BMW R 850 R Sprinter: Magische Zahlen

02.02.2018  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Marc Holstein
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BMW R 850 R Sprinter: Magische Zahlen
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An BMWs Zweiventilern hatte sich Philipp Ludwig, Customizer und regel­mäßiger Starter in der Sultans of Sprint“-Klasse, schon geraume Zeit abgearbeitet. Auf seinem „Cat Ciller“ – benannt in Anspielung auf die siegreiche BMW des Franzosen Seb Lorentz von Lucky Cat – konnte er nie mehr als Achtungserfolge einfahren. Zeit fürs Aufrüsten
Haufenweise Zweiventiler, 9Ts ­allerorten, doch was war eigentlich mit den charismatischen Vierventilern vom Münchner Typ 259? In Philipps Kopf lässt dieses Zahlenkürzel spontan bunte Blüten sprießen. „Diese stabilen, wunderschönen und kraftvollen Motoren mit den noch runden Formen“, schwärmt er, „gigantische Runden­zeiten haben die im Boxercup in den 2000ern ­erreicht, Rundenzeiten, mit denen manch ­aktueller 200-PS-Supersportler heute noch Schwierigkeiten hat.“

Am Krad von Norbert ­Rebholz, Projektleiter BMW Motorrad, schraubte Philipp damals zusammen mit Waldi alias Günther Altstiedl, dem ehemaligen Rennmechaniker von Jürgen Fuchs. Auch im Endurosport feierten die Twins Erfolge. „Mit 900 Kubik und knapp 100 PS bretterten die bei der Paris-Dakar standfest durch die Wüste.“ Keine Spur von den Vierventilern dagegen in der heutigen Sprintszene. Dabei werden einem diese Motoren und Bikes im Vergleich zu den wuchernden Zweiventilern beinah nachgeschmissen. Und dass im 850er-Boxer Poten­zial steckt, hatte Philipp bei einer Auftragsarbeit schon einmal feststellen können.



Da war er also, der Entschluss, gereift in ­Expresszeit: Für die Sprintsaison 2017/18 würde
er einen Sprintracer mit 850er-Boxer und der Handschrift seiner „Kraftstoffschmiede“ bauen, der dieses Titels würdig wäre. Die R 850 R, die er dann erstand, war ein wahrhaftiges Schnäppchen. „Allein der Erlös für die nicht benötigten
Teile überstieg den Anschaffungspreis. So machen ­Projekte Spaß.“

Dank ehemaliger Kollegen aus dem Motorenversuch bei BMW – nicht umsonst dient Philipp noch heute selbst unter dem Propeller – konnte er bald auf ein stattliches Sammelsurium an Zylindern, Kolben und Nockenwellen samt Informationen und Tipps zurückgreifen. ­Zusammen mit 41er-Dell’Ortos und weiteren Goodies sollte eine Leistung von mehr als 100 PS drin sein. Philipp war klar, dass er mit dieser Leistung auf dem waffenstarrenden Achtelmeilen-Dragstrip keinen Stich machen würde – ohne Kompressor, Turbo oder Lachgas. Eine Hintertür, die das Reglement aber weit offen lässt. ­Philipp entschied sich für die simpelste und günstigste Variante: Lachgas – und somit für rund 40 Zusatzpferde.

Der Antrieb war gesetzt, noch aber fehlte das Drumherum. „Im Regal meiner Werkstatt lag schon seit vielen Jahren eine schmale Sitzbank rum. So schmal, dass nur ein verdammt schmaler Tank dazu passen würde.“ Die Wahl fiel schließlich auf den Tank einer Hercules Prima 5S. Beide zusammen gaben ein Bild. Und weil man bei diesem Namen unmittelbar an wahre Berge von Muskel­masse denkt, war auch der Name seiner Schöpfung ­gesetzt.



Der Motor der R 850 R ist selbstragend, die Schwinge lagert im Getriebegehäuse. „Ich musste mir also nur
was einfallen lassen, um das Vorderrad stabil zu posi­tionieren und die Schwinge in Position zu bringen. Mit ausreichend dünnwandigem Rundmaterial im Gepäck fuhr ich zu meinem Kumpel Franz.“ Viele Abende mit kalten ­Füßen in der Werkstatt folgten. „Franz hat die Geduld, die mir fehlt“, erinnert sich ­Philipp. Ziel war eine Geometrie, die zeitmordende Wheelies ausschließt. „Für die ­nötige Traktion auf dem Hinterrad reicht meine Statur mehr als aus.“ Resultat war schließlich ein Zentralrohrrahmen aus Edelstahl, schwindsüchtige 7,9 Kilo schwer. ­Federung? Fehlanzeige. „Die verwandelt Energie in ­Wärme. Wir aber brauchten alle Energie, die wir kriegen konnten, um nach vorn zu kommen.“



Im Mai 2017 war es so weit. Der erste Lauf der Serie
in Monza stand an. Die Probeläufe waren mit Hilfe einer super Mannschaft unter Anleitung von Tom von „Toms Hangar“ gut über die Bühne gegangen, vor Ort ging es im ersten Wertungslauf gegen Tommy Thöring vom Schlachtwerk und seine zur Skinny Grandma umgebaute TR1-Yamaha. „Mein Start war perfekt, die Traktion im ersten Gang super. Dann legte ich den Zweiten ein, der Motor jaulte hoch, rechts zog Tommy vorbei ...“, erinnert sich Philipp an den Moment der Schande. Diagnose: Die Kardanwelle war durchgerutscht, hatte der Gewalt nicht standgehalten. „Manuel von SWT Sports wusste Rat und schickte mir ein verstärktes Exemplar.“ Montlhéry verpasste ­Philipp, da tobte er mit seiner GSX-R 750 über den ­Sachsenring.

In Spa fiel das Rennen wegen Regens sprichwörtlich ins Wasser. Also Glemseck. In den ersten Läufen kann sich ­Philipp gehen seine Gegner durchsetzen. Dann aber steht Tommy mit seiner spindeldürren Oma wieder mit ihm an der Startlinie. Philipp spürt den Druck. Und ent­scheidet, im zweiten Gang zu starten. Ein Fehler. „Auf 160 Metern Streckenlänge kann auch Hercules einen ­verkorksten Start nicht wettmachen.“



Und so ist der Fahrplan für 2018 klar und Philipp steckt wieder in seiner Werkstatt fest: Hinterachsübersetzung kürzen, ein Lachgascontroller für die Dosierung beim Start und beim Schalten und eine optimierte Auspuffanlage stehen auf der Agenda, vielleicht auch eine Schaltunterstützung. Und auch das Motorsteuergerät bietet noch ein paar Optionen. Damit man Hercules die Frische auch ansieht, brütet Philipp auch wieder überm Design. „Die Konkurrenz schläft schließlich auch nicht. Wir sehen uns in Monza.“
Technische Daten
BMW R 850 R
Leistung: 70 PS bei 7 000/min
Drehmoment: 77 Nm bei 5 500/min
Motor: Viertakt-Zweizylinder-Boxer, luft-/ölgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, ohc, Hubraum 848 ccm, Bohrung x Hub 87,5 x 70,5 mm, Sechsganggetriebe
Fahrwerk: Leichtmetallguss­rahmen, Motor mittragend, angeschraubtes Stahlrohrheck; Telelever vorn, Paralever-Einarmschwinge mit Monofederbein; Radstand 1487 mm, Lenkkopfwinkel 61,9°, Nachlauf 127 mm; 305-mm-Doppelscheiben­bremse vorn, 276-mm-Scheibenbremse hinten, Bereifung: 120/70ZR17, 160/60ZR18, Leergewicht 230 kg

Custom
Motor: 897 ccm, Bohrung x Hub 90 x 70,5 mm, Fünfganggetriebe, variable Hinterachsübersetzung. Dellorto PHM 41, Schalldämpfer S1000RR, Lachgasanlage Nitrous Express 40 PS mit Controller, Werksrennsport-Zylinderköpfe, Auslasskanaloptimierung, programmierbare Ignitech-Zündanlage; 146 PS bei 7320/min, 164 Nm bei 5840/min
Fahrwerk: Zentral-Gitterrohrrahmen, Aluschwinge, Bereifung 120/60R17, 25,0/5 R18, Leergewicht 150 kg, Fußrasten R1100S,
Specials: Sitzbank Eigenbau, Tank Hercules Prima 5s, keine Dämpfung am Heck, Brembo-Bremsanlage
 
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