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19.06.2017  |  Text und Fotos: Carsten Heil  |  
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Daytona Beach Bike Week


Die Daytona Bike Week dürfte noch immer das weltweit größte Motorradtreffen sein. Nächstes Jahr findet sie zum 75. Mal statt – es wäre an der Zeit für etwas Auffrischung …


Die Urmutter aller Bike Weeks hat schon seit ­einigen Jahren mit sichtbarem Besucherschwund zu kämpfen. Auch wenn die Stadt wie eh und je von einer halben Million Bikern spricht: Wer ­zuletzt in den 90er Jahren in Daytona war, dürfte sich verwundert die Äuglein reiben, wie luftig es nun selbst in der Main Street mitunter ­zugeht. ­Natürlich ist es am Wochenende rappelvoll, aller­dings drängen sich dann auch abstoßend viele Pickups und SUVs mit meist übergewichtigen, dauerfoto­grafierenden Gaffern durch Daytonas Epizentrum. Hier fahren alle durch, viele scheinen überhaupt nichts anderes zu ­machen. Nach zwei, drei Stunden ist man eigentlich durch mit diesem skurrilen Wahnsinn aus gechoppten Mofas und selbstgezimmerten V8-Trikes, Big-Wheel-Baggern und Langschwingen-Sportlern, Rollatoren und Raketen auf Rädern. Es sei denn, die Verlockungen der zahlreichen Saloons ziehen einen an die Tränke und in den Sog aus krachender Live-Mucke, dröhnenden ­Motoren und kreischendem Party-Volk. Dann wird ­dieser merkwürdige Ort mit jedem Schluck aus der eiskalten Pulle mehr und mehr zum best place on earth.

Vielfarbige Christbaumoptik
Neben Dir steht ein versiffter Spiderman, die Lady gegenüber hat ’ne Python um den Hals hängen, und der besoffene Freak hat nicht nur einen, sondern vier Vögel: drei Papageien und einen Kakadu. Denn wenn es so etwas wie einen Trend gibt, dann ist es das Mitbringen von Tieren. Selbst Tigerbabys und Leguane haben wir in der Main Street schon angetroffen. Von den kleinen Kötern im rosa Harley-Outfit ganz zu schweigen. Awesome …
 
Diese Lady ist Motorrad-Stuntfahrerin für Film und Fernsehen. Ihre XS 650 hat sie selbst umgebaut und auf der Rat’s Hole Show präsentiert

Ansonsten scheinen die Amis ihr Custombudget ­derzeit eher in die Beleuchtung zu stecken. Unzählige LEDs auf, unter und in allen Ritzen der Bikes sorgen für vielfarbige Christbaumoptik. Gibts zwar schon seit Jahren, ist jetzt aber zum ab­soluten Must-Have mutiert. Auch das – ziemlich awesome.

Dicke Ladies in öligem Weißkohl
Das wahre Bikerleben findet aber eh nicht in der Mainstreet statt, sondern auf den Campgrounds und den Partyhotspots rund um Iron Horse- und Broken ­Spoke-Saloon oder beim Cabbage Patch, wo das legendäre Krautcatchen auch gehobenen Entertainment-­Ansprüchen gerecht wird. Dicke Ladies in öligem Weißkohl beim verbissenen Ringkampf – sehr, sehr awesome!
 
Klar dreht sich auf der Bike Week vieles um das Thema Harley-Davidson. Aber die rennsportbegeisterte Jugend ist ebenfalls hier, um sich die legendären Daytona 200 anzuschauen. Oder Supercross und Flat­track-Rennen. Oder um einfach nur zu feiern

Üppig dimensionierte Räder, fette Tüten, verchromte Becherhalter und unnützes Gedöhns gibt’s bei den fliegenden Händlern und Zubehörmultis, die am Speedway und im großen Harley-Areal „Destination Daytona“ ihre Zelte aufgeschlagen und Trucks geöffnet haben. Die Stadtväter hatten vor einigen Jahren beschlossen, einen Teil des bunten Treibens vor die Tore der Stadt zu verlagern und konsumgerecht als „Erlebniswelt“ zu deklarieren. Das Bunteste dabei sind jedoch die Werbefähnchen der Händler. Gerade hier zeigt sich der Rückgang deutlich, viele Flächen ­liegen brach, und die Besucher schlappen gelangweilt durch die lichten Reihen.   
 
Vergangenheit und Zukunft: Rechts ein wunderschöner Panhead-Racer ...

Auch Daytonas legendäre Bikeshows schwächeln. Harleys Ride-In-Show, auf der noch vor wenigen Jahren mehr als hundert gepimpte Eisen um prestigeträchtige Pokale und einen warmen Händedruck von Willie G. Davidson himself kämpften, ist komplett platt. Die zuständigen Marketingmenschen bei der Company haben im Vorfeld irgendwas in den sozialen Netzwerken angeleiert, was wohl kaum jemanden interessiert hat. Am Ende stehen vielleicht ein Dutzend belangloser Kackstühle im Harley-Areal am Speedway. Kein bisschen awesome!

Bikeshows ohne Ende
Die Rat’s Hole Show, immerhin einst die wichtigste ­Custombike-Ausstellung der Welt, findet nun auf einem schmucklosen Parkplatz hinter dem örtlichen Indian-Dealer statt. Etwa 50, vielleicht 60 Mopeds, eine handvoll Perlen darunter, buhlen um die Gunst der Jury. Kein ­Vergleich zu den guten alten Zeiten, als ein Pokal auf ­dieser Bikeshow als Ritterschlag der Customzunft galt und die Elite der Umbauszene aus aller Herren Länder hier antrat. Traurig.

Bis vor zwei Jahren zeigten auch die jungen Wilden ihre herrlich puristischen Racer im örtlichen Skaterpark, meist auf Basis alter Japan-Fours. Doch die Wirtschaftskrise hat auch ihnen übel mitgespielt, einen zehntägigen Florida-Trip schütteln sich die Jungs zur Zeit nur schwer aus der Hose.
 
… Harleys Elektrobike „LiveWire“ beim Surren durch die Main Street

Klar, es gibt noch jede Menge andere mehr oder ­weniger bedeutende Bikeshows – allein drei reine Bagger-Exhibitions haben wir gezählt. Am unter­haltsamsten ist Willie’s Old School-Show, wo zwar viel Schrott, aber auch anbetungswürdiges Material steht. Und wo die Coolen mehr oder weniger unter sich sind, weil der gemeine Bike-Week-Besucher mit dem alten Geraffel ohne Blingbling wenig bis nix anfangen kann.

Ein Besuch der Bike Week kann ­dennoch lässig empfohlen werden. Bei 25 Grad und Sonnenschein, einer erfrischenden Atlanti­kbrise und ein paar hunderttausend ­Motorrädern ist es nämlich schwer möglich, keine saugeile Zeit zu haben. Neben all dem marktschreierischen Kommerz ist immer noch jede Menge Platz für zwanglosen Spaß aller Art. Nur Motorradfahren ist nicht wirklich erlebnisreich, denn Kurven gibt es keine. Hier kann man nur abbiegen.

Text und Fotos: Carsten Heil

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