Custom – BMW R nineT Racer

22.12.2017  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Carsten Heil
Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer Custom – BMW R nineT Racer
Custom – BMW R nineT Racer
Alle Bilder »
Der Name dieses Brauntons weckt Assoziationen. Leise säuselt der Jazz-Klassiker „Girl from Ipanema“ durch meinen Kopf: Sand unter den ­Füßen, gebräunte Haut im wärmenden Sonnenschein, im Hintergrund die ­rollende Brandung des Atlantiks – eine ganz andere Szenerie als treibender Boxersound und heißgefahrenes Gummi. In Sachen Erholungswert aber sind sich der brasilianische Strand am Rande Rios und dieser gelungene 9T-Umbau näher, als man denkt
Patrick Martin, BMW-Händler und Geschäftsführer der Martin GmbH in Lenggries im Tölzer Land, sitzt gewissermaßen an der Quelle. BMWs 9T Racer war schon lange präsentiert, als er im Mai 2017 den Entschluss fasste, diese Standard-9T zum Racer umzubauen. Warum sich der Mann nicht einfach ein Exemplar des neuen 9T-Ablegers bestellte? Nun, da stand in seinem Showroom noch diese 2016er Euro-3-9T mit nur 300 Kilometern auf der Uhr. Die würde auch künftig noch verlockende Möglichkeiten in Sachen Sound und Motortuning bieten, die der nach Euro 4 homologierten 9T Racer auf ewig verwehrt bleiben würden. Seit 2010 überzeugter Vertreiber von Rizoma-Parts, war Patrick von Anfang an klar: Seine Racer würde ein Rolling Showroom werden. Allein 5.635 Euro des 38.752 Euro teuren Motorrads gehen aufs Konto des italienischen Edelparts-Lieferanten. Dickster Brocken mit 1.390 Euro sind die Zylinderkopfhauben, direkt danach kommt mit knapp 700 Euro der vordere Motordeckel mit der stilbildenden 90 im Sichtfenster. Doch nicht alle Fräsware ist aus Italien. Die schicken Rahmendreiecke, bei der Serienmaschine aus etwas ödem Guss, stammen von Gilles Tooling und damit aus Luxemburger Werkstätten.

Rizomas Gabelbrückenabdeckung verschönert schnöden Serienguss, das Motoscope pro von Motogadget hält den Fahrer auf dem Laufenden

Doch all die Frästeile waren nur das Lametta, erst mal musste das Racer-Blattwerk an den Baum. Dazu war nicht nur die originale Racer-Frontverkleidung samt Halter nötig. Hinzu kamen Sitzbank plus Höcker und aller­hand Kleinkram. Komplettiert wurde die an München gerichtete, 2.589 Euro teure Bestellliste vom Akrapovic-Sportauspuff, den Patrick um eine kat- und damit zulassungslose Krümmeranlage direkt aus slowenischer Hand ergänzte.

Patrick wurde von Enduros und Motocrossmaschinen motorradsozialisiert. Mit der Zeit aber zog es ihn zunehmend auf den Asphalt. Heute begleitet ihn eine S 1000 RR auf seinen Rennstreckenausflügen. Kurzum, in Sachen Fahrwerk hat der Mann Ansprüche – die das Serienfahrwerk der 9T, zumal mit der nicht einstellbaren Gabel aus der Euro-3-Version, nicht erfüllen kann. Die Antwort? Öhlins. Und zwar mit FGRT-218-Gabel und BM-440-Federbein plus Lenkungsdämpfer gleich das große Besteck. In Gabel und Schwinge stecken Kineo-Räder, in ­erster Linie wegen der Optik, nicht wegen des Gewichts. Wir haben das Vorderrad von Kineo und das Drahtspeichenrad der Standard-9T gewogen: Mit 12,7 zu 13,6 Kilo – margi­nale Unterschiede durch die aufgezogenen Reifen mal außen vor –, geht dieser Fight auch funktional zugunsten von Kineo aus. Das Guss-Serienrad allerdings, wie es beispielsweise in der 9T Pure steckt, ist mit 11,9 Kilo noch leichter.

Dank des seitlichen Kennzeichenhalters und eines Hauchs von Blinkern (Rizoma-Outside und Club S)  kommt das Serienheck wesentlich besser zur Geltung

Was die Farbgebung angeht, war Patrick seit einem GS-Umbau von vor ein paar Jahren festgelegt: Ipanema-Braunmetallic sollte es sein, eine Audi-Farbe, die, wie er findet, sehr gut zum Klassik-Charakter der 9T passt. Finden wir auch. Vor allem, weil eine Vielzahl von Teilen im Rahmen des Umbaus schwarz matt gepulvert wurde, allen voran Kardan und Schwinge. Was allerdings Braun mit Ipanema zu tun haben soll, bleibt Audis Geheimnis. Ein Strand vor den Toren Rio de Janeiros sollte anders anmuten.

Bist du erst oben, willst du so schnell nicht mehr runter vom Martin-Racer. Sollte dich dann die Dunkelheit über­raschen, macht der 850 Euro teure Bi-LED-Scheinwerfer von J.W.Speaker samt Kurvenlicht die Nacht zum Tag

So, Schluss mit dem Drumherumschleichen, heute strahlt die Sonne und der Odenwald wartet. Klingt gut der Akra, aber nicht wirklich prägnanter als Serie. Unser Prüfstandslauf ergibt mit 113 PS und 112 Nm mehr oder weniger Serienniveau, auch der Kurvenverlauf ist nahezu identisch. Wie sich die Martin-9T aber fährt, das ist weit weg von der Serie. Mit 215,5 Kilo ist das Gesamtfahrzeug 6,5 Kilo leichter als die Serien-Racer, statt 51,8 Prozent ruhen hier 53,1 Prozent auf dem Vorderrad. Die Sitz­position ist genauso fordernd, da bringen auch die vielfach einstellbaren Rizoma-Rasten nicht viel. Doch wenn du mit dem Bock losrollst, interessiert dich die Ergonomie reichlich wenig.

Kineo-Felgen sind ein Fest aus Funktion, Show und Material. Und meist leichter als Serie. Rund 900 Gramm sind es hier am Vorderrad. Das alternative BMW-Gussrad allerdings ist noch leichter

Denn Patricks 9T zeigt das ganze Racer-Potenzial, das in diesem Motorrad steckt. Ans Licht gebracht wird es von den Schweden, die schon auf den ersten zehn Kilometern beweisen, was eine gute Fahrwerksabstimmung ausmacht – beziehungsweise der passende Rahmen dafür, abgestimmt hat Patrick seine Racer nämlich selbst. Wie diese gute Abstimmung auch das Störfeuer dieses Flat Twins auf ein Minimum reduziert, dessen quer (bitte keine Leserbriefe zu dem Thema, da gehen die Meinungen nun mal auseinander!) laufende Kurbelwelle beim harten Runterschalten oder ans Gasgehen immer wieder ­Impulse ins Fahrwerk feuert, ist beein­druckend. Egal wie hart du ­diesen Racer rannimmst, das Fahrwerk hält Balance, Boden­kontakt und nicht zuletzt die gute Stimmung aufrecht. Und weil die Öhlins-Teile eher tastend denn ruppig ansprechen, wirkt sich diese ­Race-Abstimmung auch nicht negativ auf den Komfort aus. Straff ja, aber nicht mitleidslos. Was nach ein paar Stunden im Sattel deine gepeinigten Handgelenke, ­Schultern und dein ständig im Anschlag hängender Nacken durchaus zu schätzen wissen.

Die Linie folgt der Serie, die Fahrwerksperformance nicht. Patrick hat seiner 9T das dicke Öhlins-Besteck verpasst. Nicht billig, aber die Performance rechtfertigt die Investition. Die Farbe stammt von Audi und trägt den inspirierenden Namen Ipanema-Braunmetallic

An und für sich hat sich der Mann aus Lenggries seine 9er fürs Landstraßensurfen gebaut. Bei seinen Abstimmungsfahrten auf dem Red-Bull-Ring Salzburg aber ist auch er dem Potenzial seines Racers erlegen. 9T Racer oder S 1000 RR? Der Martin-Renner jedenfalls hat mehr als bloßes Emotionspotenzial. Im Boxer-Cup dürfte er unter einem engagierten Fahrer breite Schneisen zwischen die anderen Hängetutteln schlagen. Nur Mut, Patrick!
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:24 June 2018 20:44:24/custom/bmw+r+ninet+racer+-+custombike_171207.html