Scram-Africa-Rallye – Die Wüste brüllt

21.03.2018  |  Text: Jan Joswig  |   Bilder: Götz Göppert
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Scram-Africa-Rallye – Die Wüste brüllt
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Karles Vives von Fuel Bespoke Motorcycles aus Barcelona liebt es, alte Straßenmotorräder auf Offroad-Einsatz zu trimmen. Aber noch lieber will er seine Scrambler im Gelände erleben. Also gründet er die Marokko-Rallye Scram Africa. Wir waren bei dem Trip für Eingeschworene dabei
Wir preschen im dritten Gang durch ­einen Sack voller Mehl, Dani und ich. Der Sandsturm hat uns mitten auf der Wüstenpiste erwischt. Ich behalte das Rücklicht von Danis Geländemaschine aus den frühen 80ern im Blick und lasse meinem kaum jüngeren Motorrad alle Freiheiten, die es auf dem losen Untergrund braucht. Vor, neben und über mir nur weißer, feinstaubiger Sand – und plötzlich auch unter mir. Die letzte Bodenwelle hat mich in die Luft katapultiert. Keine Haftung, volles Schicksal. Das ist er dann wohl, der Bingo-Moment des Lebens. Angstlust im Mehlsack. Genau für solche Momente rabiater Unausweichlichkeit wurde die Scram Africa erfunden: zehn Tage Stock, Stein, Sand im wilden Hinterland Marokkos auf alten, gelände­tauglich umgebauten Motorrädern.



Gegründet hat die Scram Africa der Spanier Karles Vives – und reitet ihr jedes Jahr auf seinem neuesten Custombike voran. Der ehemalige Grafikdesigner gründete 2011 Fuel Bespoke Motorcycles, weil er nichts fand, was seinem Traum entsprach: „Ich komme vom Land, ich wollte ein Motorrad bauen, mit dem ich über Stock und Stein fahren kann. Die Scrambler der 1960er faszinierten mich, Straßenmaschinen, an die Stollenreifen gesetzt wurden – fertig. 2010 war die einzige neue Maschine, die sich an der Scrambler-Ästhetik orientierte, die Triumph Scrambler. Ich konnte sie mir nicht leisten, also nahm ich das, was ich kannte und schätzte, und baute es um: eine alte Straßen-BMW.“ Gleich seine ­ersten Scrambler-Umbauten alter BMWs brachten ihm internationale Aufmerksamkeit. Der Großteil der Custom-Motorräder konzentriert sich darauf, vor der Eisdiele gut auszusehen, Karles' Scrambler rufen nach der Blockhütte in der Wildnis. Also führte Karles mit einem Freund seine ersten Umbauten genau dorthin: in Marokkos Hinterland. Aus dieser Tour entwickelte sich die Scram Africa, ein 2 500 Kilometer langer Wüstentrip für alte, umgebaute Kräder, den Karles seit 2012 einmal jährlich mit wechselnder Streckenführung organisiert. „Ich habe immer die Fahrer der ersten Paris-Dakar-Rallyes bewundert. Durch Afrika ohne GPS. Gaston Rahier kam nicht einmal mit den Füßen auf den Boden, wenn er auf seiner BMW saß. Zu diesen Zeiten will ich zurück. Der Wüstensand ist immer noch der gleiche ­Wüstensand …“, erklärt Karles die Romantik hinter den Strapazen. 



Der Spaß an der Scram beginnt lange vor der Scram. Erst wird liebevoll gebaut, was dann rücksichtslos Steinschlag und Sandsturm ausgesetzt wird. Walter aus der Schweiz hat seine KTM als Aluminium-Albtraum frei nach H.R. Giger verkleidet. Josep aus Spanien hat die Mutter als Musterzeichnerin und den Bruder als Schweißer eingespannt, um seine Honda zu einer verbeulten Blechdose zu veredeln. Karles hat seiner Altherren-Kawasaki die Aura von 60er-Jahre-Halbstarkentum verpasst. Der Dresscode für die Motorräder gilt auch für die Fahrer. Über der Protektorenweste trägt man die handgeflickte Wachsjacke, unter dem „Fuel Bespoke Motorcycle“-Shirt Dackel- und Schlittenhund-Tattoos, im Tankrucksack „M'Hashish“ von Mohammed Mrabet und „Die sieben Säulen der Weisheit“ von T.E. Lawrence. Auf vielen Helmen kleben bereits die Scram-Teilnehmer-Sticker der letzten zwei, drei, vier Jahre. 



Dieser Trip zieht sich seine eigenen Jünger ­heran. Die Scram-Bande kultiviert einen ­undogmatisch nostalgischen Stil, funktional verwildert. Vegetarisch ist keine Option. Die sechste Scram steigt ohne Aufwärmphase mit Staub im Scheinwerferlicht ein. Den Fährhafen von Tanger Med können Dani, ­Walter, Josep, Karles, ich und die fünfzehn weiteren Fahrer erst spät abends verlassen. Auf dem Weg nach Chefchaouen im Rif-­Gebirge ­hangeln wir uns über die nächtliche Schotter­piste wie eine knatternde Glühwürmchenarmada. Die „Rif Boys“-Graffiti an den Felswänden füttern unseren Guerillawahn. Wir kommen durch die Hintertür und bleiben auf den Seiten­gassen. Auf den zehnstündigen ­Tagesetappen teilen wir uns in kleine Gruppen auf, jede nach ihrem Tempo dem Roadbook, dem Wegeplan mit etwa fünfzehn Einzel­blättern, hinterher. Die abgerissenen Zettel des Roadbooks sprenkeln unsere Route. Wir treffen uns zufällig in Cafés am Wegesrand. Wenn ­jemand eine Haschzigarette zur Nervenbe­ruhigung dreht, schenkt ihm der Cafébesitzer einen Minztee dazu. Die Scram-­Fahrer kommen aus der Werbung, den ­Medien, sind Onlinehändler, Radiomacher oder 360-Grad-Video-Produzenten. Aber in unseren staubschweiß­speckigen Klamotten auf den Bastardmotorrädern kommen wir uns vor wie die Internationalen Brigaden auf Schnitzel­jagd. Gut, uns fehlt die Mission. Das ist das Schicksal der Freizeitgesellschaft. ­Heroischer wird es nicht. An unsere persönlichen Grenzen werden wir aber permanent gestoßen. Am zweiten Abend werden vor dem Essen im Camp noch ein paar Kapriolen gedreht. Im Dunklen wird mit Suchscheinwerfer und Stirnlampe an den Motorrädern geschraubt, aus Jux und Dollerei. Aber am sechsten Abend sind bereits alle zu lendenlahm, um sich in die Medina von Fès aufzumachen. Die Fahrten werden ständig von ­Havarien unterbrochen, ganz ohne Jux und Dollerei. Platte Reifen, zerdengelte Felgen, durchlöcherte Ölwannen. Die Langmut des begleitenden Mechanikers Luis wird bis weit in die Nacht strapaziert, jede Nacht. Anfangs spottete ich über die Weichei-Maßnahme, ­einen Mechaniker mitzunehmen. Nachdem er den Auspuff meiner BMW geschweißt, eine Halterung für die Lampenmaske improvisiert und das Loch im Zylinderdeckel abgedichtet hatte, wurde ich kleinlaut.



Marokko nehmen wir als einen Flickenteppich spektakulärer Landschaften wahr. Über endlos weite Etappen scheint sich seit den ­Dokumentarfilmen von Daniel Chicault aus den 50er-Jahren nichts verändert zu haben. Wir kreuzen durch romantische Paradegemälde mit vereinzelten Hirten als Staffagefiguren. Rechts und links stille Majestät, während das Motorrad vor einem pausenlos wie ein wütender Enterich schnattert. Die erste Ampel nach zwei Tagen Fahrt löst einen Kulturschock aus. Die marokkanische Bevölkerung besteht für uns aus Café-Kellnern und Tankstellenwarten. Und aus diesem einen Bauern, der wie aus dem Nichts fünf Meter neben dem Rastplatz unserer Vierertruppe neben einer Lehmhausruine hockt. Nicht einmal sein Mofa haben wir gehört. Ich hatte gerade beim Routinecheck festgestellt, dass sich der Motor meiner BMW ohne eine Ölspritze festsetzen würde. Jeder weitere Kilometer könnte zum Totalschaden führen. Der Mechanikerwagen mit Reserveöl würde nicht vor zwei, drei Stunden unsere Stelle passieren. Dani sieht auf das Mofa des Marokkaners, sieht auf meine BMW und geht auf den Bauern zu. Der Marokkaner spricht kein Französisch, wir kein Arabisch. Dani stößt seinen Zeigefinger auf das Ölnachfüllloch des Mofas und schneidet ­fragende Grimassen. Der Marokkaner bleibt sitzen, nickt und deutet mit seinen Händen eine Flasche an. Er hält alle Finger in die Luft, in zehn Minuten sei er zurück. Wir ­schließen ­Wetten ab, was er wohl anbringen wird. Die BMW verträgt nur ganz spezielles Öl, 20 W 50 mineralisch, von keinem neueren ­Motorrad mehr verwendet. Der Mann kommt zurück, im Gürtel eine ­Flasche Öl 20 W 50 ­mineralisch. Inschallah! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Weißt du dir nicht zu helfen, so helfen dir die ­Menschen. 



Bei Merzouga im Südosten Marokkos ruft die Wüste. Wir brüllen zurück. Sand, Wind und das horizontweite Nichts setzen uns auf die Schultern von Giganten. Wir erleben unseren persönlichen Urknall und pfeifen auf die ­Zivilisation. Der Morgen startet mit kleinen Motorradausflügen zum Stuhlgang, so viel Schamgefühl bleibt. Aber eine Dusche? Der Hochdruckreiniger wird unters T-Shirt gehalten. Die Schutzbrillen bleiben auch während des Abendessens wegen des permanenten Sandsturms vor den Augen. Wir werden als ­retro-futuristische Motorradreptilien wiedergeboren. Europa ist jenseits. Mit jeder Schraube, die die Motorräder abwerfen, werfen wir eine vermeintliche Gewissheit über Bord. Motorradfahren unter Extrembedingungen bringt alte Stammestugenden zurück. Jeder für sich alleine, alle für einen. Man muss alleine die Sandkuhle durchpflügen, die der Vordermann schon passiert hat. Aber wenn man stecken bleibt, stehen einem plötzlich alle ­anderen zur Seite. Die Scram Africa ist das ­Produkt einer zugespitzten Lifestyle-Welt, ein dekadenter Spaß. Aber sie führt uns direkt ­dahin, wo der doppelte Boden unserer Zivili­sation endet. Wir feiern jede Schotterkurve, jede Bodenwelle, jede Sandkuhle wie ein ­Geschenk, das uns daran erinnert: Nichts ist selbstverständlich, alles wird gut (irgendwie). „Erlebnisse teilen, Probleme teilen“, fasst Karles prosaisch die Scram Africa zusammen.



Am letzten Tag nehmen wir unsere Rest­energie zusammen und hampeln wie die Kindsköpfe, die wir sind, auf den Motorrädern über den Strand von Asilah. Beim abschließenden Essen beschränke ich mich auf Mineralwasser, während die anderen in Fisch und Pommes schwelgen. Ein älterer Marokkaner beugt sich zu mir herab und flüstert mir etwas ins Ohr. Hä, was will er? Endlich verstehe ich sein Französisch. Er würde mir gerne ein Essen ausgeben, falls ich Hunger, aber kein Geld habe. Es wäre ihm eine Ehre und Freude. Als ich in meiner Überrumpelung mehr verdutzt als höflich ablehne, entschuldigt er sich für seine Einladung, er habe mir nicht zu nahe treten wollen, und zieht sich mit vollendetem Takt zurück, die rechte Hand auf dem Herzen. Vielleicht war das der eigentliche Bingo-Moment des Lebens.
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