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28.08.2017  |  Text: Christian Heim  |   Bilder: Archiv
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Customizing – Von der Lust und des Leids des Schöpfers


Es ist ein Sakrileg. Das Heck verstümmelt, entblößt, vom Urzustand nun Lichtjahre entfernt. Das lässt sich nicht mal eben so wieder reparieren. Selbst die kleinen Halter fielen dem Trennschleifer zum Opfer. Sieg oder Niederlage? Ende offen …


Da steht es, mein Projekt. Schön, unverbastelt, unschuldig und mit ein paar Jährchen auf dem Buckel. An und für sich könnte sie sofort wieder auf die Straße, meine Zephyr. Mit TÜV und Zulassung. Einfach so. Aber sie hat ein Problem: mich. Denn ich habe andere Pläne. Ich will ihr ans Leder, ans Metall, will meine Phantasien an ihr ausleben, sie strippen und verstümmeln, sie berauben – und ihr dadurch neues Leben schenken. Doch keine ­Geburt ohne Schmerzen. Der willfährige Geburtshelfer liegt schon schwer in meinen Händen: die Flex, auch Trennschleifer genannt. Mit diesem kleinen Biest will ich kaltes Metall zum Glühen bringen, alte Formen auflösen, Platz schaffen für Neues. Genug der großen Worte. Schließlich soll sie nur ein neues Heck im ­Cafe Racer-Stil bekommen. Da ist Metall im Weg, und das muss weg. Doch beim Trennen gibt es ein Vorher und ein Nachher – und kein Zurück. 

Und genau da fangen sie an, mich zu plagen, meine Gewissensbisse, erklingen diese Stimmen im Kopf. „Bedenke, dass Du ein Original zersägst, 21 Jahre alt. Was kann es für deinen Umbauwahn?“, mahnt Dr. Jekyll zeigefingerschwenkend. „Schneid' das überflüssige Zeug ab. Es stört, muss weg. Lass' Funken fliegen“, zischelt Mr. Hyde ins andere Ohr. Der Mann hat Recht. Ich weiß, was ich will, bin im Kopf schon zu weit gegangen, habe schon von der dunklen Seite der Macht gekostet. Der Trennschleifer in meiner Hand fühlt sich gut an. Die mögliche Niederlage, sie zählt da schon nicht mehr. „Tu es endlich, du Lappen!“ Die harte Scheibe senkt sich aufs Metall. Mein Zittern versandet in den Schwingungen des Elektromotors. Das Licht am Ende des Tunnels, ich kann es von Anfang an sehen, ein gleißender Funkenregen. Sieht aus wie in diesen coolen Hipster-Umbauvideos. Wenn meine Frau mich jetzt sehen könnte, sie würde mich lieben. Ein Mann, ein Wort, ein ehernes Bild der Entschlossenheit. Einem Kometenschweif gleich verglühen Metallpartikel in einem Wimpernschlag, verteilen sich als schwarzer Staub auf dem Werkstattboden. Das japanische Metall hat uns nichts entgegenzusetzen. Ein Befreiungsschlag. Für mich. Für die Kawa?

Es ist ein Sakrileg. Das Heck verstümmelt, entblößt, vom 
Urzustand nun Lichtjahre entfernt. Das lässt sich nicht mal 
eben so wieder reparieren. Selbst die kleinen Halter fielen dem Trennschleifer zum Opfer. Sieg oder Niederlage? Ende offen …

Verstümmelt steht sie da, verkürzt, amputiert. Die Zweifel, sie sind wieder da. Es gibt kein Zurück mehr, der Weg führt nur noch nach vorne, einschüchternd und herausfordernd zugleich. Hyde lacht dreckig. Ich fühle mich scheiße. Das ist der Preis. Für heute langt's mir. Ich weiß: Das war nicht die letzte Auseinandersetzung. Schöpfer haben's auch nicht leicht.

Text: Christian Heim
Bilder: Archiv

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Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

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Stand:11 December 2017 03:12:31/blog/customizing+-+von+der+lust+und+des+leidens+des+schoepfers_178.html