Off limits für Männer

21.10.2016  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Prokasky, Krygielska, Frühauf, Pfläging, Scheunemann
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Off limits für Männer
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Motorradfestivals sprießen allerorten aus dem Boden, reine Frauenfestivals aber gab es bisher noch nicht. Die Curves aus Berlin wollten das ändern und organisierten in der Hauptstadt das erste Petrolettes-Festival, auf dem Männer nicht erwünscht waren. Wie gut, dass unser Azubi weiblich ist
Ein Motorradfestival für Frauen. Als einzige Frau unserer Redaktion ist die Sache geritzt. Moment mal ... Ich? Auf ein Fest nur mit Frauen? Und das, wo mich doch schon in der Frauensauna die einseitige Geschlechterpräsenz überfordert. Auch ein Büro voller ­Weiber bietet bekanntlich ausreichend Material für eine schlechte Soap. Meine Skepsis ist also durchaus berechtigt.

Stutenbeißen, Zickereien, Todesblicke … Aufgebrachte Frauen werden schnell irrational und das macht sie so unberechenbar. Ich darf das sagen – ich bin eine! Meine Vermutung: Die Mädels dort werden etwas burschikoser sein – und damit entweder deutlich unkomplizierter oder eben umso gefährlicher. „Das wird doch bestimmt megacool!“, meint meine Freundin neidisch. Recht hat sie – ich werfe die Zweifel über Bord und breche zuversichtlich und gespannt mit unserer Redaktions-XSR-700 nach Berlin auf.

Freitag, 23 Uhr, völlig erschöpft komme ich an. Ein Hostel soll für einen sicheren Stellplatz für mich und meine Stute sorgen. Die Absteige erinnert aber eher an einen gefliesten Schutzbunker mit Ablaufrinne in der Zimmermitte. Auch mein Moped findet es nicht besser vor – ein No-Go. Mitten in der Nacht muss ich mir ­also was anderes suchen. Da hab ich es, mein Abenteuer ... Memo für nächstes Jahr: Zelt mitnehmen und artgerecht auf dem Festivalgelände campen!

Samstag früh. Ich versuche mich im ungewohnten Großstadtdschungel nicht zu verfahren. Glücklicherweise haben sich die Curves, die das Festival veranstalten, gut auf ihre orientierungslose Zielgruppe eingestellt: Dank ihrer unübersehbaren Hinweisschilder finde sogar ich das Gelände problemlos. Mit gerade mal dreißig ­Zelten ist das Campingareal dünn besiedelt. Die anderen Mädels dachten wohl genau wie ich, dass Berlin und Camping so gut passt wie Ballermann 6 und Erholung. Jetzt kann ich das widerlegen: Das Grundstück liegt versteckt ­zwischen Bäumen, der Untergrund ist eben und gepflegt und hervorragend geeignet für Zelt, Klappstuhl und ­Lagerfeuer. Außerdem befinden wir uns unmittelbar an der Havel. Einfach schön …
 
Kurz darauf stehe ich inmitten eines Pulks von Ladys und ihren Motorrädern. Die Konvoifahrt steht an. Es ist wirklich alles dabei: passionierte Schrauberinnen mit hübschen Custombikes, Draufgängerinnen mit ihren ­Eisenhaufen, stylische Chicks mit Hipsterhuddel, vorsichtige Safety-First-Mädchen mit Klapphelm und Tourer. Aus allen Teilen Deutschlands kommen sie, aus Dänemark, Polen, Island und sogar Kanada. Die Atmosphäre ist angenehm locker, aber auch ein paar aufge­regte Hühner flitzen zwischen den 150 Mopeds umher. Die Haare sind geflochten, die Sonnenbrille sitzt, die Bikes werden angeschmissen, das Gejaule geht los.

Mit Lederhosen und Tütü fallen wir bei der erstbesten ­Tanke ein und machen sie für eine Viertelstunde zu unserer ­eigenen. Dann geht’s auf die Straße und auf Umwegen in Richtung Race-Location. Eine überraschend schöne Tour – und das mitten in Berlin. Trotzdem: Ich als deutsche Südwestländerin verknüpfe das Motorradfahren mit Kurven. Woher kommt also die Begeisterung für das motorisierte Zweirad bei den anderen Mädels? Die Antworten überzeugen: „Ich liebe alles daran. Die Szene und den Lifestyle, die Bikes, die Gemeinschaft.“

Eine waschechte Berlinerin meint: „Die Stadt ist mein Zuhause. Was gibt’s Freieres, als durch seine Straßen zu streichen, beinahe unberührt vom Verkehr? Du kommst überall schnell an, schlängelst dich an den Autos vorbei, hast an jeder Ampel dein eigenes kleines Rennen. Es geht ums Lebensgefühl.“ Das ist es also. Das macht die Magie des Festivals und seinen Flair aus: eine bunte Mischung an starken Frauen. Wo Zufriedenheit und Spaß im Vordergrund stehen, ist kein Platz für Konkurrenzdenken und Zickereien.
 
Nachdem die Helme abgezogen sind, werden die ­Rückspiegel kurzerhand zum Kosmetikspiegel ­zweckentfremdet: Wir sind eben doch alle Mädchen – und das ist gut so!

Wir erreichen die Sprintstrecke. Nun wird’s ernst: ­Cäthe von den Curves ruft zur Teilnahme am Wett­bewerb auf. Amüsiert beobachte ich, wie die quirlige Menge auf einmal ziemlich kleinlaut wird. Diese toughen ­Ladys ziehen tatsächlich den metaphorischen Schwanz ein. Während ich das genüsslich und dezent großkotzig von außen beobachte, vergeht mir das Grinsen plötzlich: Ich steh ja selbst dabei wie ein schüchternes­ kleines Mädchen. Vorsichtig flüstere ich Cäthe ins Ohr, dass ich ganz eventuell und vielleicht später fahren ­würde, wenn ich mir das Ganze angeschaut hätte ... Die Hoffnung, mir mit meiner vagen Formulierung eine Hinter­tür offenhalten zu können, zerschmettert Cäthe mit ihrer Ansage durchs Megafon: „Du holst jetzt sofort dein Motorrad und stehst gefälligst in wenigen Minuten an der Startlinie!“

Gesagt – getan. Mein erstes Rennen. Ich ­stehe an der pinkfarbenen Linie, freue mich und bin zugleich ziemlich aufgeregt. 150 ge­schminkte Augenpaare sind auf meine Konkur­rentin und mich gerichtet. Mein Sportlerherz tritt mir in den Arsch und die Fahne des ­Flaggirls schwingt gen Asphalt. Wrummm. Gewonnen! Geiler Scheiß! Das hat Spaß gemacht. Eileen, auch Curves-Member, trifft den Nagel auf den Kopf: „Ganz egal, wie du gefahren bist, du kommst zurück und die Meute empfängt dich mit Jubel und Geschrei, das ist einfach der Wahnsinn. ­Gänsehaut-Feeling.“
 
Ungeübt und doch gekonnt: Die Curves haben ein Händchen für einen harmonischen Ablauf ihres ersten ­Petrolettes-Festivals bewiesen. Von heißen Feuer- und Burlesqueshows, Gewinnspielen, Motorradfilm­festival bis hin zu einer guten Auswahl an Bands ­reichte das Rahmenprogramm. Rund ums Bike wurde das schönste Gefährt gekürt, ­eine eindrucksvolle Konvoifahrt hingelegt und hart ­geraced. Trotz Mädchenfest beschränkte sich das Merchandising auf ein einsames, aber schickes Zelt – von wegen Frauen haben nur Shopping im Kopf. Für einen kleinen ­Moment schafften sie es am Samstagnach­mittag sogar, uns mit Bier und Burger die Mäulchen zu stopfen. Dann wurde ausgelassen weitergequatscht.

Zum Ende des Festivals flossen die Tränen ganz girly-like. Freudige Erschöpfung traf auf tiefes Bedauern übers Ende des ersten Frauen-Motorradfestivals. Es ist euch gelungen, Curves! Die Damen der Szene ­freuen sich auf nächstes Jahr.

So groß wie der Querschnitt an Frauentypen war auch der an Motorrädern: Von der wilden Customkiste bis zum braven Tourenkrad war alles dabeiTrotz Angstpipi richte ich meine Gegnerin im Sprint­rennen
So groß wie der Querschnitt an Frauentypen war auch der an Motorrädern: Von der wilden Customkiste bis zum braven Tourenkrad war alles dabei (links). Trotz Angstpipi richte ich meine Gegnerin im Sprint­rennen

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