Szeneshop-Angebote
01.09.2017  |  Text: Jens Kratschmar  |  
Alle Bilder »

Was passiert, wenn der Hipster weiter zieht?

Hipster Meinung Roadster Triumph


Zwei Jahre ist nun her, dass ich diese Zeilen als „Bewerbung” in die ROADSTER-Redaktion schickte. Sie brachte mir einen neuen Job und eine neue Welt. Viel habe ich in dieser Zeit gesehen und gelernt. Auch meine ursprüngliche Meinung hat sich etwas geändert


Hier, was ich vor zwei Jahre dachte:
Pünktlich mit Baubeginn des Berliner Großprojekts der kerosinbetriebenen Massenbeförderungsindus­trie­­ ­wurde die Perle an der Spree nicht nur schlagartig noch ärmer, als sie es ohnehin schon war, jetzt erlebten auch Vollbärte, Holzfällerhemden und 70er-Jahre- Kassengestelle ihre urbane Wiedergeburt. Bald war die Hipster-Subkultur am Blühen, und auf der Suche nach Input wurde sie in den 60ern fündig. Damals fühlte sich eine Gruppe von Outlaws – pomadisiert und mit gegerbter Kuh auf der Haut – auf ihren Feuerstühlen berufen, bestehende soziale Strukturen unter Rock ’n’ Roll und britischen Hubkolbenkonzerten zum Bersten zu bringen – und mit ihr die Nachbarschaft. Die ­Hipster ­merkten, dass ihr ­klischeehaft hohes Einkommen gut zu ­diesem Stil passte, und verschmolzen beides zu dem, was ­Triumph heute „Spirit“, manch anderer Neo-Retro oder irgendwie alle Heritage nennen.

Apropos Triumph. Hat die Traditionsmarke aus Hinkley nicht bereits seit 2002 ein Modell im Programm, das an ­diese seligen Jahre erinnert, als es noch keinerlei Emissions­vorschriften gab? An jene goldenen Zeiten also, als die britischen Schmieden den Motorradmarkt ­beherrschten. War dieses Motorrad nicht genau, was der Hipster brauchte? Durch und durch! Jede Schraube schrie nach ­Retro, das Ding war individuell, sozio­kulturell adaptierbar und einfach passend. Fix im Crashkurs die Fahrerlaubnis erworben und ab zum Händler, schon konnte­ das Teil unter den Hintern geklemmt und der Hahn gespannt werden. Rock ’n’ Roll oder Hubkolbenkonzert? Nee! Anders als bei Brando und Dean passiert beim Dreh am Gasgriff gar nix. Be­sagte Emissionswerte machten aus nominell gesunden 68 Pferden­ galopp­müde Gäule, die nicht mal laut wiehern dürfen. Nun sieht der Hipster – gestylt und bereit – nicht nur gut, sondern mit ­Davida-Helm und Barbour-Jacke auch verdammt schnell aus. Sein Feuerstuhl aber, er brennt auf Sparflamme.

Ist die Leistung mager, muss der Bock optisch gehypt werden. Wimpernschläge später war ein neuer Markt geschaffen, waren CNC-Fräsen programmiert und Titanhüllen in eine avantgardistische Form mundgeblasen. Die Sprintrennen auf der Soli­tüde machten Druck: Die in müden Steuerzeiten und einer lahmen Elektronik versteckte Leistung musste geweckt werden. Der Hipster wollte so schnell sein, wie er aussieht. Teure 30 Mehr-PS später war seine Welt in Ordnung, er konnte sich an der ­Ampel zurücklehnen.

Eines Tages aber stand er nicht mehr allein an der Ampel. Als hätte man ihn vor einen Spiegel geparkt, stand er da, der Nebenmann: Helm, Bart, Brille, Jacke und das Moped, alles war geklont worden. Da war sie beim Teufel, die Individualität, den Zwillingen standen die Tränen in den Augen und Facebook kondolierte. So kam die Zeit, in der schraubenkauende Öltrinker auf den Vete­ra­mas dieser Welt eine völlig durchgeknallte Teuerungsrate bei 80er-Jahre-Reiskochern verzeichneten. Eine neue Macht durchstöberte die Kisten und Scheunen nach Brauchbarem. Der Hipster hatte die Youngtimer entdeckt. Die Granden japanischer Massenfertigung, sie wurden aus ihrem­ Dornröschen­schlaf geweckt und auf ein Minimum zusammengeflext.
Man mag davon halten, was man will. Aber lieber fahre ich diesen umgemodelten ­Ikonen hinterher, schnuppere ihre unge­filterten Abgase, ergötze mich am sexy ­Röcheln aus dem Luftfilter und den sonoren Schallwellen aus der Schüle-Vier-in-eins-Anlage, als eine Bol d’Or in einer feuchten Scheunenecke rosten zu sehen.

Und wie geht's weiter? Der Hipster definiert sich über seine Andersartigkeit und adaptiert, was er als passend erachtet. Doch jede Avantgarde wird irgendwann Mainstream. Was passiert, wenn der Hipster weiterzieht? Nicht viel. Denn der Hipster ist längst zu dem geworden, was wir schon sind. Biker mit Leib und Seele. Wenn doch ein paar wegbrechen, gibt’s wenigstens coole Umbauten zum günstigen Kurs. Keine schlechten Aussichten, wie ich finde.  

Soviel zum Sommer 2015. Und heute?
Nun, ich denke der Prototyp des urbanen Hipster ist weitergezogen – sollte er je wirklich Teil des Ganzen dagewesen sein. Die Besucherzahl mit dem Label inhaltsloser Oberflächigkeit geht auf Szenetreffen erfreulich zurück. Nur noch wenig BlaBla, dafür mehr BrummBrumm – so mag ich das.
Aktuell gibt es jedoch eine neue Strömung: Customizing zum reinen Protzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Harley-Fahrer mit richtig Spielgeld in der Kriegskasse sich beim Weltcustomizer um die Ecke eine alte R100 RS zum mega-edlen Cafe Racer aufbauen lassen, ohne jede emotionale Bindung an das Motorrad. Oder jene, die in eine nagelneue 9T nochmal 20.000 buttern, nur um das wohl funktional beste, aber auch häßlichste Custombike der jüngeren Menschheitsgeschichte durch die Lande schieben. Und sich dann wundern, dass es keinen interessiert. Meine damalige Furcht war mehr als unbegründet. Es geht weiter, es wird immer mehr und das ist gut so.

Text: Jens Kratschmar

Kommentare zum Artikel


weitere Blogeinträge




Aktuell am Kiosk: ROADSTER 6/17

Artikel aus der Ausgabe: 6/17

Scrambler Tour – Das Wüste in uns
Scrambler Tour – Das Wüste in uns
Yamaha FZ1 Project X – Heilmittel gegen Langeweile
Yamaha FZ1 Project X – Heilmittel gegen Langeweile
Deep blue – Jeansjacken
Deep blue – Jeansjacken
Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage
Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage
Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will
Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will
Sachs Bikes – Welcome to the machine
Sachs Bikes – Welcome to the machine

Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:11 December 2017 03:13:21/blog/was+passiert+wenn+der+hipster+weiter+zieht_17830.html