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10.08.2017  |  Text: Guido Kupper  |   Bilder: Lukas Magerl
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Diamond Atelier Aeon & TW Steel - Time on your side


Eine Uhrenmanufaktur setzt auf den Zeitgeist: Im Auftrag der holländischen Uhrmacher von TW Steel wagte sich das Münchner Diamond Atelier an seine erste Yamaha: eine XSR 900. Mit außerge­wöhnlichem Ergebnis namens Aeon


Die Zeit. Die, die wir haben, ist nicht unbegrenzt. Das macht den Moment wertvoll. Verantwortungsvoll, bedacht, ja vorsichtig mit unserer Zeit umzugehen, dazu ermahnten uns schon als Kind unsere Eltern. Wir ­Söhne aber haben einen hedonistischeren Ansatz. Allzu viele Versuche haben wir schließlich nicht und deshalb auch wenig Grund, die Dinge zu ernst zu nehmen. Geh raus, mach dein Ding, express yourself, spüre das Leben! Es ist also eher der Son of Time, der dir im Nacken sitzt, wenn dich am Ende deines Weges eine schwarz-weiß-karierte Flagge erwartet, du deinen Ehrgeiz mit dem anderer Menschen misst – in Zeit. Diesen progressiveren Zeitansatz pflegen auch die holländischen Uhrenhersteller von TW Steel.

Letztes Jahr verliehen sie ihm durch ein gemeinsames Motorradprojekt mit der Bikeschmiede Numbnut Motorcycles und einen parallel ­hergestellten Editionschronographen unter dem Projektnamen „Son of Time“ erstmals Ausdruck. Auf dem Motorrad ­verbrachte ist gut verbrachte Zeit, und Custombikes zu bauen ist wie das Uhrenbauen im besten Fall ein Prozess kreativer Handarbeit, nur zusammengebracht hatte die beiden bisher noch niemand. Auch Uhren sind mechanische Produkte, ein Sammel­surium durchkonstruierter Bauteile, die als Räderwerk in­einandergreifen und so ihre Bestimmung erfüllen. Die Resonanz war derart, dass TW Steel in diesem Jahr noch größer einstieg. Zum Bau von gleich vier ­Motorrädern regte man renommierte Customizer an. Passend dazu entwarf man in Amsterdam eine Son-of-Time-Sondereditions-Uhr namens Aeon.

Die schlichte Schönheit und Funktio­nalität des Aluminium-Gussrahmens der Yamaha XSR 900 ­beeindruckte Tom und Pablo. Das Design des von ihnen entworfenen Bodyworks lenkt trotz all seiner Extrovertiertheit den Blick des Betrachters doch auch auf diese Esssentials
 
Tom Konecny und Pablo Steigleder vom Diamond Atelier erreichte der Anruf völlig überraschend. Über­zeugen musste man sie nicht. „Wenn du Motorräder für Kunden baust, musst du auf ihre Vorstellungen hin bauen“, sagt Tom. „Die Vorgaben von TW Steel waren dagegen minimal. Ihrer Son-of-Time-Philosophie entsprechend war ihnen minimalistische Klarheit wichtig, ansonsten war die einzige Auflage, die Farbgestaltung der Uhr aufs Motor­rad zu übertragen.“ Ein Luxus für die Bikebuilder, die außer­dem reizte, dass es eine XSR 900 sein sollte – ihre erste Yamaha. Tatsächlich hielt die ein paar Überraschungen für die zwei Münchner parat: „Es gab da schon einen Moment der Stille und Unentschlossenheit, als uns der Kurier das Motorrad vor die Tür gestellt hatte. Dann aber wurde uns schnell sein herausragendstes Merkmal klar: der Rahmen. Diese organische Struktur, die den Triple umschließt, haben wir in dieser Reinheit noch bei keinem anderen Motorrad gesehen. Zum Fahren brauchst du kaum mehr als diesen Rahmen auf Rädern und den ­Motor darin.“ Wir alle wissen, dass in heutigen Motorrädern aber viel mehr steckt. Dinge, derer sich die Customizer gern entledigen. Und im Falle eines Builts wie der Aeon haben sie es verhältnismäßig leicht. Denn das Motorrad fährt zwar, eine Straßenzulassung aber muss es nicht haben.

„Unser Ziel war von Anfang an, den wahren Kern dieses Serienbikes aus der 2017er Produktion freizulegen, die XSR auf ein Minimum zu reduzieren.“ Dazu rissen sie ihr bis auf Chassis und Motor alles vom Leib und fingen an, mit Zeichner Julian Weber am Block übers Design zu hirnen. Wo das Motorrad ohnehin japanischer Abstammung war, durften japanische Designeinflüsse nicht fehlen. „Bodyshape und die Ausarbeitung der Details sind stark von den in Japan aktuell vorherrschenden Car-Customizing-Trends be­einflusst. Die kantigen und separierten Panels haben ihren Ursprung in der frühen Bosozoku-Ära von Japans ­Tuningszene. Wir haben uns für diese Richtung entschieden, weil unsres Wissens bisher noch kein Motorrad­customizer diese Stylingmerkmale aufgegriffen hat.“ Stylingmerkmale wie die aufgesetzten, separaten Bodyteile mit ihren Nieten und Verschraubungen.

Den TW-Steel-Chronographen integrierte Diamond Atelier in die Front …
 
Das Motorrad, das da auf dem Papier erstand, war so aggressiv und so minimalistisch gestylt, dass sich Pablo und Tom fragten, ob sie hier nicht ein Stück weit übers Ziel hinausgeschossen waren. „Das Hinausschieben der Grenzen hat uns von Anfang an ausgemacht“, sagt Tom, und TW Steel wollte ausdrücklich ein überspitztes Ergebnis. Also machte man sich in München ans Werk. Und nicht nur da. Den Aufbau der Form- und Rahmenteile übernahm Alukünstler Marvin Diehl von KRT Framework. Mehr als die Skizzen bekam er nicht auf den Tisch und trieb dennoch in kurzer Zeit dieses unglaubliche Ergebnis aus dem Metall, das wir hier vor uns sehen.

Dass Custombikes mit dem Kürzel DA # und folgender Ordnungszahl jeglichen Schnickschnacks enthoben sind, ist mittlerweile schon zur Erwartungshaltung der Fangemeinde geworden. Wenn man sich aber die Aeon anschaut, bekommt man den Eindruck, dass die Fähigkeiten der Jungs zum Minimalismus in ihren Vorwerken bisher allenfalls leise aufgeblitzt sind. Unterm Tank ihres XSR-Ablegers herrscht praktisch Durchzug. Und damit macht das Bodywork den Blick frei auf die gelungene Funktionalebene der XSR und damit genau auf den Punkt, der die beiden Macher an der Yamaha begeistert. „Der anspruchsvollste Part des Umbaus war tatsächlich die Elektronik, das ganze Geraffel musste optisch ja weitestgehend verschwinden“, erinnert sich Diamond-Sprachrohr Tom. Also unterzogen sie auch den Kabelbaum ihrem Minimalismusprogramm. Am Ende hatten sie dem Serien­teil 100 Meter Kabel heraus­operiert, ohne dabei wichtige Funktionen zu beeinträchtigen. Mit einer wesentlichen Aus­nahme allerdings: dem ABS. Das flog komplett raus.

Den Raw-Metal-Look der aufgesetzten Bodyparts mit Nieten und Verschraubungen entlehnten die Macher der frühen Bosozoku-Ära von Japans Tuningszene. Dass die Aeon ­Diamond-Bike Nr. 13 ist, brachte offensichtlich kein Unglück

Den unverzichtbaren XSR-Funktionskern mit seiner Sahne­haube aus blankem ­Alublech samt -rohren garnierten die Münchner am Ende mit ­einer Handvoll feiner Accessoires, die mit dem Lightweight-Appeal der Aeon konform gehen, darunter ABM-Multiclip-Handlebars, Gilles-Rasten, schwarzen und ­roten Stahlflexleitungen und ein SC-Project-3-in-1-Auspuff. Unterm Strich ein scharfes ­Gesamtmenü, ein „Showstopper“, wie ihn die Münchner Jungs nennen, der genau das erreicht, was TW Steel sich gewünscht hat: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit auch für die Sonder­edition des 48 Millimeter-Zeiteisens mit Miyota-Werk. Den Chrono­graphen gibt es ab ­sofort für 499 Euro im Uhrenfachhandel und auch beim Yamaha-Händler. Doch womit auch immer ihr Zeit messt und verbringt, denkt daran: Sie ist wertvoll – und kurz.

sonoftime.com/de/
www.twsteel.com
www.diamond-atelier.com


Text: Guido Kupper
Bilder: Lukas Magerl

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