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21.06.2017  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Volker Rost
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Zurück in den Wald – Pfalz live


Die Abenteuer der Vergangenheit leben auf ewig in unseren Köpfen fort. Auf der Suche nach dem Gefühl von damals wagte sich Roadster-Mann Kupper ins dichte Grün seiner Kindheit, im Gepäck ein Trupp Kollegen und ein aufs Heck geschnalltes Zelt. Nach zwei Tagen war klar, dass sich ­Erinnerungen nicht noch einmal durchleben lassen – dass es sich aber immer wieder lohnt, neue zu sammeln


Ja, so war das damals, Bub“, schließe ich seufzend. Nicht, dass die Geschichte meinen 13-Jährigen gefesselt hätte. Hat er überhaupt zugehört? Aber so sind wir, wir alten Männer. Suhlen uns in der Erinnerung an eine Vergan­gen­heit, in der wir mit staubigem Schlafsack in irgend­welchen spanischen Straßengräben rumrutschten, nass, mit Spinnen­bissen oder von Polizeitritten erwachten, dunkeläugige Strandschönheiten knutschten und uns mit 800 Mark auf einer alten Möhre sechs Wochen lang durch Südeuropa schlugen. So mit dem Zelt nochmal los, frei Schnauze geradeaus, wie damals, das wär’ was. Wo man bei seinen Kindern auf blankes Desinteresse stößt, bringt solch heroische Geschichtsklitterung im Kreise Gleichge­sinnter (... und Gleichaltriger) Augen zum Leuchten, lockt warme Erinnerungen aus den hinterletzten Gängen grau umrankter Hirne, lässt wohlige Grunzer entweichen. ­„Also los“, beschließen Volker, Carsten, Christian und ich. Ende September, da haben wir noch Luft. Das Wetter? Passt schon, schon mal was vom Goldenen Oktober gehört? Und wenn es kalt wird? Dann haben wir was zu erzählen.

Noch eineinhalb Wochen bis zum Stichtag, doch es geht jetzt schon los. „Sind die Zelte schon da?“, fragt ­Volker bei einem seiner Abstecher in unser Büro? „Bis dahin ja“, antworte ich. „Der Wetterbericht sieht nicht so toll aus“, merkt er an, „aber ist ja noch ’ne Weile hin.“ „Habt ihr ­warme Schlafsäcke? Ende September können die Nächte schon ganz schön kalt werden“, fällt Carsten ein, „wollt ihr wirklich zelten?“ „Wir wollten campen, jetzt campen wir auch, ihr Weicheier“, erwidert Christian. Guter Mann. Memmen können wir auf unserer Mission nicht brauchen.
 
Jenseits der französischen Grenze in Lothringen fühlt man sich zwischen sumpfigen Wiesen, bejahrten Käffern und alten Bäumen manchmal um Jahrzehnte zurückversetzt

Eine Woche und diverse neuerliche, kaum verhohlene Vorstöße samt verschlüsselten Gnadengesuchen später. Auch ich werde langsam unruhig. Der Blick auf den Wetter­bericht verheißt nichts Gutes. Und sowieso: Wann ­hätte ich auf einer Isomatte jemals gut geschlafen? Es geht in meine alte Heimat, die Pfalz, die hintere, wohlgemerkt. Will den Jungs das Revier mal zeigen, es lohnt sich. Motorradfahren kann man da – gut essen auch. Weit weg ist es auch nicht, da fängt das Erlebnis gleich vor der Haustür an.
 
Am Jungfernsprung über Dahn rettete sich einst ein unschuldiges Fräulein mit einem beherzten Sprung in die ­Tiefe vor einem lüsternen Ritter

Tag x, trüb, aber trocken und mit 13 Grad am Vormittag versöhnlich. Als sich die Vorderräder aber Richtung Westen wenden, fällt er schnell ins Auge, dieser dunkel getönte Streifen hinten am Horizont. Bei Bad Dürkheim tauchen wir ein ins Grün des Pfälzer Waldes, dieses größten zusammenhängenden Waldgebietes Deutschlands. Ich bin da schon lang raus. Keine Jobs, wenig Zukunft. Die Luft aber, die einem beim Eintauchen in die Nase steigt, wird immer Heimat für mich sein. Kurs in Richtung Elmsteiner Tal. Die Straße folgt den Windungen des Speyerbachs, was ihr unter Kradisten enorme Beliebtheit verschaffte – und 1994 zur Sperrung an Wochenenden und Feiertagen führte. Knapp dreiundzwanzig sehr unterhaltsame Kilometer bis zum alten Motorradtreffpunkt der Pfalz, Johanniskreuz. Nix los hier am hellichten Werktag und unter immer bedroh­licheren Wolken. Die fliegenumsummten Kuchenreststücke am nicht besetzten Kiosk können uns nicht halten. Und so folgen mir die Jungs ohne Murren auf die Schleife von der B48 über Iggelbach zurück ins Elmsteiner Tal. Eine Motor­radwelt zum Schwindligfahren – und für mich eine Nostalgietour. In Iggelbach hing an der Wirtschaft mit dem bezeichnenden Namen „Waldtante“ lange das klassische Parkbräu-Schild aus meiner Kindheit. Heute wird die ­Tante zwar noch immer von der Pirmasenser Brauerei beliefert, das schöne alte Schild aber ist weg. Man wird alt.

Die Wolken machen ernst, es tropft – und donnert. Gewitter treten bekanntlich dann auf, wenn kalte auf warme Luftmassen stoßen. Wer da in unserem Falle wen verdrängt, dürft ihr als rein rhetorische Frage betrachten. Klitschnass und fröstelnd ankern wir in Annweiler im Café und versuchen, unsere dämmende Speckschicht durch Kuchen zu stärken – Zucker schmeichelt der Seele. Annweiler liegt unterm Trifels, der alten Reichsfeste, in deren Kerker König Richard Löwenherz 1193 auf seinem Rückweg von den Kreuzzügen drei Wochen lang schmachtete. Nicht originalgtreu wiederaufgebaut, ein Besuch aber lohnt allemal. Wir haben andere Sorgen.
 
Tote Hose am Motor­radtreff­punkt Johannis­kreuz. Die Leute müssen arbeiten oder haben schlicht keinen Bock auf schlech­tes Wetter

Mittlerweile aber reißt es draußen stockend auf, der Mut kehrt zurück. „Klar zelten wir, schaut mal, die­ ­Sonne lauert schon hinter den Wolken.“ Was jetzt kommt, ist der Lohn der Mutigen. Auf dem Weg nach Erlenbach zur Burg Berwartstein dringen die wärmenden Strahlen wie Finger Gottes durch die dunklen ­Wolken. Der Dschungel ringsum beginnt zu dampfen, die Straßen trocknen allmählich ab. Das bringt den Spaß am ­Fahren zurück. Noch 20 Kilometer bis ins Tal nach Ludwigswinkel, zum Campingplatz, mitten durch die brodelnde Lunge der Pfalz mit ihren sumpfigen Wiesen, glucksenden Bächen und schlammigen Weihern. Als die Wolken weichen, sinkt die Temperatur weiter. Die Nebelschwaden nisten sich allmählich ein, kriechen unters Leder. Ludwigswinkel deshalb, weil wir von hier aus morgens auf die Eselssteige durchstarten können, dieses alte Luder von Bergrennstrecke, wo sie seit gefühlten zwanzig Jahren nur noch Löcher flicken, um den Sturm und Drang der Motoristen einzubremsen. Doch noch haben wir die Nacht vor uns.
 
Der Mut wird belohnt. Nach kaltem Regenschutt reißt der Himmel auf, die noch zaghaften Sonnenstrahlen bringen die Landschaft und unser klammes Leder zum Dampfen

Hinterher werden wir uns darauf herausreden, dass es die Szenerie war, die uns abgeschreckt hat: In Adi­letten durchs Gelände schlurfende Dauercamper, eine zugige Terrasse als Restauration, Rentnerradio SWR4 aus den Lautsprechern. Doch was immer wir als Argumente anführen: Es ist gelogen. Uns ist bei wenigen Grad über null schlicht scheißkalt. Es wird dunkel, die Zelte sind noch stramm auf die Hecks unserer Motorräder geschnallt, im Leder steckt die Feuchtigkeit. Hinterher lässt sich nicht mehr rekapitulieren, wer als Erster die weiße Fahne geschwenkt hat. Zu bereitwillig versammelt sich der Trupp dahinter und dringt zehn Minuten später ins überfüllte Restaurant eines Gasthofes in Fischbach ein. Die Zeit der Legendenbildung ist vorbei.

Große Erleichterung, Zimmer frei. Der Auftrieb im Gastraum? An diesem Wochenende ist Kerb, auf Hochdeutsch Kirchweih, und da wird gefeiert. Und wo wir schon beim Übersetzen sind: Heute Abend gibt’s die für die „Palz“ typischen Hooriche mit Knepp, was in Schriftdeutsch so viel heißt wie Halb-und-Halb-Kartoffelklöße mit einer Speck-Sahnesoße – und Parkbräu vom Fass. Wir brüten über der Karte und sind uns einig: Das hier wird unser Basislager für die nächsten zwei Tage.
 
Unter den Strahlen einer milden Herbstsonne steigen unterm Berwartstein bei Erlenbach  Dunstschwaden aus dem Wald auf. Später, wenn das Licht schwindet, werden uns die noch unangenehm unters Leder dringen

Ein schöner Herbsttag am nächsten Morgen, wir ­sparen uns die Eselssteige noch auf, nehmen die Runde von Fischbach über die L 487 erst mal in Richtung Salzwoog, eine herrliche Kugelbahn durch den Wald, die wir aber nicht ungehindert durchschießen, denn sie ernten hier gerade das, was die Gegend im Überfluss hergibt: Holz. In Dahn dann der zweite Kaffee des Tages unterm Jungfernsprung, einem dieser Sandsteinfelsen, die hier wie von Riesenhand überall ins Gelände gewürfelt herumstehen und fahrendes Klettervolk aus aller Welt an­locken. Den hohen Felsen schmückt ein Kreuz. Es geht die Mär, dass sich hier einst eine holde Jungfer auf der Flucht vor einem fleischeslustigen Ritter aus einer der drei Dahner Burgen – in Ruinen noch heute erhalten und sehenswert – herabstürzte.

Jetzt zu dir, Eselssteige, Bergrenn-Schauplatz – in meiner Kindheit als Zuschauer, in meiner Jugend als Fahrer. Mit der MV Agusta Brutale 800 unterm Hintern forderst du zugegebenermaßen mehr Geistesgegenwart als damals mit meinem 1971er Kreidler-MF4-Mofa, als ich auf dem Weg zum Badeweiher meinen Rundenrekord zu steigern suchte. Laune macht das Asphaltband immer noch – und es fordert immer noch Respekt. Ein Abgang führt in 98 Prozent der Fälle zum innigen Encounter mit dem Holzbestand des Waldes.
 
Durchs Tal entlang der alten Bergrennstrecke Eselssteige sammelt der Saarbach Wasser, um bei Ludwigswinkel in  zwei beliebte Badeweiher zu münden. Ende September ist Baden für uns aber kein Thema mehr

Raus aus dem Holz, hoch auf die Höhe und in Richtung meiner alten Heimat, Kröppen, 700 Einwohner, ein verschlafenes Nest an der französischen Grenze. Die ist heute im wahrsten Sinne des Wortes grün. Als wir über eine leichte Kuppe auf den eigentlich lang verlassenen Grenzposten zurollen, überfällt mich ein panikartiger Fluchtinstinkt. Vor uns auf der Straße stehen rund fünfzehn Männer und Frauen mit Maschinenpistolen in den ­Händen. Großrazzia, Kripo, Bundespolizei, Zoll, Gendarmerie. Rumdrehen ist nicht mehr. Wir ham ja nix verbrochen, doch in Gewehrmündungen zu blicken, fördert das schlechte Gewissen. Nach dem Papiercheck – bei dem wir uns als Journalisten outen müssen (Papiere für Testmaschinen? Hm!) – werden wir hochdruckinformiert. Die Quintessenz: Es wird viel geklaut hier in der Ecke, und die Langfinger verschwinden über die Grenze, um das Zeug in irgendwelchen angemieteten Lothringer Scheunen zu horten. Präsenz zeigen, Anwohner beruhigen. Die Hintermänner auf der Liste aber haben, wenn man sie denn mal erwischt, gute Anwälte. Zu gute.

Lothringen touchieren wir nur kurz. Wer mehr Zeit hat, sollte sie sich nehmen. In den Tälern und Dörfern auf die alte Festungsstadt Bitche zu fühlt man sich um Jahrzehnte zurückversetzt. Diesseits wie jenseits der Grenze warten Richtung Südost zahllose mittelalterliche Steinhaufen auf interessierte Besucher. Doch von Tourismus versteht man hier wenig. Bis heute hat es die Gegend nicht geschafft, Kapital aus ihren Vorzügen zu schlagen.
 
Der Rest der Truppe reitet  noch einmal in den Sonnenuntergang

Letzter Tag. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Das hier ist kein Urlaub, und wir sind mit unserem Programm durch. Ein letztes Mal Eselssteige wollen wir uns nicht nehmen lassen. Ducatis Wasser-Monster 821 aber hat noch eine Überraschung für uns in petto. Nach ­kurzem Stopp macht sie keinen Mucks mehr. Nachdem alles gecheckt ist, was heutzutage mit Bordwerkzeug noch zu ­checken ist (also nichts!), werden diverse ADAC-Karten gezückt. Schade, dass es hier kein Handynetz gibt, nicht mal ein französisches. Ich fahre gen Osten, bis sich die Netzbalken auf dem Display zurückmelden, und funke los. Unrühmliches Ende einer schönen Ausfahrt. Wir sind nicht weit von daheim, kein Drama. Das Motorrad geht zum Händler, Ducati wird uns bald darauf eine ­defekte Batterie als Schadensursache melden.
 
Ende einer Dienstfahrt. Mitten im Wald ist die Fahrt für ­unsere Ducati Monster 821 und Kollege Carsten zuende. Batterieschaden, sagt Ducati

Der ADAC-Mann, nennen wir ihn Wolfgang Petry (und nein, das hat rein GAR NICHTS mit seinem Aussehen zu tun), ist bald da, zunächst unlustig, freundet sich aber auf der Tour nach Pirmasens schnell mit Carsten an. Man raucht und lacht zusammen, zum Trinken kommt es angesichts des noch jungen Tages nicht mehr. Danke fürs geliehene Geld, Wolfgang. Die Menschen in der Pfalz sind knorrig, aber nett – was zu beweisen war. Die Zelte? Liegen in unserem Regal und harren des Sommers. Das Rheuma wird’s freuen.

Text: Guido Kupper
Bilder: Volker Rost

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Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:11 December 2017 03:10:46/blog/zurueck+in+den+wald+-+pfalz+live_176.html