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30.08.2017  |  Text: Thilo Kozik  |   Bilder: Kozik, Werk
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Aprilia Tuono V4 1100 RR

Aprilia Tuono V4 1100 RR Roadster Supernaked RSV4 RSV4 RF


Kalte Technohülle, Fahrdynamik auf Superbike-Niveau: Vom ersten Erscheinen 2002 an polarisierte Aprilias Tuono mit unverdünnter Superbike-Aura. Dem neuen Jahrgang des von seinen Fans liebevoll „Thunfisch“ getauften Naked Bikes 
verleiht Noale nun mehr Eigenständigkeit


Sie war immer eine Exotin. Schon die erste Tuono war nichts anderes als ein gestrippter RSV-Mille-Racer mit gerader Lenkstange. Das machte sie zur stärksten und schnellsten „Super­naked“ mit eingebauter Wheelie-­Garantie, was bei alternden Supersportfahrern mächtig gut ankam. Auch in der Folgezeit machten es sich die Italiener einfach: Sie legten das passende Superbike auf, schraubten die Kunststoffhülle ab und schoben die unverkleidete Variante nach. Ebenso 2011, als die Tuono V4 R als Derivat des brandheißen Supersportlers RSV4 mit 167-PS-Vau-Vier-Aggregat kam. Für 2015 bricht die Tuono nun mit dieser Tradition, hebt sich stärker von der zeitgleich vorgestellten neuen RSV4 RF ab. Keine Angst, auch die Neue ist ein Landstraßenfeuerzeug allererster Güte. Sie kommt mit mehr Hubraum und anderem Fahrwerk, der 65-Grad-V4 schöpft hier krasse 175 PS aus aufgebohrten 1077 ccm und sorgt dafür, dass an jedem Kurvenausgang die Front zum Himmel strebt. Sauber dosierbar setzt der Schub knapp über Standgasdrehzahl ein, verdichtet sich mit heftigem Anreißen in der Drehzahlmitte und stößt dank 100 Gramm leichterer Pleuel im oberen Drittel noch mal richtig zu – ein Aggregat zum Zungenschnalzen. 

Der kantig-technische Anblick mit dem unverhüllt dargebotenen, mit Deckeln, Zügen und Schläuchen unfertig wirkenden V4-Motor charakterisiert seit jeher die Tuono

Wer’s mag, rollt niedertourig schaltfaul durchs Geläuf – doch wozu? Schon ein kurzer Impuls genügt zur Bedienung des Quickshifters, und so steppt der linke dicke Zeh auf der Suche nach maximalem Vortrieb fröhlich durchs Sechsganggetriebe. Neuerdings kappen die drei anwählbaren Fahrmodi Sport, Track und Race weder die Spitzenleistung noch das beachtliche Drehmomentmaximum von 121 Newtonmeter. Stattdessen modulieren sie das Ansprechverhalten von sanft bis bissig-aggressiv und mit ihm die Motorbremswirkung. Mit ihrer opulenten ­Charakteristik hält die Tuono, italienisch für Donner, ganz unabhängig vom gewählten Modus nicht hinterm Berg. Ihr brüllendes Auspuffkonzert macht dem Namen so viel Ehr’ wie dem Treiber Feinde. Doch die sehen von der Italienerin ohnehin nur das knappe Heck und den fetten 190er-Schlappen. Ein 200er ist auch homologiert, macht über Land aber wenig Sinn. Die neue handlingfreudigere Geometrie mit steilerem Lenkkopfwinkel und knapperem Nachlauf macht die 1100er spürbar agiler, ja bei Langsamfahrt fast schon kippelig. Trotzdem rennt die Aprilia auf den Geraden zwischen den Kurven sauber geradeaus. Übertriebene Ausschläge ihres über Kuppen schnell mal leicht werdenden Vorderrads fängt der nicht justierbare Lenkungsdämpfer wirkungsvoll wieder ein. 



Zum hinreißenden Fahrgefühl tragen aber auch ­weiche Faktoren reichlich bei. So schafft die nun aufrechtere Ergonomie mit schmalerer Lenkstange und nachgiebigerem Polster viel Vertrauen – und schont die Handgelenke. ­Softer gedämpfte und sauber ansprechende Sachs-Federelemente – dank kompletter Einstellbarkeit nach Gusto variierbar – verzahnen das Naked Bike stärker mit dem Untergrund. Beim freudvollen Angasen unterstützen den Fahrer die gewohnten Elektronikkrücken: die achtfach einstellbare Traktionskontrolle und die in drei Stufen ­regelnde Wheelie Control, die die Front beim Spurt aus der Ecke fast unmerklich am Boden hält. Sie wandeln den von Natur eher kapriziösen Diva-Charakter der ­Tuono fast in eine Art Nibelungentreue. Wird’s trotz ­aller Regelsysteme doch zu doll, langt der Tuono-Treiber nach guter Altvätersitte in den Hebel am rechten Lenker und aktiviert das vom Race-ABS abgesicherte Bremssystem. Dann verbeißen sich die scharfen Beläge der ­Brembo-Monobloc-Vierkolbenzangen ziemlich rennstreckensportlich in 320er-Scheiben und verzögern die gerade mal 205 Kilogramm Lebendgewicht so effizient wie transparent. Drei Abstimmungen bietet das Bosch-ABS. Allesamt setzen sie einen halbwegs versierten ­Bremser voraus – oder coole Socken, die ein steigendes Hinterrad kalt lässt. Denn trotz der in den beiden sanfteren Stufen integrierten „rear wheel lift mitigation“ neigt die Grazie stark zum Stoppie. Da brechen dann die supersportlichen Gene doch wieder durch. In allen anderen Situationen aber unterstreicht die Tuono V4 1100 RR ihren frisch geschärften Charakter als sauber austariertes, sport­liches Landstraßenmotorrad – dem angesichts des Preises von 16.490 Euro das Exotische aber keineswegs abhanden gekommen ist.


Technische Daten Aprilia Tuono V4 1100 RR

Preis: 16.490 Euro inklusive NK
Leistung: 175 PS (129 kW) bei 11000/min
Drehmoment: 121 Nm bei 9000/min
Motor: Vierzylinder-65°-V-Viertakt-Motor, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder, dohc, Hubraum 1077 ccm, Bohrung x Hub 81,0 x 52,3 mm 
Getriebe/Endantrieb: 6-Gang, Kette
Rahmen: Leichtmetall-Brückenrahmen
Federung vorn: USD-Telegabel, Standrohr-Ø 43 mm, Federweg 110 mm, komplett einstellbar
Federung hinten: Leichtmetall-Zweiarmschwinge mit Zentralfeder- bein mit Ausgleichsbehälter, Federweg 130 mm, komplett einstellbar 
Fahrwerksgeometrie: Radstand 1 445 mm, Lenkkopfwinkel 65,3 Grad, Nachlauf 99,7 mm
Bremsen: 320-mm-Doppelscheiben­bremse vorn, 220-mm-Scheibenbremse hinten, ABS 
Bereifung: 120/70 ZR17 vorn, 190/55 ZR17 hinten
Leergewicht: 205 kg
zulässiges Gesamtgewicht: 401 kg
Tankinhalt: 18,5 Liter
Inspektion: alle 10 000 Kilometer oder einmal jährlich

Text: Thilo Kozik
Bilder: Kozik, Werk

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Ausgabe 1/18 erscheint am 08. Dezember

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Stand:20 October 2017 21:45:37/blog/aprilia+tuono+v4+1100+rr_17830.html