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23.06.2017  |  Text: Christian Heim  |   Bilder: Kawasaki, Archiv, Heim
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Kawasaki W 650 – Alteisen


Mit der W 650 schuf Kawasaki einen Klassiker, der seine Fans bis heute begeistert. Gute Gebrauchte sind rar, die Preise ­am Gebrauchtmarkt entsprechend hoch. Denn die „W“ ist extrem robust und äußerst zuverlässig


Auf den Motorradmessen unserer Tage wäre ein Motorrad wie Kawasakis W 650 keine allzu große Über­raschung. Retro? Fast ein alter Hut. 1999, als die bildschöne Kawasaki ins Licht der Öffentlichkeit und des kollektiven Motorradbewusstseins gerollt wurde, war das noch ganz anders. Beim Anblick des auf Speichen­rädern rollenden Retro-Klassikers mit ­Königswellen-Paralleltwin fielen ­ältere Herren reihenweise in Ohnmacht und redeten sich hinterher auf die ­schlechte Messe­luft raus.

In jenen Tagen kannten die Motorradhersteller noch keine Absatzsorgen, stritten sich BMW und Honda um die Vorherrschaft auf dem hiesigen Motorradmarkt, gefolgt von Suzuki und Ducati mit einem ebenfalls stattlichen Anteil am damals noch fetten Kuchen. Auf den Straßen waren Superbikes das Nonplusultra, rannte die Kundschaft immer neuen, plastikverschalten Rennern aus Japan hinterher. Mitten hinein in diese Melange platzierten ausgerechnet die Technokraten aus Akashi ein Retromodell, das die Vergangenheit nicht nur als Verkleidung aus alter Linienführung, Stahlschutzblechen und Speichenrädern auf der Haut trug, sondern ihr mit der unübersehbaren Königswelle auch technisch huldigte.­ Mit dieser Art der Nockenwellensteuerung verpasste ­Kawasaki seinem Motor ein klares Alleinstellungsmerkmal. An und für sich ist das Prinzip der Königswelle ja ein alter Hut. In Sachen Präzision und Haltbarkeit aber ist die „KöWe“ die Königin der Nockenwellenantriebe. Fertigungsaufwand und Platzbedarf aber haben sie schon lange aus der Serienproduktion gekegelt, günstigere Lösungen sind mittlerweile genauso zuverlässig. Kawas W ist also „the one and only“, und alleine das macht sie ungeheuer sexy.
 
Für Kawasaki ein Riesenwurf, aber gefühlte zehn Jahre zu früh am Markt. Trotz anfänglicher Verkaufserfolge konnte sich die W 650 nicht behaupten und verschwand nach sieben Jahren in der Versenkung. Heute ist sie ein gesuchter Retro-Klassiker, der Top-Preise erzielt

Mit seinem Retroklassiker hat Kawasaki ein grundsolides­ Motorrad auf die Räder ­gestellt, das durch Robustheit und Zuverlässigkeit besticht. Der Paralleltwin leistet 50 PS und damit zwei mehr als im Nachfolger W 800. Besonderheit des Motors ist die sehr ­dicke Gehäuse­wandung, mit der die mechanische ­Geräuschentwicklung im Zaum gehalten werden ­sollte. Nachteil: Der Motor wurde relativ schwer. ­Unterm Strich fällt das aber nicht ins ­Gewicht, denn dank robuster Konstruktion und moderater Leistung sind Exemplare mit 100 000 Kilo­metern und mehr auf der Uhr noch heute auf der Straße.

Von den leichten Singgeräuschen, die die Königswelle mit sich bringt und die nicht vollständig zu eliminieren sind, braucht man sich nicht irritieren lassen. Welche Einstellung man auch vornimmt, entweder singen die Zahnräder im kalten oder im warmen Zustand. Anlass zur Sorge gibt das auch bei Gebrauchtmodellen nicht, wir dürfen es schlicht als Eigenart der W 650 verbuchen. Dafür ist das Einstellen des Ventilspiels eine einfache Angelegenheit und erfordert nicht einmal den Ausbau der Nocken­welle. Einzig an den O-Ringen der Königswelle schwitzt die Kawasaki gerne mal etwas Öl aus ihrem Gehäuse.

Im Allgemeinen bereitet der Motor keine Probleme, ist robust wie ein Traktor. „Die W 650 sehen wir bei uns nur zur Inspektion“, versichert uns Motorenpapst Dieter Briese von Motorrad Höly in Schriesheim. „Repa­raturen haben wir in der Regel keine.“ Regelmäßige ­Wartung wie immer vorausgesetzt. Wie alle Motoren dankt auch der Zweizylinder Öl- und Ölfilterwechsel mit einem langen Leben. Auf der Leistungsseite hat er dank niedriger Verdichtung noch viel Luft nach oben. Standfeste 90 PS sind mit tiefgreifenden Maß­nahmen problemlos möglich.
 
... kann dennoch nicht ganz an den Erfolg des Erstlings anknüpfen. Besten Dank an das Team von Motorrad Höly in Schriesheim für technische Beratung und Support

Das Getriebe entpuppt sich als genauso zuverlässig wie der Antrieb. Schäden? Fehlanzeige. Was nur die Wenigsten wissen: In den ersten drei Gängen haben die übervorsichtigen Japaner den Zündzeitpunkt leicht in Richtung spät verschoben und die Leistung so etwas zurück­genommen. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Diese Spaßbremse ist leicht auszutricksen.

Beim Fahrwerk setzen die Inge­nieure ganz klassisch auf einen Stahl-Doppelschleifenrahmen, Telegabel und Stereofederbeine. Werksseitig ist die Gabel zu weich ab­gestimmt, in Verbindung mit dem hohen ­Lenker kann es ab 120 km/h zum Pendeln kommen. Mit anderem ­Gabelöl, anderer Federrate sowie durch die Montage ­eines flacheren und kürzeren Lenkers lässt sich die Pendel­neigung aber vollkommen ausmerzen.

Ein Schwachpunkt der W ist ihre läppisch ­teigige Frontbremse. Mit Stahlflex-Bremsleitungen und ­bissigeren Sintermetall-Bremsbelägen von Lucas oder EBC lässt sie sich aufrüsten und erreicht dann ordentliche ­Verzögerungswerte. Wer als Abhilfe über einen Tausch des Zweikolbensattels gegen einen Vierkolben-Brems­sattel nachdenkt, kommt um einen Gabel­umbau nicht herum. Die ­Originalgabel ist dafür zu schmal.

Auch der Doppelschleifenrahmen der W 650 ist ­grundsolide dimensioniert. Bei den ganz frühen ­Modellen von 1999 kann es an den Hauptständer­aufnahmen allerdings zu Rissen kommen. Roststellen am Rahmen sind kein Thema. Dafür sind Schrauben und Chrom­teile anfällig. Insbesondere die Schutzbleche sind bei unregelmäßiger Pflege anfällig für Flugrost. Mit Chrompolitur sind solche Spots aber schnell beseitigt.
 
Nach wie vor ist die Königswelle Alleinstellungsmerkmal der Kawasaki-W-Modelle. Die Nachfolgerin der 650er, die W 800 …

Bei der Elektrik zeigt sich die Kawasaki ebenfalls von ihrer besten Seite. Da Can-Bus-Systeme, Einspritzanlagen, Traktionskontrollen und anderer elektronischer Hokus-Pokus erst lange nach ihrer Zeit bei Motorrädern Einzug hielten, ist sie angenehm High-Tech-frei – und damit auch weitgehend frei von potenziellen Fehlerquellen. Einzig der Batterieausbau ist eine elende Fummelei.

Mit der W 650 war Kawasaki anno 1999 seiner Zeit voraus. In den ersten beiden Modelljahren waren die Verkaufszahlen mit 3 339 Stück in Deutschland blendend, konnten sich aber in den folgenden Jahren nicht weiter behaupten und sackten ­immer weiter ab. Mit ein Grund dürfte das Auftauchen der britischen Konkurrenz in Form von Triumphs Bonneville gewesen sein, die sich heute besser verkauft denn je. 2006, sieben Jahre nach ­ihrem Erscheinen, nahm Kawasaki die W 650 vom Markt. Die W 800, 2011 präsentiertes Nachfolge­modell, konnte nicht an die Erfolge ihrer Vorgängerin anknüpfen, obwohl sie die gleichen ­Attribute mitbringt. Die Königswelle ist geblieben, der Hubraum zugunsten des Drehmoments gewachsen. Allerdings hat auch die Moderne in Form einer Einspritzanlage Einzug gehalten.

Bis heute liebt die Fangemeinde ihre W 650 bedingungslos und trennt sich nur in seltenen Fällen. Statt­dessen werden die Motorräder  gehegt und gepflegt, aber vor allem gefahren. Was wiederum das extrem ­magere Angebot auf dem Gebrauchtmarkt erklärt. Wer mit dem Erwerb einer W 650 liebäugelt und sich auf den einschlägigen Platt­formen umsieht, wird schnell feststellen, dass nur ausgesprochen wenige Exemplare­ angeboten werden. Diese befinden sich in der ­Regel in ­einem gepflegten Zustand, je nach Baujahr liegen die Laufleistungen im mittleren bis hohen fünfstelligen ­Bereich. Was die 650er ihren Besitzern wert ist, offen-bart der Blick auf die Preisvorstellungen. ­Unter 3.500 Euro tut sich gar nichts, und dass der ursprüng­liche Neupreis für ein Gebrauchtfahrzeug aufgerufen wird, ist auch keine Seltenheit. Kawasakis W 650 ist und bleibt etwas für Liebhaber, die genau ­wissen, was sie wollen: ein bildschönes und zeitloses Stück ­Motorradgeschichte.
 

Modellpflege W 650

Die Kawasaki W 650 wurde von 1999 bis einschließlich 2006 gebaut. Danach verschwand sie vom Markt. Erst 2011 präsentierte man mit der W 800 einen technisch weitgehend identischen Nachfolger. Wie viele andere Modelle auch, erfuhr die W 650 im Laufe ihres Produktionszyklusses kleinere technische Änderungen. Optisch hingegen hielten sich die Designer zurück. So blieb der grundsätzliche Charakter der Klassik-Kawa über die Modelljahre unverändert.

Die wichtigsten Änderungen:
Ab 2001
• geänderte Fahrzeugabmessungen und größerer Radstand
• geänderter Tachometer
• Änderungen am Rückspiegel
• Lenkkopfwinkel von 26,5 Grad auf 27 Grad erhöht
• andere Federn in der Telegabel
• Luftfilter verbessert
• andere Bremsbeläge vorn
• Variante „C“ mit kürzerem Lenker

Ab 2003
• automatische Tageslichtfunktion

Ab 2004
• Leistung und Drehmoment geändert
• andere Zündbox
• Vergaserschieber
• Auspuff mit Röhrenkatalysatoren
 
Kawasaki W 650

Kawasaki W 650 – Technische Daten 

Baujahr: 1999 - 2006
Preis (1999): 11.990 DM
Leistung: 50 PS (37 kW) bei 7 000/min
Drehmoment: 56 Nm bei 5 500/min
Motor: Zweizylinder-Viertakt-Reihen­motor, luftgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, ohc, Hubraum 676 ccm, Bohrung x Hub 72 x 83 mm
Getriebe/Endantrieb: 5-Gang, Kette
Rahmen: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr
Federung vorn: Telegabel, Standrohr- Ø-39 mm, Federweg 130 mm
Federung hinten: Stahlschwinge mit zwei Federbeinen. Vorspannung einstellbar, Federweg 85 mm
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1455 mm, Lenkkopfwinkel 26,5 Grad (bis 2000), 27 Grad (ab 2000), Nachlauf 108 mm
Bremsen: 300-mm-Scheibenbremse vorn, 160-mm-Trommel­bremse, hinten
Bereifung: 100/90-19 vorn, 130/80-18 hinten
Trockengewicht: 195 kg
Tankinhalt: 15 Liter

Text: Christian Heim
Bilder: Kawasaki, Archiv, Heim

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Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

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