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29.06.2017  |  Text: Thilo Kozik  |   Bilder: Werk, Thilo Kozik
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Yamaha XJR 1300 Racer


Namhafte Customizer haben Yamaha geholfen, dem klassischen Dauerbrenner XJR 1300 neues Leben einzuhauchen. Vor allem in der XJR 1300 Racer werden Erinnerungen an die legendären Superbike-Rennen der glorreichen Siebziger und Achtziger wach


Die Stippvisite in der Dependance der Umbau-Gurus von Deus Ex Machina in Sydney schindet mächtig Eindruck: Hier stellt Yamaha-Produktmanager Shun Miyazawa seine neuen XJR-Modelle vor. Das ist nur logisch, schließlich hatte er sich in den vergangenen fünf Jahren reichlich ­Input der Customizer Wrenchmonkees, Keino und eben Deus Ex Machina geholt, um die XJR neu zu erfinden.

All die Modifikationen ändern aber nichts daran, dass die 1300er nach wie vor mit der Präsenz eines Monuments der Motorradgeschichte protzt: Seit der Premiere als XJR 1200 vor zwanzig Jahren wirkt sie wie aus dem Vollen gefräst, mit einer muskulösen Linie, die den mächtigen verrippten Reihenvierer ins Zentrum rückt. Dass die neue XJR nicht mehr so unförmig retro wirkt, verdankt sie dem kurzen Heck, bei dem durch Weglassen der hinteren Unterzüge gleich mal zehn Zentimeter weggechoppt wurden. Die nun aufgeschnallte, angedeutete Höckersitzbank im Giuliari-Stil – wer erinnert sich nicht daran? – bringt genauso Sportgeist in den Look wie die Seitenabdeckungen aus poliertem Aluminium, die wie Startnummerntafeln der in den Siebzigern und Achtzigern populären AMA-Superbike-Rennen aussehen.
 
Schöne analoge Runduhren informieren über Drehzahl und Geschwindigkeit, die Leichtmetallhalter der Lenkerhälften sind aus dem Vollen gefräst

Doch erst die „Racer“-Variante setzt dieses Thema stimmig um: Statt der Lenkstange der Standard-XJR sind zwei Stummellenker unterhalb der Gabelbrücke montiert. Eine sportlich geschnittene Lenkerverkleidung samt kurzer ­vorderer Radabdeckung und die hintere Höckerabdeckung, alles aus Kohlefaser, komplet­tieren den Superbike-Look.

Klar, dass man nah am Vorderrad sitzt und sich etwas nach vorn bücken muss. Doch selbst mit durchschnittlichen 174 cm kommt man über den deutlich verschlankten Tank ziemlich ­relaxt an die Clip-ons ran und genießt satten Knieschluss. ­Extrem ist die Haltung nicht, vielmehr scheint sie als Kompromiss auch Best Ager mit beginnenden Rückenleiden für dieses Bike begeistern zu wollen.
 
Wie am Stück gegossen dominiert das mächtige Trumm von Motor den Anblick. Die Hitzeschutzblende an der hinteren Zylinderwand kann die Abstrahlung nicht verhindern

Beim Anlassen gibt’s eine kleine Enttäuschung: Der so kraftvoll inszenierte Four mit klassisch verrippter Luftkühlung summt auspuffklappenbereinigt unscheinbar aus dem langen, megaphonartigen Schalldämpfer. Auch das tief­frequente Wummern beim Gaszupfen im Stand, das dem Treiber die Macht des Aggregats suggeriert, ist verschwunden – die ausgeklügelte Lagerung des Triebwerks im Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen killt auch angenehme Vibs.

Mit lautstarkem Klonk rastet die erste der fünf Gang­stufen ein, die leichtgängige Kupplung gibt den Kraftschluss zum Hinterrad frei, und los geht’s. Echt geschmeidig, der Riese. Gut kontrollierbar und harmonisch ­powert sich der dohc-Reihenvierer bis zum Leistungsgipfel von 98 PS. Das ist weniger imposant als die 108 Newtonmeter, die der Big Block bei 6000 Touren auf die Kurbelwelle wuchtet. Wer höher dreht, erntet das bekannte Schnarren aus dem ­Ventiltrieb, das die XJR seit ihrer Auflegung 1995 begleitet und das schon vorher in der XS-­Baureihe zu hören war.
 
Praktisch ein Muss ist die Montage des schwarzen Akrapovic-Slip-on-Schalldämpfers, der Optik und des Sounds wegen

Bei mittleren Drehzahlen stellt sich in sanften Bögen ein regelrechter Kurvenflow ein, das 240-Kilo-Trumm fährt angenehm neutral durch Ecken und verlangt nicht allzu viel Kraft beim Einlenken. Die verbindende Ergo­nomie und komplett einstellbare Federelemente machen kurvige Landstraßen zum Genuss – bei durchaus hochwertigem Fahrkomfort: Klasse spricht die DLC-beschichtete (Diamond-like Carbon) Gabel an, nur das Stereo-Schwedengold von Öhlins am Heck leitet auf ­welligen Abschnitten kurze, trockene Stöße ins Rückgrat. Ein ­Genuss ist der Griff an den einstellbaren Bremshebel. Der wird mit einem sehr klaren Gefühl für die Dosierbarkeit und höchster Effizienz belohnt. Die Mühen, der alten Tante noch ein ABS auf den Leib zu schneidern, haben die Japaner allerdings gescheut.

In der Rushhour strahlt der große Luftgekühlte unangenehm Hitze an des Fahrers Beine, der auf 14,5 Liter verkleinerte Tank schränkt die Reichweite logischerweise ein. Doch wer ein authentisches Retrobike mit einem mächtigen luftgekühlten Motor, schnörkellosem Design und klassischem Fahrspaß sucht, kommt um das mit 11.495 Euro ehrlich tarifierte Big Bike nicht herum. Tüpfelchen auf dem i ist der schwarze Zubehör-Akra-Slip-on, der die passende akustische Note beisteuert und sportlich angefressene Naturen von einem Cup träumen lässt, in dem dicke XJRs in vergessener Superbike-Manier um Punkte, Pokale und Ehre fighten – warum eigentlich nicht?
 
Für ein 240-Kilo-Gerät lässt sich die XJR sehr präzise und neutral einlenken, viel Gewicht auf dem Vorderrad macht die Kontrolle leicht. Allerdings sieht sich der Fahrer deutlich bequemer aufgenommen als bei den sportlichen Vorfahren
 

Yamaha XJR 1300 Racer – Technische Daten

Preis: 11.495 Euro
Leistung: 98 PS (71,9 kW) bei 8 000/min
Drehmoment: 108,4 Nm bei 6 000/min
Motor: Reihen-Vierzylinder-Viertakt-Motor, luft-ölgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, dohc, Hubraum 1251 ccm, Bohrung x Hub 79,0 x 63,8 mm
Getriebe/Endantrieb: 5-Gang, Kette
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vorn: Telegabel, Stand­rohr-Ø 43 mm, Federweg 130 mm, komplett einstellbar
Federung hinten: Leichtmetall-­Zweiarmschwinge mit zwei Feder­beinen, Federweg 120 mm, komplett einstellbar
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1500 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 92 mm
Bremsen: 298-mm-Doppelscheiben­bremse vorn, 267-mm-Scheiben­bremse hinten
Bereifung: 120/70 ZR17 vorn, 180/55 ZR17 hinten
Leergewicht: 240 kg
zulässiges Gesamtgewicht: 450 kg
Tankinhalt: 14,5 Liter
Inspektion: 10 000 Kilometer oder einmal jährlich

Text: Thilo Kozik
Bilder: Werk, Thilo Kozik

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Ausgabe 1/18 erscheint am 08. Dezember

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Stand:20 October 2017 21:36:16/blog/yamaha+xjr+1300+racer_176.html