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01.09.2017  |  Text: Carsten Heil  |   Bilder: Markus Jahn, Ben Ott, Werk
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Harleys E-Sportster

E-Sportster Harley Sportster LiveWire Roadster Harley Davidson


Er wird kommen, der Tag an dem wir auch den letzten Tropfen Öl aus Mutter Erde gefrackt haben werden. Und dann? Brennstoffzelle? Fluxkompensator? Die japanischen Hersteller halten sich bislang bedeckt, BMW rollert und KTM hüpft ein bisschen elektrisch. Und die beiden E-Bike-Pioniere Brammo und Zero tüfteln zwar unablässig, beleidigen aber doch das kritische Auge der Verbrennungsfreaks. Nun schickt sich ausgerechnet die Motor Company aus Milwaukee an, uns den Weg in die Zukunft zu weisen


Ausgerechnet Harley-Davidson schickt sich also an, das Motorrad 2.0 zu bauen?­ Die Company, die seit vielen Jahrzehnten­ von ihrer eigenen Gestrigkeit lebt? Ganz langsam. Dieser amerikanische Motorradmythos ist seit nunmehr 112 Jahren ununter­brochen im Geschäft – mithin länger als alle anderen. Hat dabei Weltkriegen, Ölkrisen und Wirtschaftsflauten getrotzt. War einst auch mal jung, ­dynamisch, innovativ und hat die Entwicklung des Motorrads entscheidend mitgestaltet. Okay, die großen Meilensteine liegen mittlerweile schon etwas weiter zurück, aber Häme wäre hier fehl am Platz. 

Sieht aus wie ein Motorrad und fährt sich auch so. 
Der Elektroantrieb hat richtig Saft im Lithium-Ionen-Akku, der Schub ist gewaltig, der Sound betörend – wenn man einen Zahnarztfetisch hat

 In Milwaukee ist man sich darüber im Klaren, dass die Nummer mit alt aussehenden Mopeds für gut betuchte Performanceverweigerer nicht ewig so weitergeht. Nun wagt sich Harley also als erster großer Motorradhersteller aus der Deckung und stellt mit der LiveWire ein im Prinzip großserientaugliches Motorrad vor, das statt von der sinnlichen Kraft des Feuers durch eine Abstoß­reaktion von Elektronen und Protonen angetrieben wird. 
Für Bankräuber jedenfalls ist die Elektroharley ein Risiko, denn bis der Bordcomputer hochgefahren und die Maschine­ startbereit ist, sind die Sheriffs längst eingetroffen. Ist dann noch blöderweise der auf größtmögliche Reichweite ausgelegte Range-Ride-Modus aktiviert, heißt es System nochmal runterfahren, um auf Power-Ride wechseln zu können. Und nur der interessiert uns bei der ersten Ausfahrt.
 Ist die Maschine dann startbereit, muss wie gewöhnlich der „Anlasser“-Knopf gedrückt werden. Es passiert aber nichts. Der Griff zur Kupplung geht ins Leere, und auch der linke Fuß findet nicht den gewohnten Schalthebel. Da die ­Leistungskurve eines Elektromotors keine Kurve, sondern eine Gerade ist, braucht's auch keine verschiedenen Übersetzungen – ergo auch keine Kupplung und kein Getriebe. Das Drehmoment von 70 Nm wird ohne irgendwelche Schwan­kungen oder ­Einbrüche serviert. Die maximale Leistung von 74 PS liegt bei 8 500 Umdrehungen an.  

Endlich gehts los: Wir sind am Hockenheimring und der erste Dreh am Stromgriff ist extrem verheißungsvoll. Mit einem mächtigen Punch fliegen wir an der Süd­tribüne vorbei. Leider nicht auf der Rennstrecke, sondern auf den Versorgungswegen, angeführt von einem eng­lischen Harley-Guide auf einer Sportster. Er trödelt zwar nicht, lässt uns aber auch keine Chance, die Stromer ­richtig ranzunehmen. Ich lasse mich immer wieder ein Stück zurückfallen, um dieses ungewohnt heftige Schub­erlebnis ausloten zu können. Wo und wie endet dieser fulminante Vorwärtsdrang? Ich kann es nicht „erfahren“, weil das Loch zu meinem Vordermann in null Komma nix wieder zugefahren ist. 
Mittlerweile sind wir auf einer Sperrfläche hinter der Mercedes-­Tribüne angekommen und dürfen für die Fotografen noch ein paar schnelle Kurven nehmen. Die sportliche Bereifung, das für Harleyverhältnisse geringe Gewicht und das straff abgestimmte Fahrwerk mit sehr ordentlicher Schräglagenfreiheit sorgen für ein sattes Fahrgefühl und vertrauensbildende Stabilität. Mit ­jedem Turn wächst der Wagemut, bis der heftige Drehmoment­einsatz beim Aufziehen aus der Kurve die LiveWire ein gutes Stück versetzt und mir einen ordentlichen Schluck aus der Adrenalinpulle einschenkt. Wow, was würden die Harleymannen wohl sagen, wenn ich ihnen die Mühle atomi­siert zurückbringe?   

Okay, analoge Runduhren wären hier tatsächlich fehlplatziert. Touchscreen im iPad-Format mit großem Informationsgehalt, aber träger Reaktion

Doch so weit kommt es nicht, denn der Spaß ist schon zu Ende, die Elektrogäule müssen an die Tränke. Dabei sollten die gewal­tigen Akkus noch Saft haben, das Bordtablet versprach beim Start eine Reichweite von 43 Kilo­metern im Power-Modus. Das ist natürlich ein Witz, aber erstens schickt der Dreiphasen-Wechselläufer auch Leistung mit der Wucht einer Abrissbirne über den Zahnriemen ans Hinterrad. Und zweitens ist die Akku­technik nun auch schon wieder knapp zwei Jahre alt. Bis die LiveWire in Serie geht, und das wird frühestens 2020 so weit sein, speichern die Akkumulatoren wahrscheinlich dreimal so viel Energie – bei halbem Gewicht. Noch aber sind es nur Konzeptbikes, mit deren Hilfe Harley die neue Technik weiterentwickeln und auf Alltagstauglichkeit trimmen will. Zwei Dutzend davon existieren gerade mal, und diese werden derzeit um den Globus gebeamt, um möglichst vielfältige Ein­drücke von Kundschaft und Presse einzuholen. Angesichts der wirklich überzeugenden Performance sowie der ge­lungenen Optik dürften diese überwiegend positiv sein. Die wunderbare Dosierbarkeit der Kraft über den fein­fühligen „Gasgriff“ und das harmonische Zusammenspiel von Motor und Fahrwerk zeugen schon jetzt von einer weit fortgeschrittenen Entwicklungsreife.



Wirklich enttäuscht sind nur die Öhrchen. Harley hatte den Sound eines Düsenjägers versprochen, aber uns ­erinnert er eher an einen kreischenden Zahnarztbohrer. Hochfrequent, laut, unangenehm. Er entsteht durch die Umlenkung der längsliegenden Antriebswelle auf das quer zur Fahrtrichtung drehende Pulley. Harley lässt dafür spiralverzahnte Räder ineinandergreifen, und genau ­deren Mahlen erzeugt den jaulenden Ton. Dieser ist genau so beabsichtigt, aber ehrlich, da müsst ihr nochmal ran in ­Milwaukee. Ansonsten braucht einem aber um den Fahrspaß in der After-Öl-Ära nicht wirklich bange sein.   
 

Technische Daten Harley-Davidson LiveWire

Motor: Dreiphasen-Wechselläufer
Leistung: 74 PS bei 8 500/min
Drehmoment: 70 Nm jederzeit
Vmax: 148 km/h (begrenzt)
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 4 sec
Reichweite:
85 km im Range-Modus
40 km im Power-Modus
Akkus: Lithium-Ionen
Ladezeit: 3,5 Std
Rahmen: Aluguss, 6,3 kg
Reifen vorn: 120/70 ZR 18
Reifen hinten: 180/55 ZR 17
Gesamtgewicht: 210 kg

Text: Carsten Heil
Bilder: Markus Jahn, Ben Ott, Werk

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