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06.07.2017  |  Text: Carsten Heil  |   Bilder: Volker Rost
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BMW R9T - The Boxer


Es ist eine komische Welt, in der wir leben. Mein werter Freund Ahlsdorf beispielsweise fährt, seit er den Gaszug erreichen kann, BMW-Flattwin. Erst Behördenkrad-Chopper, bis zuletzt dann einen veritablen Rigid-Bobber, der uns in dieser heiteren Geschichte begleiten wird. Seine Boxerliebe ging so weit, dass er sich den Luftgekühlten hätte in Originalgröße auf die Brust stechen lassen, wenn er etwas stämmiger gebaut wäre. Und als wir alle den dicke, luftgekühlten 1200er-Boxer zum Ende seiner Karriere in Richtung Altersruhesitz verabschieden,kommt BMW mit der R9T.


Boxer-Tatoos

Es ist eine komische Welt, in der wir leben. Mein werter Freund Ahlsdorf beispielsweise fährt, seit er den Gaszug erreichen kann, BMW-Flattwin. Erst Behördenkrad-Chopper, bis zuletzt dann einen veritablen Rigid-Bobber, der uns in dieser heiteren Geschichte begleiten wird. Ahlsons Boxerliebe ging so weit, dass er sich den Luftgekühlten hätte in Originalgröße auf die Brust stechen lassen, wenn er etwas stämmiger gebaut wäre. Immerhin ist seine Brust aber sauber ausdefiniert, und so reichen die Euter des tätowierten Gummikuhantriebs bei ihm recht ansehnlich über die Nippel hinweg.

Der olle Zwei­ventiler kickt mit seinen etwas mehr als 60 PS kaum weniger, was aber eher an den sehr eng gesteckten Grenzen des Starrrahmen­fahrwerks liegt

Die 9T ist Herberge für den finalen Einsatz des luft-/ölgekühlten Boxers. Die versammelten 110 Pferde agieren mit einnehmendem Wesen. Mechanisch laufruhig, spontan ansprechend, satt durchladend, gierig hochdrehend. Sanfte Lastwechsel. Dazu wartungsarm, zuverlässig und sparsam – Evolution abgeschlossen.

Alles schwule Hipsterscheisse

Dieser Mann weiß also, wie sich die Begeisterung für Verbrennungsmotoren in einem bayrischen Boxer manfFestiert. Und ausgerechnet dieser Ahlsdorf hat mit Erscheinen der 9T seine Boxerkarriere an den Nagel gehängt und sich seines Custom-Starrrahmen-Twins entledigt. Er fährt jetzt K 100. Voll 80er, hatte ich auch als Kind überm Bett hängen. Wassergekühlter Vierzylinder mit Automobilaura. Unzerstörbar, mit mäßigem Faszinationspotenzial. Kosename Flyin’ Brick. Was hat diesen Mann nur so erschüttert? Spätestens mit Einführung des Telelevers ­hatte sich BMW Motorrad­ ganz und gar der Funktionalität hingegeben, die stets mit einem guten Schuss deutscher ­Engineering-Extravaganz aufgewertet wurde. Das sah meist genau so aus, wie es sich anhört, funktionierte aber für die älter werdende Kundschaft ebenso wie für die Motorradsparte des BMW-Konzerns gut. Betörende Linien und Emotioni überließ man den Italienern, Chopper und Cruiser den Amis (na ja, bis auf einen gescheiterten Versuch jedenfalls) und die ganz großen Stückzahlen den Japanern. Was dank der lukrativen GS-Verkäufe auch nicht sonderlich schwerfiel. Doch nun ist alles anders. Genauso wie Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich entstaubt und multikultiviert wurde, ist auch die gemeine Gummikuh kein komplett der Funktion unterworfenes Weidevieh mehr. Bei der Wandlung des Landes und der Kuh sind vielleicht ein paar deutsche Tugenden abhanden gekommen, aber dafür eben auch bereichernde Einflüsse hinzugekommen. Oder weint noch jemand seinem Filterkaffee nach, wenn er heute den Tag mit einem Schuss aus der Siebträgermaschine startet? Ahlsdorf jedenfalls will mit der ganzen Sache nix mehr zu tun haben. Das sei alles schwule Hipsterscheiße. Das kann ich so nicht stehenlassen, denn ich habe mit der 9T die glücklichsten Boxermomente ever erfahren. Also Ahlsdorf, wir müssen reden …

Gespräch der alten Herren mit den jungen Herzen

Carlos: Junge, was ein feines Möppchen! Hast du gemerkt, wie die 9T supersatt drückt und fluffig um die Kurve geht? Lass uns mal das Kippchen danach rauchen …

Ahlsdorf: Ich komme aus Berlin. Da gibt’s keine Kurven. Bei uns biegt man ab.

Keine Frage, für das Gros der Motorradfahrer sind die Qualitäten von Fahrwerk 
und Bremsen und der satte Punch des Boxers mehr als ausreichend.

Carlos: Umso besser. Die 9T ist doch ein urbanes Motorrad, wie man heute sagt. Ideal für die große Show in der Stadt, damit ist dein cooler Auftritt garantiert.

Ahlsdorf: Damit sehe ich so aus, wie ein GS-Fahrer, der von seinem Warnwesten-Image runterkommen will.

Carlos: So hättest du vielleicht mit der unseligen Rockster ausgesehen. Die war gewollt und nicht gekonnt. Aber die 9T trifft ins Herz, da passt fast alles. Es ist doch so: Jahrzehntelang stand BMW in erster Linie für die GS und davor primär für vernünftiges Fahren im sauberen Lederkostüm. Jetzt baut BMW zum ersten Mal seit der R 90 S ein wirklich ergreifendes Motorrad. Ein Motorrad, das so wild aussieht, dass man es auch ohne Hosenträger fahren kann. Und du kannst nur nölen …

Ahlsdorf: Jahrzehntelang davor hatte BMW Motorräder gebaut, an denen jedes Teil so aussah, wie seine Funktion es vorschrieb. Das war ehrlich. Wild ab Werk sahen andere aus, und damit waren sie Blender: Die Softail von Harley, die so aussah, als hätte sie einen echten Starrrahmen, oder die Intruder von Suzuki, die so aussah, als hätte sie einen echten luftgekühlten V-Motor. Und heute baut Triumph Einspritzanlagen für den Retroklassiker Bonneville, die aussehen, als wären sie Vergaser.

Carlos: Aber mit der 9T hast du doch, was du wolltest:Das echte, das pure Motorrad. Ich musste mich durch keine Menüführung arbeiten, um sie anzulassen.

Ahlsdorf: Sie sieht nur so aus, als wäre sie ein echtes, pures Motorrad. In Wirklichkeit hat auch sie ABS, Kataly­sator und eine elektronisch geregelte Einspritzanlage. Und vergiss nicht die Denkpause, die du einlegen musst, nachdem du die Zündung angedreht hast. In der Zeit muss sich nämlich der Bordcomputer hochfahren.

Bei allen Unterschieden unserer beiden Hauptdarsteller eint sie doch der knurrige Grundcharakter des Boxers. Der nämlich hat sich in all den Jahrzehnten nicht geändert

Carlos: Du hast doch immer Grün gewählt. Nach den neuen Umweltrichtlinien darf niemand mehr ein Motorrad mit Vergaser bauen. Und jetzt willst du es den Motor­radkonstrukteuren zum Vorwurf machen, wenn sie einen umweltgerechten Motor bauen?

Ahlsdorf: Mich beschleicht da ein ­ähnliches Gefühl wie in dem ­Moment, als das Aus für die Kernkraftwerke kam. Ich hatte 20 Jahre lang Grün gewählt, und dann war es plötzlich die CDU, die unsere Kernkraftwerke abschaltete.

Carlos: Aha, also persönlicher Frust, weshalb du gegen die 9T giftest?

Ahlsdorf: Stimmt auch: In den 80er Jahren hatte ich mir einen BMW-Chopper gebaut, mit 50er-Jahre-Rahmen, Tropfentank und Apehanger. Den Hintersinn hatten ja die Rocker der 70er Jahre erfunden, als sie dieses sagenhaft spießige Motorrad zum verbotenen Hobel aufbrezelten. Und damit kommen wir zu einer Wahrheit, die die Leser eures piekfeinen Magazins für Apotheker sicher nicht hören wollen: Es waren die Rocker, die einst das Motorrad aus dem spinnver­webten Stall des Gaules für die Alltagskutscherei rausholten. Sie legten ihm ein Geschirr an, das heute noch getragen werden darf. Die 9T hat diesen Gaul allerdings endgültig totgeritten.
Vor einem halben Jahrhundert hatten die Rocker natür­lich noch kaum was bewegt, erst recht nicht in den Hirnen der Kittelträger. Die Berliner Zulassungsstelle hatte mich mit diesem Chopper noch achtkantig vom Hof geschmissen. Ihr Argument: „So sieht keine BMW aus.“
30 Jahre später sieht die BMW schon ab Werk nicht mehr aus, wie die Kittelträger sie sich einst gewünscht hatten. Keiner von ihnen meckert mehr, und die 9T verkauft sich plötzlich so mainstreamig wie vorher nur die GS. Da soll ich nicht gefrustet sein?

Der Zweiventiler ist dank Vergaser-Fütterung weitgehend elektronikfrei, während der Boxer in der 9T nur mit Hilfe zahlreicher Sonden, Sensoren und Rechnerprozesse zum Leben erweckt werden kann

Carlos: Über die GS sind wir uns ja einig. Die ist so was wie ein SUV auf zwei Rädern. Deren Besitzer reden vom Abenteuer, aber sie gehen zum Rauchen auf den Balkon. Umso dringlicher wurde es doch, dass die 9T kam.

Ahlsdorf: Vielleicht hätte sie fünf Jahre früher kommen sollen. BMW hatte das Projekt „Lo Rider“ ja schon im Jahr 2008 vorgestellt, uns den Mund wässrig gemacht und fünf lange Jahre schamlos weiter GS verkauft.
Das Schlimme ist ja, dass die wassergekühlte GS in technischer Hinsicht der viel bessere Roadster ist. Sie ist handlicher, in vielerlei Hinsicht näher an der Perfektion­ und sie hat einen sagenhaften Biss. Von ihrem dollen Klang will ich gar nicht schwärmen. Den verdankt sie ja einem elektronisch geregelten Soundmanagement.

Die Werksrohre 
von Akrapovic sehen hinreißend aus und verleihen dem typischen Boxer-Knurren 
basslastigen Ausdruck

Carlos: Das hat die 9T auch. Und genau darum geht’s doch auch. Dieses Motorrad passt einfach. Raufsetzen, und schon bist du zuhause. Losfahren, und schon hast du alles im Griff. In die Kurve legen, und schon hast du den perfekten Strich. Sie sieht gut aus, klingt gut, bremst gut und geht prima ums Eck. Aber gut, du stehst ja auch nicht auf Kurven …

Ahlsdorf: Hm. Okay, nach dem Ritt auf diesem modernen Roadster ist mein Starrrahmen-Bobber nicht mehr der gleiche. Dessen RS-Motor galt einst als bissig, aber das war 1980. Und dessen Fahrwerk galt einst als spurstabil, aber das war 1937. Jetzt kommt mein betagter Zweiventiler mir vor wie zugeschnürt, und zum Hinterrad musste ich mich auch noch runterwenden, weil ich glaubte, an der Spur würde plötzlich was nicht stimmen.
Insofern haben mich 20 Kilometer auf der 9T schon korrumpiert. Sie haben mich darüber belehrt, wie sich Biss, Spurtreue und obendrein Handlichkeit im neuen Jahrtausend fahren.

Das Echte. Das Wahre. Das Einzige? Wie im echten Leben gibt es auch bei Motorrädern nicht die eine Wahrheit. Dass die 9T auch bei den Alten Emotionen freilegt, spricht jedenfalls nicht gegen sie. Peace!

Carlos: Siehst du? Das ist halt was anderes als ein Starr­rahmen-Bobber oder gar ein Langgabel-Chopper. Komm endlich runter von diesen Halbstarken-Mopeds und lern richtig Motorradfahren. Roadster sind fahrbare Motorräder.

Ahlsdorf: Fahrbar? Satan, weiche von mir! Wer ein fahrbares Motorrad will, soll ’ne CB 500 nehmen. Die war schon vor 20 Jahren fahrbar. Mit so einem Brot-und-Butter-Motorrad kannst du obendrein ganz in Ruhe fahren, keiner dreht sich nach dir um.

Carlos: Nach der 9T wird man sich umdrehen!

Ahlsdorf: … wie man sich nach Blendern so umdreht. Dieser Name, „R NineT“, klingt genauso synthetisch wie alles in diesem neuen Jahrtausend. Warum muss sie dann noch so aussehen, als hätte Mad Max sie zusammengeschweißt?
Das Bike ist perfekt, geschenkt. Aber es suggeriert­ ­Authentizität, Ursprünglichkeit und Echtheit, die es heutzutage nicht mehr gibt. Der kluge Philosoph ­Theodor W. Adorno hatte einst eine­ Polemik gegen Martin Heidegger verfasst, sie trug den Titel „Jargon der Eigentlichkeit“. Genau darum­ ging es auch: Um die Peinlichkeit des Versuchs, im Zeitalter der ­industriellen Massenproduktion noch solche überholten Werte wie „Eigentlichkeit“, „Ursprünglichkeit“ und „Echtheit“ verkaufen zu wollen. ­Geschrieben im Jahr 1964. Ein Vierteljahrhundert später machten Studienräte sich mit dem Manufactum-Katalog unterm Arm lächerlich. Ein halbes Jahrhundert später kam die „R NineT“. Was für eine Heuchelei dieses Spektakel ist, stellte doch die erste öffentliche Präsentation unter Beweis:
Dahinter standen die Manager von BMW – sie trugen Anzug und Krawatte.

Carlos: Wenn sie sich als bärtige Hipster verkleidet hätten, würdest du darüber auch meckern. Überhaupt ist mir völlig egal, wie das Bike präsentiert wurde. Mich ­interessiert auch nicht, ob das alles authentisch ist, einen
Urban Style hat oder von Heerscharen von Schnauzbartträgern oder Fellfressen mit tätowierten Fingerchen vereinnahmt wird. Mir taugt sie. Ich begehre sie. Und du steigst besser wieder um auf deinen angerosteten Starrrahmen-Boxer! Dann hast du deine Echtheit wieder.



Ahlsdorf: Nein. Diese Form der Echtheit hat mit dem neuen Boom ihre Unschuld verloren. Gerade will die Zweiventiler jeder haben. Das könnte immerhin daran liegen, dass diese Motorräder noch eine gute Basis für echte Schrauber sind. Die dürfen gerne kommen. Für mich ist die Sache damit erledigt. Nach 30 Jahren Zweiventiler suche ich mir jetzt eine neue Herausforderung, wie immer in ironischer Verkehrung der zyklischen Trends. Denn wer Vorreiter sein will, der ist einsam. Er jongliert auf einem schmalen Grat zwischen „nicht mehr“ und „schon wieder“.

Carlos: Du tust mir leid.

Ahlsdorf: … bin noch nicht fertig. Jetzt also fahr ich Vierzylinder mit Wasserkühlung: K 100, der fliegende Backstein, eines der hässlichsten Zweiräder der Motorradgeschichte. Vor 30 Jahren wäre die unter wirklich coolen Bikern ein absolutes No-Go gewesen. Aber eigentlich war sie schon damals wie Abba-Musik: Niemand wollte zugeben, dass er sie heimlich gut findet.

Carlos: Agneta fand ich gut. Diese Stimme …

Ahlsdorf: Heute ist diese rollende Schrankwand das ­letzte ehrliche Motorrad von BMW. Kein Teil daran gibt vor, irgend­was anderes zu sein. Deshalb fahre ich die K auch nicht in Custom, sondern in Original. Was schwer genug ist, denn vieles an der K ist aus Kunststoff. Der löst sich nach ziemlich genau 30 Jahren auf, und längst sind nicht mehr alle Ori­ginalteile bei BMW zu kriegen.

Carlos: Auflösung, Zersetzung, ­alles negativ. Komm, sag ja zum Leben!

Ahlsdorf: Mein Meister im ironischen Hintersinn ist der Künstler Rolf Reick. Der hat einen Vierventil-Boxer auf klassische Bing-Vergaser zurückgerüstet. Das ist zu würdigen! Eigentlich eine ganz einfache Idee, aber auf die muss man erstmal kommen.

Carlos: Pahh, das machen Sportster-Fahrer schon seit Erfindung der Fuel-Injection. Aber mir wird unser Gespräch eh langsam zu verkopft. Weißt du was? Du springst jetzt nochmal auf deine alte Lady, – ich nehm gerne die 9T – und wir fahren ’ne kleine Runde Odenwald und dann mit finsterer­ Miene zum Luisenpark und spielen ’ne Runde Schach, trinken Bier, rauchen …

Ahlsdorf: … und tun verbotene Dinge? Bin dabei!

Text: Carsten Heil
Bilder: Volker Rost

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Ausgabe 1/18 erscheint am 08. Dezember

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Stand:20 October 2017 21:32:42/blog/bmw+r9t+-+the+boxer_177.html