Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage

16.10.2017  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Darren Jacklin
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Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage
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Jeder Tag, an dem ich Motorrad fahre, ist für mich ein ­Freudentag. Na ja, fast jedenfalls. Wenn man das Ganze beruflich macht, gibt’s auch die ein oder andere Ausnahme. Ducatis Day of Joy war keine
Days of Joy, diesen Claim hat Bologna seiner Scrambler-Modellreihe auf die Fahnen geschrieben. Nach diversen Veranstaltungen im Stammland konnten Fans jetzt auch hierzulande an zwei Terminen den Escort-Service mit der kleinen Bologneserin ­buchen – beziehungsweise gleich mit ihrer ganzen Familie, die inzwischen auf sechs Mitglieder gewachsen ist –, um den Back-to-the roots-Bikes in adäquater Umgebung mal richtig auf den luftgekühlten Zahn zu fühlen: auf dem eigenen oder einem Leihmotorrad, vollkaskoversichert.

Eben diese Umgebung war es, die mich sirenengleich nach Diedenbergen, einem kleinen Städtchen am Rande des Taunus, lockte. Genauer zu einem Flecken Erde inmitten all dieser landschaftlichen Fülle, der für normale Menschen an Reizen eher arm ist: ein Oval, seiner Grasnabe vor langer Zeit beraubt, ein planierter Sandkasten voller rotbraunen, feinkörnigen Drecks. Dem Motorsportclub Diedenbergen gehört das Gelände. Und dessen Mannen tun ­routinemäßig das, was wir heute vorhaben: im Dreck im Kreis fahren. Eine Beschäftigung, so sinnlos für die einen wie heilsbringend für die anderen. ­Customizer Thommy Thöring vom Schlachtwerk aus Offenbach, den ich dort treffe und mit dem ich diesen Tag lang eine Menge Spaß haben werde, hat ihn sich selbst zum Geschenk gemacht. Und auch er will nur das Eine: ­driften lernen.

Unfreiwillige Drifts sind keine Kunst – wenn auch in Zeiten der Traktions­kontrollen selten geworden. Wer jedoch jemals im Dunstkreis einer dieser Bahnen ausharrte und den Profis zusah, wie sie rutschend um Sekunden fighten, weiß, dass die freiwilligen, mit der Gashand gesteuer­ten eine sind; eine Kunst, die auf diesem Unter­grund tatsächlich schneller macht und höchstes Refinement verlangt.
 
Kolonnenfahren im Dreck ist – mit Verlaub – eine Scheißidee. Doch nicht umsonst suhlen sich Schweine gern im Schlamm. Es macht einen Heidenspaß
Kolonnenfahren im Dreck ist – mit Verlaub – eine Scheißidee. Doch nicht umsonst suhlen sich Schweine gern im Schlamm. Es macht einen Heidenspaß


Als ich von der Straße den ausgeschilderten Abzweig nehme, hängen schwere Staubwolken überm Gelände. Die Geräusch­kulisse nach Abziehen des Helms lässt keinen Zweifel mehr: Da pflügt jemand verdammt hurtig die Scholle. Mein Herz rutscht ein Stück weit in Richtung Hose. Sind das schon die Teilnehmer? Nee, ruhig, Brauner, die stehen wie du gleich auch noch in froher Erwartung in der Registrierungsschlange. Jo Bauer und Dirk ­Spaniol sind es, die da ihre Runden ziehen. Ducati konnte die beiden Burschen, die die deutsche Supermoto- und Stuntszene entscheidend mitgeprägt haben, als Instruktoren gewinnen. Wir sind in guten Händen.

Zuvor aber gibt es noch andere Programmpunkte zu absolvieren, die sich mit einer Ausnahme dann aber auch für uns Driftgeile als Kür entpuppen: Eine Ausfahrt zum Feldberg ist geplant, auf dem Asphaltparkplatz stehen Hütchenspiele bereit und auf einer angrenzenden Wiese sind eine Handvoll Enduroherausforderungen aufgebaut. Ein Programm so bunt wie das Scrambler-Konzept. Wer da nix für sich findet, sollte Auto fahren. Drumherum gibt’s ’nen Haufen nette Leute, ein wirklich geniales Catering und organisierte Gespräche mit Tonino Golia aus der Ducati-Technik, der einem auf Augenhöhe ­technische Fragen beantwortet und gern auch ein bis­s­chen aus ­seiner Werkstattpraxis plaudert.

Die Straßenausfahrt? Na ja. Gruppenfahren ist nicht mein Liebstes und die Wege rund um den höchsten Taunus­buckel sind mittlerweile überwiegend auf 60 km/h beschränkt. Da ist man mit dem Fahrrad besser aufgehoben. Immerhin: Man kann die Modelle durchtauschen und das bringt Kaufinteressenten Erfahrungswerte. Die Hütchen und Endurospiele dagegen, die machen wirklich Laune, und ja, man lernt auch was und merkt, wo die ­Defizite stecken. Spätestens jetzt hast du ihn liebgewonnen, diesen Scrambler.

Doch wir sind ja nicht zum Spaß hier, ab in medias res: den Dreck. Vier Sessions lang soll er uns an diesem Tag spannungsvoll einsauen. Dass der Weg zum kontrollierten Drift dramatisch länger ist als ein Tag, brauch ich hier nicht auszubreiten. Dass aber ein paar Versuche schon ausreichen, um Feuer zu fangen, das sei euch versichert. Es geht ganz gemächlich los. Geradeaus fahren, Hinterradbremse blockieren, in Höhe eines Hütchens durch Blickführung und Schenkeldruck das rutschende Hinterrad rumkommen lassen. Und immer locker in den Armen bleiben, denn eine mit krampfenden Armen bezwungene Lenkstange bringt gar nichts. Gelenkt wird per Gewichtsverlagerung und besagten Schenkeldruck. ­Irgendwann bleibst du nicht mehr einfach stehen, sondern drehst dich so weit in Richtung, dass es sich lohnt drüber nachzudenken, wie du elegant und möglichst flüssig aus dieser Ecke in Gegenrichtung wieder rauskommst. Jetzt kommt der Kraftschluss zum Hinterrad ins Spiel: Feinmotorik­alarm für Kupplungs- und Gashand. In Nähe Leerlaufdrehzahl rauspötteln bringt nix. Der Lenker ist nun hart in Gegenrichtung eingeschlagen, der Bogen will vollendet, der Schwung genutzt werden, Kraft muss auf die Stollen. Und spätestens jetzt weißt du, warum du hier auf der Sixty2 unterwegs bist, dem „kleinen“ Srambler-Modell. 41 PS hat ihr 400-ccm-Motor statt der PS des 600-ccm-V-Twins, der in allen anderen Modellen steckt. Und glaubt mir, die ­reichen hier und heute vollkommen.
 
Tja, und so sieht das dann aus, wenn man das Ganze schon ein bisschen länger macht als ein paar Stunden: Dirk Spaniol im Volldrift auf dem Oval von ­­Diedenhofen
Tja, und so sieht das dann aus, wenn man das Ganze schon ein bisschen länger macht als ein paar Stunden: Dirk Spaniol im Volldrift auf dem Oval von ­­Diedenhofen

Kriegst du den Bewe­gungsablauf auf die Kette, spurt sich das Hinter­rad wild Dreck schaufelnd und herzhaft auskeilend wieder ein und es geht mit Volldampf raus aus der Ecke. Wenn. Ich hatte viele Versuche an diesem Tag, gezählt habe ich sie nicht. Waren es 100, waren es 150, 200? Egal. Schätzungsweise eine gute Handvoll ist mir richtig gut gelungen. Wenig? Oh ja. Doch auch alle anderen haben höllischen Spaß ­gemacht. Das Glück, das nach einem geschliffenen Turn in dir aufsteigt, ist schwer zu be­schreiben. Auch Thommy und den anderen Jungs färben die Endorphine die Bäckchen rot. Es ist die Harmonie der ­Bewegung, die ­perfekte Verzahnung kurzer ­Augenblicke zu einem großen, gelungenen und har­monischen Ganzen, zu einem Gesamtkunstwerk motorisierter Fortbewegung.

Für den letzten Turn haben Dirk und Jo einen Parcours abgesteckt. Das große Oval fahren wir nicht, da wirst du als ­Anfänger gefährlich schnell. Und dieser ­Parcours hat auf einmal auch Rechts­kurven. Kaum zu glauben, aber der Richtungswechsel resettet dich auf null. Nullchecker­alarm. Im undurchdringlichen Staubnebel irgendwo hinter Dirks Hinterrad versuche ich vergeblich, Ecken zu runden. Doch es gibt auch sie noch, die Linkskurven. Und inmitten dieses Infernos aus Dreck, Lärm und Schweiß blitzt sie immer mal wieder auf: die Harmonie, die diesen Day of Joy für mich zu einem Day of Bliss ­gemacht haben. Zur Nach­ahmung dringend ­empfohlen.
 
Nervenkitzel ganz ohne Speed: Schon ein paar ­simple Plastikhütchen auf einer Asphaltfläche können eine harte Herausforderung seinWertvolle Tipps vom Instruktor bereiten aufs ­erste Staubbad vor. Noch sind Klamotten, Maschinen, ­Atemwege und die Ehre unbefleckt
Nervenkitzel ganz ohne Speed: Schon ein paar ­simple Plastikhütchen auf einer Asphaltfläche können eine harte Herausforderung sein (links). Wertvolle Tipps vom Instruktor bereiten aufs ­erste Staubbad vor. Noch sind Klamotten, Maschinen, ­Atemwege und die Ehre unbefleckt

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Stand:24 April 2018 12:08:38/szene/einer+dieser+tage+-+ducati+days+of+joy+17_171005.html