen wir, denn da entgeht ­ihnen was. Die passende Einstellung jedenfalls sollten sie mit Hilfe der Vario sicher finden.
 

Harald Rüttgers ist regelmäßig vor Ort in ­Sinzig, der Strom neuentwickelter Produkte bei den BMW-Zubehörspezialisten reißt nicht ab

Interview

Harald Rüttgers vom TÜV Rheinland betreut Wunderlich seit 17 Jahren kontinuierlich

Herr Rüttgers, sie sind für die Firma Wunderlich der Kontaktmann zum TÜV Rheinland und unter anderem für die Abnahme neuer Bauteile wie beispielsweise der hier gezeigten einstellbaren Fußraste für die BMW R NineT ­zuständig. Wie gehen Sie bei der Abnahme solcher ­Komponenten vor?
Zunächst ist zu prüfen, ob der Betrieb für die ­Herstellung solcher Teile zertifiziert ist. Das ­Qualitätsmanagement muss mindestens nach ISO 9001 zertifiziert sein und jährlich überprüft werden, zudem muss eine sogenannte COP ­(Conformity of Production)-Prüfung gleichbleibende Qualität in der Fertigung sicherstellen. Die Firma Wunderlich kenne ich seit vielen Jahren, da gibt es für mich keinerlei Fragezeichen. Dennoch muss auch sie sich jährlich immer wieder aufs Neue überprüfen lassen. 

Was ist mit dem verwendeten Material? Wer bürgt für dessen Qualität? 
Am Ende des Tages ist dafür der Hersteller der Teile mitverantwortlich. In Prüfungsverfahren durch uns wird ein ganzes Lastenkollektiv, also eine lange Liste von Anforderungen abgeprüft, bei denen die Bauteile beispielsweise mit einem Hydropulser auf Festigkeit und Dauerhaltbarkeit geprüft werden. Entsprechende Anforderungen an Materialien und Bauteile sind in den sogenannten VdTÜV-Merkblättern gelistet und systematisch zusammengefasst. Sie bürgen für die technische ­Sicherheit. Hier werden auch Kriterien für die konkrete Prüfung vorgegeben, wie beispielsweise Angriffspunkt, Last und Frequenz der Prüfung. Neben der reinen Bauteilprüfung müssen auch straßenverkehrsrechtliche Vorschriften bezüglich Verwendung und Anbau an bestimmte Motorräder beachtet werden, beispielsweise Anbauprüfung, Bedienbarkeit, äußere Gestaltung etc.

Manche Parts werden mit einem Teilegutachten, manche mit einer ABE angeboten. Was ist der Unterschied bei der Prüfung und welche Konsequenzen hat das für den Käufer?
Ob man in Sachen Genehmigung den Weg des ­Teilegutachtens oder den der ABE beschreitet, hängt in der Regel von der Stückzahl ab. Bei ­kleineren Stückzahlen ist das Teilegutachten ­ausreichend, bei größeren ist eher die ABE Mittel der Wahl, da der Hersteller es dem Kunden natürlich möglichst leicht machen will. Teilegutachten wie auch die ABE werden fahrzeugspezifisch erteilt. Bei der ABE wird das durch entsprechende Dokumente belegt, die mitgeführt werden müssen. Nach Anbau ist eine Vorführung des Fahrzeugs beim Sachverständigen nicht erforderlich. Anders beim Teilegutachten, das immer die Begutachtung im montierten Zustand am Fahrzeug erfordert. Hat der Sachverständige keine Beanstandungen, ­erstellt er im Rahmen einer Änderungsabnahme ein Prüfzeugnis. Das kann im Anschluss auf der Zulassungsstelle in die Fahrzeugpapiere einge­tragen werden, muss aber nicht. Das Mitführen dieses Nachweises reicht aus. 

Im Gespräch bei Wunderlich vor Ort erklärt mir Harald Rüttgers die Abläufe bei Begutachtung und Abnahme von Bauteilen

Und gibt es auch bei der Prüfung Unterschiede?
Die Prüfungsverfahren sind im Grunde die ­gleichen, bei der ABE schaut man noch etwas ­genauer hin. Die Messlatte liegt hier ein Stück über dem Teilegutachten, da im Anschluss ja ­niemand mehr drüber guckt. Die hauptsächlichen Unterschiede liegen aber bei der Dokumentation. Mit technischer Zeichnung, Material-Datenblatt, Anbauanleitung und der Fahrzeugzuordnung ist der Aufwand hier schon relativ hoch. 

Und wie kann man die Art der Prüfung am ­fertigen Bauteil identifizieren?
Parts mit Teilegutachten führen eine Herstellerkennung, auf die sich das Teilegutachten bezieht, meist ein Herstellerzeichen und eine nummer. Bei der ABE kommt außerdem noch die sogenannte KBA-Nummer vom Kraftfahrtbundesamt hinzu. Hier muss die gesamte Kennzeichnung auch in eingebautem Zustand sichtbar sein.
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Stand:21 November 2018 17:06:18/custom/technik+-+rasten-fahndung_18726.html