Custom Yamaha XS – Lusttötende Schönheit

18.09.2019  |  Text: Tim Davies  |   Bilder: Tim Davies
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Custom Yamaha XS – Lusttötende Schönheit
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1991 zog ich von Madrid nach Berlin. Ich verkaufte meine Honda VFR 750 und kaufte mir eine XS 650. Ein schwarzes Modell. Ich fand sie echt schön. Was noch viel wichtiger war: Auch alle meine Freunde fanden sie schön. Trotzdem habe ich sie gehasst
Bald nachdem ich meine VFR verkauft hatte, fehlte sie mir schon. Ende der Achtziger stand die Honda für Top-Technologie. Damit konnte ich die 650 Kilometer nach ­Cadiz in viereinhalb Stunden schaffen. Aufregend und neu­artig sah sie aus. Die Madrilenen liebten sie. Die West-Berliner dagegen sahen das alles ganz anders. Hinter der Mauer hatte die Zeit einfach ziemlich lang stillgestanden. Jetzt, da die schützende Barriere weg war, wurden sie rüde in die Gegenwart gerissen. Meine Freunde damals waren Studenten, Autonome und Drückeberger. Für sie alle war klar: Technologie ist eine rein kapitalistische Verschwörung. Daher fuhren sie ausnahmslos Yamaha SR oder XT und betrachteten die Honda, als wäre sie von einem anderen Stern.

Ein interessantes Phänomen: Die Reduktion aufs Wesentliche bringt mehr Endorphinausschüttung, als es ein Elektronik-Assistenzpaket je könnte

Die XS 650 war ein Bike, das auch sie verstanden: ehrlich, einfach, belastbar. Genau wie ihr Lieblings-Musikclub SO36 war es laut, pulsierte, war längst überholt, aber total anziehend. Außerdem war die XS ziemlich praktisch, weil man sie einfach auf der ­Straße stehen lassen konnte. Selbst nach Monaten der Nichtbeachtung konnte man ihr bei platter Batterie mittels Kickstarter wieder Leben einhauchen. Und so habe ich wirklich redlich versucht, sie zu lieben. Doch sie langweilte mich. Lahm und schwer war sie und kaum schneller als die XT 500 meines Kumpels. Sie hatte eine doppelte Scheibenbremse vorn, die sich jedoch hölzern anfühlte und kaum Biss entwickelte. In Bildern von Kenny Roberts auf seinem XS-Flat-Tracker fand ich Trost. Den Glauben daran, dass tief in diesem schwerfälligen Dinosaurier ein Velociraptor steckt, der die Kreuzberger Anarchisten das Fürchten lehren würde, wollte ich einfach nicht aufgeben. Ich wechselte den Auspufftopf und änderte die Be­düsung – ohne Erfolg (sieht man vom höheren Spritverbrauch mal ab). Behalten habe ich sie gut fünf Jahre lang. Fast hätte sie es geschafft, meine Lust am Motorrad zu töten. Dieser bleierne Paralleltwin schien so etwas wie eine evolutionäre Sackgasse zu sein. Ein Bike für Leute, die es nicht mögen, schnell zu fahren und ergo für mich damals ein Motorrad für Leute, die keine Motorräder mögen.

Mit Stollenreifen kommt man überall hin. ­Contis TKC 80 kommen mit 40 PS und 180 ­Kilo auch auf der Straße gut klar

Vor zwei Jahren brauchte meine Freundin ­Conchita dann ein Bike. Mit neunzehn hatte sie mal eine 1967er BSA Lightning 650 gehabt und stellte sich ein entsprechendes Gefährt mit Kicker und BSA-Sound vor. Weil ich nicht jedes Wochenende damit verbringen ­wollte, ihr Bike zu reparieren, kam ein britisches Original aber nicht in Frage. Die aktuellen Modelle aus Hinckley waren zu neu, als offensichtliche ­Alternative blieb nur Kawasakis W 650. ­Conchita mag aber keine Kawas und findet die W zu niedrig und zu fett. Ich vermute, sie mag den Klang des Wortes Kawasaki einfach nicht. Insgeheim plante ich, ihr eine W 650 zu kaufen und ­einen BSA- oder Triumph-Tank zu montieren. Ich spekulierte, sie würde sich verlieben, bevor sie merkt, dass es eine Kawasaki ist. ­Schande über mich.

Basisbike war eine 1982er Heritage Special mit 16-Zoll-Hinterrad und übertriebener Speichen­anzahl. Es wurde auf eine 18-Zoll-Felge von XS Performance aus den Niederlanden umgerüstet

Vor dieser Lüge bewahrte mich eine in der Nachbarschaft zum Verkauf offerierte XS 650. Ein Scrambler-Projekt, das der Verkäufer aufgegeben hatte. Stollenreifen, schlanke Linie, kleiner Tank und die Zwei-in-eins-Auspuffanlage verliehen der Yamaha diese FlatTracker-Anmutung, irgendwie musste ich spontan an Strände in Südkalifornien denken. Die Yamaha war nicht angemeldet, aber im Wald hinter dem Haus des Verkäufers durfte ich eine Probefahrt machen. Beim zweiten Kick sprang sie an. Als ich die Kupplung kommen ließ, ging es gleich überzeugend nach vorn. Es schien, als hätte sie zwanzig Pferde mehr als meine XS aus alten Tagen. Beim Poltern durchs Unterholz fühlte sie sich richtig schnell an – fast zu schnell für einen Offroadamateur wie mich. Die ­berauschende ­Mischung aus Tempo und dem Wonneschauer der Gefahr, sie war perfekt. Zwar schaukelte sich das Chassis auf, das Lenkverhalten aber war leicht und neutral. Sogar die einzelne Bremsscheibe reagierte scharf und präzise. Ich war am Haken – und nach einigem Schachern gehörte die Yam mir. Okay, ich meine ihr.

Es stellte sich heraus, dass die Maschine gar nicht getunt war. Die Illusion gesteigerter Leistung wurde nur durch die Kombination der 35-Kilo-Diät mit einem Kurzhubgasgriff hervorgerufen. Nachdem ich die XS auf meinen Trailer geschoben hatte, gab mir der Verkäufer noch zwei schwere Kisten mit Teilen mit, die er abgeschraubt hatte. Die Serien-XS war ernsthaft bockschwer. Allein die Batteriebox und die Seitendeckel wogen sieben, Generator, Batterie und Anlasser zusammen gute fünfzehn Kilo. 

Unterwegs in Polen auf der Suche nach ­einem Badesee. Mit einer ­Ducati Scrambler 350, ­einer ­Bultaco Alpina und ­einer GS 800 kann die XS gut mithalten

Mein Mädel jedenfalls war happy und ist es noch immer. Sie mag mädchenhafte Motorräder gar nicht und schätzt den rustikalen Look und den hohen Sitz der XS. Sie hat den Tank selber angemalt und den Sitz neu bezogen. Den Lenker haben wir zusammen ausgetauscht, genauso wie die Fußrasten und die Schutzbleche. Im Herbst letzten Jahres nahmen wir die Yam dann mit nach Portugal und Südspanien, der perfekte Scrambler für die sandigen Feldwege von Strand zu Strand. Wurde die Route allerdings richtig wild, kam das Krad schnell an seine Grenzen. Eingeschränkter Federweg und Gewicht drückten schnell aufs Tempo. Irgendwie aber kamen wir immer durch. Selbst wenn sie mal umfiel, nahm sie kaum Schaden. Ich hatte selten so viel Spaß mit einem Motorrad wie in diesen beiden Monaten an der Atlantikküste.

Sunset-Dreamin’ vor den Umrissen Afrikas am ­Horizont. Hast du eine schöne Frau, die Kickstarten ­sexy findet, dann halt sie fest!

Wie lässt sich die unterschiedliche Wahrnehmung damals und heute erklären? Okay, die zweite XS wiegt vollgetankt nur rund 180 Kilo, ist aber mit 40 PS trotzdem relativ langsam. Dazu kommen unkomfortable Vibrationen über 110 km/h. Die Bremsen sind zwar stärker als in meiner Erinnerung, aber dennoch eher schlaff. Objektiv betrachtet ist das Ding kaum besser als das Bike von vor fünfundzwanzig Jahren. Den Unterschied macht das Kribbeln im Bauch. Doch woher rührt es? Warum ­haben manche mechanischen Objekte diese magische Aura und andere nicht? Der 1000-Punkte-Test ist der ­rationale Versuch, Magie mit Zahlen zu erklären. Doch das klappt nicht. Testsieger mögen oft Bestseller sein. Objekte der Begierde sind sie selten, Legenden werden sie nie. 

Mit dem chine­sischen ­Nachbau ­eines Keihin-Flach­schiebers ist sie lebendiger und dreht bei Vollgas viel schneller hoch. Leerlauf und Teillastverhalten aber leiden

Also was passiert da? Es geht nicht ums Bike, es geht um uns selbst. Als ich meine erste XS 650 ­hatte, imponierten mir die coolen Kenny-Roberts-Fotos. Ich war aber Straßenfahrer. Mein Interesse galt weder Offroad noch Flat Track. Nie sprang der Funke von den Fotos wirklich auf mein Motorrad über. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, sind die Priori­täten des ­Biker-Lebens in Berlin andere. Ein Motorrad ­sollte sich ebenso leicht durch den dichten Stadtverkehr wühlen wie durch endlose Sandwege, will man in ­einem der tausend vergessenen Seen der ehemaligen Sowjetzone baden gehen. ­Sofort, als die Bilder dieser XS zum ersten Mal auf meine Netzhaut trafen, begann ich von so was zu träumen, von Touren im Licht der untergehenden Sonne ­immer am Strand entlang. Neun Monate später jagten wir in der Bucht von ­Tarifa die letzten Sonnenstrahlen überm ­Atlantik.
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Stand:17 October 2019 22:11:04/custom/custom+yamaha+xs+-+lusttoetende+schoenheit_19605.html Warning: fopen(cache/e6dd0bc4a39ecafd0e65ba635a551779.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163