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29.07.2017  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Lucia Prokasky, Dirk Pohlmann
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Erlebnisreise Kroatien – Auf Winnetous Spuren


Wir schreiben das Jahr 2017. Heute reiten wir keine lahmen Gäule mehr, 
unsere Weggefährten haben eine Menge Pferdestärken vor der Brust. 
Auf Kawasaki Z 800 und KTM Duke 690 schlagen wir uns durch das Land der Winnetou-Verfilmungen: Kroatien. Der Unterschied zu den berühmten Blutsbrüdern: Wir sind um einiges schneller unterwegs und schießen mit Kameras statt mit Henrystutzen und Silberbüchse. Und Abenteuer? 
Die gibt’s auch heute noch zu erleben


Auf eines bin ich stolz: Ich habe überlebt. Und Dirk, mein Kumpel und Begleiter eben­falls. Dabei habe ich wirklich alles dafür getan, dass wir scheitern. „Chaos-Queen“ nennen mich gute Freunde gern, absoluter Quatsch, sage ich. Na gut, ganz unbeteiligt war ich an den meisten Pannen nicht. Manchmal war aber auch die Technik schuld – oder das Klima. Der Plan war: zwei Personen, zwei Motorräder – Dirk auf der Vierzylinder-Kawa Z 800, ich auf KTMs 690er-Einzylinder-Duke. Das Ziel: Kroatien, dazu ein ausgefeilter Plan, bei dem nichts schiefgehen kann. Dachte ich. Es kam anders: Pannenshow in Kroatien, immerhin mit Happy End.

Gesamte Tour in zwei knapp zwei Wochen. Gut machbar ohne lange an einem Ort zu verweilen

Rückblende. „Abenteuer sind jene ­Momente, in ­ denen du nicht stecken möchtest, wenn du dich gerade mittendrin befindest.“ Aufbauend lächelt mich Dirk an. Da stehen wir nun. Der kroatische Grenzer starrt uns mit leeren Augen an: „Ohne Pass kommt ihr hier nicht rein.“ Scheitert unsere Reise tatsächlich an meiner Vergesslichkeit? Hundert Kilometer später, retour in der Hauptstadt Sloweniens, Ljubl­jana, deutsches Konsulat. Ich soll einen vorläufigen Reisepass bekommen – und die Quittung für meine Dummheit. Wir müssen die Nacht hier ver­bringen. Aber ohne Moos nichts los, also verschlägt es uns samt Zelt in den slowenischen Wald. Noch immer jagt mir der Gedanke an diese bitterkalte, unheimliche Nacht einen Schauer über den Rücken. Also am ­Morgen schnell auf die Botschaft, den Pass abholen und nichts wie weg. Déjà-vu an der Grenze, unser Freund wartet. Diesmal winkt er uns durch. Endlich im Land – legal!


Gorski-Kotar-Gebirge

Kein rotes Käppchen, kein Körbchen. Schneller als der Wolf? Vermutlich, ich will es aber nicht testen

Grün, wohin ich schaue. Die Wälder des Gorski-­Kotar-Gebirges stehen in vollem Saft. Die allgegenwärtige Fotosynthese wird nur durch den Teer unterbrochen – und durch unsere Abgasschleudern. Kurven-Fahrspaß wie in den Alpen, nur freier. Dann erreichen wir sie, die Bergrennstrecke bei Prhci. Wir starten klassisch an der Start­linie. „Achtung, Auto!“, rufe ich Dirk zu. Während er sich umdreht, reiße ich ­lachend den Hahn auf und habe Mühe, den Bock unten zu halten. Ich höre das knurrige Raunen von Dirks Z 800 hinter mir und hoffe, dass die ­Gerade gleich zu schnellen Wechselkurven werden möge. Hier hat die Duke auch mit 40 Pferdchen Leistungs­defizit leichtes Spiel. Bis der 113-PS-Vierzylinder in die Puschen kommt, ist mein oranger Kolibri schon längst davon geflogen.

Startlinie Bergrennstrecke Gorski-Kotar-Gebirge. Auf gehts!
Von der alten Bergrennstrecke wussten wir nichts. Es gibt schlimmere Überraschungen



Die Kurven sind eng. Da habe ich mit der Duke leichteres Spiel als Dirk mit der Kawa

Nach dreißig ­Kurven erreichen wir vollgepumpt mit Endorphinen unser Ziel, eine Berghütte mitten in der Pampa. Drinnen knistert schon das Feuer im Kamin. Schön. Kaum ist das Gepäck abgeschnallt, haben wir den ersten selbstgemachten Schnaps in der Hand. So liebevoll ­sorgen sich die Hausbesitzer um unser Wohlergehen – und unseren Alkoholpegel, der bis zur ­Schlafenszeit kontinuierlich steigt. Das fulminante ­Frühstück am Morgen mildert den Kater, das selbstge­backene Brot der Oma duftet. Mit Tipps und Wegproviant in der Reiserolle machen wir uns auf den Weg zur Küste. Hier zweimal dieselbe Strecke zu fahren ist ­töricht, Treibenlassen ist angesagt. 


Erste Übernachtung: Berghütte Gorski Lazi


Am Abend im Kvarner Palast – einen besseren Balkon kann ein Hotelzimmer nicht haben
Unterwegs nach Rab verbringen wir die zweite Nacht im Kvarner Palace – Kontrastprogramm deluxe an der kroatischen Adria 
 

Insel Rab

Eine Fähre schippert uns zur Insel Rab. Entlang eines schmalen Schotterweges kraxeln wir bis zum höchsten Punkt. Der 360°-Blick über die Insel und das Meer bis zum Festland samt der vielen kleinen Inseln drumherum: traumhaft. Am Abend ist die Wander­hütte Kamenjak für eine Nacht unser Zuhause. Das Dach überm Kopf werden wir gut brauchen können, denn ­heute Nacht wird Bora toben. „So heißen die hef­tigen Stürme, die vom Festland über die Inseln bis nach Istrien fegen“, erklärt uns Luka vom Tourismusverband der ­Insel. Versteckt hinter einer kniehohen Mauer stellen wir die Motor­räder im Schotter ab – mehr Windschutz gibt’s hier nicht. Das ­traditionell kroatische Abendessen ist so gut, dass ich den bösen Bora ganz vergesse und neue Maßstäbe ­setze, was die Füllmenge meines Magens betrifft. Satt und glücklich rolle ich in die Koje. Der Frieden aber währt nicht lange. Um zwei Uhr nachts zeigt mir ­Kroatien, was ein Sturm ist: Mit bis zu 250 km/h ­wüten die Böen. Krach. Mit dem Einschlag eines Blitzes stehe ich neben dem Bett. Die Motorräder! Hektisch stülpe ich die ­Regenkombi über den Schlafanzug, schlüpfe in die ­Motorradstiefel und kämpfe mich gegen Wind und ­Regen zu unseren Weggefährten durch. Notfallplan? ­Hab ich ­keinen. Brauche ich zum Glück auch nicht. ­Bora scheint KTM und Kawa zu mögen. Unversehrt ­ruhen die beiden auf ihren Ständern. Halleluja!

Oben auf Rab erkunden wir das steinige Gebiet ausnahmsweise nicht per Krad sondern Fuß
Der höchste Punkt von Rab "Kamenjak". Gleichnamig unsere Unterkunft mit Blick über die Kvarner Bucht

Die Wolken verziehen sich am Morgen – gut so, geht ruhig!
Am Morgen verzieht sich das Unwetter, pünktlich zur Abfahrt
 

Insel Cres

Cres, die Wilde. Nach Zwischenstopp auf dem wenig spektakulären Krk landen wir auf der Doppelinsel ­Cres-Losinj. Ihre Hauptverkehrsader führt von Nord nach Süd. Im Süden führt eine Drehbrücke nach Losinj, wir düsen in Richtung Norden und eine halbe Stunde lang über engste Kurven durch den Wald. Mit der 160 Kilo leichten KTM habe ich hier wieder Heimspiel. Spielerisch schiebt sie mich durch die Kurven, unsere gemeinsamen Bewegungsabläufe entwickeln immer mehr Eigen­dynamik – fast wie beim Walzer. Der bis dato stärkste Serien-Einzylindermotor liefert satte 73 PS, 74 Nm und zieht ab 4000 Umdrehungen ordentlich an. Ab 8 500 Touren schreit er wütend: hochschalten! Ein­zylinderuntypisch laufruhig läuft er untertourig – Stottern oder unangenehmes Vibrieren ist nicht. 

Blick auf Beli, Cres
Blick auf Beli

Der Blick auf Beli unterbricht unseren Tanz: Auf ­einem Hügel thront der Ort mit seinen alten Steinhäusern und seiner Kirche. Das Fischerhaus Tramontana bietet uns Obhut und ein leckeres Mittagessen. Beim letzten Happen fällt es mir dann wie Schuppen von den Augen: Wir haben kein Cash mehr! Müssen wir jetzt Teller spülen? Nein – im 21. Jahrhundert und mitten in Europa sollte das kein Hindernis darstellen, irgendwo wird ein Automat sein. Ich lasse Dirk als Pfand zurück und steuere den einzigen weiteren Ort im Norden der ­Insel an: Poronzina. Eine Handvoll Häuser, ein paar ­einsame Seelen, das war’s. Und nun? Das Hafenpersonal wird Rat wissen. Doch der Kassierer schaut mich so überrascht an, als würde ich nach Drogen fragen. „No, no ­money here, maybe on boat. 30 minutes.“ Eine halbe Stunde später hetze ich wie eine Irre über die Fähre, immer die Angst im Nacken, sie könnte mit mir ablegen. Es klappt. Wieder flüssig, kann ich entspannt Dirk auslösen.

Später am Nachmittag sind wir bergwärts mit Blick aufs Meer unterwegs, da zwingt uns die Szenerie zum Anhalten. Manchmal ist man einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Im warmen Licht der tiefstehenden Sonne leuchten die Wolken und malen ihr Schattenbild auf die Meeresoberfläche. Eine frische Brise weht mir ins Gesicht – es riecht nach Regen. Ich schließe die Augen und höre den Wind zwischen den Blättern des Waldes rauschen. Im Norden türmen sich die Wolken ­immer ­höher. Der Wind wird stärker und treibt die Wolkendecke zwischen Cres und dem kroatischen Festland übers Meer. Vereinzelt kann sich die Sonne noch in die Lücken quetschen, wie mächtige Spotlights fallen ihre Strahlen auf die Wasseroberfläche. Dann kommt der Regen, zieht sich wie ein nasser Schleier von Nord nach Süd übers Meer.

Der Regenschleier zieht sich über das Meer

Strahlend drehe ich mich zu Dirk: „Lust, nass zu werden?“ Die Natur zeigt, was sie kann, und wir dürfen zuschauen. Dann erreicht uns der Regenvorhang, ganz knapp steht die Sonne überm Horizont. Der feine Sprühregen verteilt ihr Licht in jeden Winkel und wir stehen da, völlig baff, in diesem goldenen Moment (siehe Seite 6). Klatschnass und überglücklich warten wir, bis die Erdrotation die Sonne verschwinden lässt und das Schauspiel ­beendet. Dann schickt uns der Sturm nach Hause.

Goldtöpfe habe ich nicht gedunden, aber dafür standen wir mitten drin, im nassen Gold
Die goldene Stunde


Insel Losinj

In den Süden geht es für eine Nacht nach Losinj. Viel Zeit bleibt leider wenig – aber zum Schauen, Schlendern und Eis essen reicht es allemal. Im Mare Mare Suites Hotel kommen wir direkt am Hafen der Altstadt Mali Losinj unter. Der Papst steppt hier nicht, aber genau das macht den Charme aus. 

Karibische Bucht auf dem Weg nach Losinj
Im Westen der Inselmitte entdecken wir die Karibik – Zeit zum Baden bleibt leider nicht und so dürfen auch wir nur schauen und träumen

Hafen, Wasser, schöne Altstadt, Eis: Was will Frau mehr? Die Auszeit tut gut
Die Bucht ist geschützt vor den bösen Bora-Winden. Das Klima ist mild und zieht Gesundheitsurlauber an. Und Eis-Esserinnen


Plitvicer Seen

Ein paar Tage später, wieder auf dem Festland. Entlang der verbauten Küste flüchten wir uns in den Wald in Richtung Plitvicer Seen. Die Straßen scheinen endlos, die schönsten Panoramen begleiten uns. Ebenso der Verkehr. Die Kroaten sind wundervolle Menschen – offen, herzlich und freundlich. Sobald sie aber ins Auto steigen, trifft ­Ignoranz auf Wahnsinn. Zwei Attribute, die sie für jeden Motorradfahrer zum möglichen Fressfeind machen – zumal die Straßen auch uns zum ­Heizen verleiten. Dann endlich: die Plitvicer Seen. Vor fünfzehn Jahren war ich schon mal hier. Ein magischer Ort – ­Kulissen à la Karl May: überwucherndes Grün, ­magische Wasserfälle, türkisblaues Wasser, Schwimmen zu Gunsten der Natur verboten. 2016? Selfiesticks überall, die Stege durch die verträumte Landschaft so vollgepackt mit Menschen, dass wir aufpassen­ müssen, nicht von einem Wahnsinnigen mit seinem ­Megazoom-Objektiv ins ­Wasser gerammt zu werden. Die Besichtigungspunkte sind nach Buchstaben geordnet und so kommt man heute mit dem Bummelzug oder unablässig schippernden Motordampfern von A nach B. Winnetou ­würde sich im Grabe um­drehen. Eine Fluchtmöglichkeit bieten Trampelpfade durch die Seenlandschaft, die Touris sind dafür zu faul. Auch mit ­einem gemieteten Holzboot kann man sich mitten auf den Seen etwas Ruhe und ­Zauber zurückholen.

Roadster mal auf anderem Gefährt unterwegs

Berge und Wälder zum Düsen, Küstenstraßen zum Cruisen und Inseln zum ­Entdecken: Kroatien und ­Motorradfahren passen wunder­bar zusammen. Guten ­Asphalt und regelmäßige, erschwingliche Fährverbin­dungen zum Inselhopping gibt es als Dreingabe. Motorradtouren sind immer ein Abenteuer. Weil sie Raum für Erlebnisse ­lassen, durch die wir Land und Kultur besser kennenlernen, Gastfreundschaft, manchmal auch die Kehrseiten und ­immer wieder unsere eigenen Grenzen. Wie hat Kollege ­Carlos einst gesagt: Harte Kontraste lassen dich spüren, dass du lebst. ­Aben­teuer in Kroatien? Gerne wieder.   

Text: Lucia Prokasky
Bilder: Lucia Prokasky, Dirk Pohlmann

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Ausgabe 6/17 erscheint am 13. Oktober

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Stand:17 August 2017 15:44:48/blog/erlebnisreise+kroatien+-+auf+winnetous+spuren_177.html