Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will

14.10.2017  |  Text: Jens Kratschmar  |   Bilder: Christian Heim
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Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will
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Meine persönliche Ermüdung angesichts all der ­Szene-Sprinterei ist groß. Entsprechend träge reagiert mein Geist, als Flo von Mellow Motorcycles mir freudig berichtet, dass sie Suzukis dies­jährigen Essenza-Sprinter bauen. Nach der ­Kurvenfahrt aber will ich die Ex-V-Strom nicht mehr hergeben

Meine persönliche Ermüdung angesichts all der ­Szene-Sprinterei ist groß. Entsprechend träge reagiert mein Geist, als Flo von Mellow Motorcycles mir freudig berichtet, dass sie Suzukis dies­jährigen Essenza-Sprinter bauen. Nach der ­Kurvenfahrt aber will ich die Ex-V-Strom nicht mehr hergeben

Auf der Suzuki-Homepage steht: „Das fette Drehmoment von 101 Nm mit ­seinem Maximum schon bei 4 000/min macht Runterschalten beim Überholen eher unnötig.“ An diese Worte erinnere ich mich, als mir der Twin die Kiste fast unterm Hintern wegzieht. Auf der V-Track von Mellow Motorcycles habe ich Platz genommen, dem diesjährigen Beitrag von Suzuki zu den Essenza-Sprint­rennen. Basisbike: V-Strom 1000 XT. Startnummer 77.  



Von Flo, dem ständig gehetzt ­wirkenden Frontmann von Mellow, ­erfahre ich: „Die 77 ist schon immer Amirs Startnummer bei den Cross- und Supermoto-Rennen, die er seit 30 Jahren fährt. Klar, dass die auch auf sein jüngstes Renngerät drauf muss.“ Suzuki V-Strom? Renngerät? Sprint­renner? Zweifeln möge ­erlaubt sein, kriegen die Gehirnhälften doch die Verbindung aus Großenduro und Sprintperformance nur schwer ­geknüpft.

Doch an der Wahl führt kein Weg vor­bei, das Reglement der Essenza ist sehr strikt: keine Dragster, zwei Räder, zwei Zylinder, maximal 1200 Kubik. „Suzuki wollte uns eigentlich eine SV 650 aufdrücken. Aber sorry, wir fahren da ja nicht zum ­Ver­lieren hin. Und den dicksten Twin von Suzuki gibt’s nur in der V-Strom. Daher haben wir die genommen, die XT um genau zu sein, wegen der Speichenfelgen“, ­erläutert Flo die Entscheidung, aus einem Reise­dampfer einen Racer zu bauen. Ergebnis: 36 Kilo leichter und Platz 3 der Gesamtwertung. Verglichen mit der Indian Scout mit NOS-Einspritzung (Platz 2) und der stark getunten Moto Guzzi V11 (Platz 1) ein mehr als respek­tables Ergebnis für die „nur“ 101-PS-starke Suzi.

 
Auf Basis der Großenduro V-Strom 1000 XT bauen ­Mellow Motorcycles einen zwar hoch­beinigen, aber leichten Straßenfeger namens V-Track. Ein Custombike für lange Kerle wie mich
Auf Basis der Großenduro V-Strom 1000 XT bauen ­Mellow Motorcycles einen zwar hoch­beinigen, aber leichten Straßenfeger namens V-Track. Ein Custombike für lange Kerle wie mich


Die Diät auf vollgetankte 197 Kilogramm geht nicht nur auf Verwendung eines Monocoques aus Karbon zurück, sondern auch auf das Weglassen alles Überflüssigen. Amir dazu: „Nach Demontage von Heck und Tank war klar, dass wir gut unter 200 Kilo kommen können, da ist so viel Zeugs verbaut. Alles schwer und massiv, ­allein der neue Heckrahmen spart richtig Gewicht.“

Ansonsten bleibt die V-Strom technisch wie aus dem Laden. An Fahrwerk und Motor ist außer dem offenherzigen Yoshimura-Töpfchen nichts gemacht. Für die kurze Sprintstrecke von 201,17 Meter ist das auch nicht wirklich nötig. Race-Ace Amir erklärt: „Auf dieser kurzen Distanz brauchst du nicht endlose Leistung, die kriegste eh nicht auf den Boden. Es zählt nur die Reaktionszeit beim Start, ordentlich Spannung im Körper und Druck auf den Rasten. Das ist eigentlich schon alles.“

... ganz im Gegensatz zur offenen Yoshimura-Tüte. Der kurze Karbonstummel lässt keinen Zweifel aufkommen: Hier drückt ein dicker Twin mit Leistung. Der Sound ist bestialisch. Sorry Heilbronn, dass ich keinen dB-Killer haben wollte

Ab auf die Straße. Dort deutet nichts auf die zwanzig Jahre hin, die der 1037-Kubik-Twin in seiner Grundkonstruktion schon für Verzückung sorgt. Nur die fast schon gemütliche Laufruhe, das perfekte Ansprechverhalten der Einspritzung und das enorm breit nutzbare Drehzahlband lassen die über eine Generation währende Entwicklungsarbeit erahnen. Ein hervorragender Landstraßenmotor mit Kultur im Keller und Schmackes in der Mitte. Von der Leine gelassen, reißt er obenrum immer noch heftig an, treibt das leichte Custombike und mich hemmunglos über die ­Gassen. Entgegen schwä­bischer Mentalität ballert die V-Track ungeniert aus dem kaum gedämpften ­Yoshimura-Stummel an der Seite. Es gibt ­Momente ­während des V2-Konzerts, in denen ich das vorherige Ablehnen des dB-Eaters bereue und freiwillig den sechsten Gang innerorts verwende. Auf diesen ersten Kilometern weiß die recht hochbeinige V-Track wirklich zu punkten. Endlich mal ein Custombike für Großgewachsene, mit angenehmer Sitzposi­tion und schön breitem Lenker. Einfach und souverän huscht die Ex-V-Strom durch die engen Straßen der Wein­dörfer und die Kehren zur ­Löwensteiner Platte hinauf. Einzig am Knieschluss ist die Maßanpassung des ­Karbons an Amirs Körper zu spüren: Gebaut für Kurzbeinige.

 
Weiterhin auf Augen­höhe ist die Leistung des 20 Jahre alten Twins der V-Strom: heftiger Punch gepaart mit Manieren und Drehfreudigkeit – im ­stabilen Fahrwerk der V-Track ein Hochgenuss
Weiterhin auf Augen­höhe ist die Leistung des 20 Jahre alten Twins der V-Strom: heftiger Punch gepaart mit Manieren und Drehfreudigkeit – im ­stabilen Fahrwerk der V-Track ein Hochgenuss


Ansonsten fühle ich mich auf der Mellow-Suzuki sauwohl, lasse sie in den weiten Waldpassagen frei ­laufen und ergötze mich am brabbelnd-ballernden Klang. In schnellen Kurven sind die Enduro-Gene dann deutlich zu spüren: Das große Vorderrad will zur Richtungsänderung getrieben werden, der lange Radstand fordert seinen Tribut und auch der montierte Michelin Anakee III könnte handlicher laufen. Minimal Abhilfe schafft der schmale Sitz, der Freiraum lässt, um dem Lenkimpuls mit Hüftschwung Nachdruck zu verleihen. Gerne ­würde ich die V-Track mal über die Hausstrecke zur Jagd auf Supersportler treiben. Das einstellbare Fahrwerk, der potente Twin, die heftigen Stopper und die schwarz-gelbe Kriegsbemalung taugen dazu allemal: Die V-Strom 1000 XT scheint mir ein sehr unterschätztes Motorrad zu sein. Suzuki, wie wärs? Mal wieder ein Straßenfeger mit dem dicken Twin? Wäre nicht ganz unnötig bei Blick auf die ­Modellpalette.

Apropos unnötig: Nie wieder will Flo irgendwas mit Karbon ­machen. „Ich sag dir, das hat nicht nur ohne Ende Kohle gekostet, sondern hat auch Jahre unseres Lebens gestohlen. Mit der ­V-Track“, fährt er fort, „wollten wir zeigen, dass wir nicht nur in Blech richtig gut sind, aber der Weg steht in keiner Relation zum Ziel.“ Wie geht’s weiter, Flo? „Nach dem Glemseck 101 versuchen wir die Straßenzulassung für die V-Track zu kriegen, das sollte kein Problem sein. Ansonsten machen wir lieber weiter mit unseren ­Klassikern.“
 
Extra für meine Ausfahrt hat Amir über Nacht noch eine Beleuchtung ins Karbonheck gezimmert. Die Maße ­stimmen, das könnte so zugelassen werden ...
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Stand:19 January 2018 12:38:04/custom/von+der+enduro+die+keine+sein+will+-+suzuki+v-track_171005.html