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16.08.2017  |  Text: Greg Johannsen  |   Bilder: Sönke hansen, Vrooooom!, Curves
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The Curves


Wenn Männer an Frauen mit Motorrädern denken, haben sie vielleicht den Chanel-Werbespot mit Keira Knightley auf Ducati vor Augen oder Brigitte Bardot in Overknee-Lederstiefeln auf einem Harley-Chopper. Vergesst all das, vergesst auch Drei Engel für Charlie! Die CURVES sind ganz anders. Man stelle sie sich vor als eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und den Riot Grrrls, die in Berlin um die Häuser kurvt


Die Sonne steht tief am Himmel und flackert in die Kamera. Ein paar Mädels albern mit ihren Motorrädern auf einer der typischen sandigen Berliner Brachflächen am Spreeufer herum. Nach 15 Sekunden steigt eins der Mädels sanft über den Lenker ab – das Video strahlt trotzdem vor Spaß. Das ist genau die Sorte Party, auf die man gerne mal eingeladen wäre. „The Curves – taking sharp turns with style“, nennen sich die ­Damen. „Das hat was ganz Neues – kennst du die?“, fragt mich ROADSTER-Macher Guido Kupper. Er ist im Internet auf das im Super-8-Stil gemachte virale Video der Bike-Punk-Mädels gestoßen. Schnell und roh, billig produziert, voll chaotischer, spiele­rischer Energie.



Tatsächlich kenne ich zwei der Mädels, wenn auch völlig unabhängig voneinander. Irene Kotnik heißt die Bruchpilotin, ihre W 650 fahrende Kollegin ist Cäthe Pfläging. Das Video überrascht mich. Ich wusste nicht, dass sie zusammen an was arbeiten. Ich versuche, ein Telefoninterview mit den Curves zu organisieren. Ein Termin, an dem beide Zeit haben? Schwierig. Ohnehin ist es überhaupt nicht ihr Stil, sich hinzusetzen und Fragen zu beantworten. „Komm doch nach Berlin“, sagen sie. Tatsächlich treffe ich sie in der Hauptstadt, sogar gleich zwei Mal. Wir sind auf Partys in Kreuzberg unterwegs, die mit Motorradfahren zu tun haben. Beide Male vergessen wir, das Interview zu machen, weil uns Drinks, Musik und Smalltalk ablenken. Zweimal passiert das Gleiche. Am Ende der Hauptveranstaltung, nur noch ein paar verlorene Seelen hängen rum, kehren die Curves-Mädels die Übriggebliebenen – einen Motorrad-Customizer, die beiden Journalisten, einen Fotografen und einen Illustrator – zusammen und schleppen uns in die nächste Spätbar. Dann in die nächste, die folgende, dann in noch eine ...
Zum ersten Mal traf ich Irene bei Wheels and Waves 2014 in Biarritz. Es war nur ein kurzes Aufeinandertreffen, aber ein paar Dinge blieben nachhaltig haften. Es schien sie kein bisschen zu stören, dass ihre alte Honda CJ 360 total unzuverlässig, dass ihr „Customizing“ völlig amateurhaft war. Die Griffe hatte sie mit diesen bunten Scoubidou-Plastikbändchen verziert. Irene umgibt keinerlei zurückhaltende Coolness oder aufgesetzte Ernsthaftigkeit. Sie hatte damals einfach nur eine unbeschwerte Zeit. Sie schien einen ganz neuen Weg zu repräsentieren, wie man Dinge angehen kann, war das glatte Gegenteil vom vollausgestatteten, werkzeugfixierten Funktionalfahrer oder mattschwarzen Breitreifen-Big-Bore-Biker. Die Verspieltheit und die hellen Farben erinnerten mich ans Surfen, ans Skaten, nicht an Motorräder. Das war im Juni 2014. 



Cäthe lernte ich nur etwas später im ­August ­kennen, wenige Tage vorm Glems­eck 101. Sofort bemerkte ich, dass auch in ihr dasselbe neue Gefühl sprühte. Sie wollte ­eigentlich wieder nach Berlin, doch als ich ihr Fotos vom Wheels and Waves samt Irene und ihrer Honda zeigte, entschied sie sich spontan um und kam mit nach Leonberg. Cäthe ist im bergischen Land bei Köln inmitten von Motorrädern aufgewachsen und fährt, seit sie zwanzig ist. Allein mit ihrer Kawasaki W 650 war sie in den letz­ten Jahren 60 000 Kilometer unterwegs. Die       Motorradszene in Berlin aber wird von Männern und ihren Gewohnheiten defi­niert. „Ich hasse dieses Marken-, Klübchen- und Schubladendenken. Dass ich mich ständig legitimieren muss, mir in ­jeder Gruppe den Respekt erstmal ,erfahren‘ muss, weil mir das Fahren nicht zugetraut wird. Das bringt mich auf die Palme.“
Doch es gab Ausnahmen. Die Be­kan­nt­schaft mit Leuten aus der neuen Customszene wie Axel Budde von ­Kaffeemaschine, Herzbube oder Peter Dannenberg von ­Urban Motor und das regelmä­ßige Stalken von Deus ex Machina und Blogs wie Bikeexif oder Pipeburn waren für sie das Licht am Ende des Tunnels. Dass sich die Dinge änderten, sah man auch an Büchern und Magazinen. „Als der Gestalten-Verlag ,The Ride‘ herausbrachte, war das wie ­Geburtstag und Weihnachten auf einmal.“



Initialzündung Glemseck
Das Glemseck 101 Anfang September war es dann, das endgültig eine ganze ­Kette von Ereignissen in Gang setzte. „Am Glemseck half ich Mela Chu, einer Designer­kollegin, bei ihrem BIKEini-Projekt. Sie hatte einen gehäkelten Tanküberzug für einen brutalen GS-1000-Scramblerumbau gemacht. Ich half ihr beim Anbringen und sprach am Stand mit dem Publikum ­drüber. Es sah krass aus. Dieser Kontrast von feiner Häkelware und dem mächtigen Motorrad mit Stollenreifen. Die Suzuki machte auch bei den Sprints mit. Wir erregten wahnsinniges Aufsehen damit. Ein echter Kick, ein Guerillaprojekt, genau nach meinem Geschmack. Um uns herum die Stände von den Wrenchmonkeys, ­JvB-moto und vielen anderen, die man sonst nur aus Blogs oder Magazinen kennt. Du konntest einfach rübergehen und mit den Jungs reden. Es fühlte sich an wie eine ganz neue Welt voller Menschen, die genauso ticken wie ich.“
Schon am Ende desselben Monats war Cäthe in Wietstock bei Berlin beim Classic Cross Festival. Und da stand es, das Motor­rad mit den geflochtenen Kunststoffbändern am Lenker. „Irene und ich waren direkt auf einer Wellenlänge. Was uns interessiert sind die Leute, ihre Geschichten – und schöne Motorräder.“ ­Cäthe ist Grafikerin, Irene macht Filme. Beide arbeiten mit Com­putern, aber teilen die Leidenschaft für mechanische Dinge. Cäthe zitiert gerne ­Guido Kupper und sagt: „Desmodromik gibt’s nicht im Appstore.“ Irene und sie haben ein tief gehendes Desinte­resse an Leistungs­kurven oder 1000-Punkte-Tests. „Wir haben sofort geheime Pläne für eine Motorrad-Girls-Gang gemacht, Leute gesucht, die das ähnlich sehen.“ Kurzerhand holten sie Gloria Buddrik dazu. „Ich wollte in einer ­Motorradbande mitmachen seit ich dreizehn bin. Später hatte ich ’ne Honda MTX 80 R. Meine Mutter hat ganze zwei Jahre schlecht geschlafen, weil ich jeden Abend mit den Nachbarjungs unterwegs war.“



In Biarritz gehts los
Bei Irene war das anders: „Ich habe nicht ganz so früh damit angefangen wie die beiden. Ich hab eine Zeit lang in den USA gelebt. 2008 machte ich dort den ­Führerschein, weil mich mein Vater besuchte, um mit mir eine Reise über die berühmte Route 66 zu machen. Richtig los gings für mich bei Wheels and Waves 2013. Ein Kameramann, den ich in Paris kennen­gelernt habe, hatte kurz zuvor den Film ­,Riding September‘ gemacht. Ein Streifen, der die Jungs von Blitz Motorcycles erst so richtig auf den Plan brachte. Er überredete mich dazu, nach Biarritz zu fahren. Als ich dort ankam, wusste ich nichts über diese Welt. Dann aber traf ich die Gründer der Southsiders, Vincent Prat und Jerome Coste, David und Kristina von El Solitario, Fred Jourden von Blitz aus Paris samt all ihrer wundervollen Motorradumbauten und filmte alles. Es war total chaotisch und ich kannte niemanden, aber alle kümmerten sich um mich und nahmen mich mit auf diese Reise.“ Irene hat alles zusammengeschnitten und ein Video von dieser Erfahrung ins Netz gestellt. Wenn man mit ihr redet, hat sie oft plötzlich die Intensität einer ­Beatpoetin, zum Beispiel, wenn sie Vincent Prat zitiert: „We live in a twisted world but it is not fully broken yet, we are some of the last survivors! Our fight against sterili­za­tion and standardization continues to rage, and we will not get out of this as winners, we know this. We are beautiful losers.“



Wheels and Waves haute sie um, auf Anhieb verliebte sie sich in die gesamte Szene: „Zurück in Berlin schwebte ich auf einer Wolke. Solche verrückten und kreativen Leute wollte ich auch hier finden und zusammenbringen.“ Die drei entschieden, ­einen Club zu gründen. Einen Club? ­„Genau genommen wollen wir gar keinen Club im klassischen Sinn“, sagt Cäthe. „Eher eine offene Plattform. Und weil wir von Haus aus kreative Macherinnen sind, haben wir dem Kind einfach einen Namen, ein Logo und einen coolen Look gegeben.“ Sie diskutierten darüber, was sie erreichen wollen, und Irene hielt das in einem Mani­fest fest: „Ich schrieb, dass wir uns eine eigene Welt ­kre­ieren wollen, ein Paralleluniversum abseits der ausgetretenen Pfade von Chrom, Leder und Protzerei. Wir schmissen das aber schnell wieder über den Haufen. Das wurde gleich wieder viel zu einengend.“ War nicht genau dieser Mangel an Definitionen eine der besten Eigenschaften der neuen Custom­welt? „Du hast die Freiheit, deinen eigenen Stil zu erfinden. Wir wollen weg von all ­diesen müden Altherrenfan­tasien, von falsch herum sitzenden Bikinigirls auf Motor­rädern mit hochhackigen Overkneestiefeln oder Freundinnen mit Lederkombi und Helm im Partnerlook als Sozia. Wir sind keine Passagiere!“ „Und schräg ist gut“, ergänzt Cäthe. „Die BIKE­inis polarisieren in der Gemeinde. Manche Typen fallen ­regelrecht in Ohnmacht, wenn ich mit dem Norweger-BIKEini für meinen Tank auftauche – sie finden es irgendwie bedrohlich oder so. Aber in Berlin sehe ich auch viele fröhliche Gesichter und winkende Menschen. Deswegen macht es doppelt so viel Spaß, sich solche Dinger auszudenken.Ein durchdachtes und einheitliches Style­statement interessiert mich dabei nicht so sehr. Ich sehe es als Anarchieprojekt.“

Tauschen ist cool
Und ihre Motorräder? Was hätte sie noch gern? „Es sollte was Altes sein. Und was Neues. Natürlich auch was ­Kleines und ein großes. Verdammt – ich kann mich gar nicht enscheiden. Ich ­wollte ­immer ­eine alte BMW, weil ich das Fahr­gefühl der Schwungmasse und des ­Kardans ­liebe. Eine R 80 G/S zum Beispiel. Außer­dem ’ne ­leichte 250er Enduro zum ­Sand­auspro­bieren. Eine 9T, eine ­Ducati Monster und eine neue XJR 1300 muss man aber auch mal fahren. Eigentlich will ich alles ausprobieren. Bei den Curves wird ­immerhin getauscht.“
Vorläufiges Highlight des Jahres neben dem Dreh des Videos war der Trip zu Wheels and Waves. Ich wohnte gleich ­neben den Mädels auf dem Campingplatz in ­Biarritz. Sie schwirrten die ganze Zeit ­energiegeladen umher und fuhren sogar während des Regens, „Wheels und Wetness“, grinst Irene. Am Samstag regnete es lange. Mit James Jordan und Chris Punk ­Rogers, der englischen Crew von „Kingdom of Kicks“, saß sie total frustiert in ­deren Van, man trank Wein. Und so kamen sie irgendwann auf die glorreiche Idee, auf Surfboards in den wellenfreien Atlantik zu paddeln und sich dort mit einer Pulle Rum weiter zu betrinken. Die Flasche warfen sie sich im hohen Bogen von Brett zu Brett. Ich war etwas beleidigt, zu dieser Party nicht eingeladen worden zu sein.



Sie gingen immer später ins Bett als ich, die Curves, und standen trotzdem früher auf. Sie kannten schon fast alle (Irene), oder sie befreundeten sich offensiv über das ­ganze Wochenende (Cäthe). ­Eine ­brennende Mission in eigener Sache war das. „Wir haben einen Haufen ­andere ­motorradbegeisterte Frauen aus aller Welt kennengelernt und haben versucht, ­einen Girls-Ride zu organisieren. Wegen des ­miesen Wetters fiel die Sache leider ins Wasser“, sagt mir Cäthe. „Shinya Kimura persönlich zu ­treffen und zu sprechen, war ein absolutes Highlight für mich. Diesen Mann habe ich jahrelang kreuz und quer durchs Internet gestalked und bewundert. Dabei hat eigentlich er mich ­angesprochen. Es ging um den Auspuff der GS 1000, die ich mir geliehen ­hatte. ­Anschließend sprachen wir über den gestrickten, bunten ­BIKEini. BMW-­Designer Ola Stenegärd hatte ihn kurz zuvor foto­grafiert und ­lachend mit ,This is insane‘ kommentiert. Shinya und ich sind sicher: Die Motorradwelt steht kurz vor einer Revolte.“

Die Showtime ist vorbei
Nach vier Tagen sind wir ausgelaugt vom Hype und den Haarschnitten. Sechs von uns, einschließlich Cäthe und Jens vom Brauck, fahren in die spanischen Pyrenäen und kehren im letzten Tal des Basken­landes in ein ruhiges Hostal ein. Das Gefühl, dass die Showtime jetzt vorbei ist und unsere Tour nun richtig los geht, bringt die Energie zurück. An Regentagen fahren wir in die dürren Canyons von Navarra, an ­trockenen gehts hinauf in die Hautes ­Pyrénées. Jetzt schmücken unsere Signaturen aus Gummi den Col du Tourmalet und den Col ­d'­Aubisque, berühmte Pässe, die sich ­normalerweise die Radprofis der Tour de France hinaufquälen. Nach ein paar Tagen brechen Jens und Cäthe Richtung Paris auf. Das ­Cafe-Racer-Festival in Linas-­Montlhéry wartet und mit ihm das Sprintrennen, danach in Köln und Berlin der Alltag.
„Dass ausgerechnet Jens meine größte Konstante auf diesem Trip werden würde, hätte ich so nicht erwartet“, erinnert sich Cäthe. „Zigtausend Kilometer sind wir zusammen in den Sonnenuntergang ge­fahren, haben Hotelzimmer und Essen ­geteilt, ­Karren getauscht – und ich musste ihn samt seiner Yamaha aus dem Graben ziehen. Hat wohl das Warnschild für Gravillons (Rollsplitt) nicht verstanden.“ Jens: „Danke für die Hilfe – bist ’ne echte Petroleuse“, so nennen die Franzosen ­Mädels mit Benzin im Blut.

Fünf Tage und 1 400 Kilometer später.Zurück in Köln. Es regnet Bindfäden. Cäthe hat all ihr Regenzeug drübergezogen, 600 Kilometer Autobahn warten. Das ­Regenradar zeigt: Ganz Deutschland liegt unter Wasser. Wir geben ihr einen Abschiedskuss und wünschen ihr viel Glück. Zwei Stunden später kommt ein Anruf aus dem bergischen Land: „Der ­Motor fing an Zicken zu machen. Bin zu meinem Bruder zurückgefahren.“ Spontan fallen mir zwei Zitate ein, eines von Cäthe, das andere von Irene: „Mopedfahren ist nichts für ­Kontrollfreaks, das Abenteuer ist einfach nicht vorausschaubar. Du fährst morgens los und weißt nicht, wo du abends schlafen wirst“, und: „We are all beautiful losers“.
Am folgenden Tag schafft es Cäthe nach Berlin, unterwegs hat sie Zukunftspläne geschmiedet. „Als offen gestaltete Plattform richten sich The Curves in allererster ­Linie an motorrad­begeisterte Frauen aus dem Raum Berlin, die wir zusammenbringen möchten. Wir werden Touren machen und Kurventraining. Wir werden vielleicht eine Werkstatt haben oder einen Laden. Vielleicht mache ich ein ­Mopedprojekt mit blut­jungen Produkt­designerinnen an der FH oder sowas. Alles geschlechter­übergreifend, aber fokussiert auf Frauen.“   



Videos: vimeo.com/irenemotion
Kontakt: facebook.com/thecurvesberlin


Text: Greg Johannsen
Bilder: Sönke hansen, Vrooooom!, Curves

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Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

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Stand:11 December 2017 03:13:09/blog/the+curves+_178.html