Rizoma Metropolitan – Singlespeed auf Kohle

09.12.2017  |  Text: Carsten Heil  |   Bilder: Tobias Kircher
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Rizoma Metropolitan – Singlespeed auf Kohle
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Als die Pressemitteilung von Rizoma auf dem Bildschirm aufploppt, vergesse ich das Atmen. Hat der Grundgütige einen Nebenjob als Designer angenommen und ein Fahrrad entworfen? Wie kann es sein, dass der Hersteller der edelsten Motorradteile on earth einen derart rassigen Drahtesel präsentiert, der die Kassengestelle der etablierten Fahrradhersteller mit einem Schlag ziemlich alt aussehen lässt? Diese Linien, diese Form, diese nicht zu überbietende Schlichtheit in Kombination mit sehniger Eleganz. Ich bin deeply in love mit dem Rizoma Metropolitan
Würde man das Zweirad auf seine Essenz einkochen und mit italienischer Designfinesse würzen – heraus käme das Metropolitan Bike von Rizoma. Unfassbar schlicht, abartig leicht und von vollkommener Schönheit. Aber fährt sich das Vollkarbonfahrrad so gut wie es aussieht oder taugt es nur als Zierde für die Wohnküche bärtiger Loftbewohner?

Das Rizoma Metropolitan kommt ohne Schaltung aus. Die Übersetzung ist für unseren Geschmack zu kurz

Als die Pressemitteilung von Rizoma auf dem Bildschirm aufploppt, vergesse ich das Atmen. Hat der Grundgütige einen Nebenjob als Designer angenommen und ein Fahrrad entworfen? Wie kann es sein, dass der Hersteller der edelsten Motorradteile on earth einen derart rassigen Drahtesel präsentiert, der die Kassengestelle der etablierten Fahrradhersteller mit einem Schlag ziemlich alt aussehen lässt? Diese Linien, diese Form, diese nicht zu überbietende Schlichtheit in Kombination mit sehniger Eleganz. Ich bin deeply in love.
Auch die Redaktionskollegen können sich dem Reiz der fließenden Form nicht entziehen und willigen ein, im Heft zumindest ein Bild des Rizoma-Bikes zu zeigen. Glücklicherweise habe ich einen Bicycle-Brother in der Redaktion, mit dem ich gegen alle Widerstände („Wir sind ein Mopedmagazin, was soll das Ding bei uns im Heft?) eine Anfrage gen Italien schicke. Auch dort fragt man sich, was wir mit dem Rad wollen („Sie machen ein Motorradmagazin, oder?“). Ja, verdammt, aber dieses Zweirad will doch von uns liebkost und geritten werden.

Was man sieht und anfasst schmeichelt den Sinnen: Vorbau, Griffe, Kurbel und Pedale, Pulley und die Hochprofilfelgen – alles selbst konstruiert und in bekannter Rizoma-Qualität gefertigt

Zwei Wochen später öffnen wir behutsam den edlen Karton aus Italien. Da liegt es drin, das Feine. Es sieht in echt keinen deut weniger hinreißend aus als auf den Pressefotos. Pedale dranschrauben, Lenker drehen und festziehen – fahrbereit. Der mundgeblasene Karbonrahmen (samt Gabel und Lenker) sowie der Verzicht auf eine Gangschaltung und jeglichen Schnickschnack senkt das Gewicht auf 8850 Gramm. Was man sieht und anfasst schmeichelt den Sinnen: Vorbau, Griffe, Kurbel und Pedale, Pulley und die Hochprofilfelgen – alles selbst konstruiert und in bekannter Rizoma-Qualität gefertigt. Lediglich die Tektro-Bremsen, der San-Marco-Sattel und die Michelin-Pneus haben die Edelmetaller aus Italien zugekauft.

Die Tektro-Bremsen sind schön unauffällig plaziert und nicht wirklich giftig

Endlich sitze ich auf diesem Hauch von Nichts und trete mit Verve in die Pedale. Das geringe Gewicht, die dünnen Rennradreifen und die kurze Übersetzung sorgen für einen fulminanten Start. Wow! Der Monoblock-Rahmen gibt sich unerbittlich steif. Ultradirekt folgt das Metropolitan meinen Lenkimpulsen, pfeilt höchst agil um die Kurve und liegt satt auf der Straße – zumindest solange der Straßenbelag ein feiner ist. Denn die Kehrseite dieses unnachgiebigen Starrrahmenfahrwerks sind üble Arschtritte, sobald der Belag mies wird. Selbst Kanaldeckel umkurve ich fortan vorausschauend, weil jede kleinste Unebenheit eins-zu-eins ins Rückenmark weitergereicht wird. Was den Spaß aber entscheidend schmälert, ist die wheelietaugliche Übersetzung mit 69 Zähnen vorn und 33 hinten. Diese gewährt zwar einen fulminanten Start, lässt mich aber trotz heftiger Kurbelei kaum schneller als 20 Sachen werden. Klar, ohne Schaltung muss man sich bei der Kraftübertragung zwischen guter Beschleunigung und ordentlichem Topspeed entscheiden, sofern man nicht über Eddie-Merxx-Gedächtnis-Waden verfügt. Zudem hätte eine längere Übersetzung den Nachteil, das Steigungen aller Art zur Tortur werden und nur stehend bezwungen werden können. Das ist das Dilemma dieses Purismus’: Kompromisse gibt’s nicht, ein Tod muss gestorben werden. Immerhin bietet Rizoma für Flachlandradler optional auch einen alternativen 69/29-Umrüstsatz an, mit dem sich dann vernünftig Strecke machen lässt.

In Sachen Design legt Rizoma mit diesem Fahrrad die Latte gleich zwei Stufen höher. Dagegen wirken andere Bikes wie Kassengestelle

Aber dieses Fahrrad wurde, sein Name verrät es, primär als Gefährt für urbanes Geläuf konstruiert. Interessierte Blicke sind einem sicher, wo auch immer man mit dem Metropolitan auftaucht. Womit wir schon beim nächsten Problem wären: Unmöglich, diesen Zweirad-Smaragd irgendwo anzuketten und ruhigen Gewissens zum Barbier zu gehen. Der gemeine Fahrraddieb würde womöglich auch ’ne Laterne absägen, um des Karbonracers habhaft zu werden. So erging es auch meinem werten Kollegen Esteban W., der mit dem Bike auf den Schultern beim Frisör um einen Stellplatz neben dem Waschbecken bat. Der Wunsch wurde ihm gewährt, was dazu führte, dass sein Besuch sich deutlich in die Länge zog, musste er doch Beleg- und Kundschaft Rede und Antwort stehen: „Unter neun Kilo. 2900 Euro. Fahrspaß groß. Übersetzung zu kurz. Bremsen etwas mau. Sattel eine Qual. Sitzposition durch den tief liegenden Lenker für die City schon sehr sportlich.“

Leicht wie eine Feder: Bei 8850 Gramm Gewicht lässt sich das Rizoma-Bike auch lässig bis in den fünften Stock tragen

So hinterlässt Rizomas Metropolitan-Bike unterm Strich ein etwas zwiespältiges Gefühl: Zum Anbeten schön und begehrenswert zwar, aber eben auch von unnachgiebiger Härte und mit extrem eingeschränktem Einsatzbereich. Rizoma weiß das natürlich und tüftelt bereits an einer Version mit unauffälliger Achtgang-Nabenschaltung. Und selbst über einen Ableger mit Elektropower wird bereits leise nachgedacht, wobei es kein leichtes Unterfangen werden dürfte, Akku und E-Motor zu integrieren, ohne das puristische Design zu opfern. Und da macht Rizoma bekanntlich ja keinerlei Kompromisse.

Und so bewarb Rizoma vor fünf Jahren den ersten Prototypen:


 
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