Duke Going Lost Places

19.10.2016  |  Text: Clemens Gleich  |   Bilder: Clemens Gleich
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Duke Going Lost Places
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Wir sind als Kinder wahrscheinlich alle in Ruinen herumgestreunert und auf Dächer geklettert, haben auf Schuttlagerplätzen gestöbert und am Steuer von im Wald geparkten Schrottautos gesessen. Der Fortschritt hinterlässt viele Dinge in seinen Fußstapfen. Manchmal bleiben sie liegen und werden einfach vergessen. Bei manchen lohnt es sich, sie wieder auszugraben
Kürzlich fand ich heraus, dass im Schwarzwald Mammutbäume stehen. Sie sind nur weniger verloren, als von mir angenommen. Eine liebe ­Bekannte hatte davon erzählt. Also stellte ich das Navi auf die GPS-­Koordinaten der Bäume ein, steckte es auf die Duke R und wir ritten los. In meinem wilden Forscherdrang vergaß ich, was ich vorher eingestellt hatte: kurvige Kleinst­straßen finden nämlich.

Es hätte mir auffallen können, als ich südlich von Bad Liebenzell aufgefordert wurde, auf einen Schotterpass über den vor mir liegenden Hügelkamm abzubiegen. Ich tat es aber nicht. Also rollte ich an Wohnwagen, moosi­gen Felsen und einem Bach vorbei eine herrlich idyllische Strecke entlang, die Stille nur unter­brochen von – nein, nicht dem Motor, sondern diesem krachenden Geräusch, mit dem warme Rennreifen Steine auflesen und an dein Motorrad hauen. Nicht verzagen: Rennreifen brauchen nur genügend Staub sammeln, dann hört das wieder auf.

Allerdings kurvte ich so lange über Forstwege durch den Wald, dass ich mir nicht ­sicher war, ob das TomTom nicht doch etwas ganz anderes suchte, vielleicht das UFO, aus dem dereinst die Biowaffe Wolfgang ­Schäuble stieg. Aber dann erreichte ich eine Lichtung voller Wanderer mit zwei riesigen Bäumen. Hier war ich richtig. Nur der Weg war merkwürdig. Wer es einfacher haben will, setzt die Koordinaten am besten nicht direkt auf die Bäume, sondern auf die Abzweigung der nächsten Asphaltstraße, die zum Psychiatrischen Klinikum Hochschwarzwald führt (48.745662, 8.707548). Von dort aus sind es 400 Meter Schotterweg zu den Bäumen. Du kannst deine Maschine also auch vorn an der Straße parken. Das wird die Wanderer mehr freuen als mein Auftritt.

Bruder Baum
Antiklimax bei der Ankunft: Ich erwartete eine vergessene Stelle im Wald, an der ein Pfad an den fast vergessenen Bäumen vorbeiführt. Stattdessen pflegt die Stadt Calw dort oben eine Lichtung mit Rasen, anderen Zierbäumen und Picknickhütten. Du kannst direkt neben den Mammutbäumen dein Wurstbrot unter dem Holzdach futtern. Die Umzäunung hat der Förster wohl wegen Wild angelegt. Es gibt eine offene Tür mit Schließfeder, falls du dich den Baumriesen respektvoll nähern möchtest. Lektion: Wenn du denkst, das kennt keiner, liegst du fast immer falsch. Die Bekanntheit sinkt nur wie ein Funksignal quadratisch zum ­Abstand.

Diese Bäume (Sequoia Gigantea) wurden „1865 auf Veranlassung des Königs von ­Württemberg hier gepflanzt“, steht auf dem in die Rinde genagelten Schild. In diesem ­heutigen Picknickpark war wohl früher ­einmal eine Baumschule, in der auch in der Neuen Welt gefundene Exoten angepflanzt wurden. Sie gediehen prächtig, denn der ­große Baum gehört mit über 930 Zenti­meter Stammumfang in ein Meter Höhe zu den dicksten in Deutschland. Das kann man nicht herausfinden, ­ohne ebenfalls ­herauszufinden, dass vor allem im 19. Jahrhundert nach der Entdeckung der Mammutbäume 1852 in ganz Deutschland ­Exemplare gepflanzt wurden, von denen viele bis heute in Parks stehen. Einer steht banal in Ühlingen-Birkendorf gegenüber vom ­Edeka. Einer steht bei Schotten. Einer steht bei ­Detmold. Einer steht sogar weit im Norden im Bremer Stadtteil Riensberg (Park). Einer steht also wahrscheinlich ganz in deiner ­Nähe ­(siehe ­Wikipedia).

Dazu kommen spätere Pflanzungen. Die Stadt Freiburg zum Beispiel hat laut der Badischen Zeitung in den letzten zwei, drei Jahrzehnten über 300 Mammutbäume im Stadtgebiet verteilt. Die ernüchternde Botschaft lautet also, dass der Riesenmammutbaum, der Berg-Mammutbaum, die ­Wellingtonie, der Sequoia-Baum, oder wie auch immer man ihn nennen will, in Deutschland weder so selten noch so ­versteckt lebt, wie ich annahm. Die gute Nachricht dabei lautet dann allerdings: Du kannst jederzeit mit dem Moped Mammutbäume anschauen fahren.

Die meisten der Löcher stammen von abgefallenen Ästen. Der Stamm dieses Baums gehört zu den dicksten, die es in Deutschland gibtIch bin einen sehr schönen Weg über die ­Schotterstrecken gefahren, bis ich am TomTom zweifelte. Einfacher: aus Richtung Klinik anfahren
Die meisten der Löcher stammen von abgefallenen Ästen. Der Stamm dieses Baums gehört zu den dicksten, die es in Deutschland gibt (links). Ich bin einen sehr schönen Weg über die ­Schotterstrecken gefahren, bis ich am TomTom zweifelte. Einfacher: aus Richtung Klinik anfahren

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