Szeneshop-Angebote
07.07.2017  |  Text: Christian Heim  |   Bilder: Christian Heim
Alle Bilder »

Simson SR2E – Vom Moped zum Boardtracker


Das erste Mal läuft mir die Simson SR2E 2013 in einem Biker-Forum über den Weg. Es ist Winter – naturgemäß die beste Umbau­zeit, die Foren sind voll von ­kuriosen Geschichten, deren Gros vor allem ein Thema zum Inhalt hat: mit den eigenen Händen das individuelle Traumbike zu erschaffen. Also nur eine weitere Umbaustory? Nein. Immerhin geht es hier um ein Simson-Moped. Und das soll sich auch noch in einen Boardtracker verwandeln. Damit ragt die Geschichte doch ein gutes Stück weit aus dem ­Forenbrei heraus.


Das erste Mal läuft mir die Simson 2013 in einem Biker-Forum über den Weg.
Es ist Winter – naturgemäß die beste Umbauzeit, die Foren sind voll von kuriosen Geschichten, deren Gros vor allem ein Thema zum Inhalt hat: mit den eigenen Händen das individuelle Traumbike zu erschaffen. Also nur eine weitere Umbaustory? Nein. Immerhin geht es hier um ein Moped. Und das soll sich auch noch in einen Boardtracker verwandeln.

Objekt der Begierde. Wo immer die Simson mit ihrem Besitzer auftaucht, hagelt es Kaufangebote. So auch beim Fotoshooting. Der erste Neu­gierige sagte noch nicht einmal „Hallo“, sondern wollte gleich den Preis wissen. Antwort? Unverkäuflich!

Damit ragt die Geschichte doch ein gutes Stück weit aus dem ­Forenbrei heraus. Während der folgen­den Wochen und Monate stillen nach und nach einge­stellte Aufbaubilder den Hunger der interessierten ­Beo­bachterschar, die gebannt die verschiedenen Phasen und Probleme verfolgt, die so ein Projekt mit sich bringt – und mitleidet, wenn sich mal wieder neue Hürden auftun. Im Frühjahr 2014 erlebt die kleine ­Simson mit der langen Geschichte dann tatsächlich als Boardtracker ihr Rollout ins zweite Leben. Mehr als ein Jahr soll es noch ­dauern, bis ich sie zusammen mit ihrem Schöpfer in ­natura ­erleben darf. Ich treffe Clemens in Bruchsal, und gemeinsam peilen wir einen alten Güterbahnhof an, um ihn und die Simson fotografisch in Szene zu setzen. Schon die Fahrt dahin gestaltet sich ziemlich actionreich. Die alte Simson geht so flott, dass ich es kaum schaffe, dranzubleiben – was aber auch daran liegt, dass die aberwitzige Sitzposition ihres Fahrers mir vor Lachen die Tränen in die Augen treibt. Doch zwei Gänge und bescheidene 1,8 Pferde­stärken hin oder her: Das Ding schnurrt wie eine alte Singer-Näh­maschine.

Der Rahmenoberzug stammt ebenso aus Clemens eigener Werkstatt wie der Tank. Der Lenker steckte früher in einem Kinderfahrrad

Auch die anderen Verkehrsteilnehmer ­amüsieren sich. Sympathien fliegen dem Moped und seinem Treiber nur so zu, das in Stein gemeißelte Feindbild deutscher Blechdosentreiber – das des Ärgernisses auf zwei Rädern – scheint ausgesetzt. An einer roten ­Ampel kommt ein Autofahrer nicht mehr gegen seine Neugierde an, kurbelt die Scheibe herunter und löchert Clemens, was das denn um Himmels willen sei, das er da unter seinem Hintern hat. Wir fliegen durch die Bruchsaler Innenstadt, der ­Verkehr wird dichter. Das Gespann Simson-Clemens pfeilt durch die Straßen. Vor uns tritt ein Autofahrer plötzlich und ohne erkennbaren Grund in die Eisen. Die Simson geht mit blockierendem Hinterrad quer und zieht einen langen Strich auf den Asphalt. Puh, nochmal gutgegangen – und doch nicht ohne Folgen, wie sich später noch zeigen wird. Als wir am Güterbahnhof ankommen, lacht Clemens erleichtert: „Wenigstens wissen wir jetzt, dass die Bremse funktio­niert.“ „Ja, die ehrwürdige Rücktrittbremse“, füge ich anerkennend hinzu und werfe mich mit der Kamera in den Staub.



Ich liege kaum, da kommt schon der erste Neugierige mit dem Fahrrad an. Kein Hallo, kein Gruß, nichts. Stattdessen der freundliche Zuruf: „Isch die zu verkaufe?“ ­Natürlich nicht. Clemens kennt die Anfragen zuhauf. Er hätte sie schon vergolden können, die Simson. Anfangs absolviert der Ost-Möpp die Vorbeifahrten klaglos, doch dann verweigert er plötzlich die Gasan­nahme, gibt nur noch tief röchelnde Geräusche von sich.

Einfach und robust, extrem zuverlässig. Und wenn der Motor als Antrieb doch mal ausfällt, bleiben immer noch die Pedale. Das ist zwar anstrengend, entspricht aber 
der Fahrzeugbe­-
schreibung: Moped, wie Motor und Pedale

Alle Reparaturversuche schei­tern – durch die Vollbremsung aufgewirbelten Dreck im Vergaser wird Clemens als Ursache später ausfindig machen. Wir geben auf. Keine Action mehr. Und wo keine Action herrscht, bleibt Ruhe für die kontemplative Auseinandersetzung. Es ist warm für Anfang April, und wir ver­ziehen uns mit der Ost-Perle für was Kaltes an einen Imbiss. Während die Kleine vor uns steht, erzählt Clemens, wie er auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Moped in den Weiten des Netzes beim bekannten Auktionshaus auf sie stieß. Niemand wollte sie, also bekam er den Zuschlag, für schlappe 150 Euro. Aus einem Nachbarort holte Clemens das Kultteil ab und stellte es mangels Ideen erst einmal in den Keller.

Das Rücklicht ist eine Eigen­konstruktion, als Spender mussten Messingteile von einem alten Möbelstück und die Positionsleuchte von einem Boot herhalten – E-Prüfzeichen inklusive

Während des Zerlegens war es, da schoss ihm auf einmal das Bild vom Boardtracker in den Sinn. Ein gleich doppeltes Unding, denn erstens ist die Simson dafür kaum die geeignete Basis, und zweitens sollte sie eigentlich Clemens’ „Daily Driver“ für die tägliche Fahrt zur Arbeit werden. Doch mit Entschlossenheit in der Brust und seiner fixen Idee im Kopf packt er an, und nach und nach nimmt der Boardtracker Gestalt an. Für den Rahmenoberzug muss ein Heizungsrohr herhalten, und ein neuer Tank wird auch gleich entworfen. Die Gabel wird kurzerhand zur Springergabel umfunktioniert – aus selbstgebauten und zweckentfremdeten Teilen, versteht sich. Während wir uns ­weiter in unzähligen Details verlieren, wird mir langsam bewusst, wie viel Kreativität in diesem Boardtracker steckt.

Absurd spitzer Kniewinkel, die Hände tief am Lenker, die Ellenbogen auf den Ober­schenkeln: Das sieht lustig aus, aber auch unendlich cool. Dennoch: Die Simson fordert auf Strecke durchaus auch Leidensfähigkeit

Immer wieder unterbreche ich lachend ­Clemens’ Ausführungen, weil ich nicht glauben kann, woher so manches Einzelteil stammt. Wie kommt man auf ­solche Ideen? ­Alte Lampen, Teile von Möbelstücken, Schrottplatzfunde, allerlei Plunder aus dem Internet? Alles dabei, die Auflistung würde den Rahmen sprengen. Und doch wirkt alles wie aus einem Guss. So, als wäre die Simson 1961 genau in dieser Form auf dem Reißbrett entstanden. ­Keine Spur von Flickschusterei oder wahllos zusammengesuchten Accessoires. Auch ich spüre diesen Impuls: ins Auto ­hieven und mitnehmen. Die Zeit verfliegt, wir ver­abschieden uns. Die Simson will immer noch nicht.
„Was soll’s?“, fragt Clemens. „Ich hab’s erstens nicht ­so weit, und zweitens sind da ja noch die Pedale.“ Spricht’s und radelt in die tief stehende Abendsonne davon. Das müsst ihr mir mit euren 250-Kilo-Roadstern erstmal vormachen. Eins zu null für Simson.

Text: Christian Heim
Bilder: Christian Heim

Kommentare zum Artikel


weitere Blogeinträge




Aktuell am Kiosk: ROADSTER 6/17

Artikel aus der Ausgabe: 6/17

Scrambler Tour – Das Wüste in uns
Scrambler Tour – Das Wüste in uns
Yamaha FZ1 Project X – Heilmittel gegen Langeweile
Yamaha FZ1 Project X – Heilmittel gegen Langeweile
Deep blue – Jeansjacken
Deep blue – Jeansjacken
Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage
Ducati Days of Joy ’17 – Einer dieser Tage
Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will
Suzuki V-Track – Von der Enduro, die keine sein will
Sachs Bikes – Welcome to the machine
Sachs Bikes – Welcome to the machine

Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:11 December 2017 03:10:40/blog/simson+sr2e+-+vom+moped++zum+boardtracker_177.html